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Nachtarbeiter
Ausgewählte Artikel
Heft 1/2009

Nachtarbeiter

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Tipps für einen erholsameren Schlaf

§ 128 SGB V Hilfsmittelversorgung
von Werner Waldmann

Die meisten Menschen stehen morgens früh auf. Die Deutschen sogar besonders früh im Vergleich zu den übrigen Europäern, die zumindest ihre Schulkinder nicht schon um halb acht in den Unterricht quälen. Man arbeitet den ganzen Tag, genießt den Abend, der deshalb sinnigerweise Feierabend heißt, und geht dann zu Bett. Im Hinterkopf die alte Weisheit, wonach der Schlaf vor Mitternacht der gesündere sei. Würde man aus dem Weltraum mit großen Fernrohren in all die Schlafzimmer blicken, welch infernalisches Geschnarche und Gepfeife dröhnte einem da entgegen. Doch nicht alle Menschen können oder wollen sich diesen Luxus nächtlichen Schlafes gönnen.

Was bringt den Menschen eigentlich dazu, Tag und Nacht miteinander zu vertauschen: sich tagsüber ins Bett zu verziehen, die Jalousien herunterzulassen oder sich eine Augenbinde um den Kopf zu wickeln, um gegen Abend frisch ausgeruht aufzustehen und sich nicht ans Tage-, sondern ans Nachtwerk zu machen? Gerne tut das wohl kaum jemand. Die meisten Menschen leisten Schichtarbeit, weil der Beruf sie dazu zwingt.
Wenn ich mir so überlege, was in der Nacht alles passiert – passieren muss, damit das Leben rund um die Uhr reibungslos abläuft. Die Zeiten sind vorbei, als die Leute noch mit der Dämmerung zu Bett gingen, weil sie sich weder Kerzen noch Öllampen leisten konnten. Früher war es ein Privileg der Reichen und Adligen, bei opulentem Kerzenglanz ihre abendlichen oder nächtlichen Festivitäten zu begehen. Mir fällt da immer eine prachtvolle Szene aus Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ nach dem Roman von Thackerey ein, in der ein riesiger Ballsaal im Schloss mit Hunderten von Kerzen erleuchtet ist. Mit seiner verflixten Erfindung der elektrischen Glühlampe hat Thomas Alva Edison die Nacht entehrt. Fortan war die Dunkelheit keine Ausrede mehr, um sich der Arbeit zu entziehen. Das war schon eine exzellente unternehmerische Idee, um Menschen rund um die Uhr arbeiten zu lassen. Die Schichtarbeit war geboren. Für die Unternehmer ein orgiastisches Glücksgefühl. Maschinen, an denen permanent gewerkelt wird, fahren mehr Gewinn ein. Dann müssen halt die einen tags und die anderen nachts arbeiten.
Und das ist bis heute so geblieben. Die Arbeitsexperten haben raffinierte Schichtpläne ausgetüftelt. Die erste Horde Arbeitender tritt morgen um sechs Uhr an und zieht am Spätnachmittag heimwärts, die zweite Schicht löst sie ab und verschwindet ihrerseits um Mitternacht, und dann tritt in kohlrabenschwarzer Nacht die Spätschicht an. Das müsste eigentlich nicht sein, mag man sich denken. Vielleicht wäre es besser, wenn die Leute nicht die ganze Nacht hindurch arbeiten müssten; dann würden eben weniger Autos, Waschmaschinen oder andere Produkte an den Fließbändern zusammengeschraubt. Arbeit in der Nacht, das ist Ausbeutung, Schufterei. Das macht sogar krank, sehr krank. Selbst Krebs kann man davon bekommen, wie jüngst eine Studie gezeigt hat.
Aber was nützt es zu lamentieren? Das Leben läuft heute halt doch rund um die Uhr. Krank werden die Leute nicht nur tagsüber, sondern auch in der Nacht. Der eine muss nach einer Schlägerei in der Eckkneipe ins Krankenhaus gebracht werden, den anderen trifft mitten im friedlichen Schlummer in seinem Bett der Schlagfanfall oder Herzinfarkt. Jedenfalls ist Eile geboten, der Rettungsdienst rückt an, und ab geht es ins Krankenhaus, wo natürlich immer der Bereitschaftsdienst für die nächtlichen Patienten zur Verfügung stehen muss. Aus Kostengründen sind es leider immer weniger, und so müssen ein Arzt und eine Schwester ab und zu schon mal ein Dutzend Notfälle verarzten. Nachwuchs wartet auch nicht unbedingt das Morgengrauen ab, und wenn die Wehen nachts einsetzen, wird die im Bereitschaftszimmer schlummernde Hebamme aus dem Schlaf geklingelt. In der Apotheke schlurft ein verschlafenes Mädchen an die Tür und nimmt durch ein enges Fensterchen mein Rezept entgegen. „Warum haben Sie das nicht tagsüber geholt?“, mault sie. Natürlich hätte sie gerne hinten in der Apotheke weitergeschlafen.
Nachtdienst – der Begriff impliziert, dass diese nächtliche Bereitschaft, zu arbeiten und den Schlaf zu verscheuchen, irgendwie etwas mit Pflichterfüllung zu tun hat. Irgendjemand muss halt auch nachts im Streifenwagen Unfälle aufnehmen, Mörder und Diebe jagen und Schlägereien in Kneipen und Bars schlichten. Und in den nächtlichen Vergnügungsetablissements, Diskotheken, Nachtbars, Imbissstuben, da amüsieren und verköstigen sich meist die Tagmenschen, die sich hin und wieder nächtliches Tanzen und Schmusen und Palavern gönnen wollen. Die anderen, die ihnen das ermöglichen, die dienstbaren Geister, müssen den Job machen: der Barkeeper, der Currywurst-Mann, der Diskjockey oder Türsteher. Tagsüber versauen die Leute die Büros und U-Bahnhöfe und Regionalzüge, und nachts, wenn nichts mehr läuft, rücken die Putzkolonnen an und kehren den Müll beiseite – damit die frisch ausgeruhten Tagesbürger nach dem Morgenkaffee wieder blitzblanke Bahnsteige und appetitliche Zugabteile vorfinden.
Warum Bäcker immer mitten in der Nacht aufstehen und ihre Öfen anwerfen? Klar, wir schätzen die knusprigen Brötchen zum Frühstück. Heute steht allerdings kaum noch ein Bäckergeselle nachts an seinem Backofen. Inzwischen werden die schönen Backwaren in riesigen Fabrikhallen automatisch produziert. Dennoch: Ein paar Leute müssen auch diese Prozedur an ihren Monitoren überwachen.
Diebe lieben die Nacht, weil man es da nicht so gut sieht, wenn einer den Balkon hochklettert, und weil die Menschen – die meisten jedenfalls – tief in ihren Träumen stecken und nicht bemerken, wie der Mann mit der Pudelmütze vorm Gesicht das Bargeld aus dem Versteck im Bücherregal holt. Man tut also gut daran, größere Vermögenswerte, beispielsweise eine Fabrik oder einen Supermarkt oder ein Juweliergeschäft, in der Nacht gründlich zu bewachen. Ein guter Job für den Wachmann. Auch sein Hund ist mit von der Partie, obwohl der lieber schlafen würde. Hunde brauchen furchtbar viel Schlaf. Genauso böse ist ein anderer nächtlicher Dieb, der uns unser ganzes Hab und Gut rauben kann: die Feuersbrunst. Verständlich, dass die Feuerwehrmänner in trauter Runde bei Kaffee und Skat beisammensitzen und auch nachts auf den Notruf lauern.
Auch der Straßenverkehr kennt keine Nachtruhe. Menschen und Waren wollen bei Tag und bei Nacht transportiert werden. Der Taxifahrer wartet an seinem Stand geduldig auf Nachtschwärmer, die er nach Hause bringen darf; der Brummilenker muss seine Tonnen auch nachts über monotone Autobahnstrecken chauffieren; und auch der Pilot in seinem Jumbojet gerät auf Interkontinentalstrecken zwangsläufig stundenweise in die Nacht hinein.
Und unterhalten wollen wir auch alle sein, mit Musik und Nachrichten. Daher sendet das Radio ebenfalls ohne nächtliche Pause. Im Studio sitzt ein einsamer Moderator, ruft die Titel ab und plaudert Sinnloses oder Besinnliches ins Mikrofon.
In den Jugendjahren des Deutschen Fernsehens war um Mitternacht Schluss. Damit ist es schon lange vorbei. Ich frage mich manchmal, wer nachts eigentlich Fernsehen guckt. In dieses Programm wird nicht viel investiert, denn die Quoten sind lachhaft niedrig. Also wird permanent wiederholt, was jedoch für Wirte, Kellnerinnen, Köche, Schauspieler, die erst um Mitternacht nach Hause kommen und den versäumten Spielfilm oder die Nachrichten nachholen wollen, durchaus günstig ist. Einige Sender haben auch Moderatoren mit psychologischem Feingefühl am Mikrofon, die sich mit denjenigen Zuhörern, die nicht schlafen können oder wollen, über ihre Beziehungskrisen und Selbstzweifel unterhalten. Das ist eine ganz eigene Zuhörergemeinde.  
Ein Job, der vor allem in der Nacht gut läuft, das sind die Damen, die man zwecks sexueller Entlastung oder auch einfach nur zur „Gesprächstherapie“ mieten kann. Da stehen sie die ganze Nacht in den Altstadtgassen, trotz Kälte im Minirock und mit schwindelerregend tiefem Ausschnitt, da stehen sie also und hoffen, sich mit einem Gast für ein Stündchen ins warme Bett zurückziehen zu können. Und dabei mag manchen auch ganz heiß werden, den Damen und ihren Freiern.
Alle diese Menschen arbeiten nachts, weil halt auch um diese Tageszeit jemand arbeiten muss. Oder weil es wegen der Zuschläge mehr Kohle dafür gibt. Oder vielleicht auch, weil sie sich irgendwie und irgendwann daran gewöhnt haben und die Nacht mehr lieben als den Tag. Am Tag nimmt sich vieles so hässlich realistisch aus, so hell, so kantig. Die Nacht ist gnädiger. Selbst ein Pickelgesicht hat nachts noch einen gewissen Charme.
Und dann sind da noch die Leidenden, die zwar tagsüber arbeiten dürfen, aber nachts trotzdem nicht schlafen können. Deshalb plagt sie bei Tag die Müdigkeit, und sie quälen sich mehr recht als schlecht durch ihre Arbeitsstunden hindurch. Gründe dafür gibt es unermesslich viele. Bei älteren Menschen liegt das Problem oft darin, dass sie abends immer zeitiger zu Bett gehen oder schon tagsüber Nickerchen machen; und dann liegen sie halt ab vier Uhr morgens wach im Bett und glauben, sie seien schlafgestört. Aber es gibt auch junge Menschen, denen der Schlaf abhanden gekommen ist. Manchmal ist es einfach nur ein Problem der Wahrnehmung: Manche Leute glauben zwar, nicht zu schlafen, aber in Wirklichkeit schlafen sie doch, nur vielleicht etwas fragmentierter. Eine Untersuchung im Schlaflabor bringt es an den Tag und wirkt auf solche Menschen oft ungeheuer beruhigend; denn dann wissen sie, dass sie in Wirklichkeit gar nicht ständig wach liegen.
Für viele Menschen aber ist die Schlaflosigkeit tatsächlich ein großes Problem. Damit ist nicht zu spaßen. Merkwürdig nur, dass sich nie ein Club der Schlaflosen etabliert hat. So wie sich die Diabetiker oder Schlafapnoiker oder Narkoleptiker zu Selbsthilfegruppen zusammentun. Schlaflosigkeit ist offenbar eine sehr individuelle Angelegenheit, über die man nicht gerne spricht. Anders kann ich mir diese bewusste Einsamkeit nicht erklären.
Und noch eine Gruppe von (diesmal freiwilligen) Schlaflosen gibt es: die Dichter, die Schriftsteller. Ich kann das nachvollziehen, denn auch ich schreibe diese Zeilen lange nach Mitternacht auf dem Bildschirm meines Computers. Nachts zu schreiben, das ist einfach praktisch. Kein Telefon, kein Fax, keine E-Mails und weder Frau noch Kind noch Hund. Warum Marcel Proust seine dicken Romane grundsätzlich nachts schrieb oder auch Franz Kafka hin und wieder in der Nacht eine Kurzgeschichte zu Papier brachte, das lag freilich nicht an irgendwelchen Störungen, die es pragmatischer erscheinen ließen, die Nacht fürs Schreiben zu wählen. Vielleicht ist es die Magie der Nacht, die zwangsläufige Einsamkeit, die einen da am Schreibtisch umgibt? Der Blick hinaus ins Dunkelblau des Himmels oder auf das Lichtermeer der Stadt? Der eigenwillige Geräuscheteppich aus entferntem Verkehrsgewühle, dem Wind in den Büschen, einem einsamen Flieger, der oben seine Bahn zieht und trotz Nachtflugverbots am nahen Airport niedergeht. Tagsüber fällt einem das nicht auf. Die Konzentration ist auf andere Dinge gerichtet. Ich höre gerne in die Nacht hinein und versuche einzelne Geräusche zu identifizieren. Und komisch und unerklärlich: Nachts fällt mir mehr ein als am Tag. Vielleicht werde ich tagsüber von der Erwartung abgelenkt, dass jetzt die Postfrau klingelt oder der UPS-Wagen. Dass irgendwie etwas Unerwartetes oder Erwartetes passiert. Nachts geschieht nichts. Nur, wie gesagt, die ferne Geräuschkulisse und der Wind in den Zweigen und ab und zu mal eine glucksende Heizung, das Rauschen einer Toilettenspülung, entferntes Lachen der Nachbarn.
Es ist schon verwunderlich, dass es Leute gibt, die es hassen, nachts zu arbeiten, und sich dann irgendwie doch daran gewöhnen, und dass es andererseits Liebhaber des nächtlichen Werkens gibt. Übrigens, ich arbeite nur hin und wieder in der Nacht. Denn eigentlich liebe ich den Tag und träume oft davon, morgens mit der Frühschicht aufzustehen, statt nachts mit der Spätschicht ins Bett zu gehen.