Fotolia_Schlaefer.jpg
schlafmag_klein.jpg
Abnehmen – ja gern, aber wie?
von Prof. Dr. med. Stephan Jacob

Schlafapnoiker sind meistens ziemlich übergewichtig. Zu viele Pfunde auf der Waage erhöhen sowohl das Risiko für einen Diabetes als auch für eine schlafbezogene Atemstörung. Dementsprechend häufig kommen diese beiden Erkrankungen zusammen vor. Wer abnimmt, schlägt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Nicht nur die Schlafapnoe, sondern auch die Blutzuckereinstellung bessert sich dadurch, das Risiko für einen Diabetes mellitus Typ 2 wird bei Nicht?-diabetikern drastisch reduziert, ebenso die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Komplikationen.

Diabetiker könnten mit weniger Medikamenten und Schlafapnoiker mit einem niedrigeren CPAP-Therapiedruck auskommen – wenn sie nur abnehmen würden. Schon eine Gewichtsreduktion um 10 kg reduziert den Apnoe-Hypopnoe-Index drastisch. Und durch eine noch stärkere Gewichtsabnahme (zwischen 15 und 20 kg) lässt sich dieser Index in vielen Fällen sogar nahezu normalisieren. Ebenso bessert sich durch eine Gewichtsreduktion beim Diabetiker die Stoffwechsellage deutlich; und bei einem Prädiabetiker (also jemandem, der an einer Vorstufe des Diabetes leidet) lässt sich die Entstehung eines Diabetes dadurch um Jahre hinauszögern oder auch völlig vermeiden. In manchen Fällen gelingt es durch eine drastische Gewichtsreduktion sogar, einen noch nicht allzu lange bestehenden Diabetes zu normalisieren. Auch viele andere Herz-Kreislauf-Risiko?faktoren (z. B. Bluthochdruck und zu hohe Blutfettwerte) reduzieren sich durchs „Abspecken“ – und damit natürlich auch das Herz-Kreislauf-Risiko.

Wie schafft man es, dauerhaft abzunehmen?
Wenn wir Ärzte das wüssten, hätten wir wahrscheinlich schon den Nobelpreis gewonnen. Denn abnehmen möchte fast jeder. Wenn man diesen Begriff bei Google eingibt, kommt man innerhalb von 0,1 Sekunden auf rund 21 Millionen Treffer. Die meisten Übergewichtigen würden ihre überflüssigen Pfunde am liebsten über Nacht loswerden – mit irgendeiner Crashdiät oder Fastenkur. Aber das bringt leider nichts; ein gutes Gewichtsmanagement erfordert langfristige Ansätze.
Vor dreieinhalb Jahren war ich im Rahmen einer Gastprofessur in Australien und habe dort ein hervorragendes interdisziplinäres Programm zur Bekämpfung von Übergewicht kennengelernt. Da wurden Diabetes-Patienten von Bewegungstherapeuten, Diabetologen, Psychologen, Ernährungs- und Diabetesberatern gemeinsam betreut und mussten sich dreimal pro Woche in dem Zentrum treffen, um „Lebensstilmanagement“ zu betreiben. Bei diesen Treffen praktizierten sie ein regelmäßiges körperliches Training und lernten eine Menge über Stressbewältigung und gesunde, kaloriensparende Ernährung. Es ist erstaunlich, was sich bei diesen Patienten bereits nach einem Jahr getan hatte: Sie hatten im Durchschnitt 10 kg abgenommen; ihr Bauchumfang war zurückgegangen; HbA1C (der Blutzucker-Langzeitwert), Blutdruck und Blutfettwerte hatten sich verbessert. Sogar schon nach drei Monaten waren diese Werte so viel besser, dass die Patienten mit wesentlich weniger Medikamenten auskamen – mit der Geldsumme, die das Gesundheitssystem dadurch einsparte, hätte man das ganze Programm spielend finanzieren können.
Warum gibt es solche Initiativen bei uns in Deutschland nicht?
Leider scheitert ihre Finanzierung durch die Krankenversicherungen immer wieder an chronisch leeren Kassen, im Augenblick aber auch daran, dass die KVs große Angst vor dem Gesundheitsfonds haben und noch gar nicht richtig abschätzen können, was dadurch in nächster Zeit womöglich an finanziellen Belastungen auf sie zukommt. Das ist schade, denn wir bräuchten dringend koordinierte Angebote zum Lebensstilmanagement für übergewichtige Menschen. Heute laufen schon viele Aktivitäten, die Kassen investieren hier teilweise viel Geld für die Prävention – aber diese Angebote laufen meist ohne klare Koordination: Hier eine Beratung bei der Krankenkasse, dort ein Kurs in einem Sportgeschäft oder Fitnessstudio – solche vereinzelten Angebote sind zu unkoordiniert und bringen nicht viel. Und leider gibt es im Bereich Gewichtsmanagement momentan auch noch zu wenige Fachleute, die sich wirklich auskennen. Und die auch zusammen an einem Strang ziehen: Dabei müssten im Rahmen interdisziplinärer Programme Ärzte, Psychologen, Bewegungstherapeuten, Ernährungsberater und andere Experten zusammenarbeiten, ähnlich wie bei dem Programm in Australien, das ich oben beschrieben habe. Das wird unsere Herausforderung für die Zukunft sein; anders bekommen wir die gigantische Diabeteswelle, die auf uns zurollt, nicht in den Griff.

Teile einen Hund mit deinem Nachbarn
Aus vielen wissenschaftlichen Untersuchungen wird deutlich, dass Haustierbesitzer, allen voran Hundebesitzer, wesentlich weniger Herz-Kreislauf-Probleme haben als Menschen ohne Haustier. Das mag vor allem an einem gesünderen Lebensstil liegen, denn der Hund muss ja in der Regel mehrmals am Tag Gassi gehen, egal ob es regnet oder schneit! Und da gibt es keine Ausreden. Abgesehen davon tut ein treuer Freund zu Hause auch der Seele gut, wie Beobachtungen unterstreichen.
Fachgesellschaften empfehlen daher ihren Patienten, z. B. bei hohem Blutdruck, sich einen Hund anzuschaffen – als eine Möglichkeit zur nicht-medikamentösen Therapie des Bluthochdrucks. Die Amerikaner sind in dieser Hinsicht pragmatischer als wir. Sie haben eine Initiative „Teile einen Hund mit deinem Nachbarn“ ins Leben gerufen: Zwei oder drei Familien haben gemeinsam einen Hund, den sie dann in Arbeitsteilung ausführen.
Überlegen Sie sich einmal, wie Sie selbst aus der Bewegungslosigkeit des Alltags herauskommen! Gehen Sie jeden Tag mit Ihrem Hund spazieren, ob Sie einen haben oder nicht … Und sei es, dass Sie mit Ihrem inneren Schweinehund gehen!

„No sports“?
Aber es muss natürlich nicht unbedingt ein Hund sein. Es gibt auch noch unzählige andere Möglichkeiten, sich zu bewegen und Spaß dabei zu haben. Viele Menschen schrecken vor körperlicher Aktivität nur deshalb zurück, weil sie sie automatisch mit „Sport“ und damit (Hoch)Leistung gleichsetzen und weil das für sie ein sehr negativ besetzter Begriff ist, bei dem ihnen nur unangenehme Dinge einfallen: die eigene Ungeschicklichkeit, demütigende Situationen im Turnunterricht – und natürlich auch die Peinlichkeit, sich mit dem Bierbauch, der mittlerweile nur noch schwer zu kaschieren ist, am Strand oder im Schwimmbad zu zeigen.
Wenn Sie auch zu den Leuten gehören, denen es schon bei dem Wort „Sport“ kalt den Rücken hinunterläuft, zwingen Sie sich bitte nicht zu irgendeiner Sportart, zu der Sie gar keine Lust haben – denn eine Aktivität, die Ihnen einen unüberwindlichen Widerwillen einflößt, werden Sie garantiert nicht lange durchhalten. Suchen Sie sich etwas aus, was Ihnen Spaß macht!

Mehr Bewegung im Alltag
Bauen Sie sich so viel körperliche Aktivität wie möglich in den normalen Alltag ein, sonst nehmen Sie sich immer nur vor: „... und abends mach’ ich dann was für die Gesundheit!“
Wenn Sie bisher kaum körperlich aktiv waren, sollten Sie Ihren Aktivitätsgrad langsam und allmählich steigern – am besten, indem Sie zunächst mehr Bewegung in Ihr Alltagsleben einbauen:
 Machen Sie den täglichen Spaziergang zum Ritual. Wenn möglich GEHEN Sie einkaufen.
 Lieber öfter kleinere Mengen einkaufen, die Sie auch gut nach Hause tragen können! Somit sind Sie auch zum öfteren EinkaufenGEHEN gezwungen …
 Meiden Sie Aufzüge und Rolltreppen! Nutzen Sie die Treppen, diese Alltagsaktivität ist ein gutes Training!
 Oder nutzen Sie Ihren Heimtrainer während der Tagesnachrichten oder Ihrer Lieblingssendung.

Diäten sind nur etwas für Politiker
Ich habe schon viel zu viele Patienten bei mir in der Praxis und in Kliniken erlebt, die sich das Leben mit Diäten zur Hölle machen. Nach der dritten oder vierten Diät können viele Leute schon gar nicht mehr normal essen. Ich sage diesen Patienten immer: Diäten bringen nur einer ganz kleinen Bevölkerungsgruppe in Deutschland etwas – nämlich den Politikern. Zum Abnehmen sind sie leider nicht geeignet. Mit einer kurzzeitigen Diät lässt sich niemals eine langfristige Gewichtsabnahme erzielen; denn der Jo-Jo-Effekt schlägt gnadenlos zu, sobald Sie Ihre Diät wieder beendet haben. Oft hat man dann am Ende sogar noch ein paar Kilo mehr auf den Hüften als vorher und ist dementsprechend frustriert.
Um abzunehmen, ist unbedingt eine Ernährungsumstellung notwendig, die man langfristig durchhalten kann. Am besten funktioniert es, wenn man sich dabei von einem erfahrenen Arzt oder einer Ernährungsberaterin betreuen lässt. Diese Person wird mit Ihnen zunächst einmal eine Ernährungs-Anamnese erheben und Sie anschließend auffordern, ein Tagebuch zu führen, in dem Sie genau vermerken, was Sie an welchem Tag wann gegessen haben. Natürlich müssen die Patienten dabei auch ehrlich sein. Wenn mir jemand sagt: „Herr Doktor, ich verstehe das nicht: Ich esse morgens einen Apfel, mittags eine Banane und abends nur noch ein Salatblatt – und trotzdem nehme ich nicht ab!“ – da habe ich als Arzt natürlich Probleme, meinem Patienten irgendwelche Verbesserungsratschläge zu geben …
Wenn der Patient aber ein ehrliches Protokoll über seine Essgewohnheiten führt, erkennt man als Arzt oder Ernährungsberater doch häufig den einen oder anderen „Ernährungs-Fehler“; und selbst der Patient merkt oft schon beim Aufschreiben, was an seiner Ernährung alles nicht stimmt. Wenn man sich das einmal bewusst macht und es dann mit der Ernährungsberaterin oder dem Arzt bespricht und einen vernünftigen Essensplan aufstellt, kommt man schon einen ganzen Schritt weiter. Studien zeigen, dass Menschen, die in regelmäßigen Abständen ein Ernährungsprotokoll schreiben, wesentlich erfolgreicher im Gewichtsmanagement sind. Wer sich bewusst ernährt und in seinem Alltagsleben ein paar hilfreiche Tipps und Strategien beherzigt, wird bald feststellen, dass eine kaloriensparende Ernährung kein Hexenwerk ist. Die meisten Menschen ernähren sich vor allem zu süß und zu fett. Wer auf die Fett- und Zuckerfallen schon beim Einkaufen achtet, kann diesem Trend entgegensteuern – und das muss keineswegs auf Kosten des Genusses beim Essen gehen.
Wir lernen auch von Menschen, die erfolgreich ihr Gewicht halten, dass sie mehr Ballaststoffe essen (vor allem mit Faserstoffen, wie sie in Obst oder Gemüse enthalten sind), viel Wasser trinken, sich fettbewusster ernähren sowie reinen Zucker und weißes Mehl meiden.