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Abnehmen – ja gern, aber wie?
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Ausgewählte Artikel
Heft 2/2009
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von Prof. Dr. med. Stephan Jacob
Schlafapnoiker sind meistens ziemlich
übergewichtig. Zu viele Pfunde auf der Waage erhöhen
sowohl das Risiko für einen Diabetes als auch für
eine schlafbezogene Atemstörung. Dementsprechend
häufig kommen diese beiden Erkrankungen zusammen vor. Wer
abnimmt, schlägt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe:
Nicht nur die Schlafapnoe, sondern auch die
Blutzuckereinstellung bessert sich dadurch, das Risiko für
einen Diabetes mellitus Typ 2 wird bei Nicht?-diabetikern
drastisch reduziert, ebenso die Risikofaktoren für
Herz-Kreislauf-Komplikationen.
Diabetiker könnten mit weniger
Medikamenten und Schlafapnoiker mit einem niedrigeren
CPAP-Therapiedruck auskommen – wenn sie nur abnehmen
würden. Schon eine Gewichtsreduktion um 10 kg reduziert
den Apnoe-Hypopnoe-Index drastisch. Und durch eine noch
stärkere Gewichtsabnahme (zwischen 15 und 20 kg)
lässt sich dieser Index in vielen Fällen sogar nahezu
normalisieren. Ebenso bessert sich durch eine Gewichtsreduktion
beim Diabetiker die Stoffwechsellage deutlich; und bei einem
Prädiabetiker (also jemandem, der an einer Vorstufe des
Diabetes leidet) lässt sich die Entstehung eines Diabetes
dadurch um Jahre hinauszögern oder auch völlig
vermeiden. In manchen Fällen gelingt es durch eine
drastische Gewichtsreduktion sogar, einen noch nicht allzu
lange bestehenden Diabetes zu normalisieren. Auch viele andere
Herz-Kreislauf-Risiko?faktoren (z. B. Bluthochdruck und zu hohe
Blutfettwerte) reduzieren sich durchs „Abspecken“
– und damit natürlich auch das
Herz-Kreislauf-Risiko.
Wie schafft man es, dauerhaft abzunehmen?
Wenn wir Ärzte das wüssten,
hätten wir wahrscheinlich schon den Nobelpreis gewonnen.
Denn abnehmen möchte fast jeder. Wenn man diesen Begriff
bei Google eingibt, kommt man innerhalb von 0,1 Sekunden auf
rund 21 Millionen Treffer. Die meisten Übergewichtigen
würden ihre überflüssigen Pfunde am liebsten
über Nacht loswerden – mit irgendeiner
Crashdiät oder Fastenkur. Aber das bringt leider nichts;
ein gutes Gewichtsmanagement erfordert langfristige
Ansätze.
Vor dreieinhalb Jahren war ich im Rahmen
einer Gastprofessur in Australien und habe dort ein
hervorragendes interdisziplinäres Programm zur
Bekämpfung von Übergewicht kennengelernt. Da wurden
Diabetes-Patienten von Bewegungstherapeuten, Diabetologen,
Psychologen, Ernährungs- und Diabetesberatern gemeinsam
betreut und mussten sich dreimal pro Woche in dem Zentrum
treffen, um „Lebensstilmanagement“ zu betreiben.
Bei diesen Treffen praktizierten sie ein
regelmäßiges körperliches Training und lernten
eine Menge über Stressbewältigung und gesunde,
kaloriensparende Ernährung. Es ist erstaunlich, was sich
bei diesen Patienten bereits nach einem Jahr getan hatte: Sie
hatten im Durchschnitt 10 kg abgenommen; ihr Bauchumfang war
zurückgegangen; HbA1C (der Blutzucker-Langzeitwert),
Blutdruck und Blutfettwerte hatten sich verbessert. Sogar schon
nach drei Monaten waren diese Werte so viel besser, dass die
Patienten mit wesentlich weniger Medikamenten auskamen –
mit der Geldsumme, die das Gesundheitssystem dadurch einsparte,
hätte man das ganze Programm spielend finanzieren
können.
Warum gibt es solche Initiativen bei uns
in Deutschland nicht?
Leider scheitert ihre Finanzierung durch
die Krankenversicherungen immer wieder an chronisch leeren
Kassen, im Augenblick aber auch daran, dass die KVs große
Angst vor dem Gesundheitsfonds haben und noch gar nicht richtig
abschätzen können, was dadurch in nächster Zeit
womöglich an finanziellen Belastungen auf sie zukommt. Das
ist schade, denn wir bräuchten dringend koordinierte
Angebote zum Lebensstilmanagement für übergewichtige
Menschen. Heute laufen schon viele Aktivitäten, die Kassen
investieren hier teilweise viel Geld für die
Prävention – aber diese Angebote laufen meist ohne
klare Koordination: Hier eine Beratung bei der Krankenkasse,
dort ein Kurs in einem Sportgeschäft oder Fitnessstudio
– solche vereinzelten Angebote sind zu unkoordiniert und
bringen nicht viel. Und leider gibt es im Bereich
Gewichtsmanagement momentan auch noch zu wenige Fachleute, die
sich wirklich auskennen. Und die auch zusammen an einem Strang
ziehen: Dabei müssten im Rahmen interdisziplinärer
Programme Ärzte, Psychologen, Bewegungstherapeuten,
Ernährungsberater und andere Experten zusammenarbeiten,
ähnlich wie bei dem Programm in Australien, das ich oben
beschrieben habe. Das wird unsere Herausforderung für die
Zukunft sein; anders bekommen wir die gigantische
Diabeteswelle, die auf uns zurollt, nicht in den Griff.
Teile einen Hund mit deinem Nachbarn
Aus vielen wissenschaftlichen
Untersuchungen wird deutlich, dass Haustierbesitzer, allen
voran Hundebesitzer, wesentlich weniger Herz-Kreislauf-Probleme
haben als Menschen ohne Haustier. Das mag vor allem an einem
gesünderen Lebensstil liegen, denn der Hund muss ja in der
Regel mehrmals am Tag Gassi gehen, egal ob es regnet oder
schneit! Und da gibt es keine Ausreden. Abgesehen davon tut ein
treuer Freund zu Hause auch der Seele gut, wie Beobachtungen
unterstreichen.
Fachgesellschaften empfehlen daher ihren
Patienten, z. B. bei hohem Blutdruck, sich einen Hund
anzuschaffen – als eine Möglichkeit zur
nicht-medikamentösen Therapie des Bluthochdrucks. Die
Amerikaner sind in dieser Hinsicht pragmatischer als wir. Sie
haben eine Initiative „Teile einen Hund mit deinem
Nachbarn“ ins Leben gerufen: Zwei oder drei Familien
haben gemeinsam einen Hund, den sie dann in Arbeitsteilung
ausführen.
Überlegen Sie sich einmal, wie Sie
selbst aus der Bewegungslosigkeit des Alltags herauskommen!
Gehen Sie jeden Tag mit Ihrem Hund spazieren, ob Sie einen
haben oder nicht … Und sei es, dass Sie mit Ihrem inneren
Schweinehund gehen!
„No sports“?
Aber es muss natürlich nicht
unbedingt ein Hund sein. Es gibt auch noch unzählige
andere Möglichkeiten, sich zu bewegen und Spaß dabei
zu haben. Viele Menschen schrecken vor körperlicher
Aktivität nur deshalb zurück, weil sie sie
automatisch mit „Sport“ und damit (Hoch)Leistung
gleichsetzen und weil das für sie ein sehr negativ
besetzter Begriff ist, bei dem ihnen nur unangenehme Dinge
einfallen: die eigene Ungeschicklichkeit, demütigende
Situationen im Turnunterricht – und natürlich auch
die Peinlichkeit, sich mit dem Bierbauch, der mittlerweile nur
noch schwer zu kaschieren ist, am Strand oder im Schwimmbad zu
zeigen.
Wenn Sie auch zu den Leuten gehören,
denen es schon bei dem Wort „Sport“ kalt den
Rücken hinunterläuft, zwingen Sie sich bitte nicht zu
irgendeiner Sportart, zu der Sie gar keine Lust haben –
denn eine Aktivität, die Ihnen einen unüberwindlichen
Widerwillen einflößt, werden Sie garantiert nicht
lange durchhalten. Suchen Sie sich etwas aus, was Ihnen
Spaß macht!
Mehr Bewegung im Alltag
Bauen Sie sich so viel körperliche
Aktivität wie möglich in den normalen Alltag ein,
sonst nehmen Sie sich immer nur vor: „... und abends
mach’ ich dann was für die Gesundheit!“
Wenn Sie bisher kaum körperlich aktiv
waren, sollten Sie Ihren Aktivitätsgrad langsam und
allmählich steigern – am besten, indem Sie
zunächst mehr Bewegung in Ihr Alltagsleben einbauen:
Machen
Sie den täglichen Spaziergang zum Ritual. Wenn
möglich GEHEN Sie einkaufen.
Lieber
öfter kleinere Mengen einkaufen, die Sie auch gut nach
Hause tragen können! Somit sind Sie auch zum öfteren
EinkaufenGEHEN gezwungen …
Meiden
Sie Aufzüge und Rolltreppen! Nutzen Sie die Treppen, diese
Alltagsaktivität ist ein gutes Training!
Oder
nutzen Sie Ihren Heimtrainer während der Tagesnachrichten
oder Ihrer Lieblingssendung.
Diäten sind nur etwas für
Politiker
Ich habe schon viel zu viele Patienten bei
mir in der Praxis und in Kliniken erlebt, die sich das Leben
mit Diäten zur Hölle machen. Nach der dritten oder
vierten Diät können viele Leute schon gar nicht mehr
normal essen. Ich sage diesen Patienten immer: Diäten
bringen nur einer ganz kleinen Bevölkerungsgruppe in
Deutschland etwas – nämlich den Politikern. Zum
Abnehmen sind sie leider nicht geeignet. Mit einer kurzzeitigen
Diät lässt sich niemals eine langfristige
Gewichtsabnahme erzielen; denn der Jo-Jo-Effekt schlägt
gnadenlos zu, sobald Sie Ihre Diät wieder beendet haben.
Oft hat man dann am Ende sogar noch ein paar Kilo mehr auf den
Hüften als vorher und ist dementsprechend frustriert.
Um abzunehmen, ist unbedingt eine
Ernährungsumstellung notwendig, die man langfristig
durchhalten kann. Am besten funktioniert es, wenn man sich
dabei von einem erfahrenen Arzt oder einer
Ernährungsberaterin betreuen lässt. Diese Person wird
mit Ihnen zunächst einmal eine Ernährungs-Anamnese
erheben und Sie anschließend auffordern, ein Tagebuch zu
führen, in dem Sie genau vermerken, was Sie an welchem Tag
wann gegessen haben. Natürlich müssen die Patienten
dabei auch ehrlich sein. Wenn mir jemand sagt: „Herr
Doktor, ich verstehe das nicht: Ich esse morgens einen Apfel,
mittags eine Banane und abends nur noch ein Salatblatt –
und trotzdem nehme ich nicht ab!“ – da habe ich als
Arzt natürlich Probleme, meinem Patienten irgendwelche
Verbesserungsratschläge zu geben …
Wenn der Patient aber ein ehrliches
Protokoll über seine Essgewohnheiten führt, erkennt
man als Arzt oder Ernährungsberater doch häufig den
einen oder anderen „Ernährungs-Fehler“; und
selbst der Patient merkt oft schon beim Aufschreiben, was an
seiner Ernährung alles nicht stimmt. Wenn man sich das
einmal bewusst macht und es dann mit der
Ernährungsberaterin oder dem Arzt bespricht und einen
vernünftigen Essensplan aufstellt, kommt man schon einen
ganzen Schritt weiter. Studien zeigen, dass Menschen, die in
regelmäßigen Abständen ein
Ernährungsprotokoll schreiben, wesentlich erfolgreicher im
Gewichtsmanagement sind. Wer sich bewusst ernährt und in
seinem Alltagsleben ein paar hilfreiche Tipps und Strategien
beherzigt, wird bald feststellen, dass eine kaloriensparende
Ernährung kein Hexenwerk ist. Die meisten Menschen
ernähren sich vor allem zu süß und zu fett. Wer
auf die Fett- und Zuckerfallen schon beim Einkaufen achtet,
kann diesem Trend entgegensteuern – und das muss
keineswegs auf Kosten des Genusses beim Essen gehen.
Wir lernen auch von Menschen, die
erfolgreich ihr Gewicht halten, dass sie mehr Ballaststoffe
essen (vor allem mit Faserstoffen, wie sie in Obst oder
Gemüse enthalten sind), viel Wasser trinken, sich
fettbewusster ernähren sowie reinen Zucker und
weißes Mehl meiden.
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