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5. Patientenkongress „Herz und
Schlaf“
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Der Druck steigt
5. Patientenkongress „Herz und
Schlaf“ in Filderstadt-Bernhausen
von Widmar Puhl
Am 15. November 2008 fand der
Patientenkongress des Schlafmagazins erstmals in neuen
Räumen statt. Das Kongress- und Veranstaltungszentrum
„Filharmonie“ in Filderstadt-Bernhausen bietet mehr
Platz und die optimale technische Ausstattung für den
ständig wachsenden Ansturm. Das Motto „Herz und
Schlaf“ darf denn auch als Metapher gelten: Der
Druck steigt. Nicht nur der Blutdruck bei Schlafapnoe, sondern
auch der Kostendruck im Gesundheitswesen und der Stress der
Betroffenen, sich unter Zeitdruck ständig neu zu
orientieren.
Geister haben etwas Unheimliches. Vor
allem dann, wenn sie den Gruselfilm verlassen und auf einem
wissenschaftlichen Kongress auftauchen. So mag es mancher der
über 800 Besucher empfunden haben, die erlebten, wie
allgegenwärtig Gesundheitsministerin Ulla Schmidt trotz
persönlicher Abwesenheit war. Der Gesundheitsfonds steht
vor der Tür, und Millionen verfluchen sie dafür. Kaum
jemand in der Filharmonie, der sich nicht fragte: Was bedeutet
dieser Systemwechsel für mich?
Schon in seiner Begrüßung wies
„Schlafmagazin“-Herausgeber Werner Waldmann darauf
hin, dass die Risiken krankhaften Schnarchens immer noch
unterschätzt werden. Rund 4 % der Männer und 2 % der
Frauen leiden unter den Atemaussetzern im Schlaf, die den
Blutdruck in die Höhe treiben und das Risiko für
einen Herzinfarkt oder Schlaganfall drastisch erhöhen.
Zwar haben zunehmend Kardiologen das Problem erkannt, aber ein
Screening zur flächendeckenden Früherkennung dieser
Volkskrankheit gibt es immer noch nicht.
Die Schlafmedizin ist im Umbruch, betonte
auch Kongress-Schirmherr und DGSM-Präsident Prof. Geert
Mayer bei der Eröffnung. Doch das einzig Klare dabei sind
bisher steigende Kassenbeiträge. Der Rest verschwimmt noch
im Nebel. Das Gespenst Ulla wollte einen Schleiertanz
aufführen, wurde aber kurzfristig von Jo Jung vertrieben,
mit dem literischen Programm „Schlaflos“,
musikalisch assistiert durch den Konzertpianisten Peter
Grabinger. Der SWR-Moderator und sein spielfreudiger
Musikredakteur müssen irgendwie gewusst haben, dass
Gespenster keinen Humor vertragen.
Getrennt marschieren, vereint schlagen
Kaum wurde es ernst, begannen die Massen
zu wandern. Deshalb erinnerte der Kongress diesmal ein wenig an
das Motto des Preußengenerals Helmut von Moltke:
„Getrennt marschieren, vereint schlagen“. Aber
immerhin hat er damit die Schlacht bei Königgräz
gewonnen. Erstmals fanden parallel zu den Vorträgen im
Hauptsaal spezielle Veranstaltungen in zwei Nebenräumen
statt: Günther Steinmetz, erfolgreicher Leiter einer
Selbsthilfegruppe, referierte über
Erektionsstörungen. Ulrich Obergfell vom Sanitätshaus
Glotz gab Tipps und Tricks für Patienten mit
CPAP-Geräten und Atemmasken preis. Prof. Michael Schredl
von der Universität Mannheim leitete einen Workshop
über Träume und Schlafstörungen. Rechtsanwalt
Dr. Ingo Fromm informierte über die neue
Fahrerlaubnisverordnung, die eine diagnostizierte Apnoe
behandlungspflichtig macht. Privatdozent Martin Kohlhäufl
von der Klinik Schillerhöhe sprach über
Resttagesmüdigkeit unter nCPAP-Therapie. Und der Internist
Dr. Holger Woehrle, medizinsicher Leiter bei ResMed, berichtete
über den Zusammenhang von Schlafapnoe und
Herz-Kreislauferkrankungen.
Das Hauptprogramm moderierten Prof. Rainer
Dierkesmann und Prof. Karl-Heinz Rühle, die beide alle
wissenschaftlichen Referenten aus langjähriger
Zusammenarbeit kennen.
Hier war wieder der populäre
Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley zum Thema
„Schlafen kann man lernen“ zu hören. Der
Regensburger hat gerade ein neues Buch mit dem Titel
„Schlafen Sie gut!“ veröffentlicht – die
ideale Überleitung zum Referat von Prof. Otto Benkert
über den Zusammenhang von Herz, Depressionen und
Schlafstörungen.
Benkerts Ratschlägen zur
Durchbrechung des Teufelskreises „Dauerstress“ wird
das „Schlafmagazin“ noch ein Interview widmen. Hier
sei nur sein Slogan erwähnt: „Vergessen Sie
Eu-Stress!“. Auch dieser so genannten positive Stress
treibt nämlich den Blutdruck in die Höhe, vermehrt
die Adrenalinproduktion und ist daher gefährlich –
nur merken die Betroffenen im Hochgefühl ihres Aktivismus
nichts davon.
Als der Kongress-Schirmherr und
DGSM-Präsident Prof. Geert Mayer, im Hauptberuf Psychiater
und Chefarzt der Hephata-Klinik in Schwalmstadt-Treysa,
über „Schlafapnoe und Narkolepsie“ sprach,
wehte wieder ein kalter Gespensterhauch über die
Bühne. Mayer beklagte, dass eine gute Anamnese und
Differenzialdiagnostik, gerade bei der Volkskrankheit
Schlafapnoe“ von entscheidender Bedeutung, aus
Kostengründen oft mangelhaft ausfällt. Ullas Geist
grinste in dem Wissen, dass im Spar-Wahn unbehandelte Apnoiker
später Milliarden an Mehrkosten verursachen, wenn sie mit
einem Herzinfarkt oder Schlaganfall auf die Intensivstation
kommen.
Apnoe-Diagnostik mit dem EKG
„Eine teuere Polysomnographie
für jeden Verdachtsfall kann künftig nicht mehr
Standard sein, wenn es im Jahr 2020 um die Erkennung und
Versorgung von 1,5 Millionen Apnoiker geht“,
erklärte etwas provozierend Prof. Helmut Teschler. Der
Ingenieur und Ärztliche Direktor der Ruhrland-Klinik in
Essen hat gerade als Lungenfacharzt festgestellt, dass immer
mehr Patienten auf Schlafapnoe untersucht werden, die wegen
Bluthochdruckbanden, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes oder
anderer Stoffwechselerkrankungen (metabolisches Syndrom) ins
Krankenhaus kommen. Diese Krankheitsbilder gelten inzwischen
überwiegend als Folge der Schlafapnoe. Sollte sich dieser
Trend bestätigen, so Teschler, muss sich bei der
Diagnostik einiges ändern.
„Bei der Herzschrittmacher-Kontrolle
werden heute selbstverständlich die gespeicherten Daten
des Herzschrittmachers ausgewertet. Warum geschieht dies nicht
auch bei der CPAP?“ Teschler fordert intelligente
CPAP-Systeme mit Langzeit-Datenerfassung, die aufzeichnen, wie
der Patient das Gerät nutzt. Um Compliance-Probleme oder
Einflüsse anderer Krankheiten auszuschließen,
müssen solche Messdaten über längere Zeit
ausgewertet werden.
„Der Trend ist klar“, sagt
Teschler: „Zukünftig wird das Schlaflabor zum
Patienten kommen“ – sei es im Krankenhaus, sei es
in der Praxis des Hausarztes oder zu Hause. Somnographiedaten
können per Funknetzwerk zentral gespeichert werden. Man
kann z.B. über eine spektrale Bewertung der Herzfrequenz
schlafbezogene Atemstörungen erkennen und sogar sagen, ob
es obstruktive oder zentrale Ereignisse sind. Auch die REM /
NichtREM-Schlafphasen spiegeln sich in den EKG-Signalen wieder.
Warum also nicht ein Langzeit-EKG oder die Daten eines
Herzschrittmachers zum Apnoe-Screening einsetzen?
Mobile Technik und Zukunftsmusik
Viele Impulse für technische
Neuerungen kommen aus der Kardiologie. Zu Recht beklagen sich
viele Patienten über störende Kabel bei der
Schlafdiagnostik. Elektrische Sensoren wie eingewebte
Elektrodendrähte im Kopf- und Fußteil des Bettes
werden bald für die EKG-Signale eingesetzt. Mikrofone
erfassen die Geräusche von Atmung, Lunge, Herz und
Körperbewegungen. Mikrowellen-Dopplerdetektoren
erkennen Bewegungen ebenfalls, und auch die Temperaturmessung
kann berührungslos über Infrarot aus einem Abstand
von 2-3 Metern stattfinden.
Drahtlos kann auch die
Datenübermittlung für die Kontrolle und Auswertung
sein. Teschler fragt: „Warum soll das CPAP-System des
Patienten nicht über Telefon oder Internet neu eingestellt
werden, wenn die gemessenen Daten das nahe legen?“ Eine
Apnoe ist ein komplexer Vorgang. Schon länger weiß
man, dass eine obstruktive Schlafapnoe (OSA) unter CPAP
Behandlung in 30 % der Fälle kurzfristig oder auch
für längere Zeit zu einer zentralen Schlafapnoe (CSA)
führt. Teschler spricht daher lieber von der
“komplexen Schlafapnoe“, statt diese recht
künstliche Begriffstrennung beizubehalten. Ihr entspricht
seiner Ansicht nach die Kombination von CPAP und einer
getesteten adaptiven Servoventilation als optimale Therapie.
Nur so kann der Luftdruck nachreguliert werden; Druck entlastet
das Herz, und gerade im Fall einer Leckage ist weniger oft
mehr, so Teschler.
Aktuelle Beispiele für technische
Innovationen für die Schlafmedizin gibt es zudem aus der
Automobilbranche. Über das sprechende Warnsystem vor
Sekundenschlaf bei Mercedes und die automatische
Fußraumkühlung, mit der Bosch der Einschlafgefahr am
Steuer begegnet, haben wir im „Schlafmagazin“
bereits berichtet.
Viele Neuerungen zu besichtigen
Im Foyer des Erdgeschosses und vor den
Sälen im 1. OG fand die Industrieausstellung wieder regen
Zuspruch bei den Kongressteilnehmern. So konnte sich man z.B.
ein „Schlaflabor für die Kitteltasche“ am
Stand von SOMNOmedics erklären lassen, neue Matratzen
testen oder eine Wohlfühl-Massage als Einschlafhilfe
ausprobieren. Bei den Laborausstattern und
Geräteherstellern waren mit ResMed und Heinen +
Löwenstein auch die etablierten Markführer
vertreten. Als Schlaflaborbetreiber hatten die Klinik
Schillerhöhe, das Stuttgarter Marienhospital und das
Stuttgarter Rotkreuz-Krankenhaus viel diskutierfreudiges
Publikum. Außer den Schlafapnoe-Selbsthilfegruppen waren
auch erstmals dabei: die Deutsche Narkolepsie Gesellschaft
e.V., die Deutsche Restless Legs Vereinigung e.V., die
Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion (Impotenz) und die
Fatigatio e.V. Bundesverband Chronisches
Erschöpfungssyndrom. Einmal mehr zeigte sich, wie
attraktiv dieser Patientenkongress als Forum der Fortbildung
und des Gespräches unter Betroffenen ist, aber auch im
Kreis der Fachleute aus Wissenschaft, Medizintechnik und
Sanitätshäusern. Erstmals konnten die Zuhörer
nach den Vorträgen direkt Fragen an die Referenten stellen
und machten lebhaft von diesem Angebot Gebrauch.
Gesundheitsfonds: System unter Stress
Auch wenn es beim Kongress durchaus etwas
zu Essen gab: „Messen statt Essen“, das Motto des
Klinikums Esslingen, mit dem Chefarzt Prof. Matthias Leschke
eine Veranstaltungsreihe zur Patientenaufklärung unter die
Leute bringt, fand ich besonders hübsch. Da
Prävention ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist, engagiert er
sich mit verständlichen Worten und großem
pädagogischen Geschick. Die Diabetiker im Publikum hatten
ebenfalls am Nachmittag einen exzellenten Ansprechpartner
für ihre Probleme. Prof. Stephan Jacob aus
Villingen-Schwenningen ist einer der bedeutendsten
Diabetes-Spezialisten Deutschlands und widmete seinen Vortrag
dem häufigen Zusammenhang dieser Stoffwechselkrankheit mit
Schlafbezogenen Atemstörungen.
Höhepunkt des Nachmittags war
zweifellos die Podiumsdiskussion über „Die Zukunft
des Schlaflabors und die Versorgung der Patienten“. Sie
ahnen es: Das ministeriale Gespenst hing nun
überlebensgroß im Saal und schlug mit den
Flügeln. Geleitet wurde die Debatte von Prof. Karl-Heinz
Rühle, bekannt als hartnäckiger Kritiker des
Gesundheitssystems. Doch mit DGV-Präsident Wolfram-Arnim
Candidus aus Heppenhein und Dieter Kress, dem
AOK-Geschäftsführer Neckar-Fils, stahlen ihm zwei
Teilnehmer die Schau, bei denen kaum jemand damit gerechnet
hatte.
Als „bürokratisches
Monster“ bezeichnete Candidus den Gesundheitsfonds,
dessen wichtigste Auswirkung sei die Verwaltung des Mangels bei
gleichzeitiger Kostensteigerung , die zweitwichtigste
Verschwendung: „660 Millionen Euro für die
Einführung der Patientenkarte, was für ein
Unsinn!“, polterte Candidus. „Die Versorgung der
Patienten ist gut“, polterte Kress zurück, um gleich
darauf einzulenken: Auch er sei gegen den Fonds, weil er einen
ebenso teueren wie sinnlosen Zentralismus im Schlepptau habe.
Statt Wettbewerb unter den Versorgern gebe es Werbung und
Dumping. Damit war das Thema „Ausschreibungen“ nach
dem neuen Wettbewerbs-Stärkungsgesetz im Gesundheitswesen
und vor allem die Geräteverordnung angeschnitten.
Einig in der Kritik
Alle Fachleute reiben sich an der Praxis,
nach der Ausschreibungen bisher nur nach Einsparungen schielen
und Qualitätskriterien nicht berücksichtigen, darin
waren sich Fachanwalt Jörg Hackstein und
Geschäftsführer Frank Rebbert von ResMed einig.
12-17 Euro pro Monat als
Ausschreibungsziel für eine CPAP-Versorgung nannte Rebbert
vollkommen unzureichend. Prof. Teschler sprang ihm bei und
forderte eine Individualisierung der Sätze nach
medizinischen Maßstäben: „Sonst haben wir
keine Zweiklassen-Medizin, sondern eine Drei- und
Mehr-Klassenmedizin!“ Da gebe es nur noch den Porsche
einer Medizin nach Maß für Privatversicherte oder
den Trabbi für alle. Außerdem kritisierte Teschler,
dass mit jedem Systemwechsel nach einer Ausschreibung das
Personal in Schlaflaboren, Praxen und Krankenhäusern neu
geschult werden müsse – für viel Geld:
„Daran hat wieder niemand gedacht.“ In die gleiche
Kerbe schlug Dr. Stefan Reinecke, Ärztlicher Direktor des
Marienhospitals Stuttgart, das ein eigenes Schlaflabor betreibt:
„Die gesetzlichen Vorgaben entfernen sich diametral von
den Bedürfnissen der Patienten.“
Für Candidus ist das „System
total verkorkst“. Nach praktischen Lösungen befragt,
forderten die Mediziner die Rückkehr zu Poliklinik und
Hausarztkonzepten, aber mit Qualitätspauschalen. Candidus
schlug vor, solche Kriterienkataloge von Patientenvertretern
und Ärzten erstellen zu lassen, die bisher nicht mit am
Tisch sitzen. Kress ergänzte, das müssten aber
regionale Konzepte sein. Der Risiko-Strukturausgleich
benachteilige kosten- und gesundheitsbewusste Kassen. Einigkeit
auch beim Schimpfen auf die „Integrierte
Versorgung“: Bisher seien das Kungelverträge, die
ohne Mitsprache von Patientenvertretern und medizinischen
Fachgesellschaften ausgehandelt werden, erklärten Candidus
und Kress. Rebbert: „Da fehlt die Transparenz“.
Das Fazit des LKW-Fahrer und frisch
gebackenen Somnus-Preisträgers Dieter Wahl: „Die
Versorgung wird immer mieser. Und die Kompetenz der Ärzte
ist lückenhaft, so lange ein Patient mit einem
vollständig ausgefüllten Fragebogen über
Schlafstörungen in die Praxis geht und mit einem
Asthma-Spray wieder heraus kommt.“
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