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Schlaf und Krankheit
17. Jahrestagung der DGSM in Leipzig
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Ausgewählte Artikel
Heft 4/2009
DGSM-Kongress 2009 Schlaf und Krankheit
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von Anne Greveling
Immer deutlicher zeigt sich, wie eng der
Schlaf mit unseren übrigen Körperfunktionen vernetzt
ist. Die noch relativ junge Wissenschaft der Schlafmedizin hat
in den letzten Jahren viele Zusammenhänge zwischen
gestörtem Schlaf und verschiedenen körperlichen und
psychischen Erkrankungen aufgedeckt. Das war auch das Thema der
diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft
für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) in Leipzig:
Unter dem Motto „Schlaf und Krankheit“ diskutierten
international bekannte Schlafmediziner darüber, was denn
der Schlaf mit unserer Gesundheit zu tun hat.
Vom 12. bis 14. November drehte sich in der
altehrwürdigen sächsischen Messestadt alles um jenen
geheimnisvollen Zustand, in dem wir rund ein Drittel unseres
Lebens verbringen: In diesem Jahr tagte die DGSM in dem
imposanten, hochmodernen Messezentrum in Leipzig. Das
Kongressthema „Schlaf und Krankheit“ wurde
gewählt, weil die Menschen dank der Fortschritte der
modernen Medizin immer älter werden und es daher in
Zukunft immer mehr Leute geben wird, bei denen mehrere
Krankheiten gleichzeitig vorliegen. Diese Patienten stellen die
Ärzte vor besondere Herausforderungen. Die Medizin wird
sich in Zukunft immer interdisziplinärer ausrichten
müssen, d. h., die Ärzte der einzelnen Fachgebiete
dürfen sich nicht stur auf ihr eigenes Terrain
beschränken, sondern müssen eng mit Kollegen anderer
Fachrichtungen zusammenarbeiten. Ganz besonders gilt das
für die Schlafmedizin: Denn gerade Schlafprobleme und
schlafbezogene Atemstörungen nehmen im Alter zu; und es
gibt zahlreiche, sehr komplexe Wechselwirkungen zwischen Schlaf
und Krankheit. Unser Schlaf beeinflusst fast alle Funktionen
unseres Körpers, und ein gestörter Schlaf kann im
empfindlichen Zusammenspiel des menschlichen Organismus
nachhaltigen Schaden anrichten. „Schlaf beschränkt
sich nicht einfach nur aufs Gehirn, sondern ist von
entscheidender Bedeutung für die gesamte Funktion unseres
Organismus“, fasste Professor Thomas Pollmächer,
Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit am
Klinikum Ingolstadt, die Problematik zusammen.
Europa – ein Kontinent der
Schlaflosen?
Leider sind Schlafstörungen immer mehr
auf dem Vormarsch. Vor allem die häufigste
Schlafstörung, die Insomnie, nimmt mittlerweile geradezu
beängstigende Ausmaße an. Der bekannte
Schlafforscher Maurice Ohayon von der Stanford University
(Kalifornien) hat eine groß angelegte Studie über
die Häufigkeit nächtlichen Erwachens in Europa
durchgeführt: Insgesamt 22 740 Menschen in
europäischen Ländern wurden nach ihren
Schlafproblemen befragt. Das Ergebnis war erschreckend: Rund 20
% der Befragten gaben an, dass ihr Schlaf jede Nacht durch
häufigeres Aufwachen fragmentiert ist. Viele leiden schon
seit über fünf Jahren unter Durchschlafstörungen
und haben nach dem nächtlichen Erwachen Schwierigkeiten,
wieder einzuschlafen. Das ist das eigentliche Problem, denn
nächtliches Wachliegen beeinträchtigt die
körperliche und geistige Gesundheit, vermindert
Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und Konzentration und
erhöht die Unfallhäufigkeit. (Kurzzeitiges
nächtliches Erwachen, an das wir uns am nächsten Tag
meist gar nicht mehr erinnern, weil wir danach sofort wieder
einschlafen, ist völlig normal und kein Grund zur
Beunruhigung.)
Schlaf und Immunsystem
„Insomnien (Ein- und
Durchschlafstörungen) scheinen eher die Regel als die
Ausnahme zu sein“, meint auch Professor Pollmächer,
der in zwei spannenden Vorträgen die Auswirkungen
gestörten Schlafs auf unsere psychische und
körperliche Gesundheit beleuchtete. „Kurzfristige
Schlafstörungen haben sehr einfache Folgen“,
erklärt er. „Der Mensch holt den versäumten
Schlaf nach. Aber bei chronischer Insomnie versagen die
Regulationsmechanismen – das System gerät aus den
Fugen. Dann sind die Funktionen des Schlafes
gestört.“
Mit verhängnisvollen Folgen für
Gehirn, Psyche und Organismus: Chronisch schlafgestörte
Menschen haben ein doppelt bis fünfmal so hohes Risiko
für andere körperliche Erkrankungen. Außerdem
besteht bei ihnen auch eine erheblich höhere
Wahrscheinlichkeit, eine psychische Störung zu entwickeln.
An der Spitze dieser traurigen Hitliste stehen Angst- und
Suchterkrankungen und vor allem Depressionen. Sogar das Volumen
eines ganzen Gehirnareals ist bei Insomnie-Patienten verringert:
nämlich des Hippocampus, der für die
Gedächtniskonsolidierung (also die Überführung
von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzzeit- ins
Langzeitgedächtnis) sehr wichtig ist. Daher
beeinträchtigt dauerhaft schlechter Schlaf die
Gedächtnisbildung. Aber auch das Immunsystem und unser
ganzer Stoffwechsel leiden, wenn wir nicht genügend Schlaf
bekommen.
Bereits seit den Neunzigerjahren des
letzten Jahrhunderts weiß man um die engen
Zusammenhänge zwischen Schlaf und Immunabwehr. Warum sind
wir beispielsweise bei Infektionen so müde? Weil der
Körper bei einem Infekt bestimmte Botenstoffe (Zytokine)
freisetzt, die zu einem vermehrten Schlafbedürfnis
führen. Im Schlaf regeneriert sich der Organismus bei
angeschlagener Gesundheit auch am besten, denn dann wird das
Wachstumshormon ausgeschüttet, das für unsere
körperliche Erholung eine wichtige Rolle spielt. Die
Müdigkeit hat also durchaus ihren Sinn.
Umgekehrt schadet zu wenig Schlaf dem
Abwehrsystem; der Körper wird dann schlechter mit
Krankheiten fertig. Sogar Impfungen wirken besser, wenn man
genügend schläft: Schon nach einer Nacht Schlafentzug
sinkt die Immunantwort bei einer Hepatitis-A-Impfung deutlich
ab – der Körper bildet dann um 50 % weniger
Antikörper. Gleichzeitig werden wir durch Schlafmangel
infektanfälliger. Diese Erfahrung hat sicherlich jeder
schon einmal gemacht: In Zeiten, in denen man schlecht
schläft, fängt man sich leichter eine Erkältung
ein. Inzwischen ist das sogar wissenschaftlich erwiesen:
Schlafforscher setzten Probanden einer experimentellen
Infektion mit Schnupfenviren aus und befragten sie hinterher
nach ihrer Schlafqua?lität und -quantität. Das
überraschende Ergebnis: Auch diejenigen Versuchspersonen,
die in der letzten Zeit gut und ausreichend geschlafen hatten,
bekamen Schnupfen – aber sie litten unter weniger
Symptomen ihrer Infektion, während die Probanden, die
schlecht geschlafen hatten, heftiger auf den Infekt reagierten
und sich in ihrer Tagesfunktion stärker
beeinträchtigt fühlten. „Natürlich wissen
wir nicht, ob ein Bärenschlaf Ihnen eine Erkältung
erspart; aber es würde sich vielleicht doch mal lohnen,
auf Ihre Schafqualität zu achten“, rät
Professor Pollmächer.
Auch bei Menschen, die an einer Insomnie,
Narkolepsie oder obstruktiven Schlafapnoe (OSA) leiden, haben
Wissenschaftler Auffälligkeiten im Immunsystem
festgestellt, die jedoch noch nicht ausreichen, um daraus
eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen.
Schlaf und Stoffwechsel
Inzwischen weiß man, dass es sogar
Zusammenhänge zwischen Schlaf und Körpergewicht gibt:
„Eine sehr kurze Schlafdauer (unter sechs Stunden) und
eine sehr lange Schlafdauer (über neun Stunden) gehen mit
einem erhöhten Bodymass-Index einher, wobei der Effekt der
kurzen Schlafdauer in allen Studien, die diesen Zusammenhang
untersuchten, höher ist“, erklärte
Pollmächer. Zu kurzer Schlaf scheint eine
verhängnisvolle Langzeitwirkung zu haben: Wer im Kindes-
und Jugendalter zu kurz schläft, hat später ein
höheres Risiko, Übergewicht zu entwickeln. Warum das
so ist, weiß man noch nicht.
Dass unbehandelte Schlafapnoiker eher an
einem Typ-2-Diabetes erkranken als gesunde Menschen, ist schon
seit langem bekannt. Auch dieser Zusammenhang wurde bereits
mehrfach untersucht. Menschen mit obstruktiver Schlafapnoe sind
meistens übergewichtig, und Übergewicht ist einer der
bedeutendsten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes; also
könnte es ja sein, dass bei den Schlafapnoikern einfach
nur die überzähligen Pfunde die
Diabetes-Häufigkeit erhöhen und nicht die Apnoen. In
einer neuen Studie ist man dieser spannenden Frage nachgegangen:
Man hat bei übergewichtigen Schlafapnoe-Patienten,
normalgewichtigen Menschen mit Restless Legs (unruhigen
Beinen), Insomnie-Patienten und gesunden Probanden die
Glukosetoleranz (also die Fähigkeit, Glukose so zu
verwerten, wie es für einen gesunden Organismus notwendig
ist) untersucht. Sowohl bei den übergewichtigen
OSA-Patienten als auch bei den normalgewichtigen
Restless-Legs-Patienten kam eine gestörte Glukosetoleranz
deutlich häufiger vor: In beiden Gruppen war die
Glukosetoleranz bei jeweils 40 % der Patienten krankhaft
beeinträchtigt. „Auch der Blutzucker-Langzeitwert
(HbA1c) war in den beiden Gruppen erhöht, was zeigt, dass
es sich durchaus um ein langfristiges Stoffwechselproblem
handelt“, erklärte Pollmächer. Je höher
der Arousal-Index (also die Häufigkeit des
nächtlichen Erwachens aufgrund der Schlafapnoe bzw. der
unruhigen Beine) war, umso schlechter fiel der
Glukosetoleranztest bei diesen Patienten aus. In den anderen
beiden Gruppen – bei den gesunden Probanden und den
Insomnikern – waren Glukosetoleranz und HbA1c-Wert
dagegen völlig normal.
Aus dieser Studie kann man zwei
Schlussfolgerungen ziehen: 1) Eine reine Ein- oder
Durchschlafstörung erhöht das Diabetesrisiko offenbar
nicht. 2) Dass Menschen mit unbehandelter obstruktiver
Schlafapnoe häufiger an Typ-2-Diabetes erkranken, liegt
wahrscheinlich doch nicht nur an ihrem Übergewicht und
auch nicht an den nächtlichen
Sauerstoff?entsättigungen, sondern eher an der
Schlaffragmentierung durch die Weckreaktionen. Das hat der
Vergleich mit der Gruppe der RLS-Patienten ziemlich klar
ergeben.
Schlaflos und müde durch Medikamente
Viele Arzneimittel wirken sich auf den
Nachtschlaf und die Wachheit bei Tage aus. Das ist nicht nur
unangenehm, sondern manchmal sogar richtig gefährlich:
Schätzungen zufolge gehen bis zu 7 % der jährlich
rund 2,2 Millionen Verkehrsunfälle in Deutschland auf das
Konto einer medikamentenbedingten Fahruntüchtigkeit.
Die Liste der Arzneimittel, die
Schlafstörungen oder Tagesmüdigkeit verursachen
können, ist lang: Antibiotika, Antidepressiva, Mittel
gegen Bluthochdruck und Allergien, manche
verschreibungspflichtige Schlafmittel, aber auch Opioide
können die Patienten nachts wach halten oder tagsüber
müde machen.
Das Problem ist, dass Medikamente nicht bei
jedem Menschen die gleichen Nebenwirkungen haben. Auch
Wechselwirkungen mit Alkohol und bestimmten Nahrungsmitteln
spielen dabei eine Rolle. Außerdem müssen
ältere Menschen oft mehrere verschiedene Arzneimittel
nehmen: „Im Durchschnitt nehmen 70-Jährige fünf
Medikamente gegen unterschiedliche Leiden ein“,
berichtete Julia Kirchheiner, Professorin für Klinische
Pharmakologie am Institut für Naturheilkunde und Klinische
Pharmakologie der Universität Ulm. „Manche
ältere Menschen müssen so viele Medikamente
einnehmen, dass sie davon schon fast satt werden.“ Das
macht es natürlich schwer, herauszufinden, von welchem
dieser vielen Mittel die Schlafstörung oder
Tagesmüdigkeit denn nun herrührt.
Grundsätzlich sollte der Arzt
Patienten, die über gestörten Schlaf oder
Müdigkeit bei Tage klagen, auch nach den Medikamenten
befragen, die sie einnehmen. Ganz besonders wichtig ist das
natürlich bei Berufskraftfahrern. Stellt sich dabei
heraus, dass ein Arzneimittel schuld an dem Problem ist, so
lässt sich oft leicht Abhilfe schaffen: Manchmal
genügt es schon, das Mittel zu einer anderen Tageszeit
einzunehmen. Der Arzt kann das Medikament aber auch durch ein
anderes ersetzen oder die Dosis reduzieren.
Schlaf und Psyche
Psychische Erkrankungen zählen zu den
häufigsten Ursachen chronischer Schlafstörungen.
Langzeitstudien haben inzwischen jedoch gezeigt, dass offenbar
auch ein umgekehrter Zusammenhang besteht: Der gestörte
Schlaf ist ein Risikofaktor – oder vielleicht auch
einfach nur ein erstes Warnsignal – für das
spätere Auftreten einer psychischen Störung. Ganz
besonders gilt das für Depressionen. Da erhebt sich
natürlich die Frage, ob man durch eine frühzeitige
Behandlung von Schlafstörungen nicht vielleicht das
künftige Auftreten einer Depression verhindern kann. Ganz
genau weiß man das noch nicht, aber vieles spricht
dafür.
Auf jeden Fall scheint mittlerweile
festzustehen, dass man bei psychischen Erkrankungen, die mit
Ein- oder Durchschlafstörungen einhergehen, nicht nur die
psychische Problematik, sondern auch die Schlafstörung
behandeln sollte. Denn es gibt erste Hinweise darauf, dass ein
depressiver Patient, bei dem auch die begleitende Insomnie
behandelt wird, seine Depression schneller und leichter
überwindet: Im Rahmen einer wissenschaftlichen
Untersuchung wurden schlafgestörte depressive Patienten
mit dem Antidepressivum Fluoxetin behandelt. Die eine
Patientengruppe erhielt zusätzlich auch noch ein
Schlafmittel (Eszopiclon), die andere lediglich Placebo (ein
Scheinmedikament ohne Wirkstoff). Die Untersuchung zeigte
eindeutig, dass das Schlafmittel den antidepressiven Effekt des
Fluoxetins verbesserte. Man soll also nicht meinen, dass die
Behandlung der Grunderkrankung – also der Depression
– ausreicht, um die Schlafstörung zu beheben, so
Pollmächer. Mit der zusätzlichen Therapie der
Schlafstörung (entweder durch ein Medikament oder eine
entsprechende Verhaltenstherapie) schlägt man gleich zwei
Fliegen mit einer Klappe, denn auch die Depression bessert sich
dadurch. „Psychiater müssen sich um die
Schlafstörungen ihrer Patienten kümmern, genau wie
ein Arzt bei schlafgestörten Patienten auch nach
Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen fahnden
sollte“, fordert Pollmächer – was in der
täglichen ärztlichen Praxis leider noch viel zu
selten geschieht.
Nicht nur bei Insomnikern, sondern auch bei
Menschen mit Narkolepsie, obstruktiver Schlafapnoe und Restless
Legs treten depressive Symptome gehäuft auf. Ob diese
durch die Schlafstörung verursacht werden oder andere
Ursachen haben, weiß man noch nicht. Eine Arbeitsgruppe
vom Schlafmedizinischen Zentrum Nürnberg hat untersucht,
ob sich bei depressiven unbehandelten Schlafapnoe-Patienten
durch eine CPAP-Therapie gleichzeitig auch die depressive
Symptomatik bessern lässt – mit positivem Ergebnis:
Tatsächlich besserte die nächtliche Beatmung nicht
nur die OSA-Symptomatik (was ja zu erwarten war), sondern auch
der Schweregrad der Depression nahm dadurch ab – und das
sogar schon nach sechswöchiger Behandlung.
Nachtmenschen sind offener für
Erfahrungen
Nicht nur auf unsere physische und
psychische Gesundheit, sondern auch auf unsere
Persönlichkeit scheint der Schlaf sich auszuwirken. Schon
seit längerem unterscheidet man in der Schlafmedizin
zwischen zwei verschiedenen Chronotypen: dem Morgenmenschen
(„Lerche“) und dem Abend- bzw. Nachtmenschen
(„Eule“). Lerchen sind morgens fit wie ein
Turnschuh, aber dafür fallen ihnen abends um neun oder
zehn Uhr oft schon die Augen zu. Eulen werden abends erst so
richtig munter und leistungsfähig und sind daher in
unserer Gesellschaft, die den meisten Menschen bereits morgens
Arbeit und Leistung abverlangt, vielfach benachteiligt.
Eine neue Untersuchung von der
Psychiatrischen Universitätsklinik Halle ging der Frage
nach, ob nicht vielleicht ein Zusammenhang zwischen Chronotyp
und Persönlichkeit besteht. Auf diese Idee war zuvor noch
niemand gekommen. 131 Patienten eines Schlaflabors wurden
gebeten, über einen Zeitraum von einer Woche ein
Tag-Nacht-Pro-tokoll auszufüllen. Anhand dieses Protokolls
wurde ihr Chronotyp bestimmt. Gleichzeitig ermittelten die
Wissenschaftler mithilfe eines Fragebogens die
Persönlichkeitsstruktur der Probanden. Das Ergebnis:
Abendtypen gaben häufiger an, „offen für
Erfahrungen“ zu sein. Sie machten zum Beispiel Aussagen
wie: „Ich möchte mich bei meiner Arbeit kreativ
entfalten können“, „Ich bin kulturell sehr
vielseitig interessiert“, „Ich interessiere mich
für exotische Kulturen“ oder „Ich suche nach
neuen Wegen der Lebensgestaltung“.
Natürlich muss das nicht unbedingt
bedeuten, dass Abend- oder Nachtmenschen bestimmte genetisch
bedingte Charaktereigenschaften haben. Auch andere
Erklärungen sind möglich: Abendtypen haben z. B. mehr
Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen, da viele kulturelle
und gesellschaftliche Aktivitäten abends stattfinden.
Diese Zusammenhänge müssen also noch genauer
untersucht werden – aber verblüffend sind sie
dennoch.
Wenn Kinder schlecht schlafen ...
Auch zum Thema „Schlaf bei
Kindern“ gab es auf dem DGSM-Kongress interessante
Neuigkeiten. In einem eigenen Symposium wurden die ersten
Ergebnisse des Projekts „Schlafen – Wachen –
Lernen“ präsentiert, das Risikofaktoren und
Konsequenzen von Tagesschläfrigkeit bei Schulkindern
untersucht.
Schlafstörungen bei Kindern und
Jugendlichen sind gar nicht so selten. Und man sollte sie nicht
unterschätzen, denn oft führen sie zu
Tagesschläfrigkeit und Verhaltensauffälligkeiten und
beeinträchtigen die schulischen Leistungen. Außerdem
sind Schlafstörungen im Jugendalter ein Risikofaktor
für die spätere Entstehung psychischer
Störungen.
Wie man den gestörten Schlaf am besten
behandelt oder ihm vielleicht sogar vorbeugt, kann man
aber nur herausfinden, indem man zuerst einmal Ursachen und
Risikofaktoren untersucht, die zu Schlafstörungen bei
Kindern und Jugendlichen führen können.
Wissenschaftler von der Berliner Charité und der
Hochschule Ravensburg-Weingarten haben in Kooperation mit dem
Stuttgarter Gesundheitsamt 546 Jugendliche im
Durchschnittsalter von 14 bis 15 Jahren an Stuttgarter Schulen
in Form von Fragebögen, körperlichen Untersuchungen
und Elternbefragungen auf das Vorliegen von
Schlafstörungen untersucht.
Dabei klagten immerhin 23,3 % der
Schüler über Ein- und 11,2 % über
Durchschlafstörungen. Auch Tagesmüdigkeit war bei
ihnen nicht selten. Die Mädchen lagen eindeutig in
Führung: Sie schliefen nachts nicht nur schlechter,
sondern fühlten sich tagsüber auch häufiger
müde und unausgeruht.
Handy, Zigaretten und Fernsehen
stören den Schlaf
Bei Kindern aus Familien mit niedrigem
sozialem Status kamen Durchschlafschwierigkeiten besonders
häufig vor. Rauchen und tägliches Fernsehen tragen
ebenfalls zu einem gestörten Schlaf bei Jugendlichen bei,
und zwar dosisabhängig – das heißt, je
länger die Kids tagsüber und abends vor der Glotze
sitzen, umso schlechter schlafen sie nachts. Auch Jugendliche,
die mindestens eine Stunde pro Tag auf ihrem Handy
telefonierten, hatten ein höheres Risiko für die
Entstehung einer Schlafstörung. Bei Jugendlichen, die in
ihrem Leben schon einmal Gewalt erfahren hatten, unter
emotionalen Problemen oder Hyperaktivität litten, war der
Schlaf ebenfalls beeinträchtigt.
Diese Erkenntnisse könnten
möglicherweise bei künftigen Präventions- und
Behandlungsprogrammen von Nutzen sein. Es gibt – und das
ist die gute Nachricht dieser Studie – aber auch
Faktoren, die vor Schlafstörungen schützen:
Schüler, die mindestens dreimal pro Woche Sport trieben,
litten seltener unter Ein- und Durchschlafstörungen. Auch
ein guter Zusammenhalt in der Familie wirkt sich offenbar
positiv auf den Schlaf aus.
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