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Schlaf bei Jugendlichen –
eine Familienangelegenheit! |
Ausgewählte Artikel
Heft 2/2010
Schlaf bei Jugendlichen –
eine Familienangelegenheit! ![]() |
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Dr. phil. Serge Brand
Jugendliche haben eine Fülle von
Anforderungen und Herausforderungen zu
bewältigen. Das kann anstrengend sein und mitunter den „Schlaf rauben“. Neuere Studien zeigen: Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen erholsamem Schlaf bei Jugendlichen, regelmäßiger körperlicher Aktivität, günstigem Familienklima und vor allem auch dem Schlafverhalten der Eltern.
Die Jugendzeit ist von einer Fülle an
Veränderungen, Anforderungen und Herausforderungen
geprägt. Elf- bis Achtzehnjährige tragen im Gegensatz
zu Kindern eine erhöhte Verantwortung für ihr eigenes
Handeln, namentlich für den Erfolg und Misserfolg in
schulischen und beruflichen Leistungen, für die Auswahl
ihrer Freizeitaktivitäten, die Gestaltung ihrer Zukunft
und ihr Verhalten im sozialen Umfeld. Hierbei zeigt sich, dass
Schul-, Freizeit- und Gesellschaftsaktivitäten vermehrt
abends stattfinden (zum Beispiel Sport, Kino, Theater,
Discobesuche, Hausaufgaben, Lerngruppen,
Prüfungsvorbereitungen, Engagement in
Religionsgemeinschaften, aber auch Nebenjobs). Zudem mag es
für einige Jugendliche „total uncool“ sein,
früh ins Bett zu gehen und morgens früh aufzustehen.
Gleichzeitig weist die Forschung darauf hin, dass das Gehirn
eines Jugendlichen einer erhöhten funktionellen und
strukturellen Veränderung unterworfen ist. Diese
Veränderungen zeigen sich zum Beispiel, wenn
Entscheidungen gefällt werden: Ein und dieselbe
jugendliche Person kann sehr „erwachsene und reife“
und gleichzeitig noch sehr „kindliche“
Entscheidungen fällen.
Die sozialen, psychologischen und
körperlichen Veränderungen des Jugendlichen spiegeln
sich auch im Schlafverhalten wider:
Im Vergleich zum Kindesalter nimmt
die mittlere Schlafdauer pro Nacht von rund 10,5 Stunden auf
7,5 Stunden ab.
Die Zubettgeh- und Einschlafzeit
wird in den späteren Abend hinein verschoben.
Das Schlafmuster zeigt einen
deutlichen Bruch zwischen Wochentagen und Wochenendtagen: Von
Sonntag bis Freitag nimmt die mittlere Schlafdauer um rund 30
Minuten ab; samstags und sonntags ist die Einschlafzeit noch
später als sonst, dafür wird länger
geschlafen/ausgeschlafen.
Die elterliche Kontrolle über
das Schlafmuster des Jugendlichen ändert sich:
Während Eltern in der Regel das rechtzeitige Aufstehen
immer noch kontrollieren und durchsetzen, nimmt die elterliche
Kontrolle in Bezug auf die Einschlafzeit stetig ab.
Ist es nun „schlimm“, wenn
Jugendliche über längere Zeit zu wenig oder schlecht
schlafen? Ja! Die Fülle an Studien ist erdrückend:
Ungenügender, nicht erholsamer Schlaf geht mit kognitiven,
emotionalen, sozialen, verhaltensmäßigen und
körperlichen Einbußen einher. Wenn ich dauerhaft
schlecht schlafe, führt dies dazu,
dass ich langsamer und fehlerhaft
denke („kognitiv“),
dass ich meine Gefühle weniger
gut wahrnehme und schlechter steuern kann, niedergeschlagener
und „dünnhäutiger“ bin
(„emotional“),
dass ich Gesichtszüge und
Verhalten der Mitmenschen als bedrohlicher wahrnehme
(„sozial“),
dass ich mehr Fehler im
Straßenverkehr, in der Schule und bei der Arbeit, beim
Sport, beim Schreiben oder im Haushalt begehe
(„verhaltensmäßig“)
und dass ich vermehrt
körperlich erkranke (Fieber, Grippe, Infektionen; es
besteht aber auch ein erhöhtes Risiko für
Gewichtszunahme, Diabetes und verringertes Wachstum).
Ausreichender und erholsamer Schlaf ist
also mit einer ganzen Reihe von günstigen psychischen,
sozialen und körperlichen Abläufen verbunden.
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Wie häufig ist nicht erholsamer
Schlaf bei Jugendlichen?
Schätzungen zufolge leiden rund 25
bis 30 % aller Jugendlichen darunter, dass ihr Schlaf nicht
erholsam ist. Langzeitstudien aus den USA und Japan weisen
darauf hin, dass ein nicht erholsamer Schlaf bei Jugendlichen
chronifiziert, d. h., dass die Schlafschwierigkeiten über
längere Zeit bestehen bleiben. Weibliche Jugendliche
klagen zudem häufiger über nicht erholsamen Schlaf
als männliche. Die Gründe hierfür sind unklar;
möglicherweise spielen hormonelle Schwankungen und eine
erhöhte Neigung zum Gedankenkreisen eine Rolle.
Körperliche Aktivität und
Schlafmuster bei Jugendlichen
Mittlerweile zeigt eine Fülle an
Veröffentlichungen, dass Jugendliche, die sich
regelmäßig körperlich bewegen, besser
„drauf“ sind und erholsamer schlafen als
Jugendliche, die sich sehr wenig bewegen. Wichtig sind hierbei
folgende Beobachtungen:
Jugendliche, die außerhalb
des Schulsportunterrichts pro Woche drei bis fünf Stunden
Sport treiben (sie kommen ins Schwitzen, haben einen
erhöhten Puls und sind kurzfristig außer Atem),
schlafen deutlich besser als so genannte Couchpotatoes.
Unter den Couchpotatoes sind vor
allem die männlichen Jugendlichen eine
„Risikogruppe“: Sie schlafen schlechter, schauen
abends und nachts mehr TV, gamen und surfen länger,
konsumieren deutlich mehr psychoaktive Substanzen (Alkohol,
Nikotin, Cannabis, Energy-Drinks) und fühlen sich
insgesamt niedergeschlagener und orientierungsloser.
Jugendliche, die
regelmäßig Sport treiben, weisen eine
regelmäßigere Schlafstruktur auf: Auch an den
Wochenenden gehen sie etwa zur gleichen Zeit ins Bett und
stehen ungefähr zur gleichen Zeit auf wie an Wochentagen.
Jugendliche, die
regelmäßig Sport treiben, geben an, sich am Morgen
erholt zu fühlen (subjektive Einschätzung). Aber auch
objektiv im Schlaflabor gemessene Schlafparameter zeigen
günstigere Werte: Die Einschlafzeit ist verkürzt, der
Tiefschlafanteil ist erhöht, Anzahl und Dauer von
Aufwachperioden nach dem Einschlafen sind deutlich verringert.
Entgegen der gängigen
Vorstellung steht körperliche Verausgabung in einem
positiven und nicht in einem negativen Zusammenhang mit der
Schlafeffizienz: Je mehr Jugendliche sich abends beim Sport
verausgaben, desto höher ist die objektiv gemessene
Schlafeffizienz.
Ein guter, erholsamer Schlaf steht also in
engem Zusammenhang mit erhöhter körperlicher
Aktivität und mit einer besseren Befindlichkeit.
Das Schlafmuster der Eltern spielt eine
wichtige Rolle
Eine von vielen Entwicklungsaufgaben im
Jugendalter ist es, sich von den Eltern emotional zu
lösen. Eine Fülle von Studien weist allerdings darauf
hin, dass selbst für 19-jährige Jugendliche das
Familienklima, der Erziehungsstil und das Schlafverhalten der
Eltern die eigene Befindlichkeit und den eigenen Schlaf
maßgeblich beeinflussen. So konnte gezeigt werden, dass
ein nicht erholsamer Schlaf der Mutter sich ungünstig auf
ihren Erziehungsstil auswirkt und dass dieser ungünstige
Erziehungsstil die Befindlichkeit und den Schlaf des
Jugendlichen beeinträchtigt. Ebenso hat man beobachtet,
dass Jugendliche, die erholsam schlafen, Eltern haben, die
angeben, selbst gut zu schlafen. Somit scheint der Schlaf des
Jugendlichen auch eine Familienangelegenheit zu sein. Genetik
oder erlerntes Verhalten? Für ein eher erlerntes Verhalten
sprechen folgende Beobachtungen:
Eltern vermitteln schon dem
Kleinkind, was ein günstiger Schlaf-wach-Rhythmus ist.
In den USA durchgeführte
Studien zeigen, dass im Gegensatz zu Eltern kaukasischer
(„weißer“) Herkunft afroamerikanische und
lateinamerikanische Eltern ihre Kinder später ins Bett
schicken und sich weniger Sorgen um eine daraus entstehende
mögliche Tagesmüdigkeit machen.
Die Einstellung der Eltern, welchen
Stellenwert das Schlafen hat, sowie das Schlafmuster der Eltern
wird von Jugendlichen in der Regel als
„Goldstandard“ übernommen.
In einer Untersuchung schliefen
jugendliche Halbprofi-Fußballspieler besser als eine
alters- und geschlechtsangeglichene Kontrollgruppe. Erstaunlich
sind hierbei allerdings zwei zusätzliche Beobachtungen: 1)
Die Eltern dieser Halbprofi-Fußballspieler weisen
ebenfalls günstigere Schlafmuster auf als die Eltern der
Kontrollgruppe. 2) Der Migrationshintergrund der Eltern der
Halbprofi-Fußballspieler war heterogener als der
Migra?tionshintergrund der Eltern der Kontrollgruppe. Das
heißt: Die Eltern der Halbprofi-Fußballspieler
stammten mehrheitlich aus Südosteuropa, Südeuropa und
Nordafrika; eine kulturelle oder sprachliche Gemeinsamkeit
wurde nicht beobachtet. Hier spielt also der zuvor
erwähnte kulturelle Unterschied beim Schlafverhalten keine
Rolle mehr: Die Eltern der Halbprofi-Fußballspieler
sorgten sich somit gut um den eigenen wie auch um den Schlaf
ihrer Sprösslinge! Entsprechend werden sie diese Haltung
wohl auch ihren Kindern vermittelt und deren Schlafverhalten im
Jugendalter besser kontrolliert haben.
In einer Studie bestand ein enger
Zusammenhang zwischen Depressivität und
Selbsttötungsgedanken bei Jugendlichen und der Kontrolle
der Zubettgehzeit durch die Eltern: Wenn Eltern es
zuließen, dass ihr jugendliches Kind wochentags erst nach
Mitternacht ins Bett ging, erhöhte sich für den
Jugendlichen das Risiko, an einer depressiven Störung zu
erkranken und Selbstmordgedanken zu hegen, um ein Mehrfaches.
Dieses Risiko war bei Jugendlichen, die von ihren Eltern um
22.00 Uhr oder früher ins Bett geschickt wurden, nicht zu
beobachten. Offenbar ist es also wichtig, dass Eltern die
Schlafstruktur ihrer Kinder auch dann regulieren, wenn die
Kinder schon im Jugendalter sind. Namentlich die Zubettgehzeit
scheint weiterhin noch einer Kontrolle zu bedürfen.
Studien aus verschiedenen
Industrieländern zeigen ferner, dass Wohlbefinden und
erholsamer Schlaf bei Jugendlichen mit einem günstigen
Familienklima verbunden sind.
Insgesamt legt eine Fülle an Studien
nahe, dass Jugendliche in Industrieländern auch an der
Schwelle zum Erwachsensein noch emotional von ihren Eltern
abhängig sind. Sie zeigen, dass erholsamer Schlaf und ein
hohes Maß an Wohlbefinden der Jugendlichen mit dem
Erziehungsstil, dem Schlafverhalten der Eltern und dem
Familienklima in Zusammenhang stehen.
Was können Eltern von Teenagern tun?
Gehen Sie mit gutem Beispiel voran:
Zeigen Sie, dass Schlafen wichtig ist! Halten Sie sich an einen
strukturierten Schlafrhythmus und seien Sie morgens
ausgeschlafen und gut gelaunt am Frühstückstisch! Je
besser Sie ausgeschlafen sind, desto besser können Sie
eventuelle „Verstimmungen“ Ihres Teenagers abfedern
und mildern, statt sie noch zu verstärken.
Erläutern Sie Ihrem Teenager,
dass ein erholsamer Schlaf für die Tagesfitness wichtig
ist. Mit Tagesfitness ist gemeint: Ich kann rasch und genau
denken; ich nehme meine Gefühle gut wahr und kann sie gut
steuern; ich kann Gesichtsausdruck und Verhalten meiner
Mitmenschen richtig „lesen“ und verstehen; mein
Körper ist leistungsstark.
Überdenken Sie die
Bedeutsamkeit eines TV-Geräts in einem Kinderzimmer!
Was für Kinder im Vorschul-
und Schulalter gilt, hat auch für Teenager immer noch
Gültigkeit: Elektronische Geräte wie PC, TV,
Nintendos oder Playstations abends und nachts zu benützen
bedeutet, die Zubettgeh- und Einschlafzeit zu verzögern;
also: Diese Geräte abschalten!
Loben Sie Ihren Teenager, wenn
sie/er morgens erholt und gut gelaunt beim Frühstück
erscheint.
Seien Sie beharrlich, wenn es darum
geht, dass Ihr Teenager rechtzeitig ins Bett geht und das Licht
löscht!
Gehen Sie auch bei der
körperlichen Aktivität mit gutem Beispiel voran:
Treiben Sie regelmäßig Sport und unterstützen
Sie Ihren Teenager beim Sporttreiben!
Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr
Teenager ausgeschlafen und erholt ist, nehmen Sie mit der
Schule oder Berufsausbildungsstätte Kontakt auf: Wirkt Ihr
Teenager bei Schul- und Arbeitsbeginn wach? Nehmen die
Leistungen im Laufe des Morgens schnell ab? Konsumiert er/sie
überdurchschnittlich viel Kaffee, Nikotin, Energy-Drinks?
Falls ja, sprechen Sie Ihren Teenager darauf an; teilen Sie
ihr/ihm mit, dass Sie sich um ihre/seine Tagesfitness Gedanken
machen.
Praktizieren Sie für sechs bis
zehn Wochen ein Bonus-/Malus-System: Belohnung (Taschengeld,
Ticket für Kino, Fußballspiel, Theater, Disco o. Ä.)
für das Einhalten von günstigen Schlafstrukturen;
„Punktabzug“ (z. B. Garten-/Haushaltsarbeiten;
Beitrag in die Familienkasse ), wenn die günstigen
Schlafstrukturen nicht eingehalten werden. Wichtig hierbei: Der
Teenager sollte tatsächlich erleben, dass es sich lohnt,
genügend zu schlafen!
Halten Sie einmal pro Woche eine
„Familienkonferenz“ ab: Besprechen Sie im
Familienkreis, was in der letzten Woche gut und weniger gut
gelaufen ist; planen Sie, was Sie als Familie in der
nächsten Woche gemeinsam unternehmen wollen. Organisieren
Sie mindestens ein tolles Familienerlebnis. Wozu dies alles?
Nun, ein günstiges Familienklima fördert nachweislich
den erholsamen Schlaf und die gute Befindlichkeit der Eltern
und der Teenager! Das darf es Ihnen wert sein!
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