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Nächtliches Läuten raubt den
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Ausgewählte Artikel
Heft 2/2010
Nächtliches Läuten raubt den
Schlaf
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Sylvia Rizvi
Den einen ist es Wohlklang, den anderen
ist es Lärm – Kirchenglocken. Vor allem am
nächtlichen Schlagen der Uhrzeit scheiden sich die
Geister. Und immer wieder bringen Anwohnerbeschwerden an den
Tag: Die Kirche hält den gesetzlichen Lärmschutz
nicht ein. Wie etwa in Kirchberg an der Jagst (Kreis
Schwäbisch Hall).
Ein Ort zum Träumen – mit
diesem Slogan wirbt Kirchberg an der Jagst im Internet. Doch
Roman Schmitt aus dem Stadtteil Hornberg kam nicht einmal zum
Schlafen. Das Schlafzimmer des Psychologen liegt rund zehn
Meter neben dem Kirchturm. Von dort verkündeten die
Glocken rund um die Uhr nicht nur jede Stunde, sondern auch
jede Viertelstunde. Allein zwischen 22 Uhr und sechs Uhr
morgens erschallten 134 Glockenschläge in den
nächtlichen 200-Seelen-Weiler. „Mir wird die
Nachtruhe vorenthalten“, klagte der Mittfünfziger.
Seit seinem Einzug vor über zehn Jahren litt er unter
Schlafstörungen: „Das geht auf meine Gesundheit und
Lebensqualität.“
Seit 2001 versuchte Roman Schmitt, bei der
evangelischen Kirchengemeinde und dem Ortschaftsrat Gehör
zu finden. Vergeblich. Dabei hatte die Evangelische Kirche
Württemberg bereits im Jahr 1967 für ihre Gemeinden
einen Glockenerlass herausgegeben. Grund waren sich
häufende Beschwerden. Auf den nächtlichen Zeitschlag
könne verzichtet werden, ist im Erlass zu lesen. Das
Morgenläuten solle nicht vor sieben Uhr stattfinden.
Ähnliche Empfehlungen gibt es auch in Baden und in der
katholischen Kirche.
Empfehlungen hin oder her – die 4 221
katholischen und evangelischen Gemeinden in
Baden-Württemberg entscheiden selbst, wie oft, wie laut
und wie lange ihre Glocken ertönen. Von diesem Recht
zeugen zahllose Läute-Traditionen und
„Läuteordnungen“. Auch der Einklang des
nächtlichen Soundtracks mit den Lärmschutzwerten
bleibt den gläubigen Laien überlassen. Das Gesetz
schreibt weder Behörden noch Kirchen
regelmäßige Kontrollen oder Stichproben vor. Und so
stellen Kirchen nur dank ruheloser Anwohner fest, dass ihre
Glocken zu laut sind.
Schmitt ist bei weitem nicht der einzige
Kirchenanwohner, der um eine Lärmminderung ersucht. Ob in
Stuttgart, Reutlingen oder Tübingen, ob in Heilbronn oder
im badischen Rheinau-Memprechtshofen, immer wieder sind die
Kirchenglocken Stein des Anstoßes. Die einen beschweren
sich übers nächtliche Stundenschlagen, die anderen
über das Gebetsläuten im Morgengrauen. Die Klagen
kommen keineswegs nur von Konfessionslosen, weiß der
Glockensachverständige Kurt Kramer vom ökumenischen
Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen.
„Sie kommen zur Hälfte von
Kirchenmitgliedern.“
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Lärmschutzmessung kostenlos
Wie viele Beschwerden und
Lärmschutzverletzungen es in Baden-Württemberg und
Deutschland gibt, weiß niemand – oder will
vielleicht auch niemand an die große Glocke hängen.
Daten sammeln weder Landratsämter noch Kirchengemeinden.
Dort nämlich können Betroffene Beschwerde einreichen
und kostenlos eine Lärmschutzprüfung beantragen. Auch
die oberen Instanzen der zwei Landeskirchen in
Baden-Württemberg nennen keine Gesamtzahlen. Sie
erführen nicht von allen Fällen, sagt etwa Christian
Müller von der Evangelischen Landeskirche in
Württemberg. „Manche Kirchengemeinden teilen uns
dies mit und beziehen uns aktiv in die Lösung der
Beschwerdefälle ein.“ Andere dagegen regelten die
Sache unter sich. Regelmäßig berichten dagegen
Zeitungen oder Internetportale wie www.nachtruhe.info über
Glockenkonflikte und gesetzwidrige Lärm-Emissionen.
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Im August 2009 bat Roman Schmitt das
Landratsamt in Schwäbisch Hall um Hilfe. Die Behörde
veranlasste eine Lärmmessung. Bis zu 76, 5 Dezibel
maßen die Beamten zur Schlafenszeit. Das war fast so laut
wie ein Rasenmäher mit Benzinmotor. Erlaubt sind 65
Dezibel.
Mit dem Lärmschutz will der
Gesetzgeber die Gesundheit seiner Bürger schützen.
Werden die zulässigen Werte überschritten, leiden
Menschen unter Schlafstörungen, Stress-Symptomen,
erhöhtem Blutdruck und der dauerhaften Schädigung
ihrer Gesundheit, warnt das Bundesumweltamt.
Roman Schmitt traf sich Ende Oktober mit
dem Pfarrer der Kirchengemeinde Hornberg. „Wir werden den
Glockensachverständigen der Evangelischen Kirche
hinzuziehen“, erklärte ihm der Geistliche Alfred
Holbein. Der Experte sollte beurteilen helfen, ob
Schallschutzläden Abhilfe schaffen, eine andere
Einstellung des Glockenklöppels zur Lärmdämmung
beiträgt – oder ob die Glocken nachts ruhen.
„Wir haben uns redlich bemüht, sachlich miteinander
zu reden und verschiedene Lösungsmöglichkeiten
diskutiert“, sagt Schmitt. Seit Dezember 2009 ist nun der
76,5 Dezibel laute Glockenschlag zwischen 22 Uhr nachts und
sechs Uhr morgens abgestellt. Für die Überschreitung
der Lärmschutzwerte hat sich die evangelische Gemeinde nie
bei Roman Schmitt entschuldigt.
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