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Nächtliches Läuten raubt den Schlaf
Sylvia Rizvi

Den einen ist es Wohlklang, den anderen ist es Lärm – Kirchenglocken. Vor allem am nächtlichen Schlagen der Uhrzeit scheiden sich die Geister. Und immer wieder bringen Anwohnerbeschwerden an den Tag: Die Kirche hält den gesetzlichen Lärmschutz nicht ein. Wie etwa in Kirchberg an der Jagst (Kreis Schwäbisch Hall).

 Ein Ort zum Träumen – mit diesem Slogan wirbt Kirchberg an der Jagst im Internet. Doch Roman Schmitt aus dem Stadtteil Hornberg kam nicht einmal zum Schlafen. Das Schlafzimmer des Psychologen liegt rund zehn Meter neben dem Kirchturm. Von dort verkündeten die Glocken rund um die Uhr nicht nur jede Stunde, sondern auch jede Viertelstunde. Allein zwischen 22 Uhr und sechs Uhr morgens erschallten 134 Glockenschläge in den nächtlichen 200-Seelen-Weiler. „Mir wird die Nachtruhe vorenthalten“, klagte der Mittfünfziger. Seit seinem Einzug vor über zehn Jahren litt er unter Schlafstörungen: „Das geht auf meine Gesundheit und Lebensqualität.“
Seit 2001 versuchte Roman Schmitt, bei der evangelischen Kirchengemeinde und dem Ortschaftsrat Gehör zu finden. Vergeblich. Dabei hatte die Evangelische Kirche Württemberg bereits im Jahr 1967 für ihre Gemeinden einen Glockenerlass herausgegeben. Grund waren sich häufende Beschwerden. Auf den nächtlichen Zeitschlag könne verzichtet werden, ist im Erlass zu lesen. Das Morgenläuten solle nicht vor sieben Uhr stattfinden. Ähnliche Empfehlungen gibt es auch in Baden und in der katholischen Kirche.
Empfehlungen hin oder her – die 4 221 katholischen und evangelischen Gemeinden in Baden-Württemberg entscheiden selbst, wie oft, wie laut und wie lange ihre Glocken ertönen. Von diesem Recht zeugen zahllose Läute-Traditionen und „Läuteordnungen“. Auch der Einklang des nächtlichen Soundtracks mit den Lärmschutzwerten bleibt den gläubigen Laien überlassen. Das Gesetz schreibt weder Behörden noch Kirchen regelmäßige Kontrollen oder Stichproben vor. Und so stellen Kirchen nur dank ruheloser Anwohner fest, dass ihre Glocken zu laut sind.
Schmitt ist bei weitem nicht der einzige Kirchenanwohner, der um eine Lärmminderung ersucht. Ob in Stuttgart, Reutlingen oder Tübingen, ob in Heilbronn oder im badischen Rheinau-Memprechtshofen, immer wieder sind die Kirchenglocken Stein des Anstoßes. Die einen beschweren sich übers nächtliche Stundenschlagen, die anderen über das Gebetsläuten im Morgengrauen. Die Klagen kommen keineswegs nur von Konfessionslosen, weiß der Glockensachverständige Kurt Kramer vom ökumenischen Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen. „Sie kommen zur Hälfte von Kirchenmitgliedern.“

Weltliches und kirchliches Läuten
Glockenläuten ist in Deutschl

Lärmschutzmessung kostenlos
Wie viele Beschwerden und Lärmschutzverletzungen es in Baden-Württemberg und Deutschland gibt, weiß niemand – oder will vielleicht auch niemand an die große Glocke hängen. Daten sammeln weder Landratsämter noch Kirchengemeinden. Dort nämlich können Betroffene Beschwerde einreichen und kostenlos eine Lärmschutzprüfung beantragen. Auch die oberen Instanzen der zwei Landeskirchen in Baden-Württemberg nennen keine Gesamtzahlen. Sie erführen nicht von allen Fällen, sagt etwa Christian Müller von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. „Manche Kirchengemeinden teilen uns dies mit und beziehen uns aktiv in die Lösung der Beschwerdefälle ein.“ Andere dagegen regelten die Sache unter sich. Regelmäßig berichten dagegen Zeitungen oder Internetportale wie www.nachtruhe.info über Glockenkonflikte und gesetzwidrige Lärm-Emissionen.

Glockenerlass
Schon länger beschäftigt die Kirchen auch die Fra

Im August 2009 bat Roman Schmitt das Landratsamt in Schwäbisch Hall um Hilfe. Die Behörde veranlasste eine Lärmmessung. Bis zu 76, 5 Dezibel maßen die Beamten zur Schlafenszeit. Das war fast so laut wie ein Rasenmäher mit Benzinmotor. Erlaubt sind 65 Dezibel.
Mit dem Lärmschutz will der Gesetzgeber die Gesundheit seiner Bürger schützen. Werden die zulässigen Werte überschritten, leiden Menschen unter Schlafstörungen, Stress-Symptomen, erhöhtem Blutdruck und der dauerhaften Schädigung ihrer Gesundheit, warnt das Bundesumweltamt.
Roman Schmitt traf sich Ende Oktober mit dem Pfarrer der Kirchengemeinde Hornberg. „Wir werden den Glockensachverständigen der Evangelischen Kirche hinzuziehen“, erklärte ihm der Geistliche Alfred Holbein. Der Experte sollte beurteilen helfen, ob Schallschutzläden Abhilfe schaffen, eine andere Einstellung des Glockenklöppels zur Lärmdämmung beiträgt – oder ob die Glocken nachts ruhen. „Wir haben uns redlich bemüht, sachlich miteinander zu reden und verschiedene Lösungsmöglichkeiten diskutiert“, sagt Schmitt. Seit Dezember 2009 ist nun der 76,5 Dezibel laute Glockenschlag zwischen 22 Uhr nachts und sechs Uhr morgens abgestellt. Für die Überschreitung der Lärmschutzwerte hat sich die evangelische Gemeinde nie bei Roman Schmitt entschuldigt.