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Endlich frei von Rückenschmerzen!
Neue Strategien gegen den Folterknecht
im eigenen Körper |
Ausgewählte Artikel
Heft 1/2010
Endlich frei von Rückenschmerzen!
Neue Strategien gegen
den Folterknecht im eigenen Körper ![]() ![]()
Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe ist
Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Schmerztherapie, der größten deutschsprachigen
Fachgesellschaft, die sich für ein besseres
Verständnis und eine bessere Diagnostik und Therapie des
chronischen Schmerzes einsetzt. Außerdem leitet er das
Regionale Schmerz- und Palliativ-Zentrum Göppingen.
Schmerz- und Palliativ-Zentrum
Göppingen
Dr. med.
Gerhard H. H. Müller-Schwefe
Schillerplatz 8/1
73033 Göppingen
Tel.: 07161 9764-5
Fax: 07161 9764-97
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Laut Umfragen leiden rund 70% aller
Bundesbürger zumindest gelegentlich unter
Rückenschmerzen. Bei vielen Menschen entwickeln sich die
Schmerzen mit der Zeit zum Dauerbegleiter und schränken
Lebensqualität und Leistungsfähigkeit immer mehr ein.
Nicht nur der Tag, auch die Nacht wird zur Qual, weil man nicht
mehr richtig schlafen kann. Hilfe ist für solche Patienten
schwer zu finden, da die Schmerztherapie nach wie vor nicht
Teil der Ausbildung unserer Ärzte ist. Daher haben viele
Rückenschmerzpatienten eine jahrelange Odyssee von Arzt zu
Arzt hinter sich. Geholfen wird ihnen oft erst in einem
spezialisierten Schmerzzentrum. Wir sprachen mit Dr. med.
Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen
Gesellschaft für Schmerztherapie, darüber, wie man
Rückenschmerzen in den Griff bekommt.
Wie gehen Sie vor, wenn ein
Rückenschmerzpatient zu Ihnen kommt?
Zunächst einmal ist eine
ausführliche Erhebung der Krankheitsgeschichte und ein
Überblick über die bisherige Diagnostik notwendig.
Bevor das erste Gespräch mit dem Arzt stattfindet, muss
der Patient bereits einen Fragebogen ausfüllen. Dort wird
danach gefragt, wie sein Schmerz sich entwickelt hat und ob er
sich dadurch in seinem täglichen Leben und seiner
Lebensqualität beeinträchtigt fühlt: Wie gut
schläft er, wie ist seine Stimmung, inwieweit ist er noch
in der Lage, sein Leben selbst zu bestimmen? Einige Fragen
zielen auf Angst und Depressivität ab, denn Patienten mit
Rückenschmerzen können nicht mehr so intensiv am
Leben teilnehmen wie gesunde Menschen; das verursacht
Zukunftsängste und macht depressiv. Die Antworten auf
diese standardisierten Testfragen werden dann ausgewertet; und
so habe ich beim Erstgespräch mit dem Patienten bereits
eine ungefähre Vorstellung von seinem Problem.
Dann findet das Anamnesegespräch
statt, in dem der Arzt die Vorgeschichte des Patienten erfragt
und versucht, sich ein genaues Bild von seinen Beschwerden zu
machen: nicht nur, welcher Art und wie stark der Schmerz ist
und wo er lokalisiert ist, sondern auch, was ihn auslöst,
was ihn verstärkt oder bessert und welche
Begleiterscheinungen dabei auftreten. Wir veranschlagen
für so ein Erstgespräch mit Untersuchung mindestens
anderthalb Stunden; im Rahmen einer Fünf-Minuten-Medizin
geht so etwas gar nicht. Nur ein ausführliches
Gespräch liefert dem Arzt Hinweise darauf, wo die Probleme
liegen und wie der Schmerz entstanden sein könnte.
Wie läuft die körperliche
Untersuchung ab?
Dazu muss der Patient sich ausziehen.
Viele Patienten wundert das; aber egal, ob jemand an Kopf- oder
Rückenschmerzen leidet – wer den Patienten nicht im
ausgezogenen Zustand untersucht, kann eigentlich keinerlei
Aussagen über ihn machen. Der Patient wird zunächst
auf Anomalien oder Fehlhaltungen (z. B. ein schiefes Becken
oder Verbiegungen der Wirbelsäule) untersucht. Viel
entscheidender aber ist die Funktionsuntersuchung, d. h. man
untersucht die Funktion der einzelnen Beckenabschnitte und der
Wirbelsäule. Denn viele Schmerzen sind nicht auf
Veränderungen der Struktur (also auf Knochenbrüche
oder gedrehte Wirbelsäulen) zurückzuführen,
sondern auf Funktionsstörungen; und die kann man nur im
Rahmen einer funktionellen Untersuchung feststellen.
Viele meiner Patienten bringen zum ersten
Gespräch schon dicke Tüten mit Röntgenbildern,
Kernspintomogrammen und CTs mit; aber diese Bilder sind nur
teilweise aussagekräftig. Das eigentlich Entscheidende
sieht man darauf häufig nicht. Das ist so, wie wenn man
ein Foto von einem klingelnden Telefonapparat macht: Da sieht
man alles, nur nicht, dass gerade jemand anruft.
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Und wie gehen Sie bei der
Untersuchung vor?
Der Patient wird zunächst im Stehen
von hinten inspiziert. Man schaut nach Parallelpunkten, z. B.
nach den Beckenkämmen, die beim gesunden Menschen parallel
stehen, und nach Knochendornen an der Darmbeinschaufel hinten
und vorne, die ebenfalls parallel stehen müssen – da
kann es schon Fehlstellungen geben. Beispielsweise kann das
Becken in sich verdreht sein (wir sprechen in so einem Fall von
einer Beckenverwringung); dann sind diese Parallelpunkte eben
nicht parallel, sondern das Becken steht auf einer Seite
tiefer, und die Knochendorne der Darmbeine sind unterschiedlich
hoch. Dadurch kommt eine ganze Kette ungünstiger
Reaktionen in Gang, die man bei der Untersuchung auch sieht:
Die Wirbelsäule kommt nicht mehr aus dem geraden, sondern
aus einem schräg stehenden Becken heraus, und sie geht
nicht senkrecht nach oben, sondern ist seitlich verkrümmt.
Denn der Patient versucht automatisch, seinen Kopf wieder ins
Lot zu bringen, indem er die Wirbelsäule verkrümmt
und die Muskulatur ungleich anspannt. So kommt einseitige
Spannung in die Rückenmuskulatur; und diese
verkürzten Muskeln verursachen oft Schmerzen.
Außerdem kommt es durch solche Fehlstellungen zu
Spannungen in den Bändern, die Becken und Wirbelsäule
stabilisieren und verstreben; auch diese Spannungszustände
lösen Rückenschmerzen aus, die typischerweise
entweder nach oben oder nach unten ins Gesäß oder
auch ins Bein ausstrahlen können und oft
fälschlicherweise als Ischiasschmerzen interpretiert
werden.
Nach dieser Inspektion, also dem Anschauen
des Patienten, kommt das Abtasten und schließlich die
Funktionsuntersuchung: Der Patient muss sich nach vorn neigen,
damit der Arzt sieht, ob er das überhaupt kann und ob sich
die Wirbelsäule richtig entfaltet. Man erkennt dabei auch
Ungleichgewichte in der Muskulatur – also ob Muskeln der
körperaufrichtenden Muskelkette auf der einen Seite
verkürzt sind. Das äußert sich als Muskelwulst,
den man beim Vorbeugen sieht: Auf der einen Seite ist dann mehr
Muskelmasse als auf der anderen. All das sind Dinge, die man
nur feststellen kann, wenn man den Patienten in ausgezogenem
Zustand untersucht, anfasst und er sich bewegen lässt. Wir
untersuchen auch die Seitneigung der Wirbelsäule, denn
Einschränkungen in diesem Bereich weisen ebenfalls
häufig auf Fehlstellungen hin; anschließend muss der
Patient sich nach hinten neigen. Diese Untersuchungen sagen
etwas über die Beweglichkeit der Wirbelsäule und
deren Zusammenhang zum Becken aus.
In Bauchlage wird dann untersucht, ob sich
die Wirbelsäule in der Atmung frei entfaltet und ob die
Kreuzdarmbeingelenke beweglich sind. Das sind die Gelenke, die
die Hüfte (die am Darmbein festgemacht ist) mit der
Wirbelsäule verbinden und federnd sein müssen. Bei
vielen Rückenschmerzpatienten kommen die Beschwerden
daher, dass diese Gelenke gestört und nicht beweglich
sind. Als Nächstes untersucht man die
körperaufrichtende Muskulatur im Lenden- und
Brustwirbelsäulenbereich, aber auch die Muskeln im
Gesäß, denn dort gibt es viele Haltemuskeln, die bei
Rückenschmerzen eine wichtige Rolle
spielen können, weil sie sich oft verkürzen und
nicht mehr normal funktionieren. Diese Patienten können
meist nicht lange sitzen, sondern klagen schon nach
kurzer Zeit über massive Schmerzen. Und man untersucht die
Beweglichkeit der Hüfte – denn auch das
Hüftgelenk kann, wenn es abgenützt ist,
Rückenschmerzen auslösen. Durch eine einfache
Innenrotation des Hüftknochens kann der Arzt schnell
feststellen, ob eine Störung vorliegt.
Woran erkennt man, ob ein
Bandscheibenvorfall die Ursache ist?
Dafür gibt es verschiedene
Untersuchungen. Der Arzt hebt z. B. in Rückenlage das
gestreckte Bein des Patienten hoch. Wenn eine Nervenwurzel
unter dem Druck einer vorgefallenen Bandscheibe leidet, kann
der Patient mit dem Bein nicht sehr weit hochgehen, denn
dadurch wird der Nerv sofort irritiert, was Schmerzen
verursacht – ein deutlicher Hinweis auf ein
Bandscheibenproblem. Auch durch Untersuchungen der
Muskelreflexe kann man eine Bandscheibenschädigung als
Ursache der Beschwerden ausschließen. Außerdem
überprüfen wir die Sensibilität, also das
Oberflächengefühl des Patienten, z. B. mit
Nadelrädern oder durch eine Kalt-warm-Untersuchung. Ist
die Sensibilität in einem bestimmten Segment gestört,
ist das ein Zeichen dafür, dass eine Bandscheibe auf eine
Nervenwurzel drückt.
Diese orientierende Untersuchung dauert
nicht lange – innerhalb von zehn Minuten weiß man
schon sehr viel über den Patienten. Und wenn man dabei
Hinweise darauf bekommt, dass irgendwo Schäden vorliegen
(z. B. am Hüftgelenk oder an der Bandscheibe), muss man
genauer hinsehen. Dann sind unter Umständen auch
Röntgenuntersuchungen, Computer- oder Kernspintomografien
sinnvoll – aber man sollte nicht bei jedem Patienten
routinemäßig solche teuren und oft unnötigen
Untersuchungen durchführen. Am Anfang muss die
körperliche Untersuchung stehen, die dann eventuell den
Hinweis darauf gibt, dass ein bestimmtes Problem
zusätzlich bildgebend untersucht werden sollte.
Wenn man die Patienten so untersucht,
stellt man häufig fest, dass sie zwar mit der Diagnose
„Bandscheibenschaden“ zum Schmerztherapeuten
gekommen sind, in Wirklichkeit aber etwas ganz anderes haben.
Vielleicht leiden sie tatsächlich an einem
Bandscheibenvorfall, und das ist ja auch völlig normal; im
Alter von über 40 Jahren gehören
Bandscheibenvorfälle zu den Normalbefunden.
Mit der Bandscheibe ist es genauso wie mit
der Haut: Sie bleibt nicht 20 Jahre jung, sondern wird
älter und verändert sich. So können
Bandscheibenvorfälle entstehen, die oft völlig
bedeutungslos sind. Problematisch werden sie nur dann, wenn sie
Druck auf eine Nervenwurzel ausüben.
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Wenn es die Bandscheiben nicht sind
– wo liegen dann die Hauptursachen von
Rückenschmerzen? Warum bekommen manche Menschen
Rückenbeschwerden und andere (trotz ähnlicher
Belastungen) nicht?
Die häufigsten Ursachen rühren
mit Sicherheit von der Muskulatur und dem Bewegungssystem her
– von Fehlstellungen und Fehlfunktionen, verkürzten
oder zu schwachen Muskeln, die zu einer muskulären
Dysbalance führen. Diese Störungen haben ihren
Auslöser oft in Unfällen oder Verletzungen, die man
nicht ernst nimmt, weil man gar nicht daran denkt, dass sie
Auswirkungen auf den Rücken haben können. Das kann z.
B. ein gebrochener Fuß mit einer einseitigen Belastung
sein, weil der Patient drei Wochen lang im Gips laufen musste.
Dadurch entsteht eine Fehlfunktion – niemand achtet
darauf, und sie wird anschließend dauerhaft beibehalten.
Aber auch Abnutzungen von Gelenken (Arthrosen) können dazu
führen, dass jemand seine Muskulatur ungleich belastet;
ferner können einseitige Belastungen am Arbeitsplatz
vorliegen, obwohl das nicht die häufigste Schmerzursache
ist.
Hinter Rückenschmerzen können
auch Stürze stecken, bei denen man sich nichts gebrochen
hat, wohl aber Gelenke blockiert wurden, z. B. bei einem Sturz
auf den Kopf. Dadurch können Störungen in der
Funktion der Hals-Kopf-Gelenke (also der Verbindungen von der
Halswirbelsäule zur Schädelbasis) entstehen. Aus
dieser Region erhält das Gehirn sehr viele Informationen
über das ganze Bewegungssystem und steuert darüber
auch den gesamten Bewegungsapparat. Störungen im Bereich
der oberen Halswirbelsäule führen daher häufig
zu Veränderungen der gesamten körperaufrichtenden
Muskelkette und damit auch zu Kreuzschmerzen.
Auch eine Operation kann dazu führen,
dass später Rückenschmerzen auftreten. Denn bei einer
OP wird der Patient häufig in ungünstigen Positionen
gelagert, und da er unter Narkose steht, kann er sich nicht
dagegen wehren. Dabei kann es z. B. zu Verspannungen an
Bändern kommen. Wir fragen unsere
Rückenschmerzpatienten daher immer: Haben Sie Kinder?
Hatten Sie einen Kaiserschnitt oder sonstige Operationen und
Verletzungen? Sogar Fehlstellungen der Zähne können
zu Rückenproblemen führen. Denn dadurch kann die
Muskulatur im Kauapparat, die ja ein Teil der
körperaufrichtenden Muskulatur ist, in Mitleidenschaft
gezogen werden. Diese Störung setzt sich dann über
die gesamte körperaufrichtende Muskelkette fort, und
plötzlich klagen die Patienten über Kreuzschmerzen.
Ebenso können Gesichts- und Kieferschmerzen durch eine
Fehlstellung des Kreuzes entstehen. Das hängt alles
zusammen, und deshalb muss man es auch zusammen untersuchen.
Daher ist in unseren Schmerzkonferenzen, in denen wir
Problempatienten besprechen, stets auch der Zahnarzt mit dabei
und schaut dem Patienten in den Mund, um festzustellen, ob
Störungen oder Fehlstellungen des Gebisses vorliegen.
Welche Rolle spielt die Psyche bei
Rückenschmerzen?
Psychische Belastungen sind ein wichtiger
ursächlicher Faktor, denn wir speichern seelische
Belastungen sehr stark in unserer Muskulatur. Der Volksmund
kennt dafür viele Redewendungen: z. B. dass man in einer
bestimmten Situation „den Kopf einziehen“ muss. Wie
macht man das? Der Kopf sitzt relativ stabil auf der
Wirbelsäule; man muss also die Schultern hochziehen, und
das tut man mithilfe der Muskulatur. Menschen, die viele
Nackenschläge bekommen, ziehen eben ständig die
Schultern hoch und spannen ihre Muskulatur permanent an. Und so
äußert psychische Anspannung sich häufig auch
in Rückenschmerzen. Wir wissen heute, dass die Prognose
eines Rückenschmerzpatienten viel stärker davon
abhängt, wie seine Situation am Arbeitsplatz, das
Verhältnis zu den Kollegen und seine Partnerbeziehung ist,
als davon, wie weit seine Bandscheibe sich vorwölbt.
Psychosoziale Komponenten spielen gerade bei
Rückenschmerzen eine enorme Rolle – was nicht etwa
bedeutet, dass der Patient sich seine Schmerzen nur einbildet,
sondern dass die Seele massiven Einfluss auf körperliche
Veränderungen nimmt. Das gilt natürlich auch
umgekehrt: Denn wer ständig Schmerzen hat, der wird nicht
mehr fröhlich. Ärzte sprechen in diesem Zusammenhang
von einem schmerzbedingten Psychosyndrom, weil diese Patienten
schmerzbedingt keine Lebenslust mehr haben, sich
zurückziehen, missmutig oder traurig werden und dann auch
keine angenehme Gesellschaft mehr für andere Menschen
sind. Das spüren sie wiederum und ziehen sich daraufhin
noch weiter zurück – ein Teufelskreis.
Solche schmerzbedingten seelischen
Veränderungen kann man nicht einfach nur mit
Antidepressiva behandeln; diese Patienten brauchen eine
Schmerztherapie.
Welches sind denn die wichtigsten
Therapiemaßnahmen bei Rückenschmerzen?
Rückenschmerzen werden stets mit
mehreren Therapiebausteinen behandelt, die zusammengehören
und sich gegenseitig ergänzen. Zunächst muss man die
zugrunde liegende Fehlstatik korrigieren, d. h. verkürzte
Muskeln entspannen und abgeschwächte Muskeln auftrainieren
– also die korrekte Statik wiederherstellen.
Der zweite Therapiebaustein besteht darin,
die körpereigene Schmerzkontrolle zu stimulieren. Unser
Körper hat ein eigenes Schmerzkontrollsystem, das mit
Endorphinen (also körpereigenen Morphinen) und
Endocannabinoiden (körpereigenem „Cannabis“)
arbeitet. Diese Systeme kann man stimulieren, beispielsweise
mit Reizstrom oder Akupunktur.
Außerdem muss man die
ungünstigen Lernprozesse, die im Lauf der
Schmerzentstehung und -chronifizierung in Gang gekommen sind,
unterbrechen. Lernen bedeutet nichts anderes, als dass sich die
Steuerung der Nerven durch wiederholte Information
verändert. Deshalb können wir das kleine Einmaleins
gut, beim großen hapert es schon, und wenn wir noch
größere Zahlen multiplizieren müssen, wird es
schwierig. Dafür haben wir kein Gedächtnis, weil wir
es nicht geübt haben. Vokabeln lernt man ja auch durch
Wiederholen. Irgendwann hat man sie im Kopf, und dann fallen
sie einem sofort ein, wenn man sie braucht. Mit Schmerzen ist
es genauso: Wenn man Schmerzen ständig wiederholt,
ändert sich die Steuerung der Nervenzelle. Was wir salopp
als „Schmerzgedächtnis“ bezeichnen, bedeutet
eigentlich nur, dass diese Nervenzellen jetzt anders reagieren,
als wenn sie nichts gelernt hätten, und auf geringe Reize
– Dehnung, Kälte, Druck, Zug etc. – mit
Schmerzsignalen reagieren. Also muss man den
Schmerzinformationsfluss unterbrechen, da-mit diese
Lernprozesse nicht immer weitergehen. Dazu braucht man oft auch
Arzneimittel, vor allem solche, die Nervenzellen stabiler
machen. Also nicht so sehr die klassischen Schmerzmittel wie
Aspirin & Co., die eher von geringem Nutzen sind, sondern
nervenzellmembranstabilisierende Medikamente. Bewährt hat
sich hier z. B. die Substanz Flupirtin (Katadolon®).
Und der Patient muss auch lernen, seinen
Körper und sein Schmerzempfinden selbst zu steuern. Denn
letztendlich besteht das Ziel darin, dass er sich selber helfen
kann, damit er nicht sein Leben lang immer zum Arzt oder
Physiotherapeuten gehen muss. Durch Biofeedback können
Patienten lernen, ihre Muskulatur zu beeinflussen. Dabei greift
man biologische Signale wie die Muskelspannung ab, macht sie am
Computerbildschirm sichtbar und hörbar, und über
diese Rückkoppelung lernt der Patient, wie angespannt
seine Muskulatur gerade ist, aber auch, was er tun kann, um sie
wieder zu lockern. Auch durch Verfahren der therapeutischen
Lokalanästhesie (Injektionen von örtlichen
Betäubungsmitteln in „Triggerpunkte“) kann man
den Fehlinformationsfluss zwischen Rücken und Gehirn
unterbrechen. Das ist eine Maßnahme, die v. a. den
weiteren Chronifizierungsprozess der Rückenschmerzen
verhindert. Auch mit Botulinumtoxin – einem Medikament,
das die Informationsübertragung vom Nerv auf den Muskel,
die zur Anspannung führt, unterbricht – kann man die
Muskulatur langfristig entspannen. Das praktizieren wir bei
muskulär bedingten Schmerzen sehr erfolgreich; man muss
das Medikament nur an die richtigen Triggerpunkte injizieren.
Und bei der extrakorporalen Stoßwellentherapie werden
hochdosierte Ultraschallwellen (so wie diejenigen, mit denen
man Gallen- und Nierensteine zertrümmert) an verspannten
Muskeln appliziert, die sich dadurch lockern.
Sobald die Schmerzen ein wenig
zurückgegangen sind, kommen Koordinationstraining und
Muskelaufbau ins Spiel. Aber die Patienten jetzt einfach ins
Fitnessstudio zu schicken, ist häufig nicht
zielführend. Wir beginnen meistens mit
Koordinationstraining, weil bei Rückenschmerzpatienten die
Koordination gestört ist – sie können sich
nicht mehr so symmetrisch bewegen, wie Gesunde, weil Muskeln
und Bänder verkürzt sind und weil sie bestimmte
Bewegungsabläufe oft über lange Zeit falsch
„geübt“ haben. Dann kommt zunehmend
Krafttraining und schließlich Ausdauertraining dazu. Gut
geschulte Physiotherapeuten können diese Therapien
durchführen.
Entscheidend ist allerdings, dass das
therapeutische Team – Schmerztherapeut, Physiotherapeut
und Psychologe – sich untereinander abspricht. Denn
Menschen sind sehr individuell, und man kann nicht mit einem
Strickmuster allen helfen.
Rückenschmerzpatienten schlafen
ja oft auch schlecht, weil es ihnen Schmerzen bereitet, gerade
auf dem Rücken zu liegen; und in der Seitenposition zwickt
es häufig in der Schulter. Wie sollten Bett und
Matratze beschaffen sein, um ein möglichst
schmerzloses Schlafen zu ermöglichen?
Früher lautete die Philosophie: Das
Bett soll möglichst hart sein; am besten, man legt sich
ein Brett unter die Matratze, die auch nicht zu dick und weich
sein sollte – dann schläft man besser. Das ist so
sicherlich nicht richtig. Die Matratze sollte sich so an den
Körper anpassen, dass man ohne große Druckpunkte
darauf liegen kann.
Entscheidend ist, dass man sich wohl
fühlt, wenn man im Bett liegt. Und da die Anatomie von
Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich ist, müssen
auch die Betten unterschiedlich sein – das eine Bett, das
für alle gut ist, gibt es nicht. Doch Wasserbetten
üben weniger Druck auf die einzelnen Körperareale aus
und sind daher für viele Rückenschmerzpatienten
besser geeignet.
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