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Der Stoff, aus dem die Träume sind ...
Einblicke in die Welt der Traumforschung
Ausgewählte Artikel
Heft 3/2008

Einblicke in die Welt der Traumforschung

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Prof. Dr. phil. Michael Schredl ist weltweit einer der führenden Traumforscher. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg) und wurde im Mai 2008 von der Universität Mannheim, Sozialwissenschaftliche Fakultät, zum Außerplanmäßigen Professor ernannt.
von Prof. Michael Schredl

Träume haben uns Menschen schon immer fasziniert. Was bedeuten sie? Können sie mir helfen, mein tägliches Leben besser zu bewältigen? Oder ermöglichen sie mir gar einen Blick in die Zukunft? Diese Fragen stellen sich viele Menschen angesichts ihres verwirrenden nächtlichen Kopfkinos. Seit 1900 (Sigmund Freuds „Traumdeutung“) und seit 1950, dem Beginn der modernen Schlafforschung, gibt es auch einen Wissenschaftszweig, der sich mit dieser Frage beschäftigt: die Traumforschung.

Die Traumforschung definiert Träume als „psychische Aktivität während des Schlafs“ und hat eine ganze Reihe von Methoden entwickelt, um unseren nächtlichen Traumwelten auf die Schliche zu kommen.
Die wichtigste Voraussetzung, um Träume zu erforschen bzw. mit ihnen arbeiten zu können, ist die Traumerinnerung. Wenn sich nie jemand morgens an seine Träume erinnern würde, gäbe es auch keine Traumforschung oder Traumarbeit. Zum Glück existieren jedoch verschiedene Techniken, um herauszufinden, was Menschen in der Nacht träumen und wie oft sie sich beim Aufwachen überhaupt noch daran erinnern. Die einfachste Methode sind Fragebögen: Die Probanden werden gebeten, auszufüllen, wie häufig sie sich in der letzten Zeit an ihre Träume erinnert haben. Bei einer größeren repräsentativen Studie, die ich vor kurzem in der deutschen Bevölkerung durchführte, lag die durchschnittliche Traumerinnerung der befragten Personen bei knapp einmal pro Woche.
Eine weitere gute Methode besteht darin, ein Traumtagebuch zu führen. Sie eignet sich vor allem für Menschen, die sich normalerweise nicht so gut an ihre Träume erinnern. Bei diesem Verfahren werden die Probanden gebeten, zwei Wochen lang jeden Morgen aufzuschreiben, ob sie sich an einen Traum erinnert haben – und wenn ja, diesen Traum in ihrem Tagebuch möglichst genau zu schildern. Bei dieser Methode ist die Ausbeute mit durchschnittlich zwei Traumberichten pro Woche schon ziemlich gut.

Das Gehirn schläft nie
Man kann die Probanden aber auch verkabelt ins Schlaflabor legen, sie nachts aus bestimmten Schlafphasen wecken und sofort nach dem Wecken über eine Gegensprechanlage befragen, ob sie geträumt haben oder nicht. Mit dieser Methode wurden schon ziemlich viele Studien durchgeführt, und zwar mit interessanten Ergebnissen: Wenn man Probanden im REM-Schlaf, der durch schnelle Augenbewegungen (rapid eye movements = REM) gekennzeichnet ist und früher als einzige Schlafphase galt, in der wir träumen, weckt, erinnern sich von jungen, gesunden Schläfern über 80% noch an einen Traum und können ihn auch berichten. Doch auch in anderen Schlafstadien führen immer noch fast 50% der Weckungen zum Trauminhalt. Deshalb geht man heute davon aus, dass wir letztendlich immer träumen – in allen Schlafphasen. Das Gehirn bzw. das Bewusstsein schläft nie; es ist immer aktiv, auch wenn wir subjektiv den Eindruck haben, völlig „weg“ zu sein.
Untersuchungen zeigen, dass unsere Träume sich in den verschiedenen Schlafphasen in ihrem Charakter voneinander unterscheiden können. Die Träume der REM-Schlafphase, in der das Gehirn am aktivsten ist, sind in der Regel am emotionalsten, bildhaftesten und auch am längsten, während die Träume anderer Schlafstadien eher kürzer sind und mehr gedankenartigen Charakter haben.
Natürlich hat die Traumforschung auch untersucht, warum manche Menschen sich häufiger und andere weniger häufig an Träume erinnern. Es gibt  Personen, die fast jeden Morgen über Träume berichten können, während andere sich schon seit Jahren an keinen Traum mehr erinnern. Man hat herausgefunden, dass sich Frauen häufiger an Träume erinnern als Männer. Woran das liegt, ist noch ungeklärt. Ferner weiß man, dass auch Menschen, die schlecht schlafen, sich an mehr Träume erinnern – was ja eigentlich ganz logisch ist: Wer nachts häufiger aufwacht, dem bleiben zwangsläufig mehr Träume im Gedächtnis haften. Auch Stress führt über einen schlechten Schlaf zu einer häufigeren Traumerinnerung. Und auch mit dem Charakter hat die Anzahl der erinnerten Träume etwas zu tun: Persönlichkeitstypen, die offen gegenüber neuen Erfahrungen sind, und kreative Menschen erinnern sich besonders häufig an ihre Träume.
Die meisten Faktoren, die die Traumerinnerung beeinflussen, versteht man bis heute aber nur ungenügend. Die Forschung wird nicht zuletzt durch die Tatsache erschwert, dass die Traumerinnerung sehr leicht beeinflussbar ist. In einer Studie, die ich mit Psychologiestudenten durchführte, mussten die Versuchspersonen vor der Studie angeben, wie häufig sie sich an Träume erinnerten: Das waren im Durchschnitt ungefähr zwei Träume pro Woche. Als Nächstes bat ich sie, über 14 Tage ein Traumtagebuch auszufüllen und immer anzukreuzen, ob sie sich an einen Traum erinnerten oder nicht – mit überraschendem Ergebnis: Schon allein durch das regelmäßige Führen eines Traumtagebuchs erhöhte sich die Anzahl der erinnerten Träume. Naturwissenschaftler glauben oft, dass die aufwendigste und technischste Untersuchungsmethode zwangsläufig auch die beste ist. In der Traumforschung muss man in dieser Hinsicht allerdings ein bisschen vorsichtig sein. Denn nicht nur die Traumerinnerung ist leicht beeinflussbar; auch die Träume sind es. Studien haben gezeigt, dass Probanden, die im Schlaflabor untersucht und geweckt wurden, um über ihre Träume zu berichten, häufig von Elektroden, vom Schlaflabor oder von dem Versuchsleiter träumten, der sie betreute; oder sie träumten, dass sie an einem Versuch teilnahmen. Wenn man dagegen die einfachere Methode der Traumtagebücher verwendet, ist der Anteil beeinflusster Träume mit 0,8% wesentlich geringer.

Tipps zur Traumerinnerung
Wenn Sie sich für Ihre Träume interes

Was haben Träume mit dem Wachleben zu tun?
Hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen unserem Wachleben – was wir tagsüber erleben – und den Trauminhalten gibt es in der Traumforschung eine relativ einfache Hypothese, die so genannte Kontinuitätshypothese: Je häufiger wir bestimmte Dinge im Wachzustand tun, denken, erleben und fühlen, umso häufiger kommen diese Dinge auch in unseren Träumen vor.
Zur Überprüfung dieser Hypothese haben wir eine Studie durchgeführt, in der die Versuchspersonen 14 Tage lang ein Traumtagebuch ausfüllten und anschließend Fragen dazu beantworteten, was sie in den letzten zwei Wochen getan hatten. Anschließend haben wir die Trauminhalte analysiert und untersucht, wie häufig die erfragten Wachtätigkeiten im Traum vorkamen. Dazu teilten wir die Tätigkeiten in zwei Bereiche ein: kognitive Aktivitäten, bei denen das Gehirn mehr sequenziell arbeiten muss (z. B. Lesen, Schreiben, Rechnen, Arbeit am PC), und Tätigkeiten, bei denen das ganze Gehirn beteiligt ist (Autofahren, Telefonieren, Spazierengehen, Gespräche usw.).
Das Ergebnis der Studie: Ungefähr 40% der berichteten Tätigkeiten im Wachzustand waren kognitive Tätigkeiten, was auch zu erwarten gewesen war, weil es sich bei den Probanden um Studenten handelte. Wir haben im Rahmen unserer Studie allerdings festgestellt, dass diese kognitiven Tätigkeiten im Traum ziemlich selten vorkommen. Nicht-kognitive Aktivitäten wie Autofahren, Telefonieren, Gespräche usw. nehmen in unseren Träumen einen viel breiteren Raum ein. Je mehr die Versuchspersonen diese Tätigkeiten im Wachzustand ausführten, umso häufiger und ausgiebiger träumten sie auch davon.
Warum träumen wir häufiger von nicht-kognitiven als von kognitiven Aktivitäten? Das liegt daran, dass unser Gehirn im Traum einen anderen Verarbeitungsmodus aufweist als im Wachzustand. Man vermutet, dass sequenzielle Aufgaben wie Lesen, Schreiben oder das Arbeiten am PC in diesem Modus nicht so gut möglich sind. Es kommen auch nur ganz selten Träume vor, in denen man beispielsweise eine Stunde lang im Wartezimmer sitzt und gar nichts passiert – obwohl solche Situationen in unserem Alltagsleben doch relativ häufig vorkommen. Träume sind – wahrscheinlich aufgrund des speziellen Zustands, in dem unser Gehirn sich während des Schlafs befindet – meistens sehr emotional: Da passiert ständig etwas, und wenn doch einmal Wartezeiten vorkommen, sind diese meistens abgekürzt; das Gehirn springt sozusagen von einem Punkt zum anderen, und es geht mit der Handlung immer gleich weiter.
Auch Geschlechtsunterschiede wirken sich auf die Trauminhalte aus. In dieser Hinsicht bestätigen Träume alle unsere Vorurteile: Frauen träumen beispielsweise häufiger von Kleidung und Haushaltsartikeln als Männer, während in Männerträumen öfter Waffen vorkommen. Die Männer träumen auch häufiger von Aktivitäten draußen in der Natur und haben im Traum häufiger physische Aggressionen (gewalttätige Auseinandersetzungen) und Sex, während Frauen mehr Emotionen empfinden. In diesen Geschlechtsunterschieden spiegelt sich wahrscheinlich die unterschiedliche Wacherfahrungswelt von Männern und Frauen wider.
Auch sinnliche Wahrnehmungen im Schlaf haben Einfluss auf unsere Träume. Hält man einer Versuchsperson beispielsweise im Schlaf eine Zitrone unter die Nase, so kann es sein, dass dieser intensive Geruch in irgendeiner Form in ihren Traum „eingebaut“ wird. In einer Studie band man Probanden eine Blutdruckmanschette ums Bein und blies sie während des Schlafs auf, was einen leichten Druck auf das Bein erzeugte; und tatsächlich kam in vielen Träumen dieser Personen irgendetwas vor, was mit dem Bein zu tun hatte. Vor allem Reize, die sehr nahe am Körper stattfinden, wie beispielsweise Wasser, das auf die Haut gesprüht wird, leichte Elektroschocks oder Druckreize, werden recht häufig im Trauminhalt verarbeitet – ein weiterer Beweis dafür, dass unser Gehirn während des Schlafs nicht ausgeschaltet ist, sondern weiterhin Reize aufnimmt und verarbeitet.
Hierzu ein typisches Beispiel aus unserem Schlaflabor: „Im Traum hatte ich das Gefühl, festgebunden bzw. gefesselt zu sein“, berichtete ein Proband. „Ich sah dicke Seile an Armen und Beinen und konnte mich nicht bewegen. Ich fühlte Angst, ersticken zu müssen, ohne mir helfen zu können. Machtlosigkeit, aber auch Resignation machten sich breit.“ Dieser Traum stammte von einem 39-jährigen Patienten mit starker Schlafapnoe (rund 68 Apnoen pro Stunde, einhergehend mit einem massiven Sauerstoffabfall von 43%). In seinem Traum hat sich das widergespiegelt, was er tatsächlich empfand: ein bedrückendes Gefühl der Atemnot. Größere untersuchte Stichproben von Schlafapnoikern haben allerdings gezeigt, dass die Atemstillstände sich in den Träumen dieser Patienten glücklicherweise nur relativ selten widerspiegeln.
All diese Beispiele zum Zusammenhang zwischen Wachleben und Traum sprechen für die Kontinuitätshypothese: Das heißt, wir träumen tatsächlich vorwiegend von den Dingen, die uns tagsüber beschäftigen. Es gibt auch noch eine andere, entgegengesetzte Hypothese, die Komplementärhypothese, die besagt, dass wir hauptsächlich von jenen Dingen träumen, die in unserem Wachleben zu kurz kommen. Die hier vorgestellten Befunde schließen diese Hypothese keineswegs aus, sondern zeigen nur, dass solche Träume seltener sind als solche, in denen sich unser Wachleben oder unsere emotionalen Probleme widerspiegeln. Daher gehen die meisten Traumforscher mittlerweile davon aus, dass Träume vorwiegend das Innenleben einer Person reflektieren und von den Gedächtnisinhalten und emotionalen Erlebnissen des Tages bestimmt werden.

Wie man mit Träumen arbeitet
Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, mit Träumen zu arbeiten; für beide ist das regelmäßige Führen eines Traumtagebuchs von Vorteil. Die eine Methode, die ich als „Verstehen des Traums“ bezeichne, basiert auf der Grundannahme, dass sich in unseren Träumen die Dinge widerspiegeln, die im Wachleben wichtig sind. Bei dieser Art der Traumarbeit fragt man sich: Wie denke, handle und fühle ich im Traum? Was haben diese Traummuster mit meinem aktuellen Wachleben und mit meinen Stärken und Schwächen zu tun?
Nehmen wir einmal an, im Traum tritt ein Problem, eine Bedrohung auf, und Sie laufen vor dieser Bedrohung weg. Dann sollten Sie sich als Erstes die Frage stellen: Gibt es im Wachleben auch Dinge, die Sie als bedrohlich wahrnehmen und vor denen Sie lieber weglaufen, als sich dem Problem zu stellen? Bei diesem Ansatz geht es vorwiegend darum, Gefühle, Gedanken- und Handlungsmuster des Traums zu Ihrem aktuellen Wachleben in Beziehung zu setzen.
Der zweite Ansatz ist das so genannte Lösen des Traums. Hierbei dient der Traum als Ausgangspunkt zur Entwicklung neuer Ideen. Diese Methode kommt aus der kognitiven Verhaltenstherapie, bei der es darum geht, eingefahrene Denkmuster aufzulösen und durch neue, konstruktivere Denk- und Handlungsansätze zu ersetzen. Gerade bei Alpträumen, Wiederholungsträumen oder negativ getönten Traumsituationen kann es sehr sinnvoll sein, sich nicht nur Gedanken darüber zu machen, warum man so etwas geträumt hat, sondern sich auch zu fragen: Wie kann ich mit der unangenehmen Situation des Traums besser umgehen? Wie könnte ich neue Handlungs- und Gedankenmuster entwickeln? Letztendlich ist das kein rein traumspezifischer Ansatz; denn wenn man im Wachzustand irgendetwas Negatives erlebt, macht man sich ja auch erst einmal Gedanken darüber, warum das passiert ist; und als Nächstes wird man sich wahrscheinlich fragen: Was kann ich anders machen, wenn ich das nächste Mal wieder in eine solche Situation komme, um besser damit zurechtzukommen?

Wenn Alpträume die Nacht zur Qual machen
Alpträume sind REM-Schlaf-Träume, die so starke negative Gefühle (z. B. Angst, Ekel, Trauer, Ärger) enthalten, dass sie zum Erwachen führen. Ein klassisches Beispiel dafür ist der häufig vorkommende Falltraum: Man fällt in bodenlose Tiefe, die Angst vor dem Aufprall wird immer größer, und in dem Augenblick, in dem sie am stärksten ist, wacht man auf. Oder man wird von einem Monster verfolgt, und kurz bevor es zupackt, schreckt man schweißgebadet aus dem Traum hoch. Alle Menschen mit Alpträumen haben gute Erinnerungen an diese Träume, die vorwiegend in der zweiten Nachthälfte stattfinden.
Es gibt auch noch andere Phänomene, die mit nächtlichem Aufschrecken zu tun haben, aber keine Alpträume sind, zum Beispiel der Pavor nocturnus (Nachtangst), der vorwiegend bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen auftritt. Dabei handelt es sich um ein Aufschrecken aus dem Tiefschlaf, das meistens in der ersten Nachthälfte vorkommt. Die Personen zeigen massive Angstreaktionen, manchmal schreien sie sogar laut und laufen umher; aber in der Regel haben sie nur eine ganz schwache oder gar keine Erinnerung an den Vorgang, der diese Angst ausgelöst hat, weil das Gehirn im Tiefschlaf nicht so aktiv ist wie im REM-Schlaf; und wenn sie beruhigt werden und wieder ins Bett gehen, können sie sich morgens in der Regel nicht mehr daran erinnern, was nachts passiert ist.
Auch posttraumatische Belastungsstörungen können dazu führen, dass die Betroffenen das vergangene Trauma noch einmal durchleben. Das kann sowohl im Wachzustand als auch im Schlaf vorkommen. Im Schlaf werden solche Träume posttraumatische Wiederholungen genannt. Dabei wird das erlebte Trauma (Kriegserlebnisse, Missbrauch usw.) im Traum noch einmal nacherlebt. Der Behandlungsansatz zur Bewältigung von Alpträumen, den ich hier gleich vorstellen möchte, wirkt interessanterweise auch auf diese posttraumatischen Wiederholungen.
Unsere Studien zeigen, dass fast alle Menschen angeben, irgendwann in ihrer Kindheit oder Jugendzeit Alpträume erlebt zu haben; bei Kindern kommen diese häufiger vor als bei Erwachsenen. Doch auch als man Erwachsene in großen, repräsentativen Studien befragte, ob sie unter Alpträumen leiden, beantworteten immer noch rund 5% diese Frage mit Ja. Ab und zu Alpträume zu haben, ist also etwas völlig Normales. Eine echte Belastung stellen sie erst ab einer Häufigkeit von etwa einmal pro Woche dar – oder wenn die betroffene Person aufgrund möglicher Alpträume abends Angst vor dem Einschlafen hat.
Wie erklärt man die Entstehung von Alpträumen? Wie bei vielen psychischen Störungen geht man von einem Veranlagungs-Stress-Modell aus. Eine große finnische Zwillingsstudie hat ergeben, dass eineiige Zwillinge häufiger übereinstimmende Alpträume haben als zweieiige. Es liegt also nahe, dass es genetische Faktoren gibt, die das Auftreten von Alpträumen begünstigen. Aber auch der Charakter spielt eine Rolle. Ein amerikanischer Forscher hat eine Persönlichkeitseigenschaft beschrieben, die er als „dünne Grenzen“ bezeichnet (in der deutschen Umgangssprache gibt es dafür den Begriff „dünnhäutig“). Diese Personen können sich gegenüber Reizen (insbesondere Stress) nur schlecht abgrenzen und führen meist sehr intensive, aber konfliktreiche Beziehungen; andererseits sind sie sehr kreativ, offen, sensibel und einfühlsam. Das sind Personen, die dünne Grenzen gegenüber ihrer Außenwelt haben; und eine negative Eigenschaft dieser „dünnen Grenzen“ ist das häufigere Vorkommen von Alpträumen.
Wir konnten in einer Studie zeigen, dass auch Stress eine wichtige Rolle spielt. Unsere Befragung junger Studenten hat ganz klar ergeben, dass aktuell vorhandener Stress die Alptraumhäufigkeit erhöht. Auch Traumata können langfristig Alpträume bewirken: Frauen, die im Kindesalter missbraucht worden sind, leiden auch im Erwachsenenalter vermehrt unter Alpträumen. Das gilt ebenso für Kriegsveteranen und Holocaust-Überlebende: Diese haben teilweise nach 50 Jahren immer noch mehr Alpträume als andere Menschen.
Bei der Behandlung von Alpträumen ist es wichtig, zu wissen, dass es dafür nicht nur auslösende, sondern auch aufrechterhaltende Faktoren gibt. Ungünstig wirkt sich vor allem Vermeidungsverhalten aus. Das gilt im Prinzip für alle Ängste: Wenn jemand beispielsweise Angst vor Spinnen hat, versucht er in der Regel, sämtliche Orte zu meiden, wo Spinnen sein könnten; er konfrontiert sich also nicht mehr mit seiner Angst, sondern vermeidet alles, was diese Angst auslösen könnte. Durch dieses Vermeidungsverhalten wird seine Angst aber nicht schwächer, sondern eher größer und wächst sich mit der Zeit zu einer richtigen Spinnenphobie aus. Alle psychotherapeutischen Angstbehandlungen arbeiten mit Konfrontation: Das heißt, der Patient muss die Angst vor der Angst verlieren.

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Ängsten ins Auge sehen
Auch im Umgang mit Alpträumen neigen viele Menschen zu Vermeidungsverhalten. Wir haben in einer Studie Jugendliche gefragt, wie sie mit schlimmen Träumen umgehen. Die größte Gruppe (40%) bemühte sich, solche Träume so schnell wie möglich zu vergessen. In einer Umfrage bei Erwachsenen im Auftrag der „Apotheken Umschau“ gaben sogar 75% an, dass sie versuchen, negative Träume oder Alpträume zu vergessen, also Vermeidungsverhalten zu praktizieren – was beim Träumen ja auch leicht möglich ist, weil man sich dann eben einfach sagt: „Das war nur ein Traum, also nicht so schlimm; ich beschäftige mich lieber mit meinem Wachleben.“ Aber dieses Vermeidungsverhalten führt eben leider dazu, dass sich die Angst im Gehirn, im Bewusstsein stabilisiert und der Alptraum rasch wiederkehrt.
Wir haben in Gesprächen mit Kinderärzten, die wir im Rahmen einer Studie kontaktierten, die Erfahrung gemacht, dass die meisten Angehörigen der helfenden Berufe gar nicht so genau wissen, wie man Alpträume behandelt.
Die Alptraumtherapie wurde im amerikanischen Sprachraum entwickelt und hat den Namen „Bild- oder Vorstellungs-Wiederholungstherapie“ erhalten. Im Prinzip besteht diese Therapie aus drei sehr einfachen Schritten:
1. Konfrontation: den Traum aufschreiben (bei Kindern ist es sehr wichtig, das Traumbild zu malen)
2. Bewältigung der Alptraumsituation: ein neues Traumende schreiben bzw. das Bild durch etwas ergänzen, was zur Angstreduktion beiträgt. Dazu wird der Patient, nachdem er den Traum aufgeschrieben hat, gefragt, was er denn tun könnte, um mit der im Traum entstandenen Situation besser umgehen zu können. Kinder fragen wir: Was könntest du in das Bild einzeichnen, damit du weniger Angst hast?
3. Diese neu entwickelte Idee wird dann über zwei Wochen einmal pro Tag mental trainiert; denn alles, was wir im Wachzustand tun, wirkt sich auf die nachfolgenden Träume aus, das heißt, die konstruktive Lösung wird in den nächsten Alptraum integriert, sodass dieser positiv ausgeht oder zumindest nicht mehr als so bedrohlich empfunden wird.
Ich möchte dieses Vorgehen an einem kleinen Fallbeispiel demonstrieren. Wir hatten eine Patientin, die sich wegen Alpträumen in unserem Schlaflabor vorstellte. Bei der Untersuchung im Schlaflabor stellten wir fest, dass die Schlafqualität der Frau kaum beeinträchtigt war: Sie war eine junge, gute Schläferin. Allerdings fühlte sie sich morgens infolge der Alpträume nicht wohl und litt auch unter starker Tagesmüdigkeit. Die Alpträume hatten einen ganz konkreten Auslöser in der Wachwelt dieser jungen Patientin; sie hatte nämlich massive Probleme mit den Eltern, die so ausgeprägt waren, dass sie den Kontakt zu ihnen abgebrochen hatte, was ihr aber sehr unangenehm war, denn sie hatte vorher eine enge Beziehung zu ihren Eltern gehabt.
In der ersten Therapiesitzung schilderte die Patientin uns ihr Problem, und ich habe ihr dann das Therapieprinzip mit den drei Schritten erklärt. Die Patientin lieferte daraufhin einen Traumbericht, der auch mit der aktuellen Situation zu tun hatte, nämlich eine heftige Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, welche die Träumerin verbal einschüchterte und beschimpfte. Ich versuche meinen PatientInnen bei diesem Therapieansatz möglichst wenig Vorgaben zu machen; das heißt, ich sage nicht: Tun Sie dies oder jenes, dann haben Sie das Problem gelöst; sondern wir wollen die Menschen dazu anregen, ihr eigenes Lösungspotenzial zu aktivieren. Nach einer gewissen Zeit kam die Träumerin auf die Idee, sich verbal gegen ihre Mutter zur Wehr zu setzen und ihr klar zu sagen, dass sie sehr gut allein mit ihrem Leben zurechtkommen könne. Diese Lösungsmöglichkeit übte die Patientin dann eine Woche lang mental ein und berichtete, dass sie daraufhin keine Träume mehr hatte, in denen ihre Mutter eine Bedrohung darstellte; aber dafür traten jetzt andere Alpträume auf, zum Beispiel ein Wiederholungstraum, den die Träumerin schon öfters gehabt hatte: Sie befindet sich im Haus der Großmutter, die für sie im Wachleben eine positive Bezugsperson ist. Im Haus selbst herrscht eine angenehme Atmosphäre; aber außerhalb des Hauses gibt es etwas Bedrohliches, was möglicherweise auch hereinkommen könnte. Freundliche Fabelwesen, die sich ebenfalls im Haus befinden, möchten, dass die Träumerin sich diesem Bedrohlichen stellt, und schieben sie von hinten nach draußen; doch immer, wenn die Träumerin die Tür aufmacht und große Angst verspürt, weil sie nicht weiß, was da draußen ist, wacht sie auf. Als positive Veränderung dieses Wiederholungstraums stellte sie sich dann vor, dass die Fabelwesen mit ihr gemeinsam hinausgehen und sie dabei unterstützen, sich dem Unbekannten zu stellen.
Vier Wochen später traten keine Alpträume mehr auf: ein eindeutiger Therapieeffekt. Auch ihre Trauminhalte hätten sich verändert, berichtete die Patientin. Das Interessante an diesem Therapieansatz ist, dass sich das Einüben dieser Bewältigungsmethode an einem Alptraumbeispiel auch positiv auf andere negativ gefärbte Traumthemen auswirkt: Es wirkt also nicht nur auf den Traum, der bearbeitet wurde, sondern auch auf andere Alpträume. Auch die negativen Auswirkungen der Träume auf die Tagesstimmung unserer Patientin hatten deutlich abgenommen.
Eine Behandlung von Alpträumen durch diese relativ einfache Methode ist sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen möglich. Die amerikanische Arbeitsgruppe, die diesen Ansatz entwickelte, hat mittlerweile fünf große kontrollierte Studien durchgeführt, die zeigten, dass viele der Teilnehmer davon sehr gut profitieren. Auch wenn sie schon seit über 20 Jahren an Alpträumen litten, senkte sich ihre Alptraumhäufigkeit bereits nach vierwöchiger Therapie drastisch.

Eine pdf-Datei mit Ratschlägen zum Umgang mit Alpträumen kann auf der Homepage www.dreamresearch.de unter der Rubrik „Hilfe bei Alpträumen“ heruntergeladen werden.