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Der Stoff, aus dem die Träume sind ...
Einblicke in die Welt der Traumforschung
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Ausgewählte Artikel
Heft 3/2008
Einblicke in die Welt der Traumforschung
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Prof. Dr. phil. Michael Schredl ist
weltweit einer der führenden Traumforscher. Er ist
Wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut
für Seelische Gesundheit in Mannheim (Medizinische
Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg) und
wurde im Mai 2008 von der Universität Mannheim,
Sozialwissenschaftliche Fakultät, zum
Außerplanmäßigen Professor ernannt.
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von Prof. Michael Schredl
Träume haben uns Menschen schon immer
fasziniert. Was bedeuten sie? Können sie mir helfen, mein
tägliches Leben besser zu bewältigen? Oder
ermöglichen sie mir gar einen Blick in die Zukunft? Diese
Fragen stellen sich viele Menschen angesichts ihres
verwirrenden nächtlichen Kopfkinos. Seit 1900 (Sigmund
Freuds „Traumdeutung“) und seit 1950, dem Beginn
der modernen Schlafforschung, gibt es auch einen
Wissenschaftszweig, der sich mit dieser Frage beschäftigt:
die Traumforschung.
Die Traumforschung definiert Träume
als „psychische Aktivität während des
Schlafs“ und hat eine ganze Reihe von Methoden
entwickelt, um unseren nächtlichen Traumwelten auf die
Schliche zu kommen.
Die wichtigste Voraussetzung, um
Träume zu erforschen bzw. mit ihnen arbeiten zu
können, ist die Traumerinnerung. Wenn sich nie jemand
morgens an seine Träume erinnern würde, gäbe es
auch keine Traumforschung oder Traumarbeit. Zum Glück
existieren jedoch verschiedene Techniken, um herauszufinden,
was Menschen in der Nacht träumen und wie oft sie sich
beim Aufwachen überhaupt noch daran erinnern. Die
einfachste Methode sind Fragebögen: Die Probanden werden
gebeten, auszufüllen, wie häufig sie sich in der
letzten Zeit an ihre Träume erinnert haben. Bei einer
größeren repräsentativen Studie, die ich vor
kurzem in der deutschen Bevölkerung durchführte, lag
die durchschnittliche Traumerinnerung der befragten Personen
bei knapp einmal pro Woche.
Eine weitere gute Methode besteht darin,
ein Traumtagebuch zu führen. Sie eignet sich vor allem
für Menschen, die sich normalerweise nicht so gut an ihre
Träume erinnern. Bei diesem Verfahren werden die Probanden
gebeten, zwei Wochen lang jeden Morgen aufzuschreiben, ob sie
sich an einen Traum erinnert haben – und wenn ja, diesen
Traum in ihrem Tagebuch möglichst genau zu schildern. Bei
dieser Methode ist die Ausbeute mit durchschnittlich zwei
Traumberichten pro Woche schon ziemlich gut.
Das Gehirn schläft nie
Man kann die Probanden aber auch verkabelt
ins Schlaflabor legen, sie nachts aus bestimmten Schlafphasen
wecken und sofort nach dem Wecken über eine
Gegensprechanlage befragen, ob sie geträumt haben oder
nicht. Mit dieser Methode wurden schon ziemlich viele Studien
durchgeführt, und zwar mit interessanten Ergebnissen: Wenn
man Probanden im REM-Schlaf, der durch schnelle Augenbewegungen
(rapid eye movements = REM) gekennzeichnet ist und früher
als einzige Schlafphase galt, in der wir träumen, weckt,
erinnern sich von jungen, gesunden Schläfern über 80%
noch an einen Traum und können ihn auch berichten. Doch
auch in anderen Schlafstadien führen immer noch fast 50%
der Weckungen zum Trauminhalt. Deshalb geht man heute davon
aus, dass wir letztendlich immer träumen – in allen
Schlafphasen. Das Gehirn bzw. das Bewusstsein schläft nie;
es ist immer aktiv, auch wenn wir subjektiv den Eindruck haben,
völlig „weg“ zu sein.
Untersuchungen zeigen, dass unsere
Träume sich in den verschiedenen Schlafphasen in ihrem
Charakter voneinander unterscheiden können. Die
Träume der REM-Schlafphase, in der das Gehirn am aktivsten
ist, sind in der Regel am emotionalsten, bildhaftesten und auch
am längsten, während die Träume anderer
Schlafstadien eher kürzer sind und mehr gedankenartigen
Charakter haben.
Natürlich hat die Traumforschung auch
untersucht, warum manche Menschen sich häufiger und andere
weniger häufig an Träume erinnern. Es gibt
Personen, die fast jeden Morgen über Träume
berichten können, während andere sich schon seit
Jahren an keinen Traum mehr erinnern. Man hat herausgefunden,
dass sich Frauen häufiger an Träume erinnern als
Männer. Woran das liegt, ist noch ungeklärt. Ferner
weiß man, dass auch Menschen, die schlecht schlafen, sich
an mehr Träume erinnern – was ja eigentlich ganz
logisch ist: Wer nachts häufiger aufwacht, dem bleiben
zwangsläufig mehr Träume im Gedächtnis haften.
Auch Stress führt über einen schlechten Schlaf zu
einer häufigeren Traumerinnerung. Und auch mit dem
Charakter hat die Anzahl der erinnerten Träume etwas zu
tun: Persönlichkeitstypen, die offen gegenüber neuen
Erfahrungen sind, und kreative Menschen erinnern sich besonders
häufig an ihre Träume.
Die meisten Faktoren, die die
Traumerinnerung beeinflussen, versteht man bis heute aber nur
ungenügend. Die Forschung wird nicht zuletzt durch die
Tatsache erschwert, dass die Traumerinnerung sehr leicht
beeinflussbar ist. In einer Studie, die ich mit
Psychologiestudenten durchführte, mussten die
Versuchspersonen vor der Studie angeben, wie häufig sie
sich an Träume erinnerten: Das waren im Durchschnitt
ungefähr zwei Träume pro Woche. Als Nächstes bat
ich sie, über 14 Tage ein Traumtagebuch auszufüllen
und immer anzukreuzen, ob sie sich an einen Traum erinnerten
oder nicht – mit überraschendem Ergebnis: Schon
allein durch das regelmäßige Führen eines
Traumtagebuchs erhöhte sich die Anzahl der erinnerten
Träume. Naturwissenschaftler glauben oft, dass die
aufwendigste und technischste Untersuchungsmethode
zwangsläufig auch die beste ist. In der Traumforschung
muss man in dieser Hinsicht allerdings ein bisschen vorsichtig
sein. Denn nicht nur die Traumerinnerung ist leicht
beeinflussbar; auch die Träume sind es. Studien haben
gezeigt, dass Probanden, die im Schlaflabor untersucht und
geweckt wurden, um über ihre Träume zu berichten,
häufig von Elektroden, vom Schlaflabor oder von dem
Versuchsleiter träumten, der sie betreute; oder sie
träumten, dass sie an einem Versuch teilnahmen. Wenn man
dagegen die einfachere Methode der Traumtagebücher
verwendet, ist der Anteil beeinflusster Träume mit 0,8%
wesentlich geringer.
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Was haben Träume mit dem Wachleben zu
tun?
Hinsichtlich der Zusammenhänge
zwischen unserem Wachleben – was wir tagsüber
erleben – und den Trauminhalten gibt es in der
Traumforschung eine relativ einfache Hypothese, die so genannte
Kontinuitätshypothese: Je häufiger wir bestimmte
Dinge im Wachzustand tun, denken, erleben und fühlen, umso
häufiger kommen diese Dinge auch in unseren Träumen
vor.
Zur Überprüfung dieser Hypothese
haben wir eine Studie durchgeführt, in der die
Versuchspersonen 14 Tage lang ein Traumtagebuch ausfüllten
und anschließend Fragen dazu beantworteten, was sie in
den letzten zwei Wochen getan hatten. Anschließend haben
wir die Trauminhalte analysiert und untersucht, wie häufig
die erfragten Wachtätigkeiten im Traum vorkamen. Dazu
teilten wir die Tätigkeiten in zwei Bereiche ein:
kognitive Aktivitäten, bei denen das Gehirn mehr
sequenziell arbeiten muss (z. B. Lesen, Schreiben, Rechnen,
Arbeit am PC), und Tätigkeiten, bei denen das ganze Gehirn
beteiligt ist (Autofahren, Telefonieren, Spazierengehen,
Gespräche usw.).
Das Ergebnis der Studie: Ungefähr 40%
der berichteten Tätigkeiten im Wachzustand waren kognitive
Tätigkeiten, was auch zu erwarten gewesen war, weil es
sich bei den Probanden um Studenten handelte. Wir haben im
Rahmen unserer Studie allerdings festgestellt, dass diese
kognitiven Tätigkeiten im Traum ziemlich selten vorkommen.
Nicht-kognitive Aktivitäten wie Autofahren, Telefonieren,
Gespräche usw. nehmen in unseren Träumen einen viel
breiteren Raum ein. Je mehr die Versuchspersonen diese
Tätigkeiten im Wachzustand ausführten, umso
häufiger und ausgiebiger träumten sie auch davon.
Warum träumen wir häufiger von
nicht-kognitiven als von kognitiven Aktivitäten? Das liegt
daran, dass unser Gehirn im Traum einen anderen
Verarbeitungsmodus aufweist als im Wachzustand. Man vermutet,
dass sequenzielle Aufgaben wie Lesen, Schreiben oder das
Arbeiten am PC in diesem Modus nicht so gut möglich sind.
Es kommen auch nur ganz selten Träume vor, in denen man
beispielsweise eine Stunde lang im Wartezimmer sitzt und gar
nichts passiert – obwohl solche Situationen in unserem
Alltagsleben doch relativ häufig vorkommen. Träume
sind – wahrscheinlich aufgrund des speziellen Zustands,
in dem unser Gehirn sich während des Schlafs befindet
– meistens sehr emotional: Da passiert ständig
etwas, und wenn doch einmal Wartezeiten vorkommen, sind diese
meistens abgekürzt; das Gehirn springt sozusagen von einem
Punkt zum anderen, und es geht mit der Handlung immer gleich
weiter.
Auch Geschlechtsunterschiede wirken sich
auf die Trauminhalte aus. In dieser Hinsicht bestätigen
Träume alle unsere Vorurteile: Frauen träumen
beispielsweise häufiger von Kleidung und Haushaltsartikeln
als Männer, während in Männerträumen
öfter Waffen vorkommen. Die Männer träumen auch
häufiger von Aktivitäten draußen in der Natur
und haben im Traum häufiger physische Aggressionen
(gewalttätige Auseinandersetzungen) und Sex, während
Frauen mehr Emotionen empfinden. In diesen
Geschlechtsunterschieden spiegelt sich wahrscheinlich die
unterschiedliche Wacherfahrungswelt von Männern und Frauen
wider.
Auch sinnliche Wahrnehmungen im Schlaf
haben Einfluss auf unsere Träume. Hält man einer
Versuchsperson beispielsweise im Schlaf eine Zitrone unter die
Nase, so kann es sein, dass dieser intensive Geruch in
irgendeiner Form in ihren Traum „eingebaut“ wird.
In einer Studie band man Probanden eine Blutdruckmanschette ums
Bein und blies sie während des Schlafs auf, was einen
leichten Druck auf das Bein erzeugte; und tatsächlich kam
in vielen Träumen dieser Personen irgendetwas vor, was mit
dem Bein zu tun hatte. Vor allem Reize, die sehr nahe am
Körper stattfinden, wie beispielsweise Wasser, das auf die
Haut gesprüht wird, leichte Elektroschocks oder
Druckreize, werden recht häufig im Trauminhalt verarbeitet
– ein weiterer Beweis dafür, dass unser Gehirn
während des Schlafs nicht ausgeschaltet ist, sondern
weiterhin Reize aufnimmt und verarbeitet.
Hierzu ein typisches Beispiel aus unserem
Schlaflabor: „Im Traum hatte ich das Gefühl,
festgebunden bzw. gefesselt zu sein“, berichtete ein
Proband. „Ich sah dicke Seile an Armen und Beinen und
konnte mich nicht bewegen. Ich fühlte Angst, ersticken zu
müssen, ohne mir helfen zu können. Machtlosigkeit,
aber auch Resignation machten sich breit.“ Dieser Traum
stammte von einem 39-jährigen Patienten mit starker
Schlafapnoe (rund 68 Apnoen pro Stunde, einhergehend mit einem
massiven Sauerstoffabfall von 43%). In seinem Traum hat sich
das widergespiegelt, was er tatsächlich empfand: ein
bedrückendes Gefühl der Atemnot. Größere
untersuchte Stichproben von Schlafapnoikern haben allerdings
gezeigt, dass die Atemstillstände sich in den Träumen
dieser Patienten glücklicherweise nur relativ selten
widerspiegeln.
All diese Beispiele zum Zusammenhang
zwischen Wachleben und Traum sprechen für die
Kontinuitätshypothese: Das heißt, wir träumen
tatsächlich vorwiegend von den Dingen, die uns
tagsüber beschäftigen. Es gibt auch noch eine andere,
entgegengesetzte Hypothese, die Komplementärhypothese, die
besagt, dass wir hauptsächlich von jenen Dingen
träumen, die in unserem Wachleben zu kurz kommen. Die hier
vorgestellten Befunde schließen diese Hypothese
keineswegs aus, sondern zeigen nur, dass solche Träume
seltener sind als solche, in denen sich unser Wachleben oder
unsere emotionalen Probleme widerspiegeln. Daher gehen die
meisten Traumforscher mittlerweile davon aus, dass Träume
vorwiegend das Innenleben einer Person reflektieren und von den
Gedächtnisinhalten und emotionalen Erlebnissen des Tages
bestimmt werden.
Wie man mit Träumen arbeitet
Es gibt zwei verschiedene
Möglichkeiten, mit Träumen zu arbeiten; für
beide ist das regelmäßige Führen eines
Traumtagebuchs von Vorteil. Die eine Methode, die ich als
„Verstehen des Traums“ bezeichne, basiert auf der
Grundannahme, dass sich in unseren Träumen die Dinge
widerspiegeln, die im Wachleben wichtig sind. Bei dieser Art
der Traumarbeit fragt man sich: Wie denke, handle und
fühle ich im Traum? Was haben diese Traummuster mit meinem
aktuellen Wachleben und mit meinen Stärken und
Schwächen zu tun?
Nehmen wir einmal an, im Traum tritt ein
Problem, eine Bedrohung auf, und Sie laufen vor dieser
Bedrohung weg. Dann sollten Sie sich als Erstes die Frage
stellen: Gibt es im Wachleben auch Dinge, die Sie als
bedrohlich wahrnehmen und vor denen Sie lieber weglaufen, als
sich dem Problem zu stellen? Bei diesem Ansatz geht es
vorwiegend darum, Gefühle, Gedanken- und Handlungsmuster
des Traums zu Ihrem aktuellen Wachleben in Beziehung zu setzen.
Der zweite Ansatz ist das so genannte
Lösen des Traums. Hierbei dient der Traum als
Ausgangspunkt zur Entwicklung neuer Ideen. Diese Methode kommt
aus der kognitiven Verhaltenstherapie, bei der es darum geht,
eingefahrene Denkmuster aufzulösen und durch neue,
konstruktivere Denk- und Handlungsansätze zu ersetzen.
Gerade bei Alpträumen, Wiederholungsträumen oder
negativ getönten Traumsituationen kann es sehr sinnvoll
sein, sich nicht nur Gedanken darüber zu machen, warum man
so etwas geträumt hat, sondern sich auch zu fragen: Wie
kann ich mit der unangenehmen Situation des Traums besser
umgehen? Wie könnte ich neue Handlungs- und Gedankenmuster
entwickeln? Letztendlich ist das kein rein traumspezifischer
Ansatz; denn wenn man im Wachzustand irgendetwas Negatives
erlebt, macht man sich ja auch erst einmal Gedanken
darüber, warum das passiert ist; und als Nächstes
wird man sich wahrscheinlich fragen: Was kann ich anders
machen, wenn ich das nächste Mal wieder in eine solche
Situation komme, um besser damit zurechtzukommen?
Wenn Alpträume die Nacht zur Qual
machen
Alpträume sind
REM-Schlaf-Träume, die so starke negative Gefühle (z.
B. Angst, Ekel, Trauer, Ärger) enthalten, dass sie zum
Erwachen führen. Ein klassisches Beispiel dafür ist
der häufig vorkommende Falltraum: Man fällt in
bodenlose Tiefe, die Angst vor dem Aufprall wird immer
größer, und in dem Augenblick, in dem sie am
stärksten ist, wacht man auf. Oder man wird von einem
Monster verfolgt, und kurz bevor es zupackt, schreckt man
schweißgebadet aus dem Traum hoch. Alle Menschen mit
Alpträumen haben gute Erinnerungen an diese Träume,
die vorwiegend in der zweiten Nachthälfte stattfinden.
Es gibt auch noch andere Phänomene,
die mit nächtlichem Aufschrecken zu tun haben, aber keine
Alpträume sind, zum Beispiel der Pavor nocturnus
(Nachtangst), der vorwiegend bei Kindern, aber auch bei
Erwachsenen auftritt. Dabei handelt es sich um ein Aufschrecken
aus dem Tiefschlaf, das meistens in der ersten Nachthälfte
vorkommt. Die Personen zeigen massive Angstreaktionen, manchmal
schreien sie sogar laut und laufen umher; aber in der Regel
haben sie nur eine ganz schwache oder gar keine Erinnerung an
den Vorgang, der diese Angst ausgelöst hat, weil das
Gehirn im Tiefschlaf nicht so aktiv ist wie im REM-Schlaf; und
wenn sie beruhigt werden und wieder ins Bett gehen, können
sie sich morgens in der Regel nicht mehr daran erinnern, was
nachts passiert ist.
Auch posttraumatische
Belastungsstörungen können dazu führen, dass die
Betroffenen das vergangene Trauma noch einmal durchleben. Das
kann sowohl im Wachzustand als auch im Schlaf vorkommen. Im
Schlaf werden solche Träume posttraumatische
Wiederholungen genannt. Dabei wird das erlebte Trauma
(Kriegserlebnisse, Missbrauch usw.) im Traum noch einmal
nacherlebt. Der Behandlungsansatz zur Bewältigung von
Alpträumen, den ich hier gleich vorstellen möchte,
wirkt interessanterweise auch auf diese posttraumatischen
Wiederholungen.
Unsere Studien zeigen, dass fast alle
Menschen angeben, irgendwann in ihrer Kindheit oder Jugendzeit
Alpträume erlebt zu haben; bei Kindern kommen diese
häufiger vor als bei Erwachsenen. Doch auch als man
Erwachsene in großen, repräsentativen Studien
befragte, ob sie unter Alpträumen leiden, beantworteten
immer noch rund 5% diese Frage mit Ja. Ab und zu Alpträume
zu haben, ist also etwas völlig Normales. Eine echte
Belastung stellen sie erst ab einer Häufigkeit von etwa
einmal pro Woche dar – oder wenn die betroffene Person
aufgrund möglicher Alpträume abends Angst vor dem
Einschlafen hat.
Wie erklärt man die Entstehung von
Alpträumen? Wie bei vielen psychischen Störungen geht
man von einem Veranlagungs-Stress-Modell aus. Eine große
finnische Zwillingsstudie hat ergeben, dass eineiige Zwillinge
häufiger übereinstimmende Alpträume haben als
zweieiige. Es liegt also nahe, dass es genetische Faktoren
gibt, die das Auftreten von Alpträumen begünstigen.
Aber auch der Charakter spielt eine Rolle. Ein amerikanischer
Forscher hat eine Persönlichkeitseigenschaft beschrieben,
die er als „dünne Grenzen“ bezeichnet (in der
deutschen Umgangssprache gibt es dafür den Begriff
„dünnhäutig“). Diese Personen können
sich gegenüber Reizen (insbesondere Stress) nur schlecht
abgrenzen und führen meist sehr intensive, aber
konfliktreiche Beziehungen; andererseits sind sie sehr kreativ,
offen, sensibel und einfühlsam. Das sind Personen, die
dünne Grenzen gegenüber ihrer Außenwelt haben;
und eine negative Eigenschaft dieser „dünnen
Grenzen“ ist das häufigere Vorkommen von
Alpträumen.
Wir konnten in einer Studie zeigen, dass
auch Stress eine wichtige Rolle spielt. Unsere Befragung junger
Studenten hat ganz klar ergeben, dass aktuell vorhandener
Stress die Alptraumhäufigkeit erhöht. Auch Traumata
können langfristig Alpträume bewirken: Frauen, die im
Kindesalter missbraucht worden sind, leiden auch im
Erwachsenenalter vermehrt unter Alpträumen. Das gilt
ebenso für Kriegsveteranen und Holocaust-Überlebende:
Diese haben teilweise nach 50 Jahren immer noch mehr
Alpträume als andere Menschen.
Bei der Behandlung von Alpträumen ist
es wichtig, zu wissen, dass es dafür nicht nur
auslösende, sondern auch aufrechterhaltende Faktoren gibt.
Ungünstig wirkt sich vor allem Vermeidungsverhalten aus.
Das gilt im Prinzip für alle Ängste: Wenn jemand
beispielsweise Angst vor Spinnen hat, versucht er in der Regel,
sämtliche Orte zu meiden, wo Spinnen sein könnten; er
konfrontiert sich also nicht mehr mit seiner Angst, sondern
vermeidet alles, was diese Angst auslösen könnte.
Durch dieses Vermeidungsverhalten wird seine Angst aber nicht
schwächer, sondern eher größer und wächst
sich mit der Zeit zu einer richtigen Spinnenphobie aus. Alle
psychotherapeutischen Angstbehandlungen arbeiten mit
Konfrontation: Das heißt, der Patient muss die Angst vor
der Angst verlieren.
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Ängsten ins Auge sehen
Auch im Umgang mit Alpträumen neigen
viele Menschen zu Vermeidungsverhalten. Wir haben in einer
Studie Jugendliche gefragt, wie sie mit schlimmen Träumen
umgehen. Die größte Gruppe (40%) bemühte sich,
solche Träume so schnell wie möglich zu vergessen. In
einer Umfrage bei Erwachsenen im Auftrag der „Apotheken
Umschau“ gaben sogar 75% an, dass sie versuchen, negative
Träume oder Alpträume zu vergessen, also
Vermeidungsverhalten zu praktizieren – was beim
Träumen ja auch leicht möglich ist, weil man sich
dann eben einfach sagt: „Das war nur ein Traum, also
nicht so schlimm; ich beschäftige mich lieber mit meinem
Wachleben.“ Aber dieses Vermeidungsverhalten führt
eben leider dazu, dass sich die Angst im Gehirn, im Bewusstsein
stabilisiert und der Alptraum rasch wiederkehrt.
Wir haben in Gesprächen mit
Kinderärzten, die wir im Rahmen einer Studie
kontaktierten, die Erfahrung gemacht, dass die meisten
Angehörigen der helfenden Berufe gar nicht so genau
wissen, wie man Alpträume behandelt.
Die Alptraumtherapie wurde im
amerikanischen Sprachraum entwickelt und hat den Namen
„Bild- oder Vorstellungs-Wiederholungstherapie“
erhalten. Im Prinzip besteht diese Therapie aus drei sehr
einfachen Schritten:
1. Konfrontation: den Traum aufschreiben
(bei Kindern ist es sehr wichtig, das Traumbild zu malen)
2. Bewältigung der Alptraumsituation:
ein neues Traumende schreiben bzw. das Bild durch etwas
ergänzen, was zur Angstreduktion beiträgt. Dazu wird
der Patient, nachdem er den Traum aufgeschrieben hat, gefragt,
was er denn tun könnte, um mit der im Traum entstandenen
Situation besser umgehen zu können. Kinder fragen wir: Was
könntest du in das Bild einzeichnen, damit du weniger
Angst hast?
3. Diese neu entwickelte Idee wird dann
über zwei Wochen einmal pro Tag mental trainiert; denn
alles, was wir im Wachzustand tun, wirkt sich auf die
nachfolgenden Träume aus, das heißt, die
konstruktive Lösung wird in den nächsten Alptraum
integriert, sodass dieser positiv ausgeht oder zumindest nicht
mehr als so bedrohlich empfunden wird.
Ich möchte dieses Vorgehen an einem
kleinen Fallbeispiel demonstrieren. Wir hatten eine Patientin,
die sich wegen Alpträumen in unserem Schlaflabor
vorstellte. Bei der Untersuchung im Schlaflabor stellten wir
fest, dass die Schlafqualität der Frau kaum
beeinträchtigt war: Sie war eine junge, gute
Schläferin. Allerdings fühlte sie sich morgens
infolge der Alpträume nicht wohl und litt auch unter
starker Tagesmüdigkeit. Die Alpträume hatten einen
ganz konkreten Auslöser in der Wachwelt dieser jungen
Patientin; sie hatte nämlich massive Probleme mit den
Eltern, die so ausgeprägt waren, dass sie den Kontakt zu
ihnen abgebrochen hatte, was ihr aber sehr unangenehm war, denn
sie hatte vorher eine enge Beziehung zu ihren Eltern gehabt.
In der ersten Therapiesitzung schilderte
die Patientin uns ihr Problem, und ich habe ihr dann das
Therapieprinzip mit den drei Schritten erklärt. Die
Patientin lieferte daraufhin einen Traumbericht, der auch mit
der aktuellen Situation zu tun hatte, nämlich eine heftige
Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, welche die Träumerin
verbal einschüchterte und beschimpfte. Ich versuche meinen
PatientInnen bei diesem Therapieansatz möglichst wenig
Vorgaben zu machen; das heißt, ich sage nicht: Tun Sie
dies oder jenes, dann haben Sie das Problem gelöst;
sondern wir wollen die Menschen dazu anregen, ihr eigenes
Lösungspotenzial zu aktivieren. Nach einer gewissen Zeit
kam die Träumerin auf die Idee, sich verbal gegen ihre
Mutter zur Wehr zu setzen und ihr klar zu sagen, dass sie sehr
gut allein mit ihrem Leben zurechtkommen könne. Diese
Lösungsmöglichkeit übte die Patientin dann eine
Woche lang mental ein und berichtete, dass sie daraufhin keine
Träume mehr hatte, in denen ihre Mutter eine Bedrohung
darstellte; aber dafür traten jetzt andere Alpträume
auf, zum Beispiel ein Wiederholungstraum, den die
Träumerin schon öfters gehabt hatte: Sie befindet
sich im Haus der Großmutter, die für sie im
Wachleben eine positive Bezugsperson ist. Im Haus selbst
herrscht eine angenehme Atmosphäre; aber außerhalb
des Hauses gibt es etwas Bedrohliches, was möglicherweise
auch hereinkommen könnte. Freundliche Fabelwesen, die sich
ebenfalls im Haus befinden, möchten, dass die
Träumerin sich diesem Bedrohlichen stellt, und schieben
sie von hinten nach draußen; doch immer, wenn die
Träumerin die Tür aufmacht und große Angst
verspürt, weil sie nicht weiß, was da draußen
ist, wacht sie auf. Als positive Veränderung dieses
Wiederholungstraums stellte sie sich dann vor, dass die
Fabelwesen mit ihr gemeinsam hinausgehen und sie dabei
unterstützen, sich dem Unbekannten zu stellen.
Vier Wochen später traten keine
Alpträume mehr auf: ein eindeutiger Therapieeffekt. Auch
ihre Trauminhalte hätten sich verändert, berichtete
die Patientin. Das Interessante an diesem Therapieansatz ist,
dass sich das Einüben dieser Bewältigungsmethode an
einem Alptraumbeispiel auch positiv auf andere negativ
gefärbte Traumthemen auswirkt: Es wirkt also nicht nur auf
den Traum, der bearbeitet wurde, sondern auch auf andere
Alpträume. Auch die negativen Auswirkungen der Träume
auf die Tagesstimmung unserer Patientin hatten deutlich
abgenommen.
Eine Behandlung von Alpträumen durch
diese relativ einfache Methode ist sowohl bei Kindern als auch
bei Erwachsenen möglich. Die amerikanische Arbeitsgruppe,
die diesen Ansatz entwickelte, hat mittlerweile fünf
große kontrollierte Studien durchgeführt, die
zeigten, dass viele der Teilnehmer davon sehr gut profitieren.
Auch wenn sie schon seit über 20 Jahren an Alpträumen
litten, senkte sich ihre Alptraumhäufigkeit bereits nach
vierwöchiger Therapie drastisch.
Eine pdf-Datei mit Ratschlägen zum
Umgang mit Alpträumen kann auf der Homepage www.dreamresearch.de unter der Rubrik „Hilfe bei
Alpträumen“ heruntergeladen werden.
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