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Schlafstörungen – Wenn die Nacht zur Qual wird
Ausgewählte Artikel
Heft 4/2008

Schlafstörungen
Wenn die Nacht
zur Qual wird

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Schlafmedizin im interdisziplinären Netzwerk

Die Reform der Reform

Elektronischer Beifahrer warnt vor bedrohlichem Sekundenschlaf
von Dr. med. Vera Wienhausen-Wilke und Marion Zerbst

Schlafstörungen sind ein häufiges Problem. Studien, die in Deutschland durchgeführt wurden, haben ergeben, dass jeder vierte Patient, der seinen Hausarzt aufsucht, an einer solchen Störung leidet. Und man sollte Schlafprobleme nicht auf die leichte Schulter nehmen: Wenn man nämlich nichts dagegen unternimmt, können sie leicht chronisch werden.

Die häufigste Schlafstörung ist die Ein- und Durchschlafstörung (Insomnie): Schätzungsweise 6–15% aller Bundesbürger leiden darunter. Bei einer Insomnie ist das Schlafvermögen reduziert, d. h. man kann nicht mehr so viel schlafen, wie der Körper es eigentlich bräuchte. Deshalb fühlt man sich am Tage unausgeschlafen. Das reduzierte Schlafvermögen drückt sich in Ein- oder Durchschlafproblemen und/oder frühmorgendlichem Erwachen aus. Typisch für eine Insomnie ist außerdem der verminderte oder völlig fehlende Tiefschlaf: Man ist innerlich so angespannt, dass man das für die geistige und körperliche Regeneration so wichtige Tiefschlafstadium gar nicht mehr erreicht. Der Schlaf ist auch fragmentiert: Es kommt zu häufigen Aufwachreaktionen, die die Erholungsfunktion des Schlafes zusätzlich beeinträchtigen. Dadurch sind Lebensqualität und Leistungsfähigkeit oft drastisch eingeschränkt: Menschen mit Schlafstörungen werden häufiger krank, fehlen öfters bei der Arbeit und entwickeln mit der Zeit oft auch psychische Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen.

Wie Schlafstörungen entstehen
Meist stehen bei einer Insomnie psychische Ursachen im Vordergrund. Ein belastendes Ereignis führt zu einer zunächst einmal vorübergehenden Schlafstörung. Das kann ein Streit, ein Beziehungskonflikt oder ein Problem am Arbeitsplatz sein. Dieses belastende Ereignis bewirkt eine vermehrte innere Anspannung, auch nachts – und so entsteht eine Schlafstörung.
Normalerweise gehen solche Stresssituationen irgendwann wieder vorüber, und dann schläft man wieder gut. Es kann aber auch sein, dass die Schlafstörung sich gewissermaßen verselbstständigt und weiter bestehen bleibt, auch wenn der Stress schon längst wieder vorbei ist. Schuld daran ist eine Art Gewöhnungseffekt (der Fachmann spricht von einem Konditionierungsprozess): Der Körper und/oder die Psyche hat sich inzwischen daran gewöhnt, schlechter zu schlafen und nachts öfter wach zu liegen. Der ganze Organismus – Herz-Kreislauf-System, Atemfrequenz, Ausschüttung bestimmter Hormone etc. – ist höher aktiviert und auf den Wachzustand eingestellt. Außerdem kann man sich natürlich auch an die Unsitte gewöhnen, nachts im Bett Probleme zu wälzen. Auch das ist Gift für einen guten, erholsamen Schlaf. Wenn man feststellt, dass die Schlafstörung immer noch da ist, obwohl es längst keine Ursache mehr dafür gibt, bekommt man es mit der Angst zu tun und geht abends oft schon mit der Erwartung ins Bett, wieder schlecht zu schlafen. Wenn sich diese Situation jeden Abend wiederholt, ist der Grundstein für eine bleibende Schlafstörung gelegt und ein verhängnisvoller Teufelskreis in Gang gekommen.

Was tun, wenn man nicht schlafen kann?
Die Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen besteht aus mehreren verschiedenen Bausteinen: Zunächst lernt der Patient, durch schlaffördernde Maßnahmen (so genannte Schlafhygiene) für eine allmähliche Besserung seines Schlafes zu sorgen. Gleichzeitig wird der Arzt eventuell auch Schlafmittel verordnen, um den Teufelskreis der Insomnie zu durchbrechen. Dadurch gewinnt der Patient wieder Vertrauen und Selbstbewusstsein – er macht die Erfahrung: „Ich kann wieder schlafen.“ Sein Schlaf normalisiert sich, seine Ängste vor der nächsten Nacht lassen nach. Allerdings dürfen solche Medikamente nur über einen kurzen Zeitraum hinweg eingenommen werden, da sonst die Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung besteht.



Schlafmittel: keine Dauerlösung
Heutzutage werden als Schlafmittel hauptsächlich Benzodiazepine und eine verwandte Substanzklasse, die Z-Substanzen, eingesetzt. Im Vergleich zu den früher üblicherweise verwendeten Barbituraten haben diese Medikamente sehr viel geringere Nebenwirkungen, und auch die Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung ist nicht so groß.
Benzodiazepine verstärken bestimmte körpereigene hemmende Mechanismen im zentralen Nervensystem und wirken dadurch angstlösend und schlaffördernd. Leider ist ihre Einnahme aber auch sie mit gewissen Nebenwirkungen (Mattigkeit, Schwindelgefühl, Benommenheit und Einschränkung des Reaktionsvermögens) verbunden; bei älteren Menschen besteht außerdem aufgrund der muskelentspannenden und benommen machenden Wirkung Sturzgefahr, wenn sie nach Einnahme eines solchen Mittels nachts aufstehen, um auf die Toilette zu gehen.
Außerdem bringen Benzodiazepine das Problem der Toleranzentwicklung mit sich: Das heißt, das Gehirn gewöhnt sich mit der Zeit an das Medikament, sodass der Patient eine immer höhere Dosis einnehmen muss, um die gleiche Wirkung zu erzielen wie vorher. So kann es zur Medikamentenabhängigkeit kommen.
Seit 1992 gibt es Medikamente, die zwar keine Benzodiazepine sind, aber ähnlich wirken: die Z-Substanzen (Zaleplon, Zolpidem und Zopiclon). Sie machen weniger abhängig als Benzodiazepine und sind außerdem nebenwirkungsärmer. Dennoch sind auch sie mit Vorsicht einzusetzen. Völlig falsch ist es, Benzodiazepine oder Z-Substanzen langfristig einzunehmen; dazu ist die Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung zu groß. Sie müssen in der kleinstmöglichen Dosis und über den kürzestmöglichen Behandlungszeitraum hinweg eingenommen werden. Außerdem darf man sie niemals abrupt absetzen (selbst wenn man sie nur ein paar Wochen lang eingenommen hat), weil es sonst zu Entzugserscheinungen kommen kann: Die Schlafstörungen kehren – oft in noch schlimmerer Form – wieder. Solche Medikamente müssen daher stets in Absprache mit dem Arzt und ganz langsam abgesetzt werden.

Andere Krankheiten
Auch psychische Erkrankungen (vor allem Depressionen, aber auch Angsterkrankungen, Psychosen, Schizophrenie und Wahnvorstellungen) können eine Schlafstörung verursachen. Ferner gibt es organische und internistische Krankheiten, die zu einer Insomnie führen können, z. B. Herzinsuffizienz oder Schilddrüsenfehlfunktionen: Sowohl eine Unter- als auch eine Überfunktion der Schilddrüse kann Schlafstörungen verursachen; daher sollte der Arzt bei der Diagnostik von Schlafstörungen stets auch die Schilddrüse untersuchen. Für einen guten, erholsamen Schlaf ist es wichtig, dass Schilddrüsenerkrankungen medikamentös gut eingestellt sind.
Es gibt auch neurologische (d. h. das Nervensystem betreffende) Erkrankungen, die den Schlaf stören können. Die häufigste dieser Krankheiten ist das Restless-Legs-Syndrom (RLS). Etwa 2–5% aller Deutschen leiden darunter: einem Kribbeln, Ziehen, Stechen oder Zucken, Schmerzen oder sonstigen, oft schwer beschreibbaren Missempfindungen in den Beinen. Betroffen sind meistens die Unterschenkel, manchmal auch Füße, Knie und Oberschenkel, in selteneren Fällen auch die Arme. Die Beschwerden treten hauptsächlich abends und nachts auf und halten die Betroffenen oft stundenlang wach.
Viele RLS-Patienten leiden zusätzlich auch noch unter einem starken Bewegungsdrang der Beine: Es ist ihnen kaum möglich, im Bett oder in anderen Ruhepositionen (z. B. bei längerem Sitzen) die Beine ruhig zu halten. Sobald sie die Beine bewegen, bessern sich die Missempfindungen. Deshalb stehen viele RLS-Patienten nachts immer wieder auf und wandern ruhelos durch die Wohnung oder versuchen sich Erleichterung zu verschaffen, indem sie ihre Beine abduschen, bürsten und massieren. Das hilft aber nur so lange, bis sie wieder im Bett liegen – kaum sinken sie in einen Zustand der Entspannung und hoffen auf erlösenden Schlaf, kehren die Missempfindungen und die quälende Unruhe in den Beinen wieder.
Zusätzlich treten beim RLS in den meisten Fällen auch unwillkürliche Fuß- und Beinbewegungen auf, und zwar häufig im Schlaf. Diese so genannten periodischen Beinbewegungen wiederholen sich in regelmäßigen Abständen und werden dem Patienten nur dann bewusst, wenn er davon aufwacht. Doch selbst wenn er nicht richtig wach wird, ist seine Schlafqualität dadurch doch beeinträchtigt, denn es kommt immer wieder zu kurzzeitigen Weckreaktionen, die ihn daran hindern, in Tiefschlaf zu fallen.

Krankhaftes Schnarchen
Schnarchen kann nicht nur Beziehungen belasten und den Nachtschlaf des Partners stören; es kann auch eine gefährliche Krankheit sein, die behandelt werden muss. Nämlich dann, wenn es im Rahmen des Schnarchens zu nächtlichen Atemstillständen kommt. Beim krankhaften Schnarchen sind die Atemwege während des Schlafs nicht nur verengt, sondern fallen komplett in sich zusammen, sodass gar keine Luft mehr hindurchgeht. Bis zu drei Minuten kann so ein „Atemaussetzer“ dauern; spätestens dann sendet der um den lebensnotwendigen Sauerstoff gebrachte Organismus ein Alarmsignal ans Gehirn, und es kommt zu einer Weckreaktion. Der Schnarcher wacht kurz auf, was ihm meist gar nicht bewusst wird; die Muskulatur seiner Atemwege strafft sich, sodass er wieder Luft bekommt. Mit einem lauten, explosionsartigen Schnarchgeräusch saugt er die ersehnte Luft in seine Lungen.
Dann schläft er wieder ein und atmet für kurze Zeit normal – doch bald schon wiederholt sich das nächtliche Drama. Bei manchen Schnarchern passiert das 100-, 200- oder 300-mal pro Nacht, oder sogar noch häufiger. Der Arzt bezeichnet dies als obstruktive Schlafapnoe.
 Durch den fragmentierten Nachtschlaf leiden viele Betroffene unter Tagesmüdigkeit, die zu Unfällen führen kann. Außerdem ist das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, bei Schlafapnoe-Patienten stark erhöht. Auch Diabetes kann durch eine Schlafapnoe entstehen. Die Krankheit der nächtlichen Atemaussetzer lässt sich heute jedoch mit einem Beatmungsgerät sehr gut behandeln.
Der Schlaf kann aber auch durch nächtlichen Lärm erheblich gestört werden, mit denselben Folgen für die Wachheit am Tage. Auch Schichtarbeit steckt der Organismus nicht einfach so weg.

Gegen den „Sekundenschlaf“
• Bei längeren Autofahrten unbeding

Sekundenschlaf: Ursache vieler Unfälle
Schlafstörungen beeinträchtigen natürlich auch die Wachheit bei Tage; und das kann gefährlich werden. Schätzungsweise ein Drittel aller Verkehrsunfälle ist auf Übermüdung des Kraftfahrers zurückzuführen. Wer am Steuer einnickt – auch wenn es nur für ein paar Sekunden ist –, der wacht unter Umständen auf der Intensivstation oder gar nicht mehr auf. Untersuchungen im Straßenverkehr haben gezeigt, dass wahrscheinlich jeder zehnte Kraftfahrer, der auf der Autobahn an uns vorbeifährt, aufgrund von Müdigkeit eigentlich absolut fahruntüchtig ist! Er weiß es nur nicht.
Das Schlimme an der Sache ist nämlich, dass übermüdete Fahrer sich häufig überschätzen. Sie glauben, noch kilometerweit weiterfahren zu können, obwohl sie dem Sekundenschlaf am Steuer schon gefährlich nahe sind. Deshalb ist es gut, die Risikofaktoren und Warnsignale zu kennen.
Hauptrisikofaktoren für das gefährliche Einnicken am Steuer sind Schlafstörungen und eine zu lange Fahrzeit. Wenn der Nachtschlaf zu kurz war (z. B. bei Urlaubsreisenden, die morgens um drei Uhr schon losfahren), ist mit einem erhöhten Unfallrisiko zu rechnen. Diesen Fehler machen bei Urlaubsreisen mit dem Auto leider viele: Um möglichst zeitig anzukommen und den Staus auf den Autobahnen zu entgehen, steht man mitten in der Nacht auf. In erschöpftem Zustand („urlaubsreif“) und nach nur halb so viel Schlaf wie sonst fahren Urlauber am ersten Urlaubstag oft ein Vielfaches der Kilometer, die sie normalerweise gewohnt sind. Und irgendwann holt die Müdigkeit sie dann ein. Besser ist es also, vor weiten Fahrten ausreichend lange zu schlafen, Fahrten bei Nacht oder in den frühen Morgenstunden zu vermeiden und alle zwei Stunden eine Pause von mindestens zehn Minuten einzulegen.
Hitze begünstigt die gefährliche Schläfrigkeit am Steuer noch – ein weiteres Problem, das man bei der Fahrt in den Sommerurlaub berücksichtigen sollte. Ein anderer wichtiger Risikofaktor sind monotone Fahrsituationen, also z. B. eine nächtliche Autofahrt bei relativ geringem Verkehrsaufkommen. Solche Situationen rufen leicht Schläfrigkeit hervor.
Die Alarmsignale sind von Mensch zu Mensch verschieden; die häufigsten Anzeichen von Müdigkeit sind jedoch häufiges Gähnen, schwere oder herabsinkende Augenlider, verschwommene Sicht, schlenkerndes Fahren, Frösteln, verlangsamtes Reaktionsvermögen und Abkommen von der Fahrspur. Ein weiteres Alarmzeichen ist, wenn man sich nicht mehr an die letzten gefahrenen Kilometer erinnern kann.
Bei den ersten Anzeichen von Müdigkeit sollte man die nächste Parkmöglichkeit suchen und sich ein zehn- bis zwanzigminütiges Nickerchen gönnen (nicht länger, sonst gerät man womöglich in eine Tiefschlafphase, und dann fällt es hinterher schwer, wieder richtig wach zu werden). Nach dem Schläfchen trinken Sie eine Tasse Kaffee. Sie können die Reihenfolge auch umkehren (also zuerst der Kaffee und dann das Schläfchen), denn der Kaffee entfaltet seine wach machende Wirkung erst nach ca. 20 Minuten, sodass er Sie nicht beim Schlafen stört. Anschließend setzen Sie sich wach und erholt wieder ans Steuer und setzen die Fahrt fort.
Allerdings schützt auch Kaffee nicht vor Müdigkeit bei zu langen Autofahrten. Also nehmen Sie lieber öfter einmal einen Fahrerwechsel vor oder teilen Sie sich längere Fahrten in mehrere kleinere Etappen auf!