Wecker.jpg
schlafmag_klein.jpg
Ständig „on the road“
Fernfahrer leben ungesund und gefährlich
Ausgewählte Artikel
Heft 3/2008




Fernfahrer leben ungesund und gefährlich

MAN_PR.jpg
von Marion Zerbst

Wer sich seine Brötchen am Steuer eines Lkws verdient, ist hohen Belastungen ausgesetzt. Termindruck, unregelmäßige Arbeitszeiten, harter körperlicher Einsatz, Schlafmangel – da bleibt die Gesundheit leicht auf der Strecke. Denn bei dem vielen Stress und dem ständigen Unterwegssein kommen Fernfahrer oft nicht einmal dazu, einen Arzt aufzusuchen, wenn sie sich krank fühlen.

Berufskraftfahrer führen ein stressiges Leben. Neben körperlichen Belastungen wie Nacht- und Schichtarbeit sowie Schlafmangel leiden sie auch noch unter
psychischen Stressfaktoren: Der „Brummi-Fahrer“ verbringt seinen Berufsalltag allein auf der Straße, getrennt von Partnerin und Familie, ohne echte soziale Kontakte. Die Verhältnisse auf den Autobahnen und Rastplätzen sind häufig unzumutbar, und der Zeit- und Termindruck nimmt immer mehr zu.  
Da ist es eigentlich kein Wunder, dass Fernfahrer überdurchschnittlich häufig gesundheitliche Probleme bekommen: Eine Statistik der AOK über Arbeitsunfähigkeitsfälle im Jahr 2006 ergab, dass die Anzahl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Lkw-Fahrern um 4% höher lag als beim Durchschnitt der AOK-Versicherten. Ein wichtiger Grund dafür liegt neben dem Dauerstress, der den Blutdruck in die Höhe treibt, sicherlich auch im Ernährungsverhalten der Fernfahrer: Unregelmäßiges, ungesundes Essen, wie ihr Arbeitsalltag es nun einmal zwangsläufig mit sich bringt, führt nicht selten zu Übergewicht – mit allen dadurch bedingten Folgeerkrankungen wie Diabetes und Fettstoffwechselstörungen.

Dauerstress und zu wenig Schlaf
Eines der Hauptprobleme ist der permanente Schlafmangel: Falsch angelegte Parkplätze, Verkehrslärm und laufende Kühlaggregate machen einen erholsamen Schlaf fast unmöglich. Im Sommer ist es besonders schlimm: In dieser Jahreszeit lässt die Hitze in der Fahrerkabine die Nacht zur Qual werden; und die Fenster herunterzukurbeln, ist unmöglich, weil man bei dem Lärm dann erst recht nicht schlafen kann. Nacht- und Schichtarbeit bringen den Schlaf-wach-Rhythmus der Fahrer mit der Zeit völlig durcheinander, weil solche Arbeitszeiten der inneren Uhr des Menschen zuwiderlaufen: Sie zwingen den Fahrer, tagsüber zu schlafen, wenn Körper und Geist eigentlich auf Wachsein eingestellt sind. Und nachts, wenn unser Biorhythmus nach Ruhe und Erholung verlangt, sind die Fernfahrer gezwungen, wach und konzentriert am Steuer zu sitzen – und das oft in sehr monotonen Fahrsituationen.
Dass so etwas nicht immer gut geht, ist klar. Lkw-Fahrer haben ein stark erhöhtes Unfallrisiko. Alljährlich sterben in der EU rund 4000 Menschen durch Unfälle, an denen ein Lkw beteiligt ist, so lautet das beunruhigende Resümee von Rainer Bernickel, Europareferent für Verkehrssicherheit und früher bei der Autobahnpolizei Münster für die Verkehrssicherheitsberatung zuständig. Bei diesen Unfällen werden jedes Jahr 700 Lkw-Fahrer in ihren Kabinen getötet. Und die Schwere der Unfälle mit Lkw-Beteiligung nimmt immer mehr zu: Allein in Baden-Württemberg gab es im Jahr 2007 immerhin 16 939 Unfälle mit Lkw-Beteiligung – und das mit 906 Schwerverletzten und 134 Toten. Bei über 100 dieser Unfälle war nach polizeilichen Ermittlungen Übermüdung am Steuer die Ursache. Umfragen deuten darauf hin, dass fast jeder Fernfahrer schon einmal vom Sekundenschlaf am Steuer übermannt wurde. (Natürlich spricht aus verständlichen Gründen nicht jeder offen darüber ...)
Angesichts dieser erschreckenden Zustände sollte man meinen, dass die Speditionsunternehmen eigentlich daran interessiert sein müssten, etwas für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu tun. Dem ist aber nicht so: Prävention ist in der gewerblichen Transportbranche leider immer noch ein Fremdwort. Obwohl viele Verantwortliche sich der Problematik durchaus bewusst sind, haben sie – wie eine groß angelegte, anonyme Befragung von Transportunternehmen zeigte – kein sonderliches Interesse daran, wirklich etwas für ihre Mitarbeiter zu tun.
Laut eigenen Angaben gibt es dafür verschiedene Gründe. Geldmangel steht natürlich wie bei fast allen Problemen auch hier wieder einmal an erster Stelle: Über 45 % der Befragten waren der Ansicht, für eine angemessene betriebliche Gesundheitsförderung fehlten in ihrem Betrieb einfach die Mittel. 42,4 % meinten, solche Maßnahmen seien nicht möglich, weil die Mitarbeiter ja ständig unterwegs sind; 30,3 % erklärten, dafür fehle die Zeit; 31,6 % behaupteten schlichtweg, im Betrieb seien keine Gesundheitsprobleme bekannt; und 22,4 % argumentierten, dass die Mitarbeiter dies gar nicht wollten.

Nur ein gesunder Fahrer ist ein sicherer Fahrer
An letzterer Aussage ist leider wirklich etwas Wahres dran: Auch die Berufskraftfahrer selbst kümmern sich viel zu wenig um ihre Gesundheit. Sie verdrängen Beschwerden und Alarmsignale ihres Körpers lieber – weil sie schlicht und einfach keine Zeit haben, um solchen Problemen nachzugehen. Viele Fernfahrer leiden unter Dauerkopfschmerzen, weil sie durch das lange Sitzen am Steuer Nackenverspannungen bekommen oder weil sie eigentlich eine Brille bräuchten. Doch statt sich einen Termin beim Orthopäden oder Augenarzt geben zu lassen, fahren sie weiter und werfen in Eigenregie irgendwelche Schmerztabletten ein, die sie womöglich noch mehr in ihrer Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Und zum Betriebsarzt gehen Fernfahrer verständlicherweise nicht gern, weil sie Angst haben, ihren Führerschein zu verlieren, wenn sich bei der Untersuchung herausstellen sollte, dass sie fahruntauglich sind.
Besonders groß ist das Problem im akuten Krankheitsfall. Was soll ein Fernfahrer tun, wenn er kurz vor Fahrtantritt oder mitten auf der Autobahn plötzlich Fieber, Durchfall, Hexenschuss oder furchtbare Zahnschmerzen bekommt? Auf die Schnelle findet er in der Regel keinen Kollegen, der seinen Auftrag für ihn zu Ende führen kann. Außerdem ist das Zeitfenster für die geplante Lieferung meist eng, und womöglich herrscht auf den Straßen auch noch Stau. Direkt an der Autobahn einen Arzt zu finden, ist schwierig, und mit einem 40-Tonnen-Lkw in die nächste Stadt zu fahren und vor der nächsten Arztpraxis zu parken, geht auch nicht. Da hilft nur eins: Augen zu und durch. Viel zu groß ist die Angst des Lkw-Fahrers, sich Ärger mit seinem Arbeitgeber einzuhandeln, falls er seinen Fahrauftrag unterbricht. Also fährt er lieber in krankem Zustand weiter und versucht sich mit irgendwelchen Medikamenten aus der Apotheke bei der Stange zu halten, deren Nebenwirkungen er meist gar nicht kennt. Denn wer hat bei diesem mörderischen Stress und Termindruck auch noch Zeit, Beipackzettel zu lesen?
Wer krank oder durch Medikamente benebelt Auto fährt und außerdem womöglich auch noch übermüdet ist, hat natürlich ein erhöhtes Unfallrisiko. Verkehrsexperte Rainer Bernickel kennt haarsträubende Geschichten: beispielsweise von einem Lkw-Fahrer, der auf der Autobahn einen Herzinfarkt erlitt und gerade noch auf den Standstreifen fahren konnte, oder einem Trucker, der auf dem Rastplatz plötzlich kollabierte – Herz-Kreislauf-Zusammenbruch. Das Gleiche hätte auch bei voller Fahrt passieren können.
„Wer sich infolge körperlicher oder geistiger Mängel nicht sicher im Verkehr bewegen kann, darf am Verkehr nur teilnehmen, wenn Vorsorge getroffen ist, dass er andere nicht gefährdet“, so heißt es in Paragraph 2 der Fahrerlaubnis-Verordnung. Klingt durchaus plausibel. Aber wie soll sich ein Fernfahrer bei seinen meist dichtgedrängten Terminplänen, fern von zu Hause und von jeder medizinischen Versorgung, an solche Vorgaben halten?

DocStop – für mehr Sicherheit auf unseren Autobahnen
Rainer Bernickel kann und will sich mit diesen gefährlichen Missständen nicht abfinden. Deshalb initiierte er im Frühjahr 2007 ein Projekt, das zur Erreichung des Ziels der EU-Kommission beitragen soll, die Anzahl der Verkehrstoten bis zum Jahr 1010 um 50% zu reduzieren. Da Fernfahrer nun mal keine Zeit haben, zum Arzt zu gehen, soll „DocStop“ die Ärzte zu den Fernfahrern bringen: Es wurden Adressen von Ärzten, Zahnärzten und Krankenhäusern gesammelt, die in Autobahnnähe angesiedelt und bereit sind, das DocStop-Netzwerk zu unterstützen. Diese Praxen und Kliniken sollen maximal vier Kilometer vom jeweiligen Anlaufpunkt entfernt sein. Als Anlaufstellen fungieren die VEDA-Autohöfe, die sofort begeistert bei dem Projekt mitmachten. Die Kraftfahrer können sich an Autohöfen und Raststätten entlang der Autobahn über die nächstgelegenen medizinischen Versorgungspunkte und den Transportweg dorthin informieren. Einige Autohofbetreiber bieten sogar einen kostenlosen Taxi-Shuttle zu den jeweiligen Arztpraxen an. Und die Ärzte erklären sich bereit, kranke Brummifahrer bevorzugt dranzunehmen, damit sie nicht lange warten müssen und ihre Liefertermine einhalten können.
Mittlerweile existiert ein bundesweites Netz von über 150 Ärzten, Zahnärzten und Krankenhäusern, die für die Behandlung von Lkw-Fahrern zur Verfügung stehen; und das Netzwerk wächst ständig weiter. Abrechnen können deutsche Fernfahrer die ärztlichen Leistungen mit der Karte ihrer Krankenversicherung; Fahrer aus anderen Ländern haben entweder eine europäische Karte einer Krankenkasse, oder sie müssen die Behandlungskosten zunächst selbst tragen und bekommen sie hinterher von ihrer Versicherung im Heimatland erstattet.
Der Schirmherr dieser lobenswerten Initiative ist Dr. Dieter Lebrecht Koch (Europaparlament-Mitglied und Vorstandsmitglied im Europäischen Verkehrssicherheitsrat); Leiter, Koordinator und Ansprechpartner ist Polizeihauptkommissar i. R. Rainer Bernickel.
Im Lauf der nächsten Jahre soll das Netzwerk auf ganz Europa ausgedehnt werden – damit die Gesundheit und Sicherheit der Fahrer, ohne deren unermüdlichen Einsatz binnen kurzem unsere gesamte Versorgung mit lebenswichtigen Gütern zusammenbrechen würde, nicht an Zeitmangel scheitert.

Leiter der Initiative DocStop und Ansprechpartner für sämtliche