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DGSM-Tagung in Kassel
Schlafmedizin im interdisziplinären Netzwerk |
Ausgewählte Artikel
Heft 4/2008
Wenn die Nacht
zur Qual wird
DGSM-Tagung in Kassel
Schlafmedizin im interdisziplinären
Netzwerk
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Die Reform der Reform
Elektronischer Beifahrer warnt vor bedrohlichem Sekundenschlaf
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von Dr. Magda Antonic
Die Schlafmedizin ist eine junge
Wissenschaft. Der Jahreskongress der wissenschaftlichen
Gesellschaft DGSM fand vor kurzem erst zum 16. Mal statt.
Dennoch, die Disziplin der Schlafforschung hat sich
inzwischen etabliert und noch mehr: Sie hat sich auch mit
anderen Disziplinen eng vernetzt. Eigentlich war die
Schlafmedizin vom Start weg eine Domäne der Pneumologen,
die sich mit schlafbezogenen Atemstörungen
beschäftigten und irgendwie ahnten, dass sie
weitreichenden Zusammenhängen auf der Spur waren –
doch anfangs wurden sie eher wie Missionare einer Sekte
betrachtet. Die Neurologen interessierten sich ebenfalls schon
früh für den Schlaf, wobei sie sich auf Gehirn und
Nervensystem konzentrierten und die Atmung außer Acht
ließen.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass
die verschiedenen medizinischen Disziplinen, jede für
sich, nebeneinander her agierten und ungern nach links und
rechts blickten. Das hat sich inzwischen erstaunlich
verändert, denn schlafmedizinische Probleme werden heute
als interdisziplinäre Probleme gewertet. So interessieren
sich heute auch die Kardiologen, die die Aktivitäten der
Somnologen bis vor kurzem nur belächelten, für
schlafbezogene Atmungsstörungen. Ebenso beginnen Urologen
und Nephrologen, Schlafstörungen für Erkrankungen der
Nieren, der Blase und der Geschlechtsorgane verantwortlich zu
machen oder zumindest eine gegenseitige Beeinflussung für
möglich zu halten.
Transfer von der Forschung zur Praxis
Schlafmedizin zwischen Forschung und
Praxis nannten die Professoren Andreas, Konermann, Mayer und
Trenkwalder die Tagung, die sie verantwortlich ausrichteten.
„Wir möchten den Dialog zwischen Forschung und
Praxis anregen, damit daraus gemeinsame Ideen und Projekte
entstehen können, welche die Schlafmedizin in allen
medizinischen Bereichen zum Wohle der Patienten
weiterentwickeln können.“ So die gemeinsame
Absichtserklärung, die das Angebot dieses Kongresses
einlöste.
Enträtselter Schlaf
Die Schlafforschung hat bis heute Enormes
geleistet: Diagnostik und Therapie schlafbezogener
Atmungsstörungen, das so genannte krankhafte Schnarchen
mit nächtlichen Atemaussetzern, hat heute einen
beachtlichen Standard erreicht.
Die Leistungsfähigkeit der zur
Verfügung stehenden nasalen
Überdruckbeatmungsgeräte ist sicher auch der
Grundlagenforschung der Mediziner zu verdanken. Ein weiteres
großes Plus ist, dass schlafbezogene
Atmungsstörungen inzwischen ganz selbstverständlich
als bedeutende Risikofaktoren für die Langzeitprognose von
neurologischen und kardiologischen Erkrankungen akzeptiert
worden sind. Auch in der Kinderheilkunde erbrachte die
Schlafforschung neue Erkenntnisse über den
plötzlichen Kindstod.
Um Schlafstörungen differenziert mit
Medikamenten behandeln zu können, verfügt man heute
auch über das notwendige Wissen um die
Schlaf-wach-Regulation diverser Hirnareale und Neurotransmitter
als Botenstoffe. „Das Neuropeptid Hypocretin“,
schreibt der Präsident der DGSM, Prof. Geert Mayer,
„kontrolliert die Dauer der Fähigkeit, wach zu
bleiben.“ Entdeckt wurde die Substanz bei der Erforschung
der Narkolepsie, jener rätselhaften Erkrankung, die die
Betroffenen tagsüber urplötzlich einschlafen
lässt und in einen muskelstarren Zustand versetzt. Die
Entdeckung des Hypocretins erklärt Zusammenhänge von
Schlaf-, Herz-Kreislauf- und einigen Bewegungsstörungen.
So lassen sich beispielsweise Störungen der
Traumschlafphasen als Vorboten einer Parkinsonerkrankung
deuten.
Verhältnismäßig neu sind
die Erkenntnisse von Schlafstörungen in der Kindheit. Sie
führen oft zu erheblichen Einschränkungen der
körperlichen und geistigen Leistungen. Abhilfe ist
möglich, wenn man die Kinder einer gezielten
schlafmedizinischen Diagnostik unterzieht und sie so früh
wie möglich behandelt.
Man weiß heute, dass die meisten
Schlafstörungen auf konkrete organische Defekte
zurückgehen und keinesfalls psychische Ursachen haben.
Weitere herausragende Themen waren die
pathophysiologischen Zusammenhänge der nächtlichen
Atemantriebsstörungen und des Schlafapnoe-Syndroms. Dazu
wurden in Vorträgen neue diagnostische und therapeutische
Ansätze vorgestellt.
Ein weiterer interessanter Programmaspekt
und Thema mehrerer wissenschaftlicher Sitzungen waren
motorische Störungen vom Schlafwandeln bis zur
REM-Schlafstörung. Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung
ist eine seltene, aber klinisch eindrucksvolle Störung der
Schlafstruktur, wobei Träume direkt in heftige
Körperbewegungen umgesetzt werden. Nach neuesten
Erkenntnissen handelt es sich dabei um eine Vorform der
Parkinson-Erkrankung.
Bewegungsstörungen während des
Schlafs
Dem Restless-Legs-Syndrom widmete der
Kongress große Aufmerksamkeit.
Was vor wenigen Jahren noch ein ziemlich
exotisches Terrain in der Medizin war, das man eher der
Einbildung der Betroffenen zuschrieb und notfalls lieber der
Psychiatrie zuordnete, ist inzwischen als ein oft
schwerwiegendes, die Lebensqualität der Betroffenen
erheblich beeinträchtigendes Krankheitsbild erkannt
– und anerkannt. Fünf Prozent aller Deutschen, so
hat man hochgerechnet, sind vom RLS betroffen. Man kann davon
ausgehen, dass etwa 800 000 Menschen über 18 Jahren
behandlungsbedürftig sind. Letztendlich geklärt ist
die Ursache dieser geheimnisvollen Krankheit nicht. Man
weiß inzwischen aber, dass sie offenbar vererbt wird.
Vier Gene wurden identifiziert, die häufig gemeinsam mit
RLS auftreten. Die beim Einschlafen zappelnden, zuckenden Beine
lassen sich jedoch medikamentös ruhig stellen. Einige
Medikamente sind auch in Deutschland inzwischen zugelassen. RLS
muss also keinesfalls Schicksal sein – wenn die Krankheit
korrekt diagnostiziert und richtig behandelt wird. Dies ist
leider oft nicht der Fall, da das Wissen um die relativ
einfache Diagnostik noch nicht zu allen Medizinern
durchgerungen ist und die Krankheit von diesen nicht ernst
genommen wird.
Schlafstörungen schädigen das
Herz
Das hätte sich vor wenigen Jahren
auch kein Mediziner vorgestellt, dass Schlafstörungen und
Herzschwäche eng zusammenhängen.
Die nächtliche Obstruktion der
Atemwege bedingt eine erhöhte Tagesmüdigkeit,
verbunden mit einer ständigen Stressreaktion über den
Tag hinweg, hinzu kommt erhöhter Blutdruck. Die
obstruktive Schlafapnoe ist damit eindeutig als Risikofaktor
für Bluthochdruck, Vorhofflimmern und den plötzlichen
Herztod identifiziert. Eine Studie hat ergeben, dass Patienten
mit Herzschwäche über 60 % auch an schlafbezogenen
Atmungsstörungen leiden. Diese wiederum schwächen
zusätzlich das Herz.
Gestörter Schlaf berührt alle
Körpersysteme
Prof. Konermann zeigte, dass es ebenfalls
zwischen Urogenitalsystem und Schlafstörungen
Zusammenhänge gibt. Schlafstörungen können die
Nierenfunktion beeinträchtigen, und umgekehrt stören
erkrankte Nieren und ableitende Harnwege den Schlaf. Wer an
Prostataproblemen oder einer Blasenerkrankung leidet, kennt den
nächtlichen Zwang, aufzustehen und Wasser zu lassen. Fast
die Hälfte aller Dialysepatienten leidet unter
Schlafstörungen.
Und ohne erholsamen Schlaf, bei dem alle
Schlafstadien regelgerecht durchlaufen werden, läuft auch
sexuell nichts. Wer schlecht schläft, egal aus welchem
Grund, und insbesondere die Phase des REM-Schlafs nicht
erfährt, läuft Gefahr, an einer erektilen Dysfunktion
zu erkranken. Im Klartext: Die Schwellkörper werden bei
sexueller Erregung nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt und
so versteift sich das Glied nicht mehr. Gut 70 % aller
männlichen Schlafapnoe-Patienten leiden unter erektiler
Dysfunktion, welche die Lebensqualität erheblich
mindert.
Auch Kinder leiden unter
Schlafstörungen
Schlafstörungen bei Kindern waren
ebenfalls ein Thema des Kongresses: Zu dieser Problematik gab
es das spezielle Symposium „Pädiatrisches
Schlafmedizin-Update 2008“.
In diesem Symposium wurde ein
Überblick über den neuesten Stand der gehäuft
autretenden Auffälligkeiten im Kinderschlaf gegeben und
über neue Behandlungsansätze berichtet. Näher
betrachtet wurden unter anderem der gestörte Schlaf von
Kindern mit Adipositas sowie die Auswirkungen von kindlichen
Schlafstörungen im Erwachsenenalter. Diskutiert wurde auch
die Frage, ob denn schon beim Kind das Schnarchen
behandelt werden müsse, damit es später als
Erwachsener nachts gut Luft bekommt.
Schlafmangel – ein großes
gesellschaftliches Problem
Was die Wissenschaft an Details alles ans
Licht bringt, macht vor allem deutlich, was der erholsame
Schlaf für die Gesundheit bedeutet. Wenn bisher immer
postuliert wurde, Schlaf sei notwendig, dann musste man dies
gar nicht allzu ernst nehmen. Schlafdefizit ist durch unsere
gesellschaftlichen Verhaltensweisen heute geradezu legitimiert.
Welche Konsequenzen dies jedoch für Gesundheit,
Leistungsfähigkeit und für die Prävention hat,
machen die aktuellen Erkenntnisse der Schlafmedizin und ihrer
assoziieren Disziplinen deutlich. Insofern fällt der
Schlafmedizin im Zentrum medizinischer Teildisziplinen, bislang
eher als exotisches Terrain belächelt, künftig in
Forschung und Klinik der gesamten inneren Medizin eine
Schlüssel- und Lotsenfunktion zu. Dies zumindest war eine
der wichtigen Botschaften dieses Kongresses.
Geheimnisse der „Inneren
Uhr“
Die Chronobiologie ist ein besonders
faszinierender Bereich der Schlafmedizin, denn er gibt
Aufschluss über unseren Schlaf-wach-Rhythmus. Dass es eine
innere Uhr gibt und wir im Gehirn und weiter in jeder
Körperzelle sozusagen eine genetische Uhr eingebaut haben,
weiß die Wissenschaft schon längere Zeit.
Die Masteruhr, die unseren inneren
Rhythmus steuert, sitzt im Gehirn direkt neben dem Sehnerv,
einige Zentimeter hinter dem Nasenrücken und ist mit dem
Sehnerv verbunden, denn über das Tageslicht wird diese Uhr
„gestellt“.
Diese Masteruhr ist sozusagen unser
innerer Big Ben, wie es der Chronobiologe Prof. Till Roenneberg
auszudrücken pflegt. Jedoch ist jede einzelne
Körperzelle in der Lage, circadiane Rhythmen zu
produzieren. Aber auch unsere Gene beeinflussen die Masteruhr,
denn Langschläfer und Frühaufsteher gibt es auch
unabhängig vom Licht der Sonne. Sämtliche Funktionen
unseres Organismus werden von dieser angeborenen biologischen
Tagesuhr gesteuert. Schlafstörungen entstehen, so
schätzt man inzwischen, fast bei einem Viertel aller
Deutschen, und zwar deshalb, weil sie gezwungen sind, gegen
ihre innere Uhr zu leben. Dagegen kann man sich nicht wehren,
auch nicht mit Disziplin. Man spricht dabei vom sozialen
Jetlag.
„Da die Tageslänge der inneren
Uhr“, so Roenneberg, „auf sich alleine gestellt
leicht von 24 Stunden abweicht, muss sie täglich auf die
24-Stunden-Drehung der Erde gestellt werden.“ Dies
geschieht vor allem durch Licht, bzw. durch den Wechsel von Tag
und Nacht. Signale, die die innere Uhr stellen können,
bezeichnet die Wissenschaft als Zeitgeber. Der Mensch
erhält diese Lichtinformationen über die Augen,
welche diese über den Sehnerv an die Masteruhr
weiterleiten. Doch auch regelmäßige Aktivitäten
wie die Nahrungsaufnahme können die Masteruhr
beeinflussen.
Dass das Licht der stärkste Zeitgeber
ist, lässt sich daran erkennen, dass die innere Uhr von
blinden Menschen nicht synchronisiert werden kann, selbst dann,
wenn sie regelmäßigen Arbeitszzeiten nachgehen. Die
innere Uhr eines Blinden läuft mit einem
25-Stunden-Rhythmus. Das heißt, dass sie jeden Tag
etwa eine Stunde nachgeht im Verhältnis zur Uhr der
Menschen, die durch Licht gesteuert werden. „Nach
zwölf Tagen“, so Roenneberg, „sind diese
Menschen daher Nachtarbeiter und wiederum zwölf Tage
später können sie erneut im Einklang mit den sozialen
Zeiten leben.“
Prof. Achim Kramer und sein Team vom
Institut für Medizinische Immunologie der Charité
Berlin haben eine Methode entwickelt, um festzustellen, ob die
Schlafstörungen eines Menschen genetisch bedingt sind.
Gendefekte können nämlich diese Masteruhr verstellen.
Dazu werden mit einem kleinen Stich in den Arm des Patienten
Hautzellen entnommen. Im Zelllabor lässt sich dann die
Aktivität der Uhrgene dieser Zellen in Abhängigkeit
von der Tageszeit untersuchen und daraus ein Profil erstellen.
Schon daraus erkennen die Forscher, ob es sich bei dem
betreffenden Patienten um einen Partymuffel oder eine Nachteule
handelt. Der Patient muss außerdem einen Fragebogen
ausfüllen, aus dem ersichtlich ist, zu welcher Tageszeit
er welche Tätigkeit lieber ausführt. Dies wird mit
seinem Genprofil verglichen. Mit diesem Wissen lässt sich
eine individuelle Therapie festlegen, beispielsweise eine
Lichttherapie.
Fortbildung und internationale Kooperation
Das wissenschaftliche Programm sowie das
Fort- und Weiterbildungsangebot waren in Kassel sowohl auf
niedergelassene Ärzte als auch auf Wissenschaftler
angrenzender Fachbereiche abgestimmt. Mit dem Kolleg
„Schlafmedizin“, dessen Veranstaltungen am 18.
Oktober stattfanden, bot sich beispielsweise für
Mediziner, die sich für Schlafmedizin interessieren, die
Möglichkeit sich fallorientiert fortzubilden.
Ein Höhepunkt der diesjährigen
DGSM-Jahrestagung war das am 17. Oktober veranstaltete
internationale Joint-Symposium der DGSM in Kooperation mit der
World Association of Sleep Medicine (WASM).
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