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Elektronischer Beifahrer
warnt vor bedrohlichem Sekundenschlaf |
Ausgewählte Artikel
Heft 4/2008
Wenn die Nacht
zur Qual wird
Schlafmedizin im interdisziplinären
Netzwerk
Die Reform der Reform
Elektronischer Beifahrer warnt vor
bedrohlichem Sekundenschlaf
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von Bernd Burschewski
Früh morgens an einem Donnerstag.
Seit Stunden rollt Malte M. in seinem Zwanzigtonner-Diesel auf
den Hamburger Container-Hafen zu. Die ersten Sonnenstrahlen
kriechen über den Horizont. Malte M. ist hundemüde,
immer wieder fallen ihm die Augen zu. Schlagartig durchbricht
ein schriller Warnton das eintönige Gebrumme des Motors
und ein grell leuchtendes Warndreieck blinkt im
Rückspiegel. Gleichzeitig vibriert der Sicherheitsgurt und
eine eindringliche Stimme ermahnt den Fahrer:
„Müdigkeitswarnung! Halten Sie an der nächsten
Raststätte an und legen eine Pause ein!“ Malte M.
reißt die Augen auf – sein elektronischer Beifahrer
hat ihn vor einem schweren Unfall bewahrt.
Das hier beschriebene
Müdigkeitswarnsystem ist keine Zukunftsmusik mehr. Seit
der diesjährigen Internationalen Automobil Ausstellung
können Trucker davon profitieren. Beinahe wie im
Schlaflabor beim nächtlichen Screening werden mit Hilfe
von Sensoren und einer Kamera der Zustand des Fahrers und sein
Fahrverhalten überwacht. Wie ist die Blickrichtung? Wie
häufig fallen die Augen zu? Wie weit schließen und
öffnen die Augenlieder? Außerdem misst ein Sensor,
wie kräftig der Fahrer das Lenkrad umgreift. Alle Daten
fließen im Bordcomputer zusammen: Ist der Fahrer topfit
und wach? Oder unaufmerksam, schläfrig und müde?
Spätestens dann schlägt der elektronische Beifahrer
Alarm und hält den Fahrer davon ab, einzunicken. Experten
schätzen, dass hierzulande übermüdete Fahrer und
gefährlicher Sekundenschlaf rund 20 % aller
Verkehrsunfälle verursachen. Diese Unfälle sind
häufig schwerer als andere, weil ein eingenickter Fahrer
es nicht mehr schafft, Ausweich- oder Bremsmanöver
einzuleiten. Müdigkeitswarner für PKW-Fahrer gibt es
seit November, allerdings nur bei dem neuen Volvo XC 60. Andere
vorausschauende Assistenzwarnsysteme haben hingegen Einzug in
die Ausstattungslisten der PKW-Hersteller gehalten. Etwa der
Abstandsregler, der per Radarsensor ständig den Platz vor
dem Fahrzeug bis 200 Meter beobachtet und überwacht. Er
passt bei anstrengendem Kolonnenverkehr auf der Autobahn, auf
kilometerlangen Landstraßen und im zähflüssigen
Stadtverkehr die Geschwindigkeit dem Verkehrsfluss an. Kommt
das eigene Fahrzeug dem Vordermann zu nahe, reduziert er die
Geschwindigkeit. Wird das vorausfahrende Auto wieder schneller,
steigt die eigene Geschwindigkeit an und beschleunigt bis zur
vorher eingegebenen Wunschgeschwindigkeit. Rund
60 % aller Auffahrunfälle wären vermeidbar, würde der Fahrer nur eine halbe Sekunde früher reagieren. Fast 90 % werden durch Unachtsamkeit und zu geringe Sicherheitsabstände verursacht.
Fünfzehn Prozent sind
Auffahrunfälle
Einer anderen Gefahrenquelle im
Straßenverkehr widmen sich die so genannten
Spurwechselassistenten und Spurverlassenswarner. Einmal nur
flüchtig in den Rückspiegel geschaut, den Hintermann
im „toten Winkel“ nicht erkannt und auf die linke
Fahrbahn ausgeschert – schon quietschen die Reifen. Der
Spurwechselassistent unterstützt den Fahrer beim
Fahrspurwechsel. Ab etwa 15 Stundenkilometer schauen seine
Sensoren zur Seite und rund 50 Meter nach hinten. Für die
Überwachung des toten Winkels werden je nach Hersteller
Video-, Ultraschall- oder Nahbereichsradarsensoren verwendet.
Plant der Fahrer einen Spurwechsel und betätigt vorher den
Blinker, wird er durch eine Anzeige in der Nähe des
Außenspiegels gewarnt, wenn auf der benachbarten Spur
bereits ein Fahrzeug fährt oder es sich von hinten mit
hohem Tempo nähert.
Eine etwas andere Aufgabe hat der
Spurverlassenswarner: Eine in der Mitte der Frontscheibe
befindliche Kamera hält bis 60 Meter voraus Obacht und
schaut unermüdlich auf die Fahrbahnmarkierungen der
Straße. Nähert sich das Fahrzeug dem Fahrspurrand
oder verlässt das Auto die Fahrspur, ohne dass der Fahrer
geblinkt hat, vibriert der Fahrersitz und ein leichtes Ziehen
am Lenkrad – dem der Fahrer allerdings folgen muss!
– bringt das Auto wieder auf Kurs.
Besonders Städter, die täglich
mit knappen Parkplatzraum und engen Parklücken zu
kämpfen haben, kennen das Dilemma: Hupende
Hintermänner und missglückte Einparkversuche zehren
an den Nerven. Für Entspannung sorgt der elektronische
Einparkassistent, der am Lenkrad auf Knopfdruck aktiviert wird.
Mit Ultraschallsensoren misst er im Vorbeifahren bis zu einer
Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern die Länge und
Breite der Parklücke. Er berücksichtigt sogar
hervorstehende Hindernisse wie beispielsweise die
Anhängerkupplung eines geparkten Autos und zeigt dem
Fahrer an, ob das Fahrzeug tatsächlich in die
Parklücke hineinpasst. Gleichzeitig berechnet es in
Windeseile den exakten Einparkweg, ehe der Wagen wie von
Geisterhand gelenkt in die Parklücke rangiert.
Durchblick bei Dunkelheit
Viele Unfälle passieren nachts und
bei schlechter Sicht. Licht ins Dunkel bringen
Nachtsichtsysteme. So schickt etwa ein im Rückspiegel
eingebautes Infrarotlicht einen Leuchtstrahl rund 150 Meter
voraus. Er liegt knapp unter dem vom menschlichen Auge
sichtbaren Wellenbereich und strahlt dadurch keine Gefahr
für den Gegenverkehr aus. Eine Kamera nimmt das Bild auf
und projiziert es in Echtzeit in ein kleines Sichtfenster auf
die Windschutzscheibe oder überträgt es in
schwarz-weiß Bildern gestochen scharf auf einen Monitor.
Liegt ein umgestürzter Baum auf der Straße, parkt
ein unbeleuchtetes Pannenfahrzeug im Weg oder steht ein
erstarrtes Reh auf der Fahrbahn, erkennt und warnt das System
den Fahrer rechtzeitig. Noch weiter vorausschauen kann das
Infrarotlicht der Wärmebildkamera, die im
Stoßfänger montiert ist. Bis zu einer Entfernung von
300 Metern werden Wärmequellen wie Mensch und Tier
aufgespürt und hell angezeigt. Kalte Gefahrenquellen sind
dunkel sichtbar.
Aber nicht nur bei Geradeausfahrten auf
Autobahnen oder Landstraßen lauern in der Dunkelheit jede
Menge Gefahren, nicht minder kritisch sind Kurvenfahrten. Hier
kommt das Kurvenlicht ins Spiel. Gemeinsam mit der Lenkbewegung
des Fahrers schwenken die Bi-Xenon-Scheinwerfer nach links und
rechts und leuchten die Kurve weiträumig aus.
Zusätzlich zum dynamischen Kurvenlicht taucht das
Abbiegelicht enge Kurven und Kreuzungen bis zu einem Winkel von
90 Grad in taghelles Licht. Blinkt der Fahrer bis zu einer
Geschwindigkeit von 70 Stundenkilometern vor der nächsten
Kurve rechts, links oder schlägt er das Lenkrad
stärker ein, schaltet sich das Abbiegelicht ein und
schwenkt im Kurvenverlauf mit. Dabei leuchtet es bis etwa 30
Meter voraus – nicht schlagartig gleißend hell,
sondern die Leuchtkraft dimmend.
Fahrer behält Verantwortung
Selbst wenn das Auto mit den neuesten
technischen Errungenschaften ausgestattet ist, kann der
umsichtigste Fahrer einmal ins Schleudern geraten: Ein
hektisches Ausweichmanöver auf herbstlicher Straße,
eine unvorhersehbare Öllache in der Kurve oder eine mit
Raureif überfrorene Brücke. Plötzlich schwenkt
das Heck aus oder der Wagen rutscht unaufhaltsam der
Böschung entgegen. Sogar Rallyefahrer stoßen da an
ihre Grenzen. Eine Schleudergefahr reduziert das elektronische
Stabilitätsprogramm, das in Bruchteilen von Sekunden ein
drohendes Ausbrechen des Fahrzeuges erkennt und den Wagen in
der Spur hält. Fortwährend erfassen die Sensoren das
Verhalten des Fahrzeuges und melden es an den Bordcomputer. Der
untersucht die eingehenden Werte und greift wenn nötig ein:
Bei Über- oder Untersteuerung bremsen das Vorder- oder
Hinterrad und halten das Fahrzeug in der Spur.
Erste Sicherheitssysteme wie der
Müdigkeitswarner sind für PKW-Fahrer seit diesem
Herbst erhältlich. Sie werden irgendwann wie
Sicherheitsgurt und Airbag in die Serienausstattungen der Autos
einfließen, um die Unfallzahlen zu reduzieren und
Unfallfolgen zu mildern. So gehen Untersuchungen der
Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) davon aus,
dass durch vorausschauende Sicherheitssysteme künftig
über 70 % aller schweren Unfälle vermieden werden
können: Der elektronische Beifahrer ist ständig in
Alarmbereitschaft und lässt sich von nichts und niemanden
ablenken. Er hilft, dass Autofahrer wie Malte M. sicher und
entspannt ankommen.
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