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Sekundenschlaf: Ursache vieler
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Jahrgang 2003 Ausgewählte Artikel
Sekundenschlaf:
Ursache vieler Unfälle ![]() |
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von Dr. Hans-Günter Weeß
Viele Autounfälle sind auf
Tagesschläfrigkeit bzw. Übermüdung des
Kraftfahrers zurückzuführen. Das Schlafzentrum des
Pfalzklinikums Klingenmünster hat zwei Studien zum Thema
»Schläfrigkeit am Steuer« durchgeführt -
mit teilweise erschreckenden Ergebnissen.
Um die Fahrtauglichkeit und die
Tagesschläfrigkeit von Kraftfahrern zu untersuchen,
führten wir an der Raststätte Gräfenhausen
(Nähe Darmstadt) zwei Studien durch. An jeder nahmen ca.
160 LKW- und PKW-Fahrer teil.
Die Fahrer wurden gebeten, Fragebögen
zur aktuellen Fahrsituation, zum Vorliegen von
Schlafstörungen, körperlichen Erkrankungen usw.
auszufüllen. Wir fragten sie auch, wie und wie lange sie
in der vorigen Nacht geschlafen hatten. Außerdem wurde
mit jedem Autofahrer ein pupillografischer
Schläfrigkeitstest durchgeführt.
Man weiß, dass der Durchmesser der
Pupille im Dunkeln bei Schläfrigkeit Schwankungen
unterliegt, während er im Wachzustand gleich bleibt. Mit
einer Infrarotvideokamera vermaßen wir im Dunkeln die
Pupille jedes Kraftfahrers elf Minuten lang; ein Rechner
wertete das Ausmaß der Schwankungen aus.
Die erste dieser Studien fand im April 2001
statt; Ende Juni dieses Jahres wiederholten wir die Studie noch
einmal an einem Hitzetag mit Spitzentemperaturen über
36°C.
Jeder zehnte Fahrer auf der Autobahn ist
fahruntüchtig
Wir teilten die Schläfrigkeitswerte
der untersuchten Kraftfahrer in drei Kategorien ein:
unauffällige Werte (keine
Schläfrigkeit am Steuer)
grenzwertige Fälle (deutliche
Hinweise auf Fahruntüchtigkeit, wobei man jedoch davon
ausgeht, dass der Fahrer nach einer Pause, einem
Schläfchen oder dem Genuss eines koffeinhaltigen
Getränks vielleicht doch noch für eine halbe, maximal
eine Stunde fahrtüchtig ist)
pathologische Fälle (absolute
Fahruntüchtigkeit).
Bei der Studie im April letzten Jahres
ergaben sich folgende Ergebnisse: 75% aller Kraftfahrer waren
fahrtüchtig, 15% grenzwertig, 10% absolut
fahruntüchtig. Manche schliefen beim pupillografischen
Schläfrigkeitstest sogar im Sitzen ein. Man kann also
davon ausgehen, dass jeder zehnte Kraftfahrer, der auf der
Autobahn an uns vorbeifährt, eigentlich absolut
fahruntüchtig ist! Und bei jedem vierten ist die
Fahrtüchtigkeit eingeschränkt.
Bei der zweiten Untersuchung Ende Juni
dieses Jahres waren die Ergebnisse noch bedenklicher: Nur 92
der untersuchten Verkehrsteilnehmer hatten unauffällige
Schläfrigkeitswerte, 46 waren grenzwertig, 24
fahruntüchtig.
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Übermüdete Fahrer
überschätzen sich häufig
Wir fragten die Verkehrsteilnehmer auch,
wie lange sie schon gefahren waren und wann sie ihre
nächste Fahrpause planten. Die nicht mehr
fahrtüchtigen hatten mit 6,8 Stunden und 500 km
Fahrleistung viel länger am Steuer gesessen als die
grenzwertigen und die unauffälligen (4 Stunden/
300–350 km Fahrleistung). Und wir stellten fest, dass
gerade die total übermüdeten Autofahrer ihre
Fahrtüchtigkeit bedenklich überschätzen: Sie
hatten teilweise vor, noch mehrere 100 km zu fahren.
Ein Fernfahrer mit hochpathologischem
Untersuchungsergebnis hatte bereits 1400 km und rund 20 Stunden
Fahrzeit hinter sich, wollte aber noch bis Griechenland
durchfahren, ohne eine Schlafpause einzulegen. Er
erklärte, sich völlig verkehrstauglich zu
fühlen. Dieses Phänomen beobachteten wir bei allen
untersuchten Autofahrern mit erhöhten
Schläfrigkeitswerten: Sie gaben zwar zu, schläfrig zu
sein, fühlten sich aber alle noch fahrtauglich.
Anhand dieser Untersuchungsergebnisse kann
man ein Risikoprofil für den Sekundenschlaf am Steuer
aufstellen: Hauptrisikofaktoren stellen Schlafstörungen
und eine zu lange Fahrzeit dar. Ein weiterer wichtiger
Risikofaktor ist eine monotone Fahrsituation, also z. B. eine
nächtliche Autofahrt bei relativ geringem
Verkehrsaufkommen oder ein LKW-Fahrer, der bei dichtem Verkehr
mit 80 Stundenkilometern in der Kolonne fährt,
womöglich auch noch ohne Überholmöglichkeit.
Solche Situationen rufen Schläfrigkeit hervor, vor allem,
wenn der Schlaf während der Nacht wenig erholsam war (etwa
bei Schlafapnoikern).
Schichtarbeit (also Schlaf zum
chronobiologisch falschen Zeitpunkt - nicht in der Nacht,
sondern tagsüber, wie dies bei Fernfahrern häufig der
Fall ist) erhöht das Risiko noch mehr. Das gilt auch
für Nachtfahrten: Denn nachts ist unser Organismus nicht
auf Leistung, sondern auf Schlaf eingestellt. Wenn der
Nachtschlaf zu kurz war (z. B. bei Urlaubsreisenden, die
morgens um drei Uhr schon losfahren), ist ebenfalls mit einem
erhöhten Unfallrisiko zu rechnen. Auch Hitze (vor allem in
Kraftfahrzeugen ohne Klimaanlage) begünstigt die
gefährliche Schläfrigkeit am Steuer.
»Durchhalten« ist also bei
langen Autofahrten genau die falsche Parole. Wer 17 Stunden
nicht geschlafen hat, dessen Reaktionsvermögen entspricht
einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille! Man sollte Pausen
deshalb auf keinen Fall zu lange hinauszögern, sondern
beim ersten Anzeichen von Schläfrigkeit den nächsten
Parkplatz oder die nächste Raststätte ansteuern.
»Durchhalten« kann
gefährlich sein
Vielleicht ist diese leider immer noch weit
verbreitete »Durchhalte-Mentalität« unter
anderem auch auf das falsche Bild zurückzuführen, das
in unserer Gesellschaft immer noch vorherrscht – dass
jemand, der am Stück von Hamburg bis nach Sizilien
durchfährt, ein »toller Hecht« ist. Vermutlich
wird die Anzahl der schläfrigkeitsbedingten Unfälle
immer noch unterschätzt. Kaum ein Kraftfahrer wird nach
einem Unfall zugeben, dass er am Steuer eingeschlafen ist, da
er sonst seinen Führerschein verliert.
In einem Auszug aus den
Begutachtungsleitlinien für die Kraftfahrzeugeignung
heißt es: »Für Schwächezustände
durch akute, vorübergehende, sehr selten vorkommende oder
nur kurzzeitig anhaltende Störungen ist es dem
Verantwortungsbewusstsein jedes Verkehrsteilnehmers aufgegeben,
durch kritische Selbstprüfung festzustellen, ob er unter
den jeweils gegebenen Bedingungen noch am Straßenverkehr
teilnehmen kann oder nicht.«
Das heißt, der
Kraftfahrzeugführer muss vor Antritt seiner Fahrt
überprüfen, ob er fahrtüchtig ist. Verursacht er
schläfrigkeitsbedingt einen Unfall und ihm wird dies
nachgewiesen, so wird er ebenso zur Verantwortung gezogen, wie
wenn er sich alkoholisiert ans Steuer gesetzt hätte. Daher
ist es gerade für Schlafapnoiker wichtig, sich auch unter
CPAP-Therapie regelmäßig im Schlaflabor untersuchen
zu lassen, wenn sie einem Beruf nachgehen, bei dem eine hohe
Eigen- oder Fremdgefährdung infolge potentieller
Tagesschläfrigkeit besteht.
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Dr. Hans-Günter Weeß ist Leiter
des interdiszipliären Schlafzentrums
am Pfalzklinikum Klingenmünster
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