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Der künstliche Schlaf
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Jahrgang 2006 Ausgewählte Artikel
Der künstliche Schlaf
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von Werner Waldmann
Dem Arzt stehen heute zahlreiche Methoden
zur Verfügung, einen Patienten künstlich in Schlaf zu
versetzen, um ihm die Schmerzen einer Operation zu ersparen.
Patienten mit besonders schweren Verletzungen werden sogar
tagelang in einem bewusstlosen Zustand gehalten, um dem
Körper Stress zu ersparen. Man spricht dann vom
künstlichen Koma, was nichts anderes ist als eine
über einen längeren Zeitraum anhaltende Narkose.
Der Schmerz begleitet den Menschen seit
frühester Zeit. Schmerzen zu lindern und zu beseitigen,
bemühten sich bereits Priester und Heiler der
ältesten Kulturen. Die Menschen späterer Kulturen
erklärten sich die Schmerzen als eine Strafe der
Götter, die sich beleidigt fühlten. Deshalb bestand
die Behandlung des Leidens oft darin, den Zorn der Götter
mit Gebeten, Beschwörungen und Ritualen zu
besänftigen. Um Schmerzen zu vermeiden, benutzte man
Amulette, die die Schmerzdämonen fernhalten sollten.
Trancezustände, in welche die Kranken bei
Beschwörungsritualen fielen, halfen natürlich auch,
Schmerzen zu unterdrücken.
Man versuchte aber auch frühzeitig mit
Arzneimitteln zu helfen. Im Lauf der Jahrhunderte sammelten
sich in den verschiedenen Kulturen beachtliche Schätze
durchaus wirksamer Mittel an. So mischte man Salben und
Tinkturen aus pflanzlichen und tierischen Stoffen. Die
Ägypter besaßen ein beachtliches Arsenal an
Schmerzmitteln. Dass Zubereitungen aus indischem Hanf,
Alraunwurzeln, Bilsenkrautblättern und anderen
alkaloidhaltigen Drogen dank ihrer narkotischen Wirkung
tatsächlich Schmerzen beseitigen helfen, ist ebenfalls
kein Märchen. Es war bei den Ägyptern auch schon
bekannt, dass man aus Zweigen, Blättern und der Rinde der
Weide schmerzstillende Extrakte kochen konnte, die
außerdem Wunden und Schwellungen heilten.
Erste Fortschritte
Die offizielle Medizin des 17. Jahrhunderts
machte einen kleinen Fortschritt: Sie begann den Schmerz als
eine Art Schutzreaktion des Körpers zu betrachten. Die
Methoden, des Schmerzes Herr zu werden, waren allerdings eine
kuriose Mischung aus altem Aberglauben und tauglichen, doch oft
mit gravierenden Nebenwirkungen behafteten Mitteln. Man
ließ z. B. Schmerzpatienten zur Ader, eine Methode, die
schon im Altertum bekannt war.
Schwere Schmerzen, auch bei Operationen,
versuchte man mit Schlafschwämmen zu beherrschen. Die
Methode war alt: Ein Schwammstück wurde in einen
Pflanzenaufguss, etwa aus Mohnsaft, getaucht und dem Patienten
über die Nasen- und Mundschleimhaut verabreicht. Diese
pflanzlichen Substanzen – chemisch gesehen sind es
Alkaloide – wirkten betäubend, leider aber in den
meisten Fällen zu intensiv und unkontrollierbar. Die Folge
waren schwere Vergiftungen. Man flößte den Patienten
auch Branntwein im Übermaß ein oder gab ihnen Opium
– Methoden, die den Schmerz linderten, aber wegen der
Unkontrollierbarkeit der Dosierung schädlich waren.
Die Chirurgen waren kein angesehener Stand
in früheren Jahrhunderten. Sie galten nicht als
Ärzte, man rechnete sie zu den Quacksalbern und
Scharlatanen. Von Haus aus waren viele von ihnen Barbiere und
übten den Beruf des Chirurgen nur nebenbei aus. Viel
vermochten die damaligen Wundbader ohnehin nicht auszurichten,
denn das Arsenal ihrer chirurgischen Kunst war
äußerst bescheiden: Zähne ziehen,
oberflächliche Wunden versorgen, Abszesse öffnen und
vor allem in Kriegszeiten Gliedmaßen amputieren –
das war der ganze Katalog von Problemen, bei denen man beim
Steinschneider Rat suchte.
Sobald jedoch das Skalpell auf die Haut
gesetzt wurde, war der Schmerz der größte Feind der
Chirurgen. Sie mussten wahre Zauberkünstler sein, was die
Schnelligkeit ihrer Arbeit betraf. Eingriffe, die länger
als einige Minuten gedauert hätten, waren vor allem
deshalb unmöglich, weil die Patienten wegen der Schmerzen
selbst die solidesten Fesseln gesprengt hätten. Eine
sorgfältige chirurgische Arbeit am Körper wäre
so unmöglich gewesen.
Arme oder Beine wurden in zwei oder drei
Minuten amputiert, eine verkrebste Zunge wurde, während
der Kranke von bärenstarken Pflegern festgehalten wurde,
mit einer Zange in Sekunden aus dem Mund gezogen und die
Krebsgeschwulst mit einem Brenneisen ausgebrannt. Eingriffe im
Brust- oder im Bauchraum aber waren so gut wie unmöglich,
da es zu lange gedauert hätte, den Körper zu
öffnen, Blutgefäße abzubinden und an die
erkrankten inneren Organe zu gelangen. Der Schmerz hätte
den Patienten ohnehin das Leben gekostet, denn solche
gewaltigen Schmerzen peinigen nicht nur das Bewusstsein des
Patienten. Der Körper wehrt sich gegen den Schmerz und
wenn dieser nicht augenblicklich nachlässt, gerät der
Organismus in einen Schockzustand, der das Ende bedeutet.
Im Grunde konnten Patienten wie Chirurgen
nur darauf hoffen, dass die Patienten während der
Operation von alleine rasch ohnmächtig wurden, um dem
immensen Schmerz eines chirurgischen Eingriffs zu entgehen.
Ein Zahnarzt macht eine Entdeckung
Grundlage für eine Epoche machende
Entdeckung schuf die Chemie, die gegen Ende des 18.
Jahrhunderts eine Reihe von Gasen identifiziert hatte. In den
angelsächsischen Ländern hatte man in feinen
Gesellschaftskreisen entdeckt, dass man mit Äther oder
Lachgas seinen Spaß haben konnte. Man pflegte auf
bestimmten Gesellschaften etwas von jenen flüchtigen
Substanzen zu schnüffeln. Der Erfolg stellte sich rasch
ein: ein angenehmer, rauschartiger Zustand – ähnlich
dem nach ausgiebigem Alkoholgenuss, freilich mit dem
Unterschied, dass das Gas einen sehr viel schneller in die
ersehnte Glückseligkeit beförderte als der Alkohol.
Einigen Medizinern, so auch dem Landarzt
Crawford Long in Georgia, fiel bei solchen lustigen Exzessen
auf, dass mancher bei diesen Gelagen stürzte und sich
dabei auch verletzte, jedoch deshalb nicht über Schmerzen
klagte. So ließ Long seine Patienten bei kleineren
chirurgischen Eingriffen wie der Eröffnung eines Abszesses
z. B. an einem Schwämmchen riechen, auf das er vorher
etwas Äther geträufelt hatte, genau wie auf den
frivolen Gesellschaften der High Society. Crawford Long ging
die Angelegenheit freilich nicht systematisch an und
veröffentlichte auch nichts über seine Versuche. Er
war Pragmatiker und kam überhaupt nicht auf die Idee, dass
sich hinter seinem Tun etwas Besonderes verbergen könnte.
Doch seine Methode sprach sich herum, allerdings nicht bei
Chirurgen, sondern bei Dentisten.
Faulende, eiternde Zähne mussten
gezogen werden, um dem Patienten, der wegen dieser Lappalie
unter grauenvollen Schmerzen litt, das Leben wieder lebenswert
zu machen. So ist es nur verständlich, dass sich die
Zahnärzte ebenfalls Gedanken darüber machten, wie sie
ihren Patienten die Leiden erleichtern konnten. Die Entdeckung
der Wirkungsweise von Äther oder Lachgas fiel deshalb auf
fruchtbaren Boden.
So hatte der Zahnarzt William Thomas Green
Morton in Boston von einem Kollegen namens Horace Wells aus
Hartford in Connecticut diese Methode kennen gelernt, um der
Schmerzen beim Zähneziehen Herr zu werden. Wells hatte
seine Patienten
Stickoxidul (das später unter der
Bezeichnung Lachgas seinen Siegeszug als Narkotikum um die Welt
antrat) einatmen lassen, das sie rasch in einen
schlafähnlichen Rausch versetzte, der sie die Schmerzen
der Behandlung meistens klaglos ertragen ließ.
Jener Horace Wells hatte sich mit dieser
Methode aber auch entsetzlich blamiert, als er gleich nach den
Sternen greifen wollte und sich dazu hinreißen
ließ, seine Technik als das probate Mittel auch bei
großen chirurgischen Eingriffen zu empfehlen. Er hatte
sie dem Starchirurgen John Collins Warren angedient und bei
einer Operation demonstriert. Zwar war der Patient im
Operationsauditorium ganz offensichtlich nach der Inhalation
des Gases eingenickt, hatte aber beim ersten Hautschnitt des
Chirurgen wie üblich vor Schmerzen losgebrüllt.
Der junge Morton setzte auf ein anderes
Gas, den Schwefeläther. Morton hatte herausgefunden, dass
jene Dämpfe, wenn man sie inhalierte, das Bewusstsein und
damit die Schmerzempfindlichkeit seiner Patienten auszuschalten
in der Lage waren. Morton legte in einen Glaskolben einen in
Äther getränkten Schwamm und ließ seine
Patienten etwa drei Minuten lang das Gas an der Öffnung
des Kolbens einatmen. Er probierte die Methode bei einigen
seiner Patienten aus und musste feststellen, dass sie
tatsächlich funktionierte: Die Menschen wachten nach dem
kleinen Eingriff auf und fragten sogar, wann ihnen nun der Zahn
gezogen würde.
Die Geburtsstunde der Narkose
Morton führte am Vormittag des 16.
Oktober 1846 seine Methode der Äthernarkose im
Operationsauditorium jenes Dr. Warren vor. Warren, die Arroganz
in Person, und die anwesende Ärzteschaft hielten den
kleinen Zahnarzt für einen Hochstapler. Morton ließ
den Patienten aus seinem Glaskolben die Äthergase
einatmen. Der Patient rollte mit den Augen, schloss sie und
sank scheinbar schlafend in den Stuhl zurück. Der Chirurg
setzte daraufhin das Skalpell an und erwartete beim ersten
Schnitt den üblichen Schrei seines Opfers. Doch nichts
geschah. In weniger als fünf Minuten entfernte Warren
schweigend den Tumor unter dem Unterkiefer und vernähte
die Wunde. Der Patient schlief noch immer. Die
Medizingeschichte überliefert den bemerkenswerten Satz des
Chirurgen Warren, als dieser sich an sein Publikum wandte:
„Gentlemen, this is no humbug.“
Dieser Vormittag war der Beginn einer neuen
Ära. Die Geschichte der Narkose begann, die Geschichte der
Chirurgie ohne Schmerzen und deshalb die Geschichte eines
Zweigs der Heilkunst, der bisher Menschenunmögliches im
Lauf weniger Jahrzehnte möglich machte: Krankheiten zu
heilen, die bis dato einem Todesurteil gleichgekommen waren.
Was damals in dem Bostoner Hospital geschah, verbreitete sich
in Windeseile um die Welt. Andere Narkosemittel wurden
entdeckt, das Chloroform z. B., später wieder das Lachgas.
Sogar in den Kreißsaal gelangte dieses Narkotikum, auch
wenn es der Gesellschaft zuerst ein Dorn im Auge war, weil
damals die Meinung herrschte, Frauen müssten unter
Schmerzen ihre Kinder zur Welt bringen. Königin Viktoria
von England machte 1853 die Chloroformnarkose bei einer ihrer
Entbindungen salonfähig. Unter dem Schutz der Narkose
entwickelte sich die Chirurgie. Magen und Schilddrüse, ja
selbst das Herz waren keine Tabubereiche mehr.
Die Pharmaindustrie entdeckte im Laufe der
Zeit eine ganze Reihe von Narkosegasen wie Enfluran, Halothan,
Isolfluran und Sevofluran, die man miteinander zu kombinieren
lernte. Dazu kam die Erfindung der endotrachealen
Intubationsnarkose. Bei dieser Methode wird dem Patienten ein
Tubus in die Luftröhre eingeführt und während
der Operation dort belassen, um so das schmerzbetäubende,
schlafbringende Gasgemisch direkt in die Lungen zu pumpen. Dies
geschieht im Rhythmus der natürlichen Atmung, weil diese
mit speziellen Medikamenten für die Dauer der Operation
außer Kraft gesetzt wird, um durch die so erzielte
Muskelentspannung dem Operateur noch günstigere
Arbeitsbedingungen zu verschaffen.
Die Anästhesie ist über 150 Jahre
alt und in diesem Zeitraum hat sie sich zu einem Hightech-Zweig
der modernen Medizin entwickelt, der die kühnsten
Eingriffe im menschlichen Organismus ermöglicht:
Transplantationen, Operationen im Gehirn und am
Rückenmark. Ohne die Narkose wäre die Chirurgie ein
Albtraum geblieben und trotzdem spüren die meisten von uns
großes Unbehagen, wenn uns der Anästhesist
erklärt, dass und wie er uns in den künstlichen
Schlaf schicken wird.
Der künstliche Schlaf bleibt weiterhin
ein rätselhafter, ja geradezu unheimlicher Bereich unseres
Bewusstseins.
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