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Von Futon und Inemuri: Schlafen in Japan
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Jahrgang 2007 Ausgewählte Artikel
Schlafen in Japan
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von Simone Harland
Zur Schlafkultur Japans befragt, fallen
den meisten Westeuropäern die Futon, eine Art Schlafmatte
ein, die abends auf dem Boden ausgerollt und am Morgen wieder
zusammengerollt und in einem Schrank verstaut werden. Doch
nicht nur in der Art der Schlafstätte unterscheidet sich
die japanische von unserer Schlafkultur.
Morgens um 5.30 Uhr ist die Nacht für
Herrn Mukoguchi vorbei. Er lebt in einem Vorort von Tokio und
muss morgens eine gute Stunde mit dem Zug zur Arbeit fahren.
Eigentlich würde Herr Mukoguchi gerne etwas später
aufstehen, aber einerseits muss er spätestens um 6.30 Uhr
im Zug sitzen, andererseits hätte er ein schlechtes
Gewissen, würde er dies tun – denn wer lange
schläft, gilt in Japan als faul. Glücklicherweise
kann er im Vorortzug noch ein Nickerchen machen, ohne Angst vor
Dieben zu haben.
Auch bei der Arbeit kann Herr Mukoguchi
sich ein kleines Schläfchen zwischendurch erlauben, denn
obwohl er laut Arbeitsvertrag nur einen Acht-Stunden-Tag hat,
bleibt er in der Regel um einiges länger in der Firma.
Anschließend geht er oft noch mit Arbeitskollegen etwas
trinken oder Golf spielen. Und natürlich wird dabei auch
noch über die Arbeit geredet. Vor 20 Uhr ist Herr
Mukoguchi selten zu Hause, oft wird es sogar noch später.
Auf der Zugfahrt schläft er daher meistens sofort ein.
Daheim unterhält er sich noch ein wenig mit seiner Frau,
schaut ein bisschen fern oder liest Zeitung. Ins Bett kommt er
selten vor 24.00 Uhr. Obwohl Herr Mukoguchi häufig
übermüdet ist, würde er an seinem Tagesablauf
nichts ändern wollen – ganz im Gegenteil: Er ist
stolz darauf, selten mehr als 7,5 Stunden am Tag zu schlafen,
zeigt dies doch, dass er ein wertvolles Mitglied der
Gesellschaft ist.
Auch der Schlafplatz von Herrn Mukoguchi
unterscheidet sich von dem der meisten Westeuropäer: Er
liegt auf einem Futon, zwischen ihm und seiner Frau
schläft der zweijährige Sohn. Auf Sex muss Herr
Mukoguchi nicht verzichten: Der Kleine hat einen so festen
Schlaf, dass ihn die Geräusche um ihn herum nicht
stören. Allerdings kommt es vergleichsweise selten vor,
dass Herr Mukoguchi und seine Frau miteinander schlafen. Der
Grund: Beide sind einfach zu müde.
Zeitgewinn durch frühes Aufstehen
Herr Mukoguchi ist absolut kein Einzelfall;
die meisten Japaner führen ein ähnliches Leben. So
ist es auch kein Wunder, dass es in Japan ein eigens
geschaffenes Wort für Tod durch Überarbeitung –
karoshi – gibt. Schon die Schulkinder haben einen
komplett durchorganisierten Tag. In aller Regel sind sie von
morgens bis 15.00 oder gar 16.00 Uhr in der Schule,
anschließend verbringen sie mit ihren Mitschülern
oft noch wenigstens zwei Stunden in Freizeitclubs. Auch am
Wochenende sind Arbeitsgemeinschaften angesetzt, in denen die
Kinder und Jugendlichen Freizeitaktivitäten wie Musik oder
Sport nachgehen. Viele Erwachsene arbeiten am Wochenende
ebenfalls, weshalb sie auch dann nicht ausschlafen. Hinzu
kommt, dass Ausschlafen, wie es am Wochenende z. B. bei vielen
Deutschen üblich ist, in Japan verpönt ist.
Doch warum ist das so? Ganz einfach: Der
Zeitpunkt des Aufwachens stellt für die Japaner
traditionell den Übergang vom privaten zum
gesellschaftlichen Leben dar. Da es für Japaner einerseits
sehr wichtig ist, ein Teil der Gemeinschaft zu sein, und
andererseits möglichst viel Zeit für Arbeit und
andere Tätigkeiten, die der Gesellschaft zugute kommen,
zur Verfügung zu haben, wurde insbesondere in
früheren Zeiten großer Wert aufs frühe
Aufstehen gelegt. Hausfrauen beispielsweise galten als faul,
wenn sie nicht vor dem Rest der Familie aufstanden.
Mittlerweile hat sich diese Einstellung zwar ein wenig
geändert, doch stehen nach wie vor die meisten Japaner
vergleichsweise früh auf, z. B. um die Zeit vor der Arbeit
für ihre eigenen Bedürfnisse (Zeitung lesen,
fernsehen) zu nutzen. Langschläfer gelten zudem nach wie
vor als unzuverlässig. Frauen, insbesondere
berufstätige Hausfrauen, schlafen weniger als Männer,
da sie den Haushalt erledigen und sich um die Kinder
kümmern.
Das Schlafen in der Öffentlichkeit
So wenig Zeit die Japaner nachts schlafen,
tagsüber legen sie wie Herr Mukoguchi häufiger mal
ein Nickerchen ein. Vor allem in öffentlichen
Verkehrsmitteln sieht man viele schlafende Menschen. Für
den Schlaf in der Öffentlichkeit gibt es sogar einen
eigenen Begriff, nämlich Inemuri. Diese Form des
Nickerchens wird nahezu überall praktiziert, darunter auch
am Arbeitsplatz, in der Schule und der Universität. Im
Gegensatz zum Essen und Trinken während einer Vorlesung,
das absolut verpönt ist, ist es völlig normal,
zwischendurch kurzzeitig wegzudämmern. Kein Dozent
würde etwas dagegen sagen. Auch das Nickerchen am
Arbeitsplatz beweist dem Arbeitgeber nur, dass ein Mitarbeiter
sich bis zur Übermüdung für die Firma einsetzt.
Zudem ist dieses kleine Nickerchen oft so erfrischend, dass die
Arbeitnehmer anschließend wieder mit neuer Kraft
weiterarbeiten können.
Sogar Vorgesetzte „schlafen“
während einer Sitzung, allerdings täuschen sie das
Nickerchen in der Regel vor. Diese „Schlafvariante“
heißt „Dachsschlaf“. Er soll die Mitarbeiter
dazu veranlassen, ohne Angst vor dem Chef vorzutragen, was sie
vorbereitet haben. Dennoch wissen selbstverständlich alle
Mitarbeiter über den „Dachsschlaf“ Bescheid.
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Schlafzimmer und Betten = Luxus
Schlafzimmer, wie wir sie kennen, sind in
Japan noch nicht sehr lange verbreitet. Die traditionellen
japanischen Häuser sahen keinen Raum vor, der
ausschließlich dem Schlafen vorbehalten war. Stattdessen
gab es in der Regel ein Zimmer, in dem die Familie oder
zumindest die Mutter mit den Kindern auf Futon schlief, die
abends auf den Boden gelegt und morgens zunächst
ausgeschüttelt und/oder aufgehängt und
schließlich zusammengerollt bis zum Abend im Schrank
aufbewahrt wurden. Ein Schlafzimmer wurde als verschenkter Raum
angesehen, weil es zu nichts anderem genutzt werden konnte;
Betten galten als Luxus.
Erst nachdem der westliche Lebensstil in
Japan nach dem Zweiten Weltkrieg bekannter wurde, nahm auch die
Zahl der reinen Schlafzimmer zu. Mittlerweile schlafen rund 50%
der Japaner in Betten, die andere Hälfte auf Futon. In den
Großstädten und ihren Vororten sind die Mieten
jedoch oft so teuer, dass ein Extra-Schlafzimmer purer Luxus
wäre, weshalb gerade hier Futons noch häufig genutzt
werden. Herr Mukoguchi beispielsweise ist der Ansicht, dass ein
Schlafzimmer überflüssig ist.
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Kinder schlummern bei der Mutter
So sehr es viele Europäer auch
verwundern mag, dass das Kind von Herrn und Frau Mukoguchi
zwischen den Eltern schläft – auch das hat Tradition
in Japan. Die in westlichen Ländern oft praktizierte
räumliche Trennung von Mutter und Baby während des
Schlafs hat in Japan bislang keine Anhänger gefunden. In
Japan schlafen Kinder in den ersten Lebensjahren traditionell
bei ihrer Mutter, teilweise auf dem gleichen Futon bzw. im
gleichen Bett, teilweise auf einem eigenen Futon bzw. in einem
eigenen Bettchen neben dem der Mutter. Durch dieses
Schlafarrangement wird die enge Bindung zwischen Mutter und
Kind hervorgehoben. Während in früheren Jahrhunderten
die Kinder teilweise bis zum Eintritt in die Pubertät bei
ihrer Mutter schliefen, ist dieses Co-Sleeping heute oft mit
dem Schuleintritt des Kindes vorbei.
Ein großer Teil der japanischen
Väter schläft mit Mutter und Kind in einem Zimmer,
oft liegt das Kind dann in der Mitte. Einige Väter ziehen
es jedoch vor, in einem anderen Raum zu übernachten, um
nicht durch das Weinen des Kindes im Schlaf gestört zu
werden.
Durch dieses Schlafarrangement sind
insbesondere diejenigen Kinder gezwungen, sich dem
Schlafrhythmus der Eltern anzupassen oder Störungen beim
Einschlafen bzw. während des Schlafs zu ignorieren, deren
Eltern ein „Allzweckzimmer“ zum Wohnen und Schlafen
besitzen. Sie werden von klein auf daran gewöhnt, auch in
einer lauten Umgebung ein- und durchzuschlafen.
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