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Unsere Wirbelsäule – ein
Widerspruch in sich
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Jahrgang 2007 Ausgewählte Artikel
Unsere Wirbelsäule –
ein Widerspruch in sich ![]() |
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von Marion Zerbst
Unsere Wirbelsäule muss
äußerst stabil, gleichzeitig aber auch sehr
beweglich sein und ist tagtäglich einer Vielzahl von
Belastungen ausgesetzt: So muss sie nicht nur unser
Körpergewicht tragen, sondern auch alle anderen Lasten,
die wir ihr zumuten – vom Schleppen schwerer Bierkisten
bis hin zum stundenlangen regungslosen Sitzen vor dem Computer.
Da ist es kein Wunder, dass heutzutage immer mehr Menschen
über Rückenprobleme klagen. Und mit
Rückenschmerzen schläft man schlecht...
Unsere Wirbelsäule ist
tagtäglich enormen Belastungen ausgesetzt und muss
verschiedenste Funktionen erfüllen, die teilweise im
Widerspruch zueinander stehen. Zunächst einmal muss sie
stabil sein: Sie muss nicht nur unser Körpergewicht
tragen, sondern auch zusätzliche Belastungen aushalten,
die sich durch unsere Tätigkeiten in Beruf, Alltag und
Freizeit ergeben – beispielsweise das Anheben und Tragen
von Gewichten, das Bücken bei der Hausarbeit oder Zug- und
Stoßbelastungen bei der Ausübung bestimmter
Sportarten.
Gleichzeitig muss unsere Wirbelsäule
beweglich sein: Wir müssen sie nach vorn und nach hinten
beugen und in alle Richtungen drehen können. Auch
elastisch muss sie sein, um Dehnbewegungen ausführen zu
können.
Zusätzlich haben die knöchernen
Strukturen der Wirbelsäule die Aufgabe, unser
Rückenmark zu schützen – jene Nervenbahnen, die
die Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Rest unseres
Körpers darstellen und lebenswichtige Funktionen
erfüllen. Das Rückenmark bildet zusammen mit dem
Gehirn das Zentralnervensystem (ZNS) und ist für die
Übermittlung von Informationen zwischen Gehirn und
peripheren Nerven zuständig. So leitet es z. B.
Sinnesreize, die die Haut aufnimmt, nach oben an das Gehirn
weiter und übermittelt motorische Informationen vom
Gehirn an unsere Muskeln. Auch die Entleerung von Blase und
Darm und unsere sexuellen Reaktionen werden über das
Rückenmark gesteuert. Ohne diesen Teil unseres
Nervensystems könnte das Gehirn nicht mit dem restlichen
Körper kommunizieren. Daher hat es so verhängnisvolle
Folgen, wenn die Nervenleitungsfasern im Rückenmark durch
eine Verletzung durchtrennt werden: Dann kommt es zur
Querschnittslähmung, das heißt, der Körper ist
unterhalb der Schädigungsstelle gefühllos und
bewegungsunfähig.
Ein perfektes Design
Um diese verschiedenartigen Funktionen zu
erfüllen, hat sich die Natur für das
„Design“ unserer Wirbelsäule einiges einfallen
lassen.
Die Wirbelsäule ist in drei Teile
untergliedert: Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule (im
Fachjargon: HWS, BWS und LWS). Die Lendenwirbelsäule geht
am unteren Ende in das Kreuzbein und das Steißbein
über. Unsere Wirbelsäule besteht aus insgesamt 33 bis
34 Wirbeln: sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln und
fünf Lendenwirbeln.
Die Wirbelgelenke gewährleisten die
Beweglichkeit unserer Wirbelsäule. Muskeln und Bänder
verleihen der ganzen Konstruktion einen gewissen Zusammenhalt,
damit sie nicht nur beweglich, sondern gleichzeitig auch stabil
und vor Extrembewegungen geschützt ist. Deshalb ist eine
gut entwickelte Bauch- und Rückenmuskulatur so
wichtig: Sie verleiht unserer Wirbelsäule Stabilität
und verhindert Fehlhaltungen und einseitige Belastungen.
Eine besonders wichtige Funktion innerhalb
unserer Wirbelsäule erfüllen die Bandscheiben: Das
sind ungefähr 5 mm dicke, elastische, verformbare
Scheiben, die zwischen den einzelnen Wirbeln liegen. Jede
Bandscheibe besteht aus einem Faserring aus Knorpel und
Bindegewebe und dem Gallertkern.
Das ist das Geheimnis der ungeheuren
Elastizität und Belastbarkeit unserer Wirbelsäule: Je
nachdem, ob wir die Wirbelsäule nach vorn beugen, nach
hinten überstrecken oder seitwärts biegen, verlagern
sich die Gallertkerne unserer Bandscheiben. Somit fangen sie
all unsere Bewegungen, aber auch Stöße, Druck- und
Zugbelastungen, denen unsere Wirbelsäule im Alltag immer
wieder ausgesetzt ist, ab. Unsere Bandscheiben erfüllen
also eine Art Stoßdämpfer- oder Pufferfunktion,
tragen aber, wenn sie intakt sind, gleichzeitig zur
Stabilität der Wirbelsäule bei.
Wenn wir sitzen oder schwere
Gegenstände tragen, nimmt der Druck auf unsere
Bandscheiben zu. Sie werden dadurch bis zu einem gewissen Grad
zusammengepresst; doch gleichzeitig setzt der Gallertkern
dieser Druckbelastung aufgrund seines hohen
Flüssigkeitsgehalts Widerstand entgegen und schützt
damit die Wirbelgelenke, die ohne diese zwischen den einzelnen
Wirbeln liegenden Puffer ständig aneinanderreiben und
rasch abgenutzt werden würden.
Leider ist dieses komplexe Zusammenspiel
unserer Rückenarchitektur ziemlich störanfällig:
Ist ein einzelnes Element beeinträchtigt oder
geschädigt, so gerät sehr leicht die gesamte
Konstruktion aus dem Gleichgewicht. So führen z.B.
Fehlhaltungen oder Verspannungen der Rückenmuskulatur auf
die Dauer zu einseitiger Belastung und vorzeitigem
Verschleiß von Bandscheiben und Gelenken – und
umgekehrt: Bandscheibenverschleiß führt zu
Fehlhaltungen und schmerzhaften Muskelverspannungen.
Der Ärger mit der Bandscheibe
Da Bandscheiben kaum durch
Blutgefäße versorgt werden, sind sie besonders
anfällig für Verschleiß: Sie trocknen leicht
aus, werden mit der Zeit dünner, weniger elastisch und
rissig. Durch Risse im äußeren Faserring der
Bandscheibe aber kann sehr leicht Bandscheibengewebe austreten.
Dann kommt es zum Bandscheibenvorfall, der sehr schmerzhaft und
oft mit Bewegungseinschränkungen verbunden ist.
Die Bandscheiben sind ein ganz besonders
empfindliches, verschleißanfälliges Glied in der
Kette unserer Wirbelsäule. Das liegt zum einen an den
enormen Belastungen, denen sie ständig ausgesetzt sind,
zum anderen aber auch daran, dass sie nicht über
Blutgefäße versorgt werden.
Immer wenn die Bandscheiben geringem Druck
ausgesetzt sind (also etwa im Liegen), nimmt der Gallertkern,
der eine hohe Wasserbindungsfähigkeit besitzt,
Flüssigkeit aus dem Blut des umliegenden Gewebes auf: Die
Bandscheibe vergrößert ihr Volumen und nimmt mit der
Flüssigkeit gleichzeitig Nährstoffe auf.
Bei stärkerer Belastung (z.B. beim
Stehen, Sitzen oder Heben und Tragen von Lasten) werden die
Bandscheiben zwischen den Wirbeln zusammengepresst; der
Gallertkern gibt Flüssigkeit (und damit gleichzeitig auch
Stoffwechselschlacken) an das umliegende Gewebe ab. Für
einen gesunden Stoffwechsel brauchen unsere Bandscheiben also
einen möglichst regelmäßigen Wechsel zwischen
Be- und Entlastung. Leider sieht unser Alltag ganz anders
aus: Die meisten Menschen gehen einer sitzenden Tätigkeit
nach und gönnen sich auch nach Feierabend nicht viel
Bewegung, sondern verlagern ihr Aktivitätsfeld lediglich
vom Schreibtischstuhl auf den Fernsehsessel.
Die Folge: Das gesunde, harmonische
Gleichgewicht zwischen Be- und Entlastung ist nicht mehr
gegeben; die Bandscheiben werden viel häufiger
zusammengepresst und geben Flüssigkeit ab, als dass sie
Gelegenheit haben, Flüssigkeit aufzunehmen und sich
auszudehnen. Infolgedessen trocknen sie mit der Zeit aus und
werden auch nicht mehr richtig ernährt. Ihr Volumen und
ihre Elastizität verringern sich; sie können ihre
Stoßdämpferfunktion nicht mehr hundertprozentig
erfüllen.
Bis zu einem gewissen Grad ist dieser
Verschleißprozess unserer Bandscheiben völlig normal
und altersbedingt: Das heißt, wir sind nicht nur abends
„kleiner“ als morgens, sondern büßen
auch im Laufe unseres Lebens einige Zentimeter an
Körpergröße ein, weil unsere Bandscheiben
allmählich immer flacher werden.
Risikofaktoren für vorzeitigen
Bandscheibenverschleiß
Ein bedeutsamer Risikofaktor ist
Übergewicht: Jedes überzählige Pfund belastet
die Bandscheiben. Wer bereits Probleme mit dem Rücken hat,
sollte daher besonders auf sein Gewicht achten.
Zusätzliche Risikofaktoren für einen
Bandscheibenschaden sind Wirbelsäulenverkrümmungen,
„schlechte Haltung“ und Neigung zu
Muskelverspannungen (weil die Bandscheiben dadurch einseitig
belastet und daher vorzeitig abgenutzt werden). Auch mangelnde
körperliche Betätigung gehört zu den
Risikofaktoren.
Die Katastrophe: Bandscheibenvorfall!
Aufgrund des Austrocknungsprozesses
können sich in einer abgenutzten Bandscheibe leicht Risse
und Spalten bilden. Ist der Faserring erst einmal eingerissen,
so hat die in seinem Inneren befindliche weiche
Gallertkernmasse keinen ausreichenden Halt mehr: Sie kann sich
durch die beschädigte Stelle im Faserring vorwölben.
In so einem Fall spricht man von einer
Bandscheibenvorwölbung oder -protrusion. Es kann aber auch
ein Teil der Gallertkernmasse aus dem Riss im Faserring
austreten. Das bezeichnet man als Bandscheibenvorfall
(Prolaps).
Dieses Bandscheibengewebe drückt nun
auf die aus dem benachbarten Zwischenwirbelloch austretende
Nervenwurzel und verursacht heftige Schmerzen, manchmal auch
Lähmungen und andere Ausfallerscheinungen in dem von dem
betreffenden Nerv versorgten Körperbereich. Meist
tritt ein solcher Bandscheibenvorfall im Bereich der
Lendenwirbelsäule auf, da diese besonders belastet ist.
Häufig tritt ein Bandscheibenvorfall
oder eine Bandscheibenvorwölbung als Folge einer
besonderen Belastung oder einer plötzlichen Bewegung auf.
Was dabei geschieht, kann man sich leicht vorstellen: Der
bereits vorgeschädigte Faserring der Bandscheibe
reißt durch die plötzliche (oder zu starke)
Belastung ein, die Gallertkernmasse tritt aus und reizt die
betroffene Nervenwurzel, was heftige Schmerzen hervorruft.
Meist schwillt die Nervenwurzel als Reaktion auf den auf sie
ausgeübten Druck an und entwickelt einen
entzündlichen Reizzustand.
Typisch für einen Bandscheibenvorfall
im Lendenwirbelsäulenbereich sind starke Kreuzschmerzen
oder auch Ischiasschmerzen: Das heißt, der Schmerz
strahlt bis ins Bein der betroffenen Seite aus. Zusätzlich
verspannen sich durch die Schonhaltung, die man in einer
solchen Situation unwillkürlich einnimmt, die betroffenen
Muskeln, was den Schmerz natürlich noch verstärkt.
Drückt das Bandscheibengewebe noch
stärker auf den Nerv, so treten Ausfallerscheinungen hinzu:
ein taubes Gefühl oder sogar Muskelausfälle im
betroffenen Bein oder Fuß. Unter Umständen hat man
ein Schwächegefühl in diesem Bein oder Fuß,
kann den Fuß nicht mehr richtig heben, sich nicht mehr
auf die Zehen oder die Ferse stellen, stolpert leicht oder
knickt beim Treppensteigen im Knie ein.
Tritt der Bandscheibenvorfall im Bereich
der Halswirbelsäule auf, so äußert er sich
durch Schmerzen an der entsprechenden Stelle und durch
Gefühls- und Bewegungsstörungen in Armen und
Händen. Die Ursache des Problems: Das vorgefallene
Bandscheibengewebe drückt so stark auf den Nerv, dass
seine Leitungsfunktion unterbrochen ist.
Wenn die Hexe schießt...
Beim Bücken oder beim Anheben einer
schweren Einkaufstasche „fährt es einem
plötzlich ins Kreuz“, und man hat so starke
Schmerzen, dass man sich nicht mehr gerade aufrichten kann. Die
volkstümliche Bezeichnung für dieses weit verbreitete
und gefürchtete Leiden lautet „Hexenschuss“.
Nicht immer muss hinter dem
gefürchteten „Hexenschuss“ eine
Bandscheibenvorwölbung oder ein Bandscheibenvorfall
stecken. Es gibt auch noch eine andere mögliche Ursache
für diesen plötzlichen, quälenden Kreuzschmerz:
So kann es z. B. passieren, dass zwei Wirbelkörper sich
bei einer Bewegung gegeneinander verschieben und die
Wirbelgelenke sich verkanten. Als Reaktion auf diese
Fehlstellung verspannen sich die umliegenden Muskeln, was
heftige Schmerzen und eine mehr oder weniger starke
Bewegungseinschränkung hervorruft; Lähmungen und
Gefühlsstörungen treten bei dieser Art von
Hexenschuss jedoch niemals auf.
Muskelverspannungen sind an der
Tagesordnung
Eine andere häufige Ursache von
Rückenschmerzen – vor allem im Schulter-Nacken- und
im Lendenwirbelsäulenbereich – sind
Muskelverspannungen. Hervorgerufen werden sie meist durch
Überbelastung oder einseitige Belastung, verbunden mit
mangelnder körperlicher Betätigung.
Oft sind in der verspannten Muskulatur
kleine, harte, schmerzhafte Knötchen tastbar. Das kommt
daher, dass der Muskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff
versorgt wird, und Stoffwechselschlacken werden nicht mehr
richtig abtransportiert.
Wer vorwiegend morgens nach dem Aufstehen
unter Kreuzschmerzen leidet, die dann im Lauf des Tages
nachlassen, sollte seine Matratze überprüfen:
Durchgelegene Matratzen sind Gift für die Wirbelsäule
und führen auf die Dauer zu einem vorzeitigen
Verschleiß der Bandscheiben! Denn wenn die Matratze
durchhängt (man erkennt dies nach dem Aufstehen deutlich
an der Kuhle in der Mitte), biegt sich auch die
Wirbelsäule beim Liegen in der Mitte durch, was zu einer
ungleichmäßigen Belastung der Bandscheiben
führt.
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