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Das Grauen in der Nacht: Angst- und Albträume
von Mag. Evelyn Doll und Dr. Brigitte Holzinger

Bei einer repräsentativen Umfrage zum Thema Schlafstörungen in Österreich gaben 4% der befragten Personen an, dass sie unter Albträumen leiden (Stepansky et al., 1998). Analysiert man jedoch die Inhalte der Träume von Testschläfern, so ergibt sich für einen Zeitraum von etwa zwei Wochen bereits ein Anteil von 40–50% beängstigender Träume.

Der Albtraum wird der Gruppe der Parasomnien zugeordnet. In dieser Klasse von Schlafstörungen werden eine Reihe von abnormen Ereignisse des Nachtschlafes zusammengefasst, die entweder während des Schlafes oder beim Übergang vom Wach- in den Schlafzustand auftreten.
Albträume werden als Traumerleben voller Angst definiert, die vorwiegend in den REM-Schlafphasen des zweiten und dritten Nachtdrittels auftreten und zum Erwachen des Träumers führen. Der stark von negativen Affekten gefärbte Inhalt des Traumes kann meist gut erinnert werden und ist auch im Wachzustand mit Zeichen von Furcht verbunden.
Albträume müssen diagnostisch einerseits vom Schlafterror oder Pavor nocturnus des Tiefschlafs unterschieden werden, andererseits von beängstigenden Träumen, die nicht zum Erwachen des Schläfers führen, sowie von nächtlichen Panikattacken im Rahmen einer Panikstörung.
Der Pavor nocturnus tritt meist im ersten Nachtdrittel auf und ist häufig mit Aufschreien und Episoden mit Schlafwandeln verbunden. Bei Kleinkindern werden solche Phänomene sehr häufig beobachtet und lösen bei den Eltern Besorgnis aus, obwohl sich die Betroffenen am Morgen danach an den nächtlichen Terror kaum mehr erinnern können. Mit zunehmendem Alter verschwinden diese Störungen des Nachtschlafes von selbst, eine fachärztliche Behandlung ist meist nicht notwendig. Treten Episoden von Schlafterror auch im Erwachsenenalter auf, so sollte auf jeden Fall ein Schlafexperte aufgesucht werden.
Auch Albträume kommen im Kindes- und Jugendalter oft vor: Untersuchungen gehen davon aus, dass über 50% aller unter 15-Jährigen gelegentlich von Albträumen heimgesucht werden. Bei Erwachsenen treten diese wesentlich seltener auf.
Albträume bedeuten nicht nur das wiederholte Auftreten von intensiv angsterregenden Trauminhalten (und der damit verbundenen starken emotionalen Belastung), sondern infolge des Aufwachens auch eine Störung des Nachtschlafs. Betroffene befürchten, dass sich durch das Wiedereinschlafen auch der Angsttraum fortsetzt. Die Folgen sind neben Durchschlafstörungen und einer daraus resultierenden erhöhten Tagesmüdigkeit (einhergehend mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefiziten) eine Minderung der Lebensqualität, verbunden mit einem hohen Maß an subjektiven Leiden und nicht selten mit schwerwiegender sozialer Beeinträchtigung (Rückzug, Ängstlichkeit im Umgang mit anderen usw.).

Mögliche Ursachen
Albträume haben fast immer psychische Ursachen und treten häufig als Folge von belastenden Tagesereignissen auf. Die starken Angstaffekte sind meist Ausdruck nichtverarbeiteter Konflikte. Chronische Angst- und Albträume sind oft Begleiterscheinungen einer posttraumatischen Stresserkrankung, wobei die Wiederholung des traumatischen Erlebnisses im Mittelpunkt des Traumgeschehens steht. Darin liegt nach Ansicht der amerikanischen Traumforscherin Rosalind Cartwright auch eine große Chance: Durch das nächtliche »Bearbeiten« können traumatische Geschehen überwunden und bewältigt werden. Diesen »wohltätigen Träumen« (Immanuel Kant) muss jenes nächtliche Grauen gegenübergestellt werden, das den Träumer auch tagsüber verfolgt und sein psychisches Gleichgewicht nachhaltig beeinträchtigt.
Albträume werden nicht selten durch Alkohol oder Medikamente zur Behandlung organischer und psychischer Krankheiten (Depressionen, psychotische Störungen) verursacht. Dabei besteht die Gefahr, dass Albträume zusammen mit den durch die primäre Krankheit verursachten Belastungen zu einem sich selbst verstärkenden Krankheitsprozess führen, aus dem es ohne professionelle Hilfe kaum ein Entrinnen gibt.
Im Zusammenspiel mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Sensibilität, Ängstlichkeit und Depressivität besteht von der Veranlagung her ein Grundrisiko, aufgrund dessen sich chronische Albträume zur psychotischen Störung verdichten können.

Albträume als Folge einer medikamentösen Therapie oder bei Alk

Die Therapie von Albträumen
Es gibt nur sehr wenige Studien, die den Langzeiterfolg bei der Behandlung von Angst- und Albträumen systematisch untersucht haben. So fehlt es an wissenschaftlichen Arbeiten, die verschiedene therapeutische Maßnahmen miteinander vergleichen und deren Vor- und Nachteile kritisch beurteilen. Daher können zurzeit keine allgemein gültigen therapeutischen Empfehlungen gegeben werden.
Verschwinden bei Kindern Angstträume häufig von selbst, so bedeuten sie bei Erwachsenen nicht selten langwierige Behandlungen, oft mit einer Kombination von medikamentösen und psychotherapeutischen Maßnahmen.
Bei der medikamentösen Therapie haben sich nur trizyklische Antidepressiva wegen ihrer REM-Schlaf unterdrückenden Wirkung als kurzfristige Hilfen bewährt. Von einer längerfristigen Medikamentengabe ist jedoch abzuraten.
Bei den nichtmedikamentösen Therapieansätzen kommen hingegen eine Vielzahl von Techniken zur Anwendung. Diese reichen von verhaltenstherapeutischen Konzepten bis hin zu psychoanalytisch orientierten Einzelsitzungen. Durchgesetzt haben sich Methoden wie progressive Muskelentspannung oder Hypnose. Ziel der verhaltenstherapeutischen Konzepte ist es, durch eine schrittweise Annäherung an die angsterregenden Inhalte die Bedrohlichkeit der Traumbilder abzuschwächen (systematische Desensibili-sierung) oder in erfreuliche Bilder umzuwandeln (Änderung des Traumgeschehens durch Imagination). Die Gestalttherapie wiederum zielt auf die Integration abgespaltener Persönlichkeitsaspekte durch Identifikation, Konfrontation und Dialog ab. Denn Albträume entstehen nun einmal im Kopf des Träumers und werden von ihm gestaltet – aus Elementen seiner Biografie und seines Erlebens.
Einen neuen und vielversprechenden Ansatz bei der Behandlung von Albträumen bietet die Technik des Klarträumens.

Wann gewinnt man Klarheit über seine Träume?
Paul THOLEY entwic

Die Technik des Klarträumens
Unter Klarträumen oder luzidem Träumen wird ein Traumzustand verstanden, in dem dem Träumer bewusst ist, dass er träumt, obwohl der Traum weiterläuft und der Schlaf nicht unterbrochen wird.
Experimentell konnte auch Brigitte Holzinger im Schlaflabor nachweisen, dass passionierte luzide Träumer in der Lage sind, während des Träumens dem Versuchsleiter (durch zweimaliges Augenrollen) zu signalisieren, dass sie träumen.
Spontanes oder gelegentliches Klarträumen ist kein seltenes Ereignis: Bei repräsentativen Umfragen geben etwa 20 bis 25% der Befragten an, das Phänomen »Klartraum« aus eigener Erfahrung zu kennen. Falls Sie nicht zu dieser Gruppe gehören, können Sie dies aber auch erlernen.
Mit der Technik des Klarträumens öffnen sich bei der Behandlung von Angst- und Albträumen neue therapeutische Möglichkeiten. So lernt der Träumer Unangenehmes und Bedrohliches im Zustand des Klartraums zu vermeiden (z. B. durch Flucht aus der Albtraumsituation) oder aufzulösen, indem er z. B. eine als bedrohlich erlebte Traumfigur anspricht. Das luzide Träumen leistet somit zweierlei: Zum einen hilft es den Betroffenen bei der Angstbewältigung (durch Entwerfen einer Handlungsstrategie bereits im Wachen), zum anderen leistet es einen aktiven Beitrag zur Selbsthilfe: Es vermittelt den Betroffenen das Gefühl, selbstständig und aktiv etwas gegen Albträume unternehmen zu können.

Luzides Träumen als Therapie
An diesem Projekt können Personen zwischen 18 und 50 Jahren teilnehmen, die unter chronischen Angst- und Albträumen leiden, entweder aufgrund akuter Belastungssituationen, traumatischer Erfahrungen oder als Begleiterscheinung affektiver Erkrankungen (Störungen des Gefühlslebens wie Depression, Angst, Trauer, übermäßiges Misstrauen usw.).
Geplant sind insgesamt vier Gruppen zu je 12 Personen, denen über einen Zeitraum von 10 Wochen eine ambulante Psychotherapie angeboten wird. Am Beginn der Studie, nach einem ausführlichen Anamnesegespräch und einer umfassenden klinisch-psychologischen Diagnostik, erfolgt auch eine polygrafische Schlafableitung. Neben der Registrierung des Schlafs mittels »klassischer« Polygrafie (Ableitung der Hirnaktivität mittels EEG, Registrierung der Augenbewegungen und der Muskelaktivität am Kinn) werden auch Herzfrequenz, Atmung und Auftreten periodischer Beinbewegungen mit aufgezeichnet. Dies dient zum Ausschluss anderer Formen von Schlafstörungen, wie etwa der Schlafapnoe, die ebenfalls Albträume verursachen kann.
In den daran anschließenden, wöchentlich stattfindenden Gruppentreffen von etwa eineinhalb Stunden Dauer wird den TherapieteilnehmerInnen ein speziell für die Behandlung von Albträumen entwickeltes Therapieprogramm angeboten. Dieses besteht aus einer Kombination von verhaltenstherapeutischen Techniken und Methoden der Gesprächs- und Gestalttherapie. Die Hälfte der TeilnehmerInnen erlernt zusätzlich noch das luzide Träumen. Bei der wissenschaftlichen Auswertung der Studie werden dann die Therapieerfolge beider Gruppen miteinander verglichen.
Ziel der Studie ist es, nicht nur die Häufigkeit der Angst- und Albträume und deren emotionale Belastung zu verringern, sondern vor allem den KlientInnen Strategien zur Selbsthilfe anzubieten, damit diese auch unabhängig von einer psychotherapeutischen Behandlung angewendet werden können. Nach sechs Monaten werden alle StudienteilnehmerInnen zu einem weiteren Treffen eingeladen. Durch Fragebogen und Interviews soll dabei der Langzeiteffekt der Therapie erfasst und überprüft werden. Die Dauer des Projekts beträgt etwa ein Jahr; es wird vorerst in Österreich durchgeführt. Ab 2004 ist auch eine Ausweitung der Studie auf den süddeutschen Raum geplant.

Interessenten wenden sich bitte an: Dr. Brigitte Holzinger, Mag. Evelyn Doll,
Institut für Bewusstseins- und Traumforschung,
Canongasse 13/1, A-1180 Wien; Tel.: +43/699 101 99 042;