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Vom „Bunker“ zur Schlafschule
Jürgen Zulley – Pionier der Schlafforschung
von Marion Zerbst

Er war an den ersten bahnbrechenden Experimenten zur Erforschung des menschlichen Schlaf-wach-Rhythmus vor über 30 Jahren beteiligt. Vor rund fünf Jahren beschloss er, seine Kenntnisse und Erfahrungen in die Praxis umzusetzen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Ergebnis – seine Schlafschule – hat inzwischen schon über 1000 Menschen geholfen, wieder zu einem erholsameren Schlaf und besserer Lebensqualität im Alltag zurückzufinden.

Ursprünglich hatte Jürgen Zulley, einer der führenden Schlafforscher Deutschlands, mit diesem Thema überhaupt nichts zu tun: Er absolvierte eine Ausbildung als Elektroingenieur und begann anschließend in München bei Siemens im Bereich Datenübertragungstechnik zu arbeiten.
„Ich war Inbetriebnahme-Ingenieur“, erzählt er. „Große Anlagen wurden installiert und mussten in Betrieb genommen werden. Das war mein Job – und das bedeutete natürlich immer Fehlersuche. Damals gab es nichts, was mich mehr faszinierte: Da stand so ein Riesenkasten, der nicht funktionierte – und ich musste nun herausfinden, woran es lag. Was mich letztendlich an meiner Arbeit frustrierte, war, dass ich neue Methoden entwickeln wollte, um Fehlern möglichst schnell auf die Spur zu kommen. Aber damals waren eigene Ideen nicht gefragt. Man sollte nur seine Aufgabe erledigen, mehr nicht.“ Auch der Umgang mit Menschen fehlte ihm – seine Arbeit beschränkte sich mehr oder weniger darauf, vor riesigen Apparaten zu sitzen. Das war der Grund, warum Jürgen Zulley bei Siemens aufhörte und wieder die Hörsaalbänke der Universität zu drücken begann – diesmal als Psychologiestudent.
Warum gerade Psychologie? Das war – wie so vieles in Leben – eigentlich reiner Zufall. Oder auch nicht, denn was ihm wohl doch fehlte zwischen all der Technik, war der Umgang mit den Menschen.

Der spannende Weg von der Technik zum Schlaf
Das gab den Ausschlag. Und es stellte sich heraus, dass es genau die richtige Wahl gewesen war: Seine technischen Kenntnisse und Fähigkeiten, seine Freude am Experimentieren und sein Interesse an Menschen – all das ergänzte sich hier auf geradezu geniale Weise. Während des Studiums jobbte Jürgen Zulley bei der Drogenberatung und arbeitete mit behinderten Jugendlichen, um sich das Geld für die Ausbildung zu verdienen und gleichzeitig praktische Erfahrungen zu sammeln. So kam er dann schließlich 1973 an das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München zu Professor Hartmut Schulz, wo er die Grundlagen des Schlafes gründlich erlernte. Beide interessierten sich aber auch für das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie, nicht nur weil es in Andechs (bekannte Klosterbrauerei) lag, sondern weil dort unter Professor Jürgen Aschoff Experimente zur Erforschung biologischer Rhythmen durchgeführt wurden – ein Forschungsgebiet, welches sich Chronobiologie nennt.
Bei den Experimenten ging es auch um die Frage, wie sich der Schlaf-wach-Rhythmus von Menschen verändert, wenn sie völlig von der Außenwelt isoliert und ohne Tageslicht in einer Art Bunker leben. Mehrere Wochen brachten die Versuchspersonen unter solchen Bedingungen in unterirdischen kleinen Räumlichkeiten zu – es gab nur künstliches Licht, keinerlei Kontakte zu anderen Menschen und auch keine Uhren oder sonstigen Hinweise auf die Tageszeit. Sie konnten aufstehen und zu Bett gehen, wann sie wollten; Lebensmittel und sonstige Artikel für den täglichen Bedarf wurden von den Mitarbeitern des Instituts in einem Fach für sie hinterlegt.
Jürgen Zulleys Aufgabe war es nicht nur, über viele Jahre als Versuchsleiter die Probanden zu überwachen, sondern er führte auch weltweit erstmals unter diesen Isolationsbedingungen im so genannten „Andechser Bunker“ Schlafregistrierungen durch.
Bei der Auswertung der Experimente erwies er sich als unschätzbare Hilfe: Statistiken waren ein Kinderspiel für ihn, die Lösung technischer Probleme ebenfalls – hier kam ihm seine frühere Tätigkeit als Elektroingenieur sehr zugute.
Denn nun konnten grundlegende Mechanismen der Schlaf-wach-Steuerung aufgedeckt werden. Der Schlafzeitpunkt, die Schlafdauer und die Schlafstadienstruktur werden durch innere Uhren gesteuert. Das war neu und wurde – zum Glück – kurze Zeit später durch vergleichbare Untersuchungen in den USA unter Chuck Czeisler bestätigt. „Das war damals noch richtige Pionierarbeit“, erinnert sich Zulley. Viele Nächte (über 350) hat er selber überwacht. Die meisten davon im eiskalten Registrierraum des Andechser Bunkers. In Decken gehüllt harrte er auf das Ende des Bunkerschlafs seiner Versuchspersonen, bis zu 16 Stunden. Aber diese misslichen Umstände hatten auch ihre Vorteile. Ungeduldig das Ableitungsende erwartend, versuchte er herauszufinden, wie lange die Versuchsperson noch schlafen würde. In seinem Blickfeld lag die Aufzeichnung der Körpertemperatur. Und bald entdeckte er, dass er nicht lange warten musste, wenn diese steil anstieg, dass es aber noch „ewig“ dauern würde, wenn sie flach verlief. So werden Entdeckungen gemacht. Die Abhängigkeit der Schlafdauer vom Zeitpunkt des Schlafbeginns im circadianen Temperaturzyklus war gefunden.
Dass der Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus sämtlicher Lebewesen und somit auch der Menschen durch biologische Uhren verursacht wird, hatten schon Jürgen Aschoff und Rütger Wever zeigen können: Auch ohne Tageslicht hält unser Organismus sich an einen be-stimmten Lebensrhythmus, der dem normalen 24-Stunden-Rhythmus sehr ähnlich ist. Da er nicht genau im Tag-Nacht-Wechsel verläuft, nennt man diese Rhythmen „circadian“ (= circa ein Tag).

Unser Tageszyklus entspricht ungefähr 25 Stunden
Die Bunker-Experimente zeigten erstmals, dass das auch beim Menschen so ist – und auch unser Lebensrhythmus entspricht nicht genau dem 24-Stunden-Rhythmus von Tag und Nacht: Die meisten Menschen neigen zu einem natürlichen Tageszyklus, der etwas länger ist (etwa 25 Stunden).
Wie schaffen wir es dann trotzdem, uns an die 24 Stunden des Tages anzupassen, also jeden Tag mehr oder weniger regelmäßig zur gleichen Zeit aufzustehen, zu essen, zur Arbeit zu gehen usw.? Würden wir hundertprozentig unserem natürlichen Rhythmus folgen, so müssten wir ja eigentlich jeden Abend ungefähr eine Stunde später ins Bett gehen und am nächsten Morgen auch eine Stunde später aufwachen.
Aber zum Glück ist unser Organismus recht flexibel und in der Lage, sich immer wieder neu auf den 24-stündigen Rhythmus einzustellen. Dabei helfen uns so genannte Zeitgeber: Das Auf- und Untergehen der Sonne, das morgendliche Zwitschern der Vögel, das uns sanft aus dem Schlaf weckt – all das korrigiert den Gang unserer inneren Rhythmen, die uns innerlich für unser Tagewerk bzw. für die Nachtruhe bereit machen. Noch viel wichtiger als diese Zeitgeber der Natur aber sind die Zwänge unseres Berufs und unseres privaten und gesellschaftlichen Lebens: Jeden Morgen reißt uns der Wecker zu einer bestimmten Uhrzeit aus dem Schlaf, weil wir zur Arbeit gehen oder die Kinder versorgen müssen; unser Arbeitstag wird durch die Stechuhr geregelt; mittags und abends setzen wir uns zu bestimmten Zeiten mit Freunden oder Familie zu gemeinsamen Mahlzeiten zusammen, usw. All diese Aktivitäten helfen unserem Körper, einen regelmäßigen 24-stündigen Zyklus einzuhalten.
Aus diesen bahnbrechenden Erkenntnissen über den menschlichen Schlaf-wach-Rhythmus erwuchs in den Jahren 1975 bis 1980 Jürgen Zulleys Doktorarbeit mit dem Titel „Der Einfluss von Zeitgebern auf den Schlaf des Menschen“. Später mit seinem amerikanischen Kollegen und Freund Scott Campbell konnte er ein wissenschaftliches Ergebnis vorlegen, wofür ihm heute noch viele Menschen dankbar sind: Der Mittagsschlaf entspricht einem biologischen Bedürfnis. Eigentlich müsste sich jeder mittags schlafen legen.

Leben in Isolation und mit künstlichem Licht
Noch eine weitere faszinierende Beobachtung machte Jürgen Zulley bei diesen Experimenten, bei denen er natürlich auch eng mit den Probanden in Kontakt kam und an ihren inneren Erfahrungen teilhatte: Diese Leute wurden in ihrem Bunker – fern von natürlichen Lichtverhältnissen und zwischenmenschlichen Kontakten, keineswegs unglücklich oder gar depressiv – sondern blühten förmlich auf. In dieser völlig von Außenreizen abgeschirmten Umgebung fanden sie zu einer nie gekannten inneren Ruhe: Sie fühlten sich wohl und konnten sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren als je zuvor. Und wenn sie dann am ersten Tag nach ihrem Bunker-Experiment wieder nach draußen gingen, meistens um die Andechser Klosterbrauerei zu besuchen, wurden ihnen die vielen Reize, die plötzlich auf sie einstürmten – das Tageslicht, die Geräusche, die anderen Menschen – zu viel, und ihnen schwirrte förmlich der Kopf, sodass sie ihren „Brauereibesuch“ abbrechen mussten.
Jürgen Zulley erinnert sich noch heute gern an diese schöne und spannende Zeit zurück, in der übrigens nicht nur intensiv gearbeitet, sondern auch intensiv gelebt wurde: Sein damaliger Chef beim Max-Planck-Institut, Professor Aschoff, ging mit seinen Mitarbeitern durchaus öfter einmal mitten in der Woche auf eine Bergtour, wenn schönes Wetter war; aber dafür verlangte er dann auch, dass am Wochenende gearbeitet wurde. Feste wurden häufig gefeiert, und dann ging es hoch her. Wissenschaftler aus aller Welt besuchten das „Mekka der Chronobiologie“, dann wurde heiß diskutiert und kühles Bier getrunken. Im Sommer arbeitete man an eigens zu diesem Zweck angebrachten Klapptischen draußen auf dem Balkon und gab sich locker und leger: „Es war geradezu Pflicht, im Sommer in kurzer Hose zu erscheinen.“

Die „Schlafschule“ wird geboren
Trotzdem entschloss Jürgen Zulley sich im Jahr 1993, seine Stelle am Max-Planck-Institut aufzugeben und – inzwischen hatte er auch eine Ausbildung zum Psychotherapeuten gemacht – als Leiter des schlafmedizinischen Zentrums und Leiter des Psychologischen Dienstes an die Bezirks- und Universitätsklinik Regensburg zu gehen.
„Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die wissenschaftliche Arbeit und das Leben in den ,akademischen Höhen‘ bereits sehr gut kennen gelernt“, erzählt er. Jürgen Zulley war Vorsitzender des Wissenschaftskomitees der European Sleep Research Society (ESRS), später Mitglied im Vorstand, ebenso wie später bei der DGSM. „Natürlich war das alles sehr faszinierend; aber ich wollte das Gefühl bekommen, dass die Ergebnisse unserer Forschung auch von Nutzen für diejenigen sind, die mit dem Schlafen und Wachen so ihre Probleme haben. Als ich im Max-Planck-Institut zu arbeiten begann, gab es für Menschen mit Schlafstörungen noch keinerlei Hilfestellung; die Erforschung und Therapie solcher Probleme steckte noch in den Kinderschuhen. Damals gab es in Deutschland gerade mal zwei oder drei Schlaflabore, die zunächst nur Grundlagenforschung betrieben; erst nach 1975 begann man sich allmählich mit der klinischen Behandlung von Schlafstörungen zu befassen.“
Und so kam Jürgen Zulley dann nach langen Erfahrungen in der Grundlagenforschung und danach im Umgang mit schlafgestörten Patienten im Jahr 2000 schließlich auf die Idee, diesem Problem auf breiter Front zu begegnen, indem er Schlafschul-Kurse für Patienten durchführt, in denen er Menschen über das Thema Schlaf informiert und ihnen bei der Suche nach individuellen Lösungen für ihre Schlafprobleme hilft.
„Ich hatte von der Rückenschule gehört und dachte mir: Warum nicht auch eine Schlafschule etablieren?“ So veranstaltete er seine ersten Wochenkurse, die sehr gut angenommen wurden. Durch diese ersten Erfolge wurde die BARMER Ersatzkasse auf die Schlafschule aufmerksam und begann das Projekt zu unterstützen.
Inzwischen gibt es Schlafschulen an vielen verschiedenen Orten in Deutschland – nicht mehr nur als Wochenkurs, sondern auch in einer Kurzversion als Wochenendseminar.
Und der Erfolg mit seinen mittlerweile über 1000 Schlafschülern gibt Jürgen Zulley Recht: 96 % der Schüler gaben bei einer Befragung drei Monate nach dem Seminar an, dass ihnen der Besuch der Schlafschule geholfen habe. 78 % berichteten, dass sie ihre Schlafgewohnheiten geändert hätten. Dass der verbesserte Schlaf sich auch positiv auf den Tag auswirkt und die Lebensqualität deutlich verbessert, konnten 77 % der Schlafschüler bestätigen. Als besonders positiv ist das Ergebnis zu werten, dass 74 % derjenigen, die vor dem Besuch der Schlafschule Schlafmittel eingenommen hatten, diesen Konsum drei Monate nach dem Seminar verringert haben; 20 % kamen sogar völlig ohne schlaffördernde Medikamente aus.

Für weitere Informationen zur Schlafschule:
Telefon-Hotline: 09 41/9 42 82 71,
E-Mail: info@dags.de
Literatur: Die kleine Schlafschule. J. Zulley, B. Knab.
Herder, Freiburg, 2002;
Unsere innere Uhr. J. Zulley, B. Knab.
Herder, Freiburg, 2003;
Wach und fit. J. Zulley, B. Knab. Herder, Freiburg, 2004.