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Vom „Bunker“ zur
Schlafschule
Jürgen Zulley – Pionier der Schlafforschung |
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Jahrgang 2005 Ausgewählte Artikel
Vom "Bunker" zur Schlafschule
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von Marion Zerbst
Er war an den ersten bahnbrechenden
Experimenten zur Erforschung des menschlichen
Schlaf-wach-Rhythmus vor über 30 Jahren beteiligt. Vor
rund fünf Jahren beschloss er, seine Kenntnisse und
Erfahrungen in die Praxis umzusetzen und einer breiten
Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Ergebnis
– seine Schlafschule – hat inzwischen schon
über 1000 Menschen geholfen, wieder zu einem erholsameren
Schlaf und besserer Lebensqualität im Alltag
zurückzufinden.
Ursprünglich hatte Jürgen Zulley,
einer der führenden Schlafforscher Deutschlands, mit
diesem Thema überhaupt nichts zu tun: Er absolvierte eine
Ausbildung als Elektroingenieur und begann anschließend
in München bei Siemens im Bereich
Datenübertragungstechnik zu arbeiten.
„Ich war
Inbetriebnahme-Ingenieur“, erzählt er.
„Große Anlagen wurden installiert und mussten in
Betrieb genommen werden. Das war mein Job – und das
bedeutete natürlich immer Fehlersuche. Damals gab es
nichts, was mich mehr faszinierte: Da stand so ein
Riesenkasten, der nicht funktionierte – und ich musste
nun herausfinden, woran es lag. Was mich letztendlich an meiner
Arbeit frustrierte, war, dass ich neue Methoden entwickeln
wollte, um Fehlern möglichst schnell auf die Spur zu
kommen. Aber damals waren eigene Ideen nicht gefragt. Man
sollte nur seine Aufgabe erledigen, mehr nicht.“ Auch der
Umgang mit Menschen fehlte ihm – seine Arbeit
beschränkte sich mehr oder weniger darauf, vor riesigen
Apparaten zu sitzen. Das war der Grund, warum Jürgen
Zulley bei Siemens aufhörte und wieder die
Hörsaalbänke der Universität zu drücken
begann – diesmal als Psychologiestudent.
Warum gerade Psychologie? Das war –
wie so vieles in Leben – eigentlich reiner Zufall. Oder
auch nicht, denn was ihm wohl doch fehlte zwischen all der
Technik, war der Umgang mit den Menschen.
Der spannende Weg von der Technik zum
Schlaf
Das gab den Ausschlag. Und es stellte sich
heraus, dass es genau die richtige Wahl gewesen war: Seine
technischen Kenntnisse und Fähigkeiten, seine Freude am
Experimentieren und sein Interesse an Menschen – all das
ergänzte sich hier auf geradezu geniale Weise.
Während des Studiums jobbte Jürgen Zulley bei der
Drogenberatung und arbeitete mit behinderten Jugendlichen, um
sich das Geld für die Ausbildung zu verdienen und
gleichzeitig praktische Erfahrungen zu sammeln. So kam er dann
schließlich 1973 an das Max-Planck-Institut für
Psychiatrie in München zu Professor Hartmut Schulz, wo er
die Grundlagen des Schlafes gründlich erlernte. Beide
interessierten sich aber auch für das Max-Planck-Institut
für Verhaltensphysiologie, nicht nur weil es in Andechs
(bekannte Klosterbrauerei) lag, sondern weil dort unter
Professor Jürgen Aschoff Experimente zur Erforschung
biologischer Rhythmen durchgeführt wurden – ein
Forschungsgebiet, welches sich Chronobiologie nennt.
Bei den Experimenten ging es auch um die
Frage, wie sich der Schlaf-wach-Rhythmus von Menschen
verändert, wenn sie völlig von der Außenwelt
isoliert und ohne Tageslicht in einer Art Bunker leben. Mehrere
Wochen brachten die Versuchspersonen unter solchen Bedingungen
in unterirdischen kleinen Räumlichkeiten zu – es gab
nur künstliches Licht, keinerlei Kontakte zu anderen
Menschen und auch keine Uhren oder sonstigen Hinweise auf die
Tageszeit. Sie konnten aufstehen und zu Bett gehen, wann sie
wollten; Lebensmittel und sonstige Artikel für den
täglichen Bedarf wurden von den Mitarbeitern des Instituts
in einem Fach für sie hinterlegt.
Jürgen Zulleys Aufgabe war es nicht
nur, über viele Jahre als Versuchsleiter die Probanden zu
überwachen, sondern er führte auch weltweit erstmals
unter diesen Isolationsbedingungen im so genannten
„Andechser Bunker“ Schlafregistrierungen durch.
Bei der Auswertung der Experimente erwies
er sich als unschätzbare Hilfe: Statistiken waren ein
Kinderspiel für ihn, die Lösung technischer Probleme
ebenfalls – hier kam ihm seine frühere
Tätigkeit als Elektroingenieur sehr zugute.
Denn nun konnten grundlegende Mechanismen
der Schlaf-wach-Steuerung aufgedeckt werden. Der
Schlafzeitpunkt, die Schlafdauer und die Schlafstadienstruktur
werden durch innere Uhren gesteuert. Das war neu und wurde
– zum Glück – kurze Zeit später durch
vergleichbare Untersuchungen in den USA unter Chuck Czeisler
bestätigt. „Das war damals noch richtige
Pionierarbeit“, erinnert sich Zulley. Viele Nächte
(über 350) hat er selber überwacht. Die meisten davon
im eiskalten Registrierraum des Andechser Bunkers. In Decken
gehüllt harrte er auf das Ende des Bunkerschlafs seiner
Versuchspersonen, bis zu 16 Stunden. Aber diese misslichen
Umstände hatten auch ihre Vorteile. Ungeduldig das
Ableitungsende erwartend, versuchte er herauszufinden, wie
lange die Versuchsperson noch schlafen würde. In seinem
Blickfeld lag die Aufzeichnung der Körpertemperatur. Und
bald entdeckte er, dass er nicht lange warten musste, wenn
diese steil anstieg, dass es aber noch „ewig“
dauern würde, wenn sie flach verlief. So werden
Entdeckungen gemacht. Die Abhängigkeit der Schlafdauer vom
Zeitpunkt des Schlafbeginns im circadianen Temperaturzyklus war
gefunden.
Dass der Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus
sämtlicher Lebewesen und somit auch der Menschen durch
biologische Uhren verursacht wird, hatten schon Jürgen
Aschoff und Rütger Wever zeigen können: Auch ohne
Tageslicht hält unser Organismus sich an einen be-stimmten
Lebensrhythmus, der dem normalen 24-Stunden-Rhythmus sehr
ähnlich ist. Da er nicht genau im Tag-Nacht-Wechsel
verläuft, nennt man diese Rhythmen „circadian“
(= circa ein Tag).
Unser Tageszyklus entspricht ungefähr
25 Stunden
Die Bunker-Experimente zeigten erstmals,
dass das auch beim Menschen so ist – und auch unser
Lebensrhythmus entspricht nicht genau dem 24-Stunden-Rhythmus
von Tag und Nacht: Die meisten Menschen neigen zu einem
natürlichen Tageszyklus, der etwas länger ist (etwa
25 Stunden).
Wie schaffen wir es dann trotzdem, uns an
die 24 Stunden des Tages anzupassen, also jeden Tag mehr oder
weniger regelmäßig zur gleichen Zeit aufzustehen, zu
essen, zur Arbeit zu gehen usw.? Würden wir
hundertprozentig unserem natürlichen Rhythmus folgen, so
müssten wir ja eigentlich jeden Abend ungefähr eine
Stunde später ins Bett gehen und am nächsten Morgen
auch eine Stunde später aufwachen.
Aber zum Glück ist unser Organismus
recht flexibel und in der Lage, sich immer wieder neu auf den
24-stündigen Rhythmus einzustellen. Dabei helfen uns so
genannte Zeitgeber: Das Auf- und Untergehen der Sonne, das
morgendliche Zwitschern der Vögel, das uns sanft aus dem
Schlaf weckt – all das korrigiert den Gang unserer
inneren Rhythmen, die uns innerlich für unser Tagewerk
bzw. für die Nachtruhe bereit machen. Noch viel wichtiger
als diese Zeitgeber der Natur aber sind die Zwänge unseres
Berufs und unseres privaten und gesellschaftlichen Lebens:
Jeden Morgen reißt uns der Wecker zu einer bestimmten
Uhrzeit aus dem Schlaf, weil wir zur Arbeit gehen oder die
Kinder versorgen müssen; unser Arbeitstag wird durch die
Stechuhr geregelt; mittags und abends setzen wir uns zu
bestimmten Zeiten mit Freunden oder Familie zu gemeinsamen
Mahlzeiten zusammen, usw. All diese Aktivitäten helfen
unserem Körper, einen regelmäßigen
24-stündigen Zyklus einzuhalten.
Aus diesen bahnbrechenden Erkenntnissen
über den menschlichen Schlaf-wach-Rhythmus erwuchs in den
Jahren 1975 bis 1980 Jürgen Zulleys Doktorarbeit mit dem
Titel „Der Einfluss von Zeitgebern auf den Schlaf des
Menschen“. Später mit seinem amerikanischen Kollegen
und Freund Scott Campbell konnte er ein wissenschaftliches
Ergebnis vorlegen, wofür ihm heute noch viele Menschen
dankbar sind: Der Mittagsschlaf entspricht einem biologischen
Bedürfnis. Eigentlich müsste sich jeder mittags
schlafen legen.
Leben in Isolation und mit
künstlichem Licht
Noch eine weitere faszinierende Beobachtung
machte Jürgen Zulley bei diesen Experimenten, bei denen er
natürlich auch eng mit den Probanden in Kontakt kam und an
ihren inneren Erfahrungen teilhatte: Diese Leute wurden in
ihrem Bunker – fern von natürlichen
Lichtverhältnissen und zwischenmenschlichen Kontakten,
keineswegs unglücklich oder gar depressiv – sondern
blühten förmlich auf. In dieser völlig von
Außenreizen abgeschirmten Umgebung fanden sie zu einer
nie gekannten inneren Ruhe: Sie fühlten sich wohl und
konnten sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren als je zuvor.
Und wenn sie dann am ersten Tag nach ihrem Bunker-Experiment
wieder nach draußen gingen, meistens um die Andechser
Klosterbrauerei zu besuchen, wurden ihnen die vielen Reize, die
plötzlich auf sie einstürmten – das Tageslicht,
die Geräusche, die anderen Menschen – zu viel, und
ihnen schwirrte förmlich der Kopf, sodass sie ihren
„Brauereibesuch“ abbrechen mussten.
Jürgen Zulley erinnert sich noch heute
gern an diese schöne und spannende Zeit zurück, in
der übrigens nicht nur intensiv gearbeitet, sondern auch
intensiv gelebt wurde: Sein damaliger Chef beim
Max-Planck-Institut, Professor Aschoff, ging mit seinen
Mitarbeitern durchaus öfter einmal mitten in der Woche auf
eine Bergtour, wenn schönes Wetter war; aber dafür
verlangte er dann auch, dass am Wochenende gearbeitet wurde.
Feste wurden häufig gefeiert, und dann ging es hoch her.
Wissenschaftler aus aller Welt besuchten das „Mekka der
Chronobiologie“, dann wurde heiß diskutiert und
kühles Bier getrunken. Im Sommer arbeitete man an eigens
zu diesem Zweck angebrachten Klapptischen draußen auf dem
Balkon und gab sich locker und leger: „Es war geradezu
Pflicht, im Sommer in kurzer Hose zu erscheinen.“
Die „Schlafschule“ wird
geboren
Trotzdem entschloss Jürgen Zulley sich
im Jahr 1993, seine Stelle am Max-Planck-Institut aufzugeben
und – inzwischen hatte er auch eine Ausbildung zum
Psychotherapeuten gemacht – als Leiter des
schlafmedizinischen Zentrums und Leiter des Psychologischen
Dienstes an die Bezirks- und Universitätsklinik Regensburg
zu gehen.
„Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die
wissenschaftliche Arbeit und das Leben in den ,akademischen
Höhen‘ bereits sehr gut kennen gelernt“,
erzählt er. Jürgen Zulley war Vorsitzender des
Wissenschaftskomitees der European Sleep Research Society
(ESRS), später Mitglied im Vorstand, ebenso wie
später bei der DGSM. „Natürlich war das alles
sehr faszinierend; aber ich wollte das Gefühl bekommen,
dass die Ergebnisse unserer Forschung auch von Nutzen für
diejenigen sind, die mit dem Schlafen und Wachen so ihre
Probleme haben. Als ich im Max-Planck-Institut zu arbeiten
begann, gab es für Menschen mit Schlafstörungen noch
keinerlei Hilfestellung; die Erforschung und Therapie solcher
Probleme steckte noch in den Kinderschuhen. Damals gab es in
Deutschland gerade mal zwei oder drei Schlaflabore, die
zunächst nur Grundlagenforschung betrieben; erst nach 1975
begann man sich allmählich mit der klinischen Behandlung
von Schlafstörungen zu befassen.“
Und so kam Jürgen Zulley dann nach
langen Erfahrungen in der Grundlagenforschung und danach im
Umgang mit schlafgestörten Patienten im Jahr 2000
schließlich auf die Idee, diesem Problem auf breiter
Front zu begegnen, indem er Schlafschul-Kurse für
Patienten durchführt, in denen er Menschen über das
Thema Schlaf informiert und ihnen bei der Suche nach
individuellen Lösungen für ihre Schlafprobleme hilft.
„Ich hatte von der Rückenschule
gehört und dachte mir: Warum nicht auch eine Schlafschule
etablieren?“ So veranstaltete er seine ersten
Wochenkurse, die sehr gut angenommen wurden. Durch diese ersten
Erfolge wurde die BARMER Ersatzkasse auf die Schlafschule
aufmerksam und begann das Projekt zu unterstützen.
Inzwischen gibt es Schlafschulen an vielen
verschiedenen Orten in Deutschland – nicht mehr nur als
Wochenkurs, sondern auch in einer Kurzversion als
Wochenendseminar.
Und der Erfolg mit seinen mittlerweile
über 1000 Schlafschülern gibt Jürgen Zulley
Recht: 96 % der Schüler gaben bei einer Befragung drei
Monate nach dem Seminar an, dass ihnen der Besuch der
Schlafschule geholfen habe. 78 % berichteten, dass sie ihre
Schlafgewohnheiten geändert hätten. Dass der
verbesserte Schlaf sich auch positiv auf den Tag auswirkt und
die Lebensqualität deutlich verbessert, konnten 77 % der
Schlafschüler bestätigen. Als besonders positiv ist
das Ergebnis zu werten, dass 74 % derjenigen, die vor dem
Besuch der Schlafschule Schlafmittel eingenommen hatten, diesen
Konsum drei Monate nach dem Seminar verringert haben; 20 %
kamen sogar völlig ohne schlaffördernde Medikamente
aus.
Für weitere Informationen zur
Schlafschule:
Telefon-Hotline: 09 41/9 42 82 71,
Literatur: Die kleine Schlafschule. J.
Zulley, B. Knab.
Herder, Freiburg, 2002;
Unsere innere Uhr. J. Zulley, B. Knab.
Herder, Freiburg, 2003;
Wach und fit. J. Zulley, B. Knab. Herder,
Freiburg, 2004.
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