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Reisen und Schlaf auf Schienen
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Jahrgang 2005 Ausgewählte Artikel
Reisen und Schlaf auf Schienen
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von Dr. Werner Kafka
Es war der Belgier Georges Nagelmackers,
der mit der Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL) die
Schlafwagen in Europa nach Vorbild der klassenlosen
amerikanischen Pullman-Wagen einführte: Die Sitze
ließen sich mit einigen Handgriffen in Betten umbauen,
waren in Fahrtrichtung angeordnet und durch bodenlange
Vorhänge vom Mittelgang getrennt. In Europa, mit seiner
strengen Klasseneinteilung, waren Wagen für jedermann
allerdings undenkbar.
Schon 1872 verkehrten Schlafwagen auf
verschiedenen „Kursen“ durch Deutschland –
betrieben von zahlreichen teils privaten, teils staatlichen
Gesellschaften. Allein um Deutschland durchqueren zu
können, hatte die CIWL Verträge mit 15 Eisenbahnen
abschließen müssen, die, je nach Strecke,
nacheinander die Wagen übernahmen.
Zehn Jahre später brach dann der
legendäre Orient-Express zu seiner Eröffnungsfahrt
von Paris nach Istanbul auf. Die Strecke Paris–Berlin
wurde erstmals 1883 gefahren.
Die Nachtzüge der
Eisenbahn-Pionierzeit mit ihren berühmten Schlafwagen
setzten Maßstäbe für eine bisher nicht gekannte
Freiheit des Reisens und waren Luxussymbole. So erwartete die
Nachtzugreisenden zwischen Berlin und Paris ein
Mahagoni-getäfelter Wagen mit Eichenparkett und Sesseln
aus Seidenrips. Er verfügte über drei Zweibettabteile
in der ersten und zwei Vierbettabteile in der zweiten Klasse
sowie Waschräume. In manchen Wagen gab es Vorräume
mit Sitzen für die Diener, über einen Lufttelegraphen
nahm die Herrschaft bei Bedarf Kontakt mit dem Personal auf.
Um 1880 kaufte Preußen alle
Privatbahnen seines Staatsgebietes auf und betrieb viele der
lukrativen Schlafwagenkurse in eigener Regie. Die dafür
neu gebauten Schlafwagen hatten insgesamt 20 Betten, viel
Plüsch, aber auch Linoleum und waren geschmackvoll ohne
übertriebenen Luxus ausgestattet. Schon hatte in
Deutschland die Demokratisierung der Nachtreise begonnen.
1916 übernahm die
Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft
(Mitropa) den Betrieb der Nachtreise in Deutschland, und im
Jahr 1920 gingen nach Gründung der Deutschen Reichsbahn
alle Verträge mit der Mitropa auf sie über. Mit der
CIWL einigte man sich vertraglich, wer welche europäischen
Länder befahren durfte. 1922 wurde entsprechend der
Holzklasse in den Reisezugwagen auch bei den Schlafwagen die
dritte Klasse eingeführt, um dem einfachen Volk ein wenig
Komfort während der Nachtfahrt zu bieten. Dabei handelte
es sich um Liegewagen mit Holzliegen ohne Bettzeug, das man
aber für wenig Geld mieten konnte. Die Abteile der ersten
und zweiten Klasse waren nach wie vor gediegen, gut gepolstert
und ein wenig plüschig.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging in
Westdeutschland aus der Mitropa die Deutsche Schlafwagen- und
Speisewagen-Gesellschaft mbH (DSG) hervor, während die DDR
den Namen Mitropa weiterführte. Die DSG startete mit 40
gut ausgestatteten Schlafwagen in Weinrot und verkehrte
ausschließlich auf innerdeutschen Strecken.
Bis 1954 lag das Monopol für die
europäischen Linien im Nachtreiseverkehr bei der
Internationalen Schlafwagen- und Touristik-Gesellschaft, der
früheren CIWL, mit markanten dunkelblauen Fahrzeugen. In
der Nachkriegszeit wurden Nachtreisezüge mit ihren
Schlaf-, Liege- und Sitzwagen zum beliebten Verkehrsmittel
für alle Bevölkerungsgruppen. Neue Wagen gab es lange
nicht, der Komfort der Nachtzüge hinkte hinter dem der
Tageszüge her.
Erst die Deutsche Bahn AG führte 1994
mit den Talgo-Zügen auf einigen Linien die ersten
zeitgemäßen Nachtzüge ein, deren
Schlafwagenabteile mit einer Waschgelegenheit und WC
ausgestattet waren. Dazu kamen unter dem Namen CityNightLine
noch im selben Jahr die Doppelstockzüge der
deutsch-österreichisch-schweizerischen D.A.C.H. Hotelzug
AG. Der überwiegende Teil des Nachtreiseangebots bestand
aus konventionellen Nachtzügen, deren Wagen in die Jahre
gekommen waren und deren Service ebenfalls nicht mehr den
Ansprüchen der Kunden entsprach.
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