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Jetlag, Müdigkeit & Co.
von Prof. Dr. Jürgen Zulley

Reisen bedeuten neben möglichen Klimaveränderungen und dem Wechsel in eine neue Umgebung fast immer auch Umstellungen des Tagesablaufs. Solche Veränderungen in der Zeitstruktur unseres Alltags sind nicht immer unproblematisch.

Schon die alljährliche Umstellung auf die Sommerzeit bringt für viele Menschen Probleme mit sich, die das allgemeine Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
Weitaus gravierender sind die Auswirkungen nach einem „verpassten“ Nachtschlaf (bei Fernreisen) und vor allem bei einem Langstreckenflug über mehrere Zeitzonen (Jetlag). Nicht nur eine Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit und der allgemeinen Befindlichkeit, sondern auch Schlafstörungen sind hier die Folge. Die Ursache für diese Störungen liegt in den durch innere Uhren gesteuerten biologischen Rhythmen des Menschen.

Unfälle durch Einschlafen am Steuer: im Sommer am häufigsten
Urlaubsreisen sind oft mit langen Anfahrtswegen verbunden. Kann man diese passiv als Zugfahrer, Flugreisender oder Mitfahrer absolvieren, so ist es nicht weiter problematisch. Ganz anders ist die Situation für den Autofahrer. Denn bei ihm ist Konzentrationsfähigkeit über einen längeren Zeitraum erforderlich, wobei auf die biologischen Tiefs keine Rücksicht genommen wird.
So ist es kaum verwunderlich, dass infolge von Nichtbeachtung biologischer Rhythmen die Verkehrsunfälle immer mehr zunehmen. Die Mehrzahl der schweren Verkehrsunfälle auf Autobahnen wird durch Einschlafen am Steuer verursacht. Der Zeitpunkt dieser Unfälle zeigt eine deutliche Tagesverteilung mit Spitzenwerten in den frühen Morgenstunden sowie nachmittags gegen 14 Uhr.
Diese Zeitpunkte entsprechen unseren biologischen „Tiefs“. Die Unfälle sind die Folge davon, dass der Fahrer versucht hat, über das „Tief“ hinweg zu funktionieren. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die Zusammenhänge zwischen Fehlern, Tageszeit und Müdigkeit aufdecken, sind nicht neu. Aber sie haben bisher wenig Beachtung gefunden. Dies mag daran liegen, dass solche Unfälle meistens unkritisch unter dem Begriff „menschliches Versagen“ eingeordnet und somit als eher „schicksalhaft“ und damit unbeeinflussbar hingenommen wurden. Weiterhin fehlte bisher wohl ein Überblick über die tatsächliche Häufigkeit, mit der diese Faktoren Fehler verursachen.
Hinzu kommt sicher auch, dass Übermüdung als Unfallursache häufig unterschätzt wird, wie eine Studie über Autobahnunfälle ergab: Nach Polizeiangaben unmittelbar nach dem Unfall sind 8% der Unfälle auf Übermüdung zurückzuführen. Die sorgfältige Analyse einer Expertenkommission kam auf einen wesentlich höheren Anteil: Die häufigste Einzelursache dieser Unfälle war mit 24% aller schweren Autobahnunfälle „Einschlafen am Steuer“.
Die tatsächliche Zahl einschlafbedingter Unfälle dürfte noch höher liegen, da zwischen Müdigkeit und tatsächlichem Einschlafen nur schwer zu unterscheiden ist. Im weitesten Sinne lassen sich fast zwei Drittel aller untersuchten Unfälle mit einer verringerten Aufmerksamkeit erklären. Typische Begleiterscheinungen für Einschlafunfälle waren: schlafende Beifahrer, geringe Verkehrsdichte, gerade Streckenführung und lange Fahrzeiten. Des Weiteren traten relativ viele Einschlafunfälle an Baustellen auf.
Wir führten mit unserer Forschungsgruppe eine Untersuchung über das zeitliche Auftreten dieser Unfälle durch – mit folgendem Ergebnis: Im Verlauf eines Jahres ereigneten sich die meisten Unfälle in der Zeit von Mai bis Oktober mit einem Gipfel im August, also in den Ferienmonaten. Innerhalb einer Woche zeigte sich ein deutlicher Gipfel am Samstag. Von Freitag bis Samstag ereigneten sich fast 40% aller Unfälle. Die Verteilung über 24 Stunden zeigt, dass bei dem deutlich geringeren Verkehrsaufkommen in der Nacht eine höhere Unfalldichte pro Stunde vorliegt – ein Ergebnis, das (wie weitergehende Studien zeigten) kaum auf die Dunkelheit zurückzuführen ist, sondern auf den übermüdeten Zustand des Fahrers.
Die weitere Analyse ergab einen deutlichen Alterseffekt. Ältere Fahrer verursachten einschlafbedingt häufiger schwere Unfälle tagsüber, während jüngere Fahrer mehr für die Nachtunfälle verantwortlich waren. Der Gipfel der Unfälle älterer Fahrer lag etwa bei 18 Uhr, das Maximum der Unfälle jüngerer Fahrer gegen 6 Uhr. In diesen Altersunterschieden drückt sich möglicherweise der höhere nächtliche Schlafdruck jüngerer Fahrer aus. (Bei älteren Menschen ist das nächtliche Schlafbedürfnis reduziert; sie haben dafür eher tagsüber einmal das Bedürfnis nach einem „Nickerchen“.) Die Daten zeigen neben der Wirkung der biologischen Rhythmik auch den großen Einfluss monotoner Bedingungen auf die Verursachung schwerer Unfälle auf den Autobahnen. Denn gerade unter so genannten monotonen Bedingungen (z. B. Fahren langer, gerader Strecken ohne hohes Verkehrsaufkommen) wirkt Müdigkeit sich viel stärker auf Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit aus.

So können Sie Autounfälle vermeiden
Häufig wird der Beginn einer Reise in die Abend- oder Nachtstunden gelegt, um der hohen Verkehrsdichte während des Tages auszuweichen. Dadurch setzt sich der Fahrer aber der Gefahr aus, über sein biologisches Tief hinweg zu fahren. Er meint also, einer Gefahr auszuweichen (Verkehrsdichte), begibt sich aber dabei in ein noch viel größeres Risiko (toter Punkt)! Aus diesem Grund ist von Nachtfahrten abzuraten – und dies gerade auch bei jüngeren Fahrern.
Hinzu kommt noch, dass die Reisenden in der Nacht vor der Abfahrt infolge der Reisevorbereitungen häufig schlecht schlafen, ihre Fahrt also bereits mit einem Schlafdefizit antreten. Das erhöht die Gefahr des Einschlafens am Steuer erheblich.
Grundsätzlich ist es wichtig, Pausen einzulegen – am Tag ebenso wie in der Nacht. Bereits kurze Nickerchen von zehn Minuten oder einer Viertelstunde im Auto auf dem Rastplatz haben einen deutlichen Erholungswert. Diesen Erholungsschlaf muss man sich aber zu dem Zeitpunkt gönnen, wenn die Müdigkeit beginnt, und nicht erst dann, wenn der Fahrplan eine Pause zulässt.

Jetlag: der Spielverderber bei Fernreisen
Ein ganz anderes Problem taucht bei Fernflügen über mehrere Zeitzonen auf: Hier befindet sich der Reisende plötzlich in einer Umwelt, die dem Lauf seiner inneren Uhr nicht entspricht, sondern um mehrere Stunden verschoben ist.
Zwar kann der Zeitzonenreisende versuchen, seinen Schlaf-wach-Rhythmus der neuen Zeit anzupassen, indem er sich an die neue Nachtzeit hält; doch seine innere Uhr wird ihm diese Anpassung nur zögerlich erlauben. Die Stabilität des inneren Regulationsmechanismus erlaubt keine sofortige Umstellung; erst nach längerer konstanter Einwirkung der neuen Zeitgeber (Uhrzeit, Tageslicht etc.) erfolgt die Justierung der inneren Uhr an die neuen Verhältnisse. Untersuchungen zeigen, dass als grobes Schätzmaß ein Tag pro Zeitzone als Resynchronisationszeit veranschlagt werden muss.
Der Jetlag hat deutliche Auswirkungen auf den gesundheitlichen Status des Reisenden. Leistungsfähigkeit, Befindlichkeit und körperliche Gesundheit leiden nach Zeitzonenflügen erheblich. Außer an Schlafstörungen leidet man unter Tagesmüdigkeit und reduzierter Leistungsfähigkeit. Diese ist nicht nur durch den gestörten Schlaf bedingt, sondern auch durch unsere innere Uhr, die noch nicht auf Aktivität geschaltet ist, obwohl Leistung gefordert wird.
Auch Langzeitfolgen treten auf, sind aber weniger untersucht worden. Exemplarisch mag eine Versuchsserie an Tieren aus dem Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie genannt werden: Fliegen, die normalerweise ca. 100 Tage leben, wurden permanent simulierten Zeitzonenflügen ausgesetzt. Die Versuchsgruppe verstarb deutlich früher, als ihrer Lebenserwartung nach angenommen werden musste.
Schlafstörungen bei Zeitzonenwechsel klingen nach einigen Tagen (abhängig von der Anzahl der überquerten Zeitzonen) wieder ab. Für die Umstellungsdauer ist aber auch die Richtung des Fluges entscheidend. Nach einem Westflug erfolgt eine Verlängerung des Tages. Dies entspricht dem natürlichen Verlauf unserer inneren Uhr (25 Stunden); daher kann man sich nach einem Westflug schneller an die neue Zeit am Zielort anpassen als nach einem Ostflug, bei dem sich der Tag verkürzt.

Typische Symptome des Jetlag:
J Schlafstörungen
J Tagesmüdigkei

So schlagen Sie dem Jetlag ein Schnippchen
Es gibt individuelle Unterschiede in der Dauer der Zeitumstellung, die von wenigen Tagen bis zu zwei Wochen reichen. Jüngere Menschen und Abendtypen passen sich normalerweise schneller an die neue Zeit an.
Zum Glück gibt es einige Tipps und Tricks, mit denen man besser über den Jetlag hinwegkommt:
Schon vor dem Flug kann man beginnen, sich auf die neue Tageszeit einzustellen, indem man den Zeitpunkt der Mahlzeiten und die Schlafzeiten in Richtung der neuen Zeit verschiebt. Dieses Vorgehen kann durch eine gezielte Lichttherapie verstärkt werden. Da helles Licht (über 2500 Lux) die innere Uhr verschieben kann, kann der therapeutische Einsatz mittels speziell konstruierter Lampen unsere innere Uhr korrigieren. Die Wirkung beruht darauf, dass helles Licht die Melatoninausschüttung unterdrückt. (Melatonin ist das „Schlafhormon“, das abends bei Einbruch der Dunkelheit ausgeschüttet wird und uns müde macht.) Je nach Zeitpunkt der Lichtgabe kann hierbei die innere Uhr vor- oder rückverlagert werden.
Nach einem Zeitzonenflug sollte man sich so intensiv wie möglich an die neue Umgebung anpassen. Hierzu gehört eine sofortige Teilnahme am dortigen sozialen Leben. Außerdem sollte man sich dem Tageslicht (oder künstlichen Lichtquellen) aussetzen. Das ermöglicht eine schnellere, problemlosere Eingewöhnung.

Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten
Außerdem ist die Einnahme von Melatonin oder einem geeigneten Schlafmittel möglich. Bei Melatonin ist jedoch der Zeitpunkt der Einnahme wichtig und sehr kritisch. Zur falschen Zeit eingenommen, kann Melatonin zu einer verlangsamten Anpassung an die neue Ortszeit führen! Notwendig wäre bei Melatonin also eine Feststellung der individuellen Rhythmik.
Als Hinweis für die Anwendung bei Jetlag: Bei einem Westflug lohnt sich Melatonin erst, wenn Sie mehr als fünf Zeitzonen überspringen. Dann nehmen Sie am Zielort die Dosis (meist 5 mg) zur dortigen gewünschten Zubettgehzeit für vier Tage ein. Bei einem Ostflug nehmen Sie am Tage des Abflugs gegen 19 Uhr Ihre Dosis, am Zielort dann für vier Tage gegen 22 Uhr der neuen Ortszeit. Vor allem für den häufigen Gebrauch kann Melatonin aber derzeit noch nicht empfohlen werden, da Langzeitwirkungen und Nebenwirkungen noch nicht bekannt sind.
Eventuell ist es erforderlich, die kurzzeitig auftretenden Schlafstörungen mit Schlafmitteln (Hypnotika) zu behandeln. Diese sollten bestimmte Eigenschaften erfüllen. Hierzu gehört, dass sie einen möglichst physiologischen Schlaf einleiten (das heißt, der Schlaf sollte nach Möglichkeit unserer normalen Schlafarchitektur entsprechen) und dass beim Absetzen keine Reboundinsomnie auftritt. (Unter Reboundinsomnie versteht man das Phänomen, dass nach Absetzen eines Schlafmittels die Schlafstörungen erneut – und häufig in verstärkter Form – auftreten.)
Ebenso ist Gewöhnung oder physische Abhängigkeit unerwünscht. Durch die Wahl geeigneter Hypnotika können diese negativen Auswirkungen weitgehend vermieden werden.
Sehr wichtig ist eine möglichst kurze Halbwertszeit (darunter versteht man die Zeit, die es dauert, bis die Hälfte eines Wirkstoffs vom Körper ausgeschieden oder abgebaut ist): Das abends eingenommene Schlafmittel sollte am nächsten Tag keine Wirkung mehr zeigen. Hier sind die Nicht-Benzodiazepin-Hypnotika Zolpidem, Zopiclon oder Zaleplon eine gute Möglichkeit. Sie weisen einige Vorteile auf: geringere Wahrscheinlichkeit von Toleranzentwicklung oder Entzugsphänomenen und vor allem – wie bereits erwähnt – eine kurze Halbwertszeit. Dies trifft vor allem auf Zaleplon zu. Von daher ist dieses Medikament vor allem als Hilfe bei Einschlafstörungen, wie sie gerade bei Jetlag auftreten, sehr gut geeignet. Da die Symptome des Jetlags ohnehin von vorübergehender Natur sind und Medikamente nur für wenige Nächte erforderlich sind, ist mit einem Auftreten der Nebenwirkungen kaum zu rechnen.

Literatur:
Die kleine Schlafschule. Zulley J., Knab B., Herder, Freiburg. 2002
Unsere innere Uhr. Zulley J., Knab B., Herder, Freiburg. 2003
Wach und fit. Zulley J., Knab B., Herder, Freiburg. 2004