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Sexualität bei Narkolepsie
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Jahrgang 2006 Ausgewählte Artikel
Sexualität bei Narkolepsie
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von Dipl.-Psych. Renate Wehrle und Dr.
Pierre Beitinger
Max-Planck-Institut für Psychiatrie,
München
Sexualität allgemein
Sexualität stellt natürlich ein
sehr komplexes Thema dar, bei dem viele kulturelle, soziale,
psychologische und biologische Faktoren eine Rolle spielen. Das
Verstehen von sexuellen Funktionen beginnt jedoch nicht zuletzt
mit dem Verstehen, wie sexuelle Reaktionen ablaufen und auch wo
und wie Hirnregionen und Botenstoffe darin eingebunden sind. So
weiß man heute, dass Gene, die das Immunsystem bestimmen,
auch einen gewissen Einfluss auf unsere Partnerwahl haben. Dies
konnte nicht nur bei Tieren, sondern auch bei Menschen anhand
von Vorlieben für den Geruch von Partnern gezeigt werden,
den man sprichwörtlich „gut riechen“ kann. Der
Zustand der Verliebtheit teilt einiges mit der Wirkung von
Drogen: Botenstoffe wie Dopamin oder Phenylethylamin
stimulieren das Belohnungszentrum im Gehirn. Sie wirken
ähnlich dem Amphetamin Ecstasy und erzeugen ein
Hochgefühl – oder bei Liebeskummer regelrecht
entzugsähnliche Symptome.
Wissenschaftlich hatte sich zuerst der
Biologe Alfred Kinsey in den 50er Jahren durch umfangreiche
Interviews dem Themenkreis der menschlichen Sexualität
genähert. Seine Ergebnisse, die großteils heute noch
Gültigkeit besitzen, zeigen die Häufigkeit
verschiedener sexueller Verhaltensweisen auf. Er sammelte dabei
auch wesentliche Erkenntnisse zu homosexuellem Verhalten, der
Masturbation und dem Orgasmus, was damals noch ein absolutes
Tabuthema war.
„Sexualität ist der einzige
weiße Fleck auf der Landkarte der Wissenschaft“,
nach diesem Motto begannen die Wissenschaftler William H.
Masters und Virginia E. Johnson in den 60er Jahren die
körperliche Seite der sexuellen Reaktion zu untersuchen.
Auf ihren Studien basiert bis heute die Einteilung der vier
Phasen im Ablauf einer sexuellen Reaktion:
Erregungsphase, Plateauphase,
Orgasmus, Rückbildungsphase.
Diese können in unterschiedlichen
Längen, mit mehreren, verfrühten oder ausbleibenden
Orgasmen auftreten. So dauert es im statistischen Mittel
länger, bis bei Frauen ein Orgasmus erreicht wird als bei
Männern, die so genannte „Orgasmuslücke“.
Masters und Johnsons Verdienst war es auch, die Häufigkeit
sexueller Probleme zu einem öffentlichen Thema zu machen
und Behandlungsmethoden zu etablieren.
Sexuelle Funktionsstörungen
Im weitesten Sinne umfassen sexuelle
Funktionsstörungen eine Beeinträchtigung des
sexuellen Erlebens und Verhaltens in Form von ausbleibenden,
reduzierten oder unerwünschten Reaktionen. Darunter
zählen neben frühzeitigen Orgasmen und Schmerzen beim
Geschlechtsverkehr auch Störungen der sexuellen Appetenz
(d. h. der „Lust auf die Lust“) und mangelnde
Befriedigung. Obwohl sexuelle Funktionsstörungen eines der
häufigsten Störungsbilder darstellen (einer aktuellen
Studie zufolge schilderten 43% der Frauen und 35% der
Männer mindestens eine sexuelle Störungsform im
vergangenen Jahr), so ist der Kenntnisstand darüber nach
wie vor eher mangelhaft. Methodische Probleme wie
Künstlichkeit von Laboruntersuchungen oder hohe
Subjektivität und Verweigerungsrate bei Befragungen
erschweren solide empirische Untersuchungen.
Besser dokumentiert noch ist die Situation
bei Männern (was nicht zuletzt auch auf Interesse der
Pharmaindustrie zurückgeht). Zu den männlichen
Funktionsstörungen zählen vor allem
Erektionsstörungen (ca. 19% der
30- bis 80-Jährigen, davon ca. 8%
behandlungsbedürftig, nimmt mit Alter zu)
Orgasmusstörungen (35–40%
vorzeitig, 1–10% Orgasmushemmung, nicht
altersabhängig)
Appetenzstörungen
(12–15%).
Bei den weiblichen Funktionsstörungen
werden häufig genannt:
Appentenzstörungen
(30–40%, umfasst Mangel/Verlust an sexuellem Verlangen
und auch sexuelle Aversion)
Erregungsstörungen
(4–77%, altersabhängig)
Orgasmusstörungen (5–25%)
Vaginismus und Schmerzen beim
Geschlechtsverkehr (Dispareunie, 10–15%).
Die teils stark schwankenden Zahlen stammen
aus unterschiedlichen Studien, die mit unterschiedlichen
Messmethoden erhoben wurden – verdeutlichen aber dadurch
auch die noch bestehenden Unsicherheiten auf dem Gebiet.
Noch zu nennen ist,
dass es bei diesen Problembereichen
immer auch graduelle Abstufungen gibt
dass für beide Geschlechter zu
gelten scheint, dass Appetenzstörungen, d. h. mangelnde
Lust auf die Lust, zunehmend häufiger genannt werden. Sie
können sich als Erektionsstörungen tarnen bzw. werden
durch Einsatz von Pharmaka „demaskiert“
dass ein Ausbleiben des Orgasmus
beim Koitus noch keine Orgasmusstörung darstellt
dass eine deutliche Diskrepanz
zwischen Behandlungsbedarf und Inanspruchnahme besteht –
aufgrund Hemmung seitens des Patienten, aufgrund
Unterschätzung und mangelnder Kenntnis seitens der
Behandelnden: das „84%-Problem“.
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Sexualität bei Narkolepsie
Gibt es sexuelle Problembereiche, die bei
Narkolepsie gehäuft oder speziell auftreten?
Bislang gibt es dazu kaum Untersuchungen
und Veröffentlichungen. Karacan (1992) nennt, mit –
männlichen – Fallbeispielen unterlegt:
Libidoverlust aufgrund von
Müdigkeit
Kataplexie bei Erregung
arzneimittelinduzierte sexuelle
Dysfunktion (v. a. durch Antidepressiva)
Nebenwirkung aufgrund von Diabetes
mellitus (bei Narkolepsie gehäuft)
Ein Fallbeispiel:
Neben den durch starke emotionale Erregung
auch im sexuellen Bereich auslösbaren Kataplexien ist das
„alltägliche“ sexuelle Erleben vor allem durch
die erhöhte Tagesschläfrigkeit in Mitleidenschaft
gezogen. Karacan schildert dazu Herrn H. (73 Jahre), der
berentet ist und seit vielen Jahren unter erhöhter
Tagesmüdigkeit leidet. Diese Schläfrigkeit, die in
ähnlichen Formen auch bei Patienten mit Schlafapnoe oder
Hypersomnie auftreten kann, geht mit einer reduzierten
Aktivierbarkeit des autonomen Nervensystems einher. Somit wird
sowohl die Libido als auch die körperliche Erregbarkeit
reduziert, und im weiteren Kontext natürlich bereits das
Interesse an sozialen Kontakten per se herabgesetzt.
Auch wenn umfassende Studien fehlen, das
große Interesse an einem Workshop auf der Herbsttagung
der DNG spiegelte die Wichtigkeit des Themas wider. Den
Teilnehmern sei an dieser Stelle für die offene und rege
Beteiligung gedankt! Mitunter fiel in den Diskussionen die
Abgrenzung zu allgemein verbreiteten Störungen im Bereich
der Sexualität etwas schwer, aber einige Beschwerden
wurden sehr offensichtlich von mehreren Teilnehmern geteilt.
Sehr aufgeschlossen sind viele der Bitte nach freier
Meinungsäußerung (schriftlich auf Karten) zur
Sexualität bei Narkolepsie nachgekommen. Im Folgenden
sollen die Anzahl der Nennungen zu verschiedenen
Problembereichen, soweit eindeutig zuzuordnen, kurz dargestellt
werden (Mehrfachzählungen; die Symbole repräsentieren
das Geschlecht des jeweiligen Verfassers; es hatten mehr Frauen
Stellung genommen).
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Unlust und mangelnde
Erregungsfähigkeit stellen sowohl aus Sicht der
Betroffenen als auch der Partner die stärkste
Beeinträchtigung dar („Müdigkeit wird immer als
Missachtung oder Desinteresse interpretiert“). Vereinzelt
wurde das Vermeiden von näheren Kontakten aufgrund von
Beziehungsängsten sogar als noch gravierender erlebt. Der
eine oder andere Teilnehmer schilderte nur mäßige
Beeinträchtigungen, jedoch kann es auch bis zum
vollständigen Erliegen der Sexualität in einer
Partnerschaft aufgrund der Narkolepsie, im schlimmsten Fall zur
Trennung kommen. „Nimm’s nicht persönlich
– kann sein, dass ich einschlafe“ ist nicht
für jeden Partner eine erträgliche Situation.
Ein abgesprochener und gut geplanter
Zeitpunkt („am besten morgens – am besten
abends“), oder aber auch absolute Spontaneität kann
ein Gelingen des Kontaktes fördern, auch bei Patienten,
die schwer betroffen sind. Eine Kommunikation über die
erlebten Symptome und die individuellen Vorstellungen beider
Seiten steht jedoch an erster Stelle. Mitunter mag ein
humorvoller Zugang zu dem Thema („Du hast eine umwerfende
Wirkung“) etwas Verkrampftheit aus der Situation nehmen
…
Neben den Antidepressiva können auch
einige Stimulanzien die sexuelle Erregbarkeit (sowohl die
Libido als auch die körperliche Fähigkeit) deutlich
reduzieren, bei Frauen wie bei Männern. Auch dies ein
Punkt, bei dem (neben einem Gespräch mit dem behandelnden
Arzt) eine genauere „Planung“ in Bezug auf Einnahme
der Medikamente ein erfüllteres Sexualleben
ermöglichen kann. Hinzu kommt noch das Thema der
zuverlässigen Verhütung, da einige Medikamente den
Abbau und die Wirkung anderer Medikamente beeinträchtigen
können. Durch die Einnahme von Modafinil kann so die
Wirkung oraler Verhütungsmittel (Anti-Baby-Pille)
beeinträchtigt werden. Sowohl der behandelnde
Schlafmediziner als auch der Gynäkologe sollten dazu zu
Rate gezogen werden.
Referenzen
Issidorides Diana: Atlas der Liebe. mvg
Verlag 2003
Baier KM, Hartmann U, Bosinski HAG:
Bedarfsanalyse zur sexualmedizinischen Versorgung. Sexuologie
7, 2000
Karacan I et al.: Sexual Dysfunction in Men
with Narcolepsy. Loss, Grief & Care 5, 1992
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