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Schlafmittel – ja oder nein?
Ausgewählte Artikel
Heft 3/2007


Schlafmittel – Ja oder Nein

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Kolumne
von Prof. Dr. Dr. Jürgen Zulley

Um es gleich vorwegzusagen: Ich bin kein Freund der medikamentösen Behandlung. Aber sie zu verteufeln, wäre falsch. Unter fachgerechter Anleitung haben Medikamente durchaus ihren Platz in der Behandlung von Schlafstörungen. Bei Ein- und Durchschlafstörungen gilt es, den Teufelskreis der Schlafstörung zu durchbrechen. Hierzu können anfangs Schlafmittel eingesetzt werden, für einen langfristigen Erfolg sind aber nicht-medikamentöse Maßnahmen erforderlich. Eine grundsätzlich vorsichtige und befristete Verschreibung und Einnahme von Schlafmitteln sollte immer berücksichtigen, dass jede medikamentöse Behandlung von nicht-medikamentösen Verfahren begleitet werden soll.
Auch sollte eine medikamentöse Behandlung nicht dazu verführen, in eine passiv abwartende Haltung zu verfallen. Schließlich ist die Selbsthilfe der wichtigste Pfeiler in der Behandlung von Schlafstörungen. Der Betroffene soll sein Problem selbst aktiv angehen.
Aber es gibt Grenzen der Selbsthilfe. Oft genug habe ich erlebt, dass vor allem zu Beginn einer Behandlung eine zeitlich befristete Medikamentengabe hilfreich sein kann. In anderen Fällen kann es auch erforderlich sein, über längere Zeit Medikamente einzunehmen, die den Schlaf verbessern. Wenn zu erwarten ist, dass aufgrund bestimmter Umstände (z.B. Reisen) kurzfristig mit Schlafstörungen zu rechnen ist, die störend wären, kann zu einem frei verkäuflichen Schlafmittel gegriffen werden. Aber letztendlich ist die medikamentöse Behandlung immer eine Gratwanderung, ein Kompromiss zwischen Wirkungen und Nebenwirkungen. Von daher steht außer Frage: Die bessere Behandlung einer Schlafstörung ist die ohne Schlafmittel.
Vor einer Behandlung mit Schlafmitteln ist es am wichtigsten, sich über diese Medikamente zu informieren. Was gibt es, wie wirken sie, welche Nebenwirkungen haben sie, bei welchen Schlafstörungen kommen sie in Frage? Auch als Patient sollte man informiert sein, denn oftmals werden diese Medikamente von Ärzten leider nicht nach dem derzeitigen Stand des medizinischen Wissens verschrieben.
Das Wichtigste zuerst: Schlafmittel verdienen ihren Namen eigentlich nicht, da sie den Schlaf verschlechtern – zumindest im Vergleich zu einem normalen Schlaf. Das bedeutet: Nach Schlafmitteleinnahme haben Sie einen mehr oder weniger gestörten Schlaf; aber meistens ist er besser als ohne Schlafmittel, denn Sie haben ihn ja wegen einer deutlichen Schlafstörung eingenommen. Eigentlich müssten Schlafmittel Einschlafmittel oder Wiedereinschlafmittel heißen, denn sie ermöglichen das Einschlafen oder – je nach Wirkdauer – das Wiedereinschlafen bei nächtlichem Erwachen. Danach aber stören diese Schlafmittel den natürlichen Schlaf, denn sie unterdrücken je nach Medikament den Tiefschlaf, den REM-Schlaf oder beides. Aber immerhin: Der empfindlichste Prozess beim Schlafen, das Einschlafen, wird ermöglicht. Die Wirkung wird meistens über eine Entspannung (Sedierung) erzielt. Sie werden künstlich entspannt – und können einschlafen.
Die meisten Schlafmittel werden an den Kriterien Einschlafdauer und Schlafdauer getestet. Dabei sind diese Kriterien für die Erholsamkeit des Schlafes nicht einmal von so großer Bedeutung. Entscheidender wäre es, die Auswirkungen am nächsten Tag zu messen: Sind wir dann ausgeschlafen oder nicht?

Was soll ein ideales Schlafmittel tun?
Es sollte den Schlaf verbessern, den Tag nicht verschlechtern, rasch wirken, keine Nebenwirkung haben und nicht in der Wirkung nachlassen. Dieses ideale Schlafmittel gibt es nicht. Daher muss eine Auswahl getroffen werden, welches Schlafmittel im Einzelfall und in welcher Dosierung für wie lange eingenommen werden soll. Vor allem, wenn wir an die möglichen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten denken, wird uns klar, dass dies nicht so einfach ist. Nicht jedes Medikament wirkt bei jedem Menschen gleich. Deshalb sagt es für uns wenig, wenn ein Schlafmittel bei jemand anderem wirkt. Das muss bei uns nicht so sein.  
Welche Schlafmittel gibt es? Zunächst einmal kann man zwischen natürlichen und „künstlichen“ oder synthetischen Arzneimitteln trennen. Glauben Sie nicht, die „natürlichen“ seien harmlos. Auch diese zeigen Wirkung. Aber meist wirken sie nicht so stark wie die künstlichen. Außerdem gibt es Mittel, die eigentlich bei anderen psychiatrischen Erkrankungen gegeben werden und auch den Schlaf beeinflussen. Mit Ausnahme von Antidepressiva sollen diese hier nicht aufgeführt werden, da sie primär keine Schlafmittel sind. Eine grobe Unterscheidung der Schlafmittel bei Ein- und Durchschlafstörungen ist die zwischen:
• pflanzlichen Schlafmitteln (Phytotherapeutika)
• Antihistaminika
(Antiallergika)
• sedierenden Antidepressiva
• Nichtbenzodiazepinen
• Benzodiazepinen.
Ihr behandelnder Arzt sollte dringend die so genannte „5-K-Regel“ berücksichtigen. Notfalls weisen Sie ihn darauf hin:
• Klare Indikationsstellung: Für genau welche Symptome oder Erkrankung?
• Kontraindikation beachten: Bei welchen Erkrankungen sollte dieses Medikament nicht genommen werden?
• Kleinste wirksame Dosis: wegen der Nebenwirkungen
• Kurze Anwendungsdauer: wegen der Nebenwirkungen
• Kein abruptes Absetzen: Denn dann können verstärkt Entzugsprobleme auftreten.

• Grundsätzlich aber gilt: Keine medikamentöse Behandlung der Schlafstörung ohne begleitende nicht-medikamentöse Verfahren wie Schlafhygiene oder Verhaltenstherapie! Sonst ist der Erfolg nur von kurzer Dauer. Und schließlich wollen wir ja eine lang wirkende Verbesserung des Schlafes erreichen.