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Schlafmittel – ja oder nein?
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Kolumne
von Prof. Dr. Dr. Jürgen Zulley
Um es gleich vorwegzusagen: Ich bin kein
Freund der medikamentösen Behandlung. Aber sie zu
verteufeln, wäre falsch. Unter fachgerechter Anleitung
haben Medikamente durchaus ihren Platz in der Behandlung von
Schlafstörungen. Bei Ein- und Durchschlafstörungen
gilt es, den Teufelskreis der Schlafstörung zu
durchbrechen. Hierzu können anfangs Schlafmittel
eingesetzt werden, für einen langfristigen Erfolg sind
aber nicht-medikamentöse Maßnahmen erforderlich.
Eine grundsätzlich vorsichtige und befristete
Verschreibung und Einnahme von Schlafmitteln sollte immer
berücksichtigen, dass jede medikamentöse Behandlung
von nicht-medikamentösen Verfahren begleitet werden soll.
Auch sollte eine medikamentöse
Behandlung nicht dazu verführen, in eine passiv abwartende
Haltung zu verfallen. Schließlich ist die Selbsthilfe der
wichtigste Pfeiler in der Behandlung von Schlafstörungen.
Der Betroffene soll sein Problem selbst aktiv angehen.
Aber es gibt Grenzen der Selbsthilfe. Oft
genug habe ich erlebt, dass vor allem zu Beginn einer
Behandlung eine zeitlich befristete Medikamentengabe hilfreich
sein kann. In anderen Fällen kann es auch erforderlich
sein, über längere Zeit Medikamente einzunehmen, die
den Schlaf verbessern. Wenn zu erwarten ist, dass aufgrund
bestimmter Umstände (z.B. Reisen) kurzfristig mit
Schlafstörungen zu rechnen ist, die störend
wären, kann zu einem frei verkäuflichen Schlafmittel
gegriffen werden. Aber letztendlich ist die medikamentöse
Behandlung immer eine Gratwanderung, ein Kompromiss zwischen
Wirkungen und Nebenwirkungen. Von daher steht außer Frage:
Die bessere Behandlung einer Schlafstörung ist die ohne
Schlafmittel.
Vor einer Behandlung mit Schlafmitteln ist
es am wichtigsten, sich über diese Medikamente zu
informieren. Was gibt es, wie wirken sie, welche Nebenwirkungen
haben sie, bei welchen Schlafstörungen kommen sie in
Frage? Auch als Patient sollte man informiert sein, denn
oftmals werden diese Medikamente von Ärzten leider nicht
nach dem derzeitigen Stand des medizinischen Wissens
verschrieben.
Das Wichtigste zuerst: Schlafmittel
verdienen ihren Namen eigentlich nicht, da sie den Schlaf
verschlechtern – zumindest im Vergleich zu einem normalen
Schlaf. Das bedeutet: Nach Schlafmitteleinnahme haben Sie einen
mehr oder weniger gestörten Schlaf; aber meistens ist er
besser als ohne Schlafmittel, denn Sie haben ihn ja wegen einer
deutlichen Schlafstörung eingenommen. Eigentlich
müssten Schlafmittel Einschlafmittel oder
Wiedereinschlafmittel heißen, denn sie ermöglichen
das Einschlafen oder – je nach Wirkdauer – das
Wiedereinschlafen bei nächtlichem Erwachen. Danach aber
stören diese Schlafmittel den natürlichen Schlaf,
denn sie unterdrücken je nach Medikament den Tiefschlaf,
den REM-Schlaf oder beides. Aber immerhin: Der empfindlichste
Prozess beim Schlafen, das Einschlafen, wird ermöglicht.
Die Wirkung wird meistens über eine Entspannung
(Sedierung) erzielt. Sie werden künstlich entspannt
– und können einschlafen.
Die meisten Schlafmittel werden an den
Kriterien Einschlafdauer und Schlafdauer getestet. Dabei sind
diese Kriterien für die Erholsamkeit des Schlafes nicht
einmal von so großer Bedeutung. Entscheidender wäre
es, die Auswirkungen am nächsten Tag zu messen: Sind wir
dann ausgeschlafen oder nicht?
Was soll ein ideales Schlafmittel tun?
Es sollte den Schlaf verbessern, den Tag
nicht verschlechtern, rasch wirken, keine Nebenwirkung haben
und nicht in der Wirkung nachlassen. Dieses ideale Schlafmittel
gibt es nicht. Daher muss eine Auswahl getroffen werden,
welches Schlafmittel im Einzelfall und in welcher Dosierung
für wie lange eingenommen werden soll. Vor allem, wenn wir
an die möglichen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit
anderen Medikamenten denken, wird uns klar, dass dies nicht so
einfach ist. Nicht jedes Medikament wirkt bei jedem Menschen
gleich. Deshalb sagt es für uns wenig, wenn ein
Schlafmittel bei jemand anderem wirkt. Das muss bei uns nicht
so sein.
Welche Schlafmittel gibt es? Zunächst
einmal kann man zwischen natürlichen und
„künstlichen“ oder synthetischen Arzneimitteln
trennen. Glauben Sie nicht, die „natürlichen“
seien harmlos. Auch diese zeigen Wirkung. Aber meist wirken sie
nicht so stark wie die künstlichen. Außerdem gibt es
Mittel, die eigentlich bei anderen psychiatrischen Erkrankungen
gegeben werden und auch den Schlaf beeinflussen. Mit Ausnahme
von Antidepressiva sollen diese hier nicht aufgeführt
werden, da sie primär keine Schlafmittel sind. Eine grobe
Unterscheidung der Schlafmittel bei Ein- und
Durchschlafstörungen ist die zwischen:
pflanzlichen Schlafmitteln
(Phytotherapeutika)
Antihistaminika
(Antiallergika)
sedierenden Antidepressiva
Nichtbenzodiazepinen
Benzodiazepinen.
Ihr behandelnder Arzt sollte dringend die
so genannte „5-K-Regel“ berücksichtigen. Notfalls weisen Sie
ihn darauf hin:
Klare
Indikationsstellung: Für genau welche Symptome oder
Erkrankung?
Kontraindikation
beachten: Bei welchen Erkrankungen sollte dieses Medikament
nicht genommen werden?
Kleinste
wirksame Dosis: wegen der Nebenwirkungen
Kurze
Anwendungsdauer: wegen der Nebenwirkungen
Kein
abruptes Absetzen: Denn dann können verstärkt
Entzugsprobleme auftreten.
Grundsätzlich aber gilt: Keine medikamentöse Behandlung der
Schlafstörung ohne begleitende nicht-medikamentöse
Verfahren wie Schlafhygiene oder Verhaltenstherapie! Sonst ist
der Erfolg nur von kurzer Dauer. Und schließlich wollen
wir ja eine lang wirkende Verbesserung des Schlafes erreichen.
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