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Das träumende Gehirn:
Neueste Erkenntnisse der Traumforschung |
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Jahrgang 2004 Ausgewählte Artikel
Das träumende Gehirn:Neueste
Erkenntnisse der Traumforschung
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von Anne Greveling
Unter dem Motto »Das träumende
Gehirn« wurden auf der diesjährigen Jahrestagung der
DGSM aktuelle Erkenntnisse aus der Traumforschung
präsentiert. Dabei ging es unter anderem um Unterschiede
in den Träumen von Männern und Frauen,
Kinderträume und die Therapie von Alpträumen.
Die Traumforschung hat von den modernen
Möglichkeiten der polysomnografischen Messung des Schlafs
sehr profitiert. Trotzdem gibt es immer noch viele unerforschte
»schwarze Flecken« auf der geheimnisvollen
Landkarte unserer Traumwelt.
Schon die exakte Erfassung von
Trauminhalten ist problematisch. Es gibt vier verschiedene
Methoden: Entweder der Proband erzählt dem Therapeuten
seinen Traum mit eigenen Worten, oder er füllt einen
Fragebogen aus, oder er führt ein Traumtagebuch, in dem er
jeden Traum gleich nach dem Aufwachen niederschreibt. Ein
aufwendigeres Verfahren, das in Studien ebenfalls häufig
eingesetzt wird, sind Laborweckungen, wobei die Testperson im
Schlaflabor aus dem Schlaf geweckt und nach Träumen
gefragt wird.
Bei den ersten drei Methoden (Interview,
Fragebogen, Traumtagebuch) ergibt sich die Schwierigkeit, dass
der Beurteiler nicht immer alle Elemente eines ihm berichteten
Traums richtig einschätzen kann: Studien haben gezeigt,
dass beispielsweise die mit einem Traum verbundenen
Gefühle vom außen stehenden Beurteiler immer zu
gering eingeschätzt werden. Doch auch die Methode der
Laborweckungen hat ihre Tücken: Viele solcher Träume
weisen nämlich Bezüge auf die Schlaflaborumgebung
auf; das heißt, die Trauminhalte sind offensichtlich
durch die Versuchssituation beeinflusst.
Frauen träumen anders als Männer
Ein interessantes Forschungsgebiet sind die
Geschlechtsunterschiede bei den Trauminhalten.
Erstaunlicherweise entsprechen diese Unterschiede ziemlich
genau den gängigen Klischeevorstellungen von den beiden
Geschlechtern: So träumen Frauen beispielsweise
häufiger von Kleidung, in Männerträumen spielen
dagegen Sexualität und physische Aggression eine
wichtigere Rolle. Interessanterweise sind diese Trauminhalte
relativ stabil, das heißt, sie haben sich seit den
Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts nicht
sehr verändert – trotz der Fortschritte in der
Emanzipation der Frau.
Die häufigste bedrohliche Traumfigur
ist der Mann. Menschliche Angreifer waren in einer Traumstudie
mit Jugendlichen im Alter von 10–16 Jahren meistens
Männer. Das galt für die Träume von Jungen
ebenso wie für Mädchenträume, und es entspricht
der statistischen Realität: Gewalttaten werden viel
häufiger von Männern begangen als von Frauen.
Studien mit Patienten, die an Insomnien
(Ein- oder Durchschlafstörungen) leiden, zeigen, dass
deren Träume negativer gefärbt sind als diejenigen
gesunder Personen: Sie zeichnen sich durch mehr problematische
Inhalte, weniger positive Emotionen, mehr Aggressionen aus.
Wahrscheinlich liegt das daran, dass sich bei diesen Menschen
die psychischen Belastungen, die das Auftreten einer
Schlafstörung begünstigen, auch im Traum
widerspiegeln.
Wie wirkt sich unser Wachleben auf unsere
Träume aus? Darüber gibt es verschiedene Hypothesen.
Heute sprechen die meisten Befunde der Schlafforschung für
die Kontinuitätshypothese, die besagt, dass wir im
Allgemeinen von dem träumen, was uns tagsüber
beschäftigt. Zwar gibt es auch eine
Komplementärhypothese, die davon ausgeht, dass wir
vorwiegend von Dingen träumen, mit denen wir uns zwar
beschäftigen sollten, es aber nicht tun. Solche
Träume können selbstverständlich auch hin und
wieder vorkommen; doch Träume, die die tatsächliche
Realität unseres Wachlebens widerspiegeln, sind offenbar
wesentlich häufiger.
Wie Träume unser Wachleben
beeinflussen
Ein spannendes neues Forschungsgebiet sind
die Auswirkungen von Trauminhalten auf das Wachleben. Wohl das
bekannteste Beispiel hierfür ist der deutsche Chemiker
August Kekulé, der im Traum eine Schlange sah, die sich
in den Schwanz biss, und dadurch auf die ringartige Struktur
des Benzols kam.
Aber es gibt auch noch viele andere
ähnliche Fälle: Künstler lassen sich sehr
häufig durch Träume zu ihren Werken inspirieren, wie
beispielsweise der Maler Marc Chagall in seinem Gemälde
»Der Traum«. Der Komponist Giuseppe Tartini
träumte eines Nachts von einem sehr musikalischen Teufel,
setzte sich nach dem Aufwachen sofort an seine Geige und
versuchte die im Traum gehörte Melodie nachzuspielen
– so entstand die Teufelstrillersonate.
Der Schlafforscher William C. Dement, ein
starker Raucher, hatte einen sehr lebhaften Traum, in dem ihm
eröffnet wurde, dass er an Lungenkrebs im
fortgeschrittenen Stadium litt. Er sah im Traum sogar seine
Röntgenbilder und dachte mit Bedauern daran, dass er nun
bald sterben und seine Kinder nicht mehr aufwachsen sehen
würde. Umso erleichterter war er, als er erwachte und ihm
bewusst wurde, dass das alles nur ein böser Traum gewesen
war – allerdings ein Traum mit positiven Konsequenzen:
Denn Dement war davon so beeindruckt, dass er von einem Tag zum
anderen das Rauchen aufgab.
Wovon Kinder träumen
Auch Kinderträume bestätigen die
Kontinuitätshypothese: Kinder erleben in ihren
Träumen in erster Linie eine realistische Darstellung
ihrer Lebenssituation, wie sie ihrem jeweiligen
Entwicklungsstadium entspricht.
So kommen Aggressionen in Träumen von
Kindern beispielsweise nicht sehr häufig vor (im
Widerspruch zu einer früheren Hypothese, dass
Kinderträume sehr angstbesetzt seien). Außerdem
handelt es sich dabei meist eher um verbale als physische
Aggressionen. Kinder träumen z. B. häufig davon, von
Erwachsenen kritisiert, zurechtgewiesen oder erzogen zu werden
– was ja auch ihrer Alltagsrealität entspricht. In
ihren Wachfantasien dagegen sind die Kinder häufig
diejenigen, die Kritik austeilen und sich energisch durchsetzen
– ein weiterer Beweis dafür, dass in Träumen
eher die Realität und in unseren
»Tagträumen« wohl eher eine Art
Wunschvorstellung zum Ausdruck kommt.
Sexuelle Träume kamen bei den Kindern
im Alter von 10–14 Jahren in dieser Studie
interessanterweise so gut wie gar nicht vor: Nur zwei von
insgesamt 550 im Schlaflabor erhobenen Träumen waren
erotisch-sexueller Natur. Jungen und Mädchen zeigten
selbst im Alter von 14 Jahren weder im Traum noch in ihren
Wachfantasien ein stärkeres Interesse für das andere
Geschlecht. Allerdings kann es sein, dass hier die
Versuchssituation eine gewisse Zensur bewirkt hat, d. h., dass
die Kinder dem Versuchsleiter diese Träume entweder nicht
erzählten oder dass ihr Unterbewusstsein von vornherein
gar keine solchen Träume zuließ. (Auch Erwachsene
berichten bei Schlaflaborstudien so gut wie niemals sexuelle
Träume.)
Traum und Trauma
Es gibt mittlerweile auch einige Studien,
die den Zusammenhang zwischen traumatischen Erlebnissen und
Träumen untersuchen. Dabei hat sich gezeigt, dass
Menschen, die auf ein traumatisches Ereignis mit
Alpträumen reagieren, ein höheres Risiko haben,
später eine posttraumatische Belastungsstörung zu
entwickeln.
Die posttraumatische Belastungsstörung
ist eine schwere psychische Erkrankung als Folge
äußerst bedrohlicher Ereignisse, die mit Todesangst
und Gefühlen der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins
einhergehen; besonders häufig kommt sie bei
Kriegsveteranen vor, aber auch bei Opfern von schweren
Unfällen oder Gewaltverbrechen. Die Störung
äußert sich v. a. darin, dass der Patient das
traumatische Ereignis in Gedanken und in seiner Fantasie
– oder eben auch in seinen Träumen –
ständig wiedererlebt; Depressionen und Angststörungen
können hinzukommen.
Posttraumatische Alpträume können
also ein Alarmsignal sein, das darauf hindeutet, dass der
Betroffene psychotherapeutischer Hilfe bedarf. Alpträume
sind bei Personen, die ein traumatisches Erlebnis durchlitten
haben, etwa 10-mal häufiger als bei anderen Erwachsenen
(bei denen die Alptraumhäufigkeit bei etwa 5% liegt). Bei
der Therapie solcher Alpträume hat sich das »imagery
rehearsal treatment« bewährt, ein
psychotherapeutisches Verfahren, das meist in ein bis drei
Sitzungen durchgeführt wird und in dessen Rahmen der
Patient seinen Alptraum zunächst aufschreibt, dann eine
veränderte (positive) Version des Traums niederschreibt
und sich diese dann mindestens 5–20 Minuten täglich
vorstellt.
In ähnlicher Weise lassen sich
übrigens auch Alpträume bei Kindern sehr gut
therapieren (wobei man die Kinder in der Regel zunächst
ihren bösen Traum und dann das neu entwickelte
»Happy End« des Traums malen lässt). Dieses
Verfahren hat sich bewährt: Studien zeigen allesamt eine
starke Reduktion der Alptraumhäufigkeit und der Belastung
durch die Alpträume. Bei Patienten mit einer
posttraumatischen Belastungsstörung gehen durch diese
Behandlung interessanterweise nicht nur die Alpträume,
sondern auch andere posttraumatische Stresssymptome
zurück; und es scheint sogar möglich zu sein, die
Therapie auch ohne persönlichen Kontakt
durchzuführen, indem dem Patienten eine
Behandlungsanleitung per Post zugeschickt wird.
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