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Das träumende Gehirn:
Neueste Erkenntnisse der Traumforschung
von Anne Greveling

Unter dem Motto »Das träumende Gehirn« wurden auf der diesjährigen Jahrestagung der DGSM aktuelle Erkenntnisse aus der Traumforschung präsentiert. Dabei ging es unter anderem um Unterschiede in den Träumen von Männern und Frauen, Kinderträume und die Therapie von Alpträumen.

Die Traumforschung hat von den modernen Möglichkeiten der polysomnografischen Messung des Schlafs sehr profitiert. Trotzdem gibt es immer noch viele unerforschte »schwarze Flecken« auf der geheimnisvollen Landkarte unserer Traumwelt.
Schon die exakte Erfassung von Trauminhalten ist problematisch. Es gibt vier verschiedene Methoden: Entweder der Proband erzählt dem Therapeuten seinen Traum mit eigenen Worten, oder er füllt einen Fragebogen aus, oder er führt ein Traumtagebuch, in dem er jeden Traum gleich nach dem Aufwachen niederschreibt. Ein aufwendigeres Verfahren, das in Studien ebenfalls häufig eingesetzt wird, sind Laborweckungen, wobei die Testperson im Schlaflabor aus dem Schlaf geweckt und nach Träumen gefragt wird.
Bei den ersten drei Methoden (Interview, Fragebogen, Traumtagebuch) ergibt sich die Schwierigkeit, dass der Beurteiler nicht immer alle Elemente eines ihm berichteten Traums richtig einschätzen kann: Studien haben gezeigt, dass beispielsweise die mit einem Traum verbundenen Gefühle vom außen stehenden Beurteiler immer zu gering eingeschätzt werden. Doch auch die Methode der Laborweckungen hat ihre Tücken: Viele solcher Träume weisen nämlich Bezüge auf die Schlaflaborumgebung auf; das heißt, die Trauminhalte sind offensichtlich durch die Versuchssituation beeinflusst.

Frauen träumen anders als Männer
Ein interessantes Forschungsgebiet sind die Geschlechtsunterschiede bei den Trauminhalten. Erstaunlicherweise entsprechen diese Unterschiede ziemlich genau den gängigen Klischeevorstellungen von den beiden Geschlechtern: So träumen Frauen beispielsweise häufiger von Kleidung, in Männerträumen spielen dagegen Sexualität und physische Aggression eine wichtigere Rolle. Interessanterweise sind diese Trauminhalte relativ stabil, das heißt, sie haben sich seit den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts nicht sehr verändert – trotz der Fortschritte in der Emanzipation der Frau.
Die häufigste bedrohliche Traumfigur ist der Mann. Menschliche Angreifer waren in einer Traumstudie mit Jugendlichen im Alter von 10–16 Jahren meistens Männer. Das galt für die Träume von Jungen ebenso wie für Mädchenträume, und es entspricht der statistischen Realität: Gewalttaten werden viel häufiger von Männern begangen als von Frauen.
Studien mit Patienten, die an Insomnien (Ein- oder Durchschlafstörungen) leiden, zeigen, dass deren Träume negativer gefärbt sind als diejenigen gesunder Personen: Sie zeichnen sich durch mehr problematische Inhalte, weniger positive Emotionen, mehr Aggressionen aus. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sich bei diesen Menschen die psychischen Belastungen, die das Auftreten einer Schlafstörung begünstigen, auch im Traum widerspiegeln.
Wie wirkt sich unser Wachleben auf unsere Träume aus? Darüber gibt es verschiedene Hypothesen. Heute sprechen die meisten Befunde der Schlafforschung für die Kontinuitätshypothese, die besagt, dass wir im Allgemeinen von dem träumen, was uns tagsüber beschäftigt. Zwar gibt es auch eine Komplementärhypothese, die davon ausgeht, dass wir vorwiegend von Dingen träumen, mit denen wir uns zwar beschäftigen sollten, es aber nicht tun. Solche Träume können selbstverständlich auch hin und wieder vorkommen; doch Träume, die die tatsächliche Realität unseres Wachlebens widerspiegeln, sind offenbar wesentlich häufiger.

Wie Träume unser Wachleben beeinflussen
Ein spannendes neues Forschungsgebiet sind die Auswirkungen von Trauminhalten auf das Wachleben. Wohl das bekannteste Beispiel hierfür ist der deutsche Chemiker August Kekulé, der im Traum eine Schlange sah, die sich in den Schwanz biss, und dadurch auf die ringartige Struktur des Benzols kam.
Aber es gibt auch noch viele andere ähnliche Fälle: Künstler lassen sich sehr häufig durch Träume zu ihren Werken inspirieren, wie beispielsweise der Maler Marc Chagall in seinem Gemälde »Der Traum«. Der Komponist Giuseppe Tartini träumte eines Nachts von einem sehr musikalischen Teufel, setzte sich nach dem Aufwachen sofort an seine Geige und versuchte die im Traum gehörte Melodie nachzuspielen – so entstand die Teufelstrillersonate.
Der Schlafforscher William C. Dement, ein starker Raucher, hatte einen sehr lebhaften Traum, in dem ihm eröffnet wurde, dass er an Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium litt. Er sah im Traum sogar seine Röntgenbilder und dachte mit Bedauern daran, dass er nun bald sterben und seine Kinder nicht mehr aufwachsen sehen würde. Umso erleichterter war er, als er erwachte und ihm bewusst wurde, dass das alles nur ein böser Traum gewesen war – allerdings ein Traum mit positiven Konsequenzen: Denn Dement war davon so beeindruckt, dass er von einem Tag zum anderen das Rauchen aufgab.

Wovon Kinder träumen
Auch Kinderträume bestätigen die Kontinuitätshypothese: Kinder erleben in ihren Träumen in erster Linie eine realistische Darstellung ihrer Lebenssituation, wie sie ihrem jeweiligen Entwicklungsstadium entspricht.
So kommen Aggressionen in Träumen von Kindern beispielsweise nicht sehr häufig vor (im Widerspruch zu einer früheren Hypothese, dass Kinderträume sehr angstbesetzt seien). Außerdem handelt es sich dabei meist eher um verbale als physische Aggressionen. Kinder träumen z. B. häufig davon, von Erwachsenen kritisiert, zurechtgewiesen oder erzogen zu werden – was ja auch ihrer Alltagsrealität entspricht. In ihren Wachfantasien dagegen sind die Kinder häufig diejenigen, die Kritik austeilen und sich energisch durchsetzen – ein weiterer Beweis dafür, dass in Träumen eher die Realität und in unseren »Tagträumen« wohl eher eine Art Wunschvorstellung zum Ausdruck kommt.
Sexuelle Träume kamen bei den Kindern im Alter von 10–14 Jahren in dieser Studie interessanterweise so gut wie gar nicht vor: Nur zwei von insgesamt 550 im Schlaflabor erhobenen Träumen waren erotisch-sexueller Natur. Jungen und Mädchen zeigten selbst im Alter von 14 Jahren weder im Traum noch in ihren Wachfantasien ein stärkeres Interesse für das andere Geschlecht. Allerdings kann es sein, dass hier die Versuchssituation eine gewisse Zensur bewirkt hat, d. h., dass die Kinder dem Versuchsleiter diese Träume entweder nicht erzählten oder dass ihr Unterbewusstsein von vornherein gar keine solchen Träume zuließ. (Auch Erwachsene berichten bei Schlaflaborstudien so gut wie niemals sexuelle Träume.)

Traum und Trauma
Es gibt mittlerweile auch einige Studien, die den Zusammenhang zwischen traumatischen Erlebnissen und Träumen untersuchen. Dabei hat sich gezeigt, dass Menschen, die auf ein traumatisches Ereignis mit Alpträumen reagieren, ein höheres Risiko haben, später eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln.
Die posttraumatische Belastungsstörung ist eine schwere psychische Erkrankung als Folge äußerst bedrohlicher Ereignisse, die mit Todesangst und Gefühlen der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins einhergehen; besonders häufig kommt sie bei Kriegsveteranen vor, aber auch bei Opfern von schweren Unfällen oder Gewaltverbrechen. Die Störung äußert sich v. a. darin, dass der Patient das traumatische Ereignis in Gedanken und in seiner Fantasie – oder eben auch in seinen Träumen – ständig wiedererlebt; Depressionen und Angststörungen können hinzukommen.
Posttraumatische Alpträume können also ein Alarmsignal sein, das darauf hindeutet, dass der Betroffene psychotherapeutischer Hilfe bedarf. Alpträume sind bei Personen, die ein traumatisches Erlebnis durchlitten haben, etwa 10-mal häufiger als bei anderen Erwachsenen (bei denen die Alptraumhäufigkeit bei etwa 5% liegt). Bei der Therapie solcher Alpträume hat sich das »imagery rehearsal treatment« bewährt, ein psychotherapeutisches Verfahren, das meist in ein bis drei Sitzungen durchgeführt wird und in dessen Rahmen der Patient seinen Alptraum zunächst aufschreibt, dann eine veränderte (positive) Version des Traums niederschreibt und sich diese dann mindestens 5–20 Minuten täglich vorstellt.
In ähnlicher Weise lassen sich übrigens auch Alpträume bei Kindern sehr gut therapieren (wobei man die Kinder in der Regel zunächst ihren bösen Traum und dann das neu entwickelte »Happy End« des Traums malen lässt). Dieses Verfahren hat sich bewährt: Studien zeigen allesamt eine starke Reduktion der Alptraumhäufigkeit und der Belastung durch die Alpträume. Bei Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung gehen durch diese Behandlung interessanterweise nicht nur die Alpträume, sondern auch andere posttraumatische Stresssymptome zurück; und es scheint sogar möglich zu sein, die Therapie auch ohne persönlichen Kontakt durchzuführen, indem dem Patienten eine Behandlungsanleitung per Post zugeschickt wird.