46076.jpg
schlafmag_klein.jpg
Der vernachlässigte Schlaf
von Werner Waldmann

Wir sind eine Gesellschaft auf Schlafentzug. Schlaf gilt unausgesprochen als überflüssig, nicht der Rede wert. Wer sich auch nur getraut, zuzugeben, dass er länger als acht Stunden schläft, wird als Aussteiger beargwöhnt. Überforderung gilt in unserer Gesellschaft als Norm.

Wir wollen auf Draht sein, unter Strom stehen, intensiv am Leben teilhaben. Schlafmütze nennen wir einen, der gerne schläft. Schlaf war offenbar, wenn es sich nicht gerade um den Beischlaf handelt, nie sehr beliebt. „Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen ergeben.“ Der römische Geschichtsschreiber Cornelius Tacitus (55–115 n. Chr.) äußerte sich schon damals ziemlich eindeutig und abfällig über den Schlaf, der halt – man kann es wenden, wie man will – Nichtstun bedeutet. „Mit den acht Stunden, die der Mensch oft schläft, liegt er nach Löwe und Faultier an der Spitze der Langzeit-Penner,“ stellte der Tierexperte Vitus B. Dröscher lapidar fest. Schlussfolgerungen daraus mag jeder für sich selbst ziehen.
„Ein Wolf im Schlaf fing nie ein Schaf“: Das könnten wir dem aufstrebenden Jungmanager in den Mund legen. Wer abends lieber ins Bett schlüpft, anstatt sich mit Kollegen und wichtigen Kunden dem obligaten Absacker bis ins Morgenrot hinein hinzugeben – no chance, wenigstens im Hinblick auf die steile Karriere. Wer etwas werden will, schafft, schuftet, arbeitet, klotzt –und macht mit seinem Bett nur stundenweise Bekanntschaft.
Außer der Arbeit brauchen wir natürlich Freizeit auf hohem Niveau: Entertainment, Entspannung, Sport. Die Sportlichen treibt es ins Fitnessstudio. Und das kurz vor dem Schlafengehen. Das macht so richtig munter. Freizeit ist anstregend, genau  wie der Job. Freizeit heißt auch, ins Konzert, Theater oder Kino pilgern, ins Restaurant gehen. Freizeit heißt, sich in Gesellschaft zu zeigen, präsent zu sein. Und irgendwie und irgendwann bleibt dann noch ein Eckchen für den Schlaf übrig.

Eine epochemachende Erfindung
Thomas Alva Edison erfand nicht nur die erste Filmkamera, den Plattenspieler und die elektrische Schreibmaschine, er erfand auch die Glühbirne und vertrieb damit den Menschen die Finsternis, die sie bis dato mühsam mit Kerzen, Öl- und Gaslaternen zu erhellen versucht. Mit Edisons Kohlenfadenlampe wurde die Nacht zum Tag. Edison hielt den Schlaf für eine schlechte Angewohnheit. „Alles, was die Arbeit hemmt, ist Verschwendung“, schrieb er. Und weiter: „Immer wieder hören wir Menschen davon sprechen, wie viel Schlaf sie ‘verloren’ haben, als wäre das ein großes Unglück. Sie sollten lieber von dem Unglück verlorener Zeit reden, verlorener Arbeitskraft, verlorener Möglichkeiten.“
Auf einer Reise durch die Schweiz beobachtete Edison die Auswirkung des elektrischen Lichts auf die Bevölkerung. Edison notierte: „Wo Strom aus Wasserkraft erzeugt wurde und die Nacht zum Tag durch elektrische Lampen gemacht wurde, waren die Leute normal intelligent. Wo die Schweiz rückständig war und die Leute mit den Hühnern zu Bett gingen, war die Intelligenz wesentlich bescheidener.“
Die Nacht wurde zum Tag. Glühlampen erleuchteten die Fließbänder und ermöglichten erst die Arbeit rund um die Uhr. Die Schichtarbeit war entdeckt. Arbeit ohne Ende, Endlosschleife der Arbeit und über allem grelles, gleißendes Licht. Wahrscheinlich hat Edisons Erfindung unsere Schlafgewohnheiten radikal verändert.
 
Wache Kampfpiloten
Das Militär muss fasziniert sein von der Idee, den Schlaf über lange zeitliche Strecken einschränken oder gar abschaffen zu können. Die bisher zur Verfügung stehenden Mittel wie Koffein genügen den hohen Ansprüchen des Militärs nicht. Amphetamin ist eine synthetische psychotrope Substanz, die indirekt als Sympathomimetikum das Zentralnervensystem anregt. Amphetamin wirkt deutlich stimulierend und euphorisierend und gilt als Droge. Auf dem Schwarzmarkt wird die Substanz unter den Namen Speed oder Pep angeboten. Amphetaminpräparate wie Dexedrin werden in der US-Air Force, liebevoll als go-pills bezeichnet, seit langem fast wie Kopfschmerzpillen an die Langstreckenpiloten verteilt, um sie vor Schläfrigkeit und Konzentrationsabfällen zu bewahren. Nach der Landung gibt es dann no-go-pills: Sedativa, die die Crews wieder aus ihrer Euphorie befreien. Das Leben wird pharmakologisch der Einsatzplanung angepasst. Wachsein und Schlaf lassen sich nach Bedarf an- oder ausknipsen. Wird man künstlich wach gehalten, macht sich offensichtlich auch oft eine euphorisch überzogene Begeisterung bemerkbar, und das kann unberechenbar werden: US-Piloten bombardierten in Afghanistan auch schon eigene Bodentruppen. Die gesteigerte Laune verminderte kritisches Feingefühl.
Überhaupt tut sich da eine ganz neue Perspektive auf, die bislang dem Science-Fiction-Terrain vorbehalten war: Perfekte Wachmacher schaffen den „metabolisch dominanten“ Soldaten, den Megakrieger, die optimale Kampfmaschine, die 24 Stunden und jeden Tag aufs Neue eine exzellente physische und psychische Belastungsfähigkeit bietet.
Die militärische Forschungsorganisation Darpa forscht intensiv an raffinierteren Drogen, die Soldaten sogar eine Woche oder länger wach halten sollen. Für einen Soldaten kann der leichteste Anflug von Müdigkeit den Tod bedeuten. Speed als Garant für ständig auf hohes Reaktionsniveau hochgepuschte Spezialeinheiten? Ganz so einfach funktioniert das leider noch nicht: Der Wechsel von Muntermachern und Sedativa, um das künstlich geschaffene Erregungspotential wieder auf Normalniveau herabzuregulieren, verursacht auch Nebenwirkungen, vielleicht bleibende neurologische Schäden wie Depressionen.

Kampf dem Schlaf
Pharmakologischer Schlafentzug mag in Extremsituationen wie einem Kampfeinsatz zum Schutz der Soldaten eine Berechtigung haben, doch bedarf dessen auch ein Normalbürger, der unter Zeitdruck steht, um seine Prüfung bangt oder um seine Karriere kämpft oder einfach nach einem frustrierenden Arbeitstag hellwach seinem abendlichen Spaß nachkommen will? Wir wollen keine Pillen, die uns drei Tage ohne Pause Excel-Tabellen und PowerPoint-Präsentationen schreiben lassen. Wir brauchen etwas, das uns einen normalen Arbeitstag über munter hält – eine Droge, mit der wir den 18-Stunden-Tag, den wir leben, so frisch bewältigen wie den 16-Stunden-Tag, den wir leben sollten.
Es gibt manche Gründe, warum wir immer weniger schlafen: die Verlängerung des Arbeitstags ins Privatleben, längere Arbeitswege, hellere Beleuchtung bei der Arbeit, Geschäfte, die rund um die Uhr geöffnet sind, Shoppingkanäle im Fernsehen … Wir haben uns mit dem ständigen Schlafdefizit irgendwie arrangiert, aber wir zahlen einen Preis dafür. Studien haben gezeigt, dass die Leistungsfähigkeit leidet, wenn man weniger als acht Stunden schläft. Menschen, die nur sieben, sechs oder gar fünf Stunden pro Nacht schlafen, fühlen sich vielleicht nicht müde, doch ihr Denken und ihre Geschicklichkeit leiden.

Schlafmangel hat Folgen
William C. Dement, der große amerikanische Schlafforscher, prägte den Begriff der Schlafschuld, des verpfändeten Geistes. Schlafmangel lässt den Menschen mehr oder weniger neben sich stehen. Seine Reizaufnahme- und Reaktionsfähigkeit ist nicht mehr kalkulierbar.
Konsequenter Schlafentzug, ein beliebtes Hilfsmittel der Geheimdienstexperten, ist extrem wirksam. Einen Mann tagelang nicht schlafen zu lassen, wozu die Experten subtile Methoden entwickelt haben wie rund um die Uhr taghell ausgeleuchtete Zellen, beim Einnicken einen Wasserschwall ins Gesicht oder Faustschläge in den Nacken, brutales Anschreien, das hält den Schlaf fern und führt zu Halluzinationen, psychotischen Störungen. Schlafentzug macht krank, kann töten.
Unser ganz normaler, alltäglicher Schlafentzug, unsere obligatorische Schläfrigkeit hat dezentere Konsequenzen. Die Augen fallen da nur kurz zu, wenn die Monotonie einer Gesprächssituation oder die gleichförmige Arbeit am Schreibtisch sich so dahinzieht. Wenn’s keiner merkt, ist das nicht weiter schlimm. Wenn Entscheidendes passiert im Augenblick des Mikroschlafs, kann es schlimm ausgehen.

Wie müde sind wir?
Kein Mensch ist den ganzen Tag über gleich bleibend wach. Der Grad der Wachheit verändert sich im Tagesablauf. Den wenigsten ist das wirklich bewusst. Die Phasen höchster Schläfrigkeit liegen bei den meisten Menschen zwischen
3 Uhr nachts und 6 Uhr morgens oder zwischen 13 und 15 Uhr. Jeder durchläuft diesen fast normierten circadianen Rhythmus, den die tief in unserem Gehirn verwurzelte innere Uhr vorgibt.
Wenn man sich schläfrig fühlt, wird die zentralnervöse Aktivierung heruntergefahren. Sobald in solchen Phasen äußere Reize und physische Anforderungen schwinden und die Außenwelt sich gar monoton gibt, folgen Einschlafattacken, winzig kleine Schlafepisoden, der so genannte Sekundenschlaf. Das geht blitzschnell. Zwar ergibt sich das nicht aus heiterem Himmel, denn untrügliche Anzeichen gehen dem voraus. Jeder kennt das: brennende Augen, langes Gähnen, ein Frösteln – und dann meist ohne Vorwarnung passiert es: Filmriss. Wie das passiert, wird nicht mehr wahrgenommen. Man merkt nur, wie man die Augen aufreißt wie nach einem schlechten Traum und plötzlich glockenklar bei Bewusstsein ist. Man weiß meistens sofort, dass man eingeschlafen ist, einfach weg war. Für die Phase vor dem Einschlafen hat sich die Erinnerung meist auch ausgeblendet.  Wenn das andere beobachtet haben, setzt es ein Grinsen oder eine freche Bemerkung. Und am Steuer, wenn da gerade eine Kurve oder sonst ein Hindernis war, dann kracht es. Im schlimmsten Fall öffnet man die Augen erst auf der Intensivstation in irgendeiner Klinik. Oder im Jenseits.

Müdigkeit lässt sich messen
Menschen, die an einer Schlafapnoe leiden, also der Krankheit des Schnarchens mit Atemaussetzern, die zu einer Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff führen, leiden oft unter einer fatalen Müdigkeit bei Tage, die sie wie ein Tier aus dem Hinterhalt anspringt. Doch an diesen Zustand, das Leben mehr oder weniger wie durch einen Wattepack zu erleben, gewöhnt man sich. Erst wenn diese Betroffenen einmal therapiert sind und die Müdigkeit fast von heute auf morgen schwindet, wissen die meisten erst, wie sich Wachsein anfühlt, wie präsent das Leben ist.
Müdigkeit wird meistens subjektiv empfunden. Wie aber merkt der andere, dass ich müde bin? Da gibt es diverse Fragebogen, die freilich auf subjektiven Angaben beruhen. Es existiert aber auch eine physiologische Messmethode, der pupillografische Schläfrigkeitstest. Dabei wird mit einer Infrarotkamera im Dunkeln die Pupillengröße über einen Zeitraum von elf Minuten beobachtet. Die Pupille einer wachen Person erweitert sich sofort im Dunkeln und verbleibt in diesem Zustand. Ist der Proband müde, so ändert sich die Pupillenweite wellenförmig.

Die Abschaffung des Schlafs?
Für alle, die den ausgiebigen Schlaf gerne als entbehrlich betrachten, ein Trost am Ende. Giulio Tononi, Professor für Psychiatrie an der Wisconsin-Madison School of Medicine and Public Health, macht Hoffnung. Tononi hat herausgefunden, dass sich die Gehirnwellen, welche die tiefste Phase des Schlafs charakterisieren, künstlich stimulieren lassen. Diese slow-wave-activity macht 80% der Schlafzeit aus. 1000-mal pro Nacht bewegen sich diese Wellen jede Sekunde durch das schlafende Gehirn. Man nimmt an, dass diese Wellen für Erholung sorgen und Denk- und Erinnerungsfunktionen aufrechterhalten. Mit der transkranialen magnetischen Stimulation lassen sich von einer bestimmten Stelle des Schädels aus diese Wellen erzeugen. Tononi: „Mit einem einfachen Impuls konnten wir eine Welle erzeugen, die genauso aussah wie jene Wellen, die das Gehirn während des Schlafs erzeugt.“ Mit ein wenig Fantasie lässt sich ausmalen, wie man mit einem TMS-Apparat zur richtigen Zeit ein kurzes Power-Schläfchen erzwingt, das den Acht-Stunden-Nachtschlaf ersetzt.
Die Forscher wollen nun herausfinden, wozu der Schlaf überhaupt gut ist und welche Rolle er für das Überleben spielt. Unsere Industriegesellschaft könnte dieses Wissen freilich nützen und umsetzen, um dem Schlaf adieu zu sagen.

Ewiger Tag und keine Nacht
Vom Schlaf mag der Körper profitieren. Doch weshalb sollen wir dem Schlaf Beachtung schenken? Für unsere beschränkte pragmatische Einsicht bleibt er Verschwendung. Die biologische Konstruktion unseres Körpers passt schon lange nicht mehr zu den Anforderungen unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft. Die Medientechnik entwickelt sich mit unfassbarer Dramatik. Über unsere Handys sind wir rund um die Uhr erreichbar, und das müssen wir sein, denn unsere Geschäftspartner und Freunde sitzen in anderen Zeitzonen und nehmen keine Rücksicht darauf, ob bei uns gerade tiefe Nacht herrscht, genauso wenig wie wir dies tun. Wir erwarten weltweit jederzeit universale Verfügbarkeit. Wir können uns ebenso wenig über die Folgen dieser Vernetzung für unseren Schlaf hinwegsetzen. Warum sollten wir nicht, als Krönung der Schöpfung, außer dem Atom auch noch Tag und Nacht beherrschen lernen?
Die Schlafforschung hat sich immer wieder für spektakuläre Kurzschläfer interessiert. Es scheint in der Tat Menschen zu geben, die extrem wenig Schlaf benötigen. Der Forschung wird es gelingen, aus diesen Ausnahmeleben Kenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich eine bewusste Schlafverminderung umsetzen lassen könnte. Schließlich ist es für viele ein reizvoller Gedanke, auf Schlaf verzichten zu können.

Schlaf – nur eine lästige Verrichtung?
Viele Menschen schlafen gerne, sehen Schlaf als ein Erlebnis an. Schlaf als besinnlicher Rückzug ins Private. Ein Sich-Ausliefern an die Macht der Träume. Der Luxus, sich im geschützten Raum des eigenen Schlafzimmers fallen zu lassen, ins Bett, in seine privaten Träume. Natürlich würde es die Ökonomie am liebsten sehen, wenn jeder Mensch 24 Stunden tätig wäre. Was aber bedeutete das für uns? Ein unendliches Leben im Hamsterrad? Statt Leben nur ein Funktionieren. Ohne Ende, ohne Anfang, ein Perpetuum mobile? Man würde sich nicht mehr auf den Abend freuen, als Abschluss eines Tages, nicht mehr auf den kommenden Morgen, an dem wir alles noch einmal neu und anders angehen oder mit neuer Energie fortsetzen können. Jede Nacht sozusagen ein kleiner Urlaub? So gesehen hat der Schlaf für die Menschheit doch vielleicht noch eine Chance. Wir sollten uns das bewusst machen, damit wir uns nicht eine große Köstlichkeit des Lebens aus Torheit, aus Ignoranz vermasseln. Das Drittel unseres Lebens, das wir zurückgezogen im Schlaf verbringen, ist möglicherweise die königlichste Phase unseres Daseins.


Kontakt  |  Impressum