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Der vernachlässigte Schlaf
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Ausgewählte Artikel
Heft 4/2007
Der vernachlässigte Schlaf
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von Werner Waldmann
Wir sind eine Gesellschaft auf
Schlafentzug. Schlaf gilt unausgesprochen als
überflüssig, nicht der Rede wert. Wer sich auch nur
getraut, zuzugeben, dass er länger als acht Stunden
schläft, wird als Aussteiger beargwöhnt.
Überforderung gilt in unserer Gesellschaft als Norm.
Wir wollen auf Draht sein, unter Strom
stehen, intensiv am Leben teilhaben. Schlafmütze nennen
wir einen, der gerne schläft. Schlaf war offenbar, wenn es
sich nicht gerade um den Beischlaf handelt, nie sehr beliebt.
„Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit
mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen
ergeben.“ Der römische Geschichtsschreiber Cornelius
Tacitus (55–115 n. Chr.) äußerte sich schon
damals ziemlich eindeutig und abfällig über den
Schlaf, der halt – man kann es wenden, wie man will
– Nichtstun bedeutet. „Mit den acht Stunden, die
der Mensch oft schläft, liegt er nach Löwe und
Faultier an der Spitze der Langzeit-Penner,“ stellte der
Tierexperte Vitus B. Dröscher lapidar fest.
Schlussfolgerungen daraus mag jeder für sich selbst
ziehen.
„Ein Wolf im Schlaf fing nie ein
Schaf“: Das könnten wir dem aufstrebenden
Jungmanager in den Mund legen. Wer abends lieber ins Bett
schlüpft, anstatt sich mit Kollegen und wichtigen Kunden
dem obligaten Absacker bis ins Morgenrot hinein hinzugeben
– no chance, wenigstens im Hinblick auf die steile
Karriere. Wer etwas werden will, schafft, schuftet, arbeitet,
klotzt –und macht mit seinem Bett nur stundenweise
Bekanntschaft.
Außer der Arbeit brauchen wir
natürlich Freizeit auf hohem Niveau: Entertainment,
Entspannung, Sport. Die Sportlichen treibt es ins
Fitnessstudio. Und das kurz vor dem Schlafengehen. Das macht so
richtig munter. Freizeit ist anstregend, genau wie der
Job. Freizeit heißt auch, ins Konzert, Theater oder Kino
pilgern, ins Restaurant gehen. Freizeit heißt, sich in
Gesellschaft zu zeigen, präsent zu sein. Und irgendwie und
irgendwann bleibt dann noch ein Eckchen für den Schlaf
übrig.
Eine epochemachende Erfindung
Thomas Alva Edison erfand nicht nur die
erste Filmkamera, den Plattenspieler und die elektrische
Schreibmaschine, er erfand auch die Glühbirne und vertrieb
damit den Menschen die Finsternis, die sie bis dato mühsam
mit Kerzen, Öl- und Gaslaternen zu erhellen versucht. Mit
Edisons Kohlenfadenlampe wurde die Nacht zum Tag. Edison hielt
den Schlaf für eine schlechte Angewohnheit. „Alles,
was die Arbeit hemmt, ist Verschwendung“, schrieb er. Und
weiter: „Immer wieder hören wir Menschen davon
sprechen, wie viel Schlaf sie ‘verloren’ haben, als
wäre das ein großes Unglück. Sie sollten lieber
von dem Unglück verlorener Zeit reden, verlorener
Arbeitskraft, verlorener Möglichkeiten.“
Auf einer Reise durch die Schweiz
beobachtete Edison die Auswirkung des elektrischen Lichts auf
die Bevölkerung. Edison notierte: „Wo Strom aus
Wasserkraft erzeugt wurde und die Nacht zum Tag durch
elektrische Lampen gemacht wurde, waren die Leute normal
intelligent. Wo die Schweiz rückständig war und die
Leute mit den Hühnern zu Bett gingen, war die Intelligenz
wesentlich bescheidener.“
Die Nacht wurde zum Tag. Glühlampen
erleuchteten die Fließbänder und ermöglichten
erst die Arbeit rund um die Uhr. Die Schichtarbeit war
entdeckt. Arbeit ohne Ende, Endlosschleife der Arbeit und
über allem grelles, gleißendes Licht. Wahrscheinlich
hat Edisons Erfindung unsere Schlafgewohnheiten radikal
verändert.
Wache Kampfpiloten
Das Militär muss fasziniert sein von
der Idee, den Schlaf über lange zeitliche Strecken
einschränken oder gar abschaffen zu können. Die
bisher zur Verfügung stehenden Mittel wie Koffein
genügen den hohen Ansprüchen des Militärs nicht.
Amphetamin ist eine synthetische psychotrope Substanz, die
indirekt als Sympathomimetikum das Zentralnervensystem anregt.
Amphetamin wirkt deutlich stimulierend und euphorisierend und
gilt als Droge. Auf dem Schwarzmarkt wird die Substanz unter
den Namen Speed oder Pep angeboten. Amphetaminpräparate
wie Dexedrin werden in der US-Air Force, liebevoll als go-pills
bezeichnet, seit langem fast wie Kopfschmerzpillen an die
Langstreckenpiloten verteilt, um sie vor Schläfrigkeit und
Konzentrationsabfällen zu bewahren. Nach der Landung gibt
es dann no-go-pills: Sedativa, die die Crews wieder aus ihrer
Euphorie befreien. Das Leben wird pharmakologisch der
Einsatzplanung angepasst. Wachsein und Schlaf lassen sich nach
Bedarf an- oder ausknipsen. Wird man künstlich wach
gehalten, macht sich offensichtlich auch oft eine euphorisch
überzogene Begeisterung bemerkbar, und das kann
unberechenbar werden: US-Piloten bombardierten in Afghanistan
auch schon eigene Bodentruppen. Die gesteigerte Laune
verminderte kritisches Feingefühl.
Überhaupt tut sich da eine ganz neue
Perspektive auf, die bislang dem Science-Fiction-Terrain
vorbehalten war: Perfekte Wachmacher schaffen den
„metabolisch dominanten“ Soldaten, den Megakrieger,
die optimale Kampfmaschine, die 24 Stunden und jeden Tag aufs
Neue eine exzellente physische und psychische
Belastungsfähigkeit bietet.
Die militärische
Forschungsorganisation Darpa forscht intensiv an raffinierteren
Drogen, die Soldaten sogar eine Woche oder länger wach
halten sollen. Für einen Soldaten kann der leichteste
Anflug von Müdigkeit den Tod bedeuten. Speed als Garant
für ständig auf hohes Reaktionsniveau hochgepuschte
Spezialeinheiten? Ganz so einfach funktioniert das leider noch
nicht: Der Wechsel von Muntermachern und Sedativa, um das
künstlich geschaffene Erregungspotential wieder auf
Normalniveau herabzuregulieren, verursacht auch Nebenwirkungen,
vielleicht bleibende neurologische Schäden wie
Depressionen.
Kampf dem Schlaf
Pharmakologischer Schlafentzug mag in
Extremsituationen wie einem Kampfeinsatz zum Schutz der
Soldaten eine Berechtigung haben, doch bedarf dessen auch ein
Normalbürger, der unter Zeitdruck steht, um seine
Prüfung bangt oder um seine Karriere kämpft oder
einfach nach einem frustrierenden Arbeitstag hellwach seinem
abendlichen Spaß nachkommen will? Wir wollen keine
Pillen, die uns drei Tage ohne Pause Excel-Tabellen und
PowerPoint-Präsentationen schreiben lassen. Wir brauchen
etwas, das uns einen normalen Arbeitstag über munter
hält – eine Droge, mit der wir den 18-Stunden-Tag,
den wir leben, so frisch bewältigen wie den
16-Stunden-Tag, den wir leben sollten.
Es gibt manche Gründe, warum wir
immer weniger schlafen: die Verlängerung des Arbeitstags
ins Privatleben, längere Arbeitswege, hellere Beleuchtung
bei der Arbeit, Geschäfte, die rund um die Uhr
geöffnet sind, Shoppingkanäle im Fernsehen …
Wir haben uns mit dem ständigen Schlafdefizit irgendwie
arrangiert, aber wir zahlen einen Preis dafür. Studien
haben gezeigt, dass die Leistungsfähigkeit leidet, wenn
man weniger als acht Stunden schläft. Menschen, die nur
sieben, sechs oder gar fünf Stunden pro Nacht schlafen,
fühlen sich vielleicht nicht müde, doch ihr Denken
und ihre Geschicklichkeit leiden.
Schlafmangel hat Folgen
William C. Dement, der große
amerikanische Schlafforscher, prägte den Begriff der
Schlafschuld, des verpfändeten Geistes. Schlafmangel
lässt den Menschen mehr oder weniger neben sich stehen.
Seine Reizaufnahme- und Reaktionsfähigkeit ist nicht mehr
kalkulierbar.
Konsequenter Schlafentzug, ein beliebtes
Hilfsmittel der Geheimdienstexperten, ist extrem wirksam. Einen
Mann tagelang nicht schlafen zu lassen, wozu die Experten
subtile Methoden entwickelt haben wie rund um die Uhr taghell
ausgeleuchtete Zellen, beim Einnicken einen Wasserschwall ins
Gesicht oder Faustschläge in den Nacken, brutales
Anschreien, das hält den Schlaf fern und führt zu
Halluzinationen, psychotischen Störungen. Schlafentzug
macht krank, kann töten.
Unser ganz normaler, alltäglicher
Schlafentzug, unsere obligatorische Schläfrigkeit hat
dezentere Konsequenzen. Die Augen fallen da nur kurz zu, wenn
die Monotonie einer Gesprächssituation oder die
gleichförmige Arbeit am Schreibtisch sich so dahinzieht.
Wenn’s keiner merkt, ist das nicht weiter schlimm. Wenn
Entscheidendes passiert im Augenblick des Mikroschlafs, kann es
schlimm ausgehen.
Wie müde sind wir?
Kein Mensch ist den ganzen Tag über
gleich bleibend wach. Der Grad der Wachheit verändert sich
im Tagesablauf. Den wenigsten ist das wirklich bewusst. Die
Phasen höchster Schläfrigkeit liegen bei den meisten
Menschen zwischen
3 Uhr nachts und 6 Uhr morgens oder zwischen 13 und 15 Uhr. Jeder durchläuft diesen fast normierten circadianen Rhythmus, den die tief in unserem Gehirn verwurzelte innere Uhr vorgibt.
Wenn man sich schläfrig fühlt,
wird die zentralnervöse Aktivierung heruntergefahren.
Sobald in solchen Phasen äußere Reize und physische
Anforderungen schwinden und die Außenwelt sich gar
monoton gibt, folgen Einschlafattacken, winzig kleine
Schlafepisoden, der so genannte Sekundenschlaf. Das geht
blitzschnell. Zwar ergibt sich das nicht aus heiterem Himmel,
denn untrügliche Anzeichen gehen dem voraus. Jeder kennt
das: brennende Augen, langes Gähnen, ein Frösteln
– und dann meist ohne Vorwarnung passiert es: Filmriss.
Wie das passiert, wird nicht mehr wahrgenommen. Man merkt nur,
wie man die Augen aufreißt wie nach einem schlechten
Traum und plötzlich glockenklar bei Bewusstsein ist. Man
weiß meistens sofort, dass man eingeschlafen ist, einfach
weg war. Für die Phase vor dem Einschlafen hat sich die
Erinnerung meist auch ausgeblendet. Wenn das andere
beobachtet haben, setzt es ein Grinsen oder eine freche
Bemerkung. Und am Steuer, wenn da gerade eine Kurve oder sonst
ein Hindernis war, dann kracht es. Im schlimmsten Fall
öffnet man die Augen erst auf der Intensivstation in
irgendeiner Klinik. Oder im Jenseits.
Müdigkeit lässt sich messen
Menschen, die an einer Schlafapnoe leiden,
also der Krankheit des Schnarchens mit Atemaussetzern, die zu
einer Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff führen,
leiden oft unter einer fatalen Müdigkeit bei Tage, die sie
wie ein Tier aus dem Hinterhalt anspringt. Doch an diesen
Zustand, das Leben mehr oder weniger wie durch einen Wattepack
zu erleben, gewöhnt man sich. Erst wenn diese Betroffenen
einmal therapiert sind und die Müdigkeit fast von heute
auf morgen schwindet, wissen die meisten erst, wie sich
Wachsein anfühlt, wie präsent das Leben ist.
Müdigkeit wird meistens subjektiv
empfunden. Wie aber merkt der andere, dass ich müde bin?
Da gibt es diverse Fragebogen, die freilich auf subjektiven
Angaben beruhen. Es existiert aber auch eine physiologische
Messmethode, der pupillografische Schläfrigkeitstest.
Dabei wird mit einer Infrarotkamera im Dunkeln die
Pupillengröße über einen Zeitraum von elf
Minuten beobachtet. Die Pupille einer wachen Person erweitert
sich sofort im Dunkeln und verbleibt in diesem Zustand. Ist der
Proband müde, so ändert sich die Pupillenweite
wellenförmig.
Die Abschaffung des Schlafs?
Für alle, die den ausgiebigen Schlaf
gerne als entbehrlich betrachten, ein Trost am Ende. Giulio
Tononi, Professor für Psychiatrie an der Wisconsin-Madison
School of Medicine and Public Health, macht Hoffnung. Tononi
hat herausgefunden, dass sich die Gehirnwellen, welche die
tiefste Phase des Schlafs charakterisieren, künstlich
stimulieren lassen. Diese slow-wave-activity macht 80% der
Schlafzeit aus. 1000-mal pro Nacht bewegen sich diese Wellen
jede Sekunde durch das schlafende Gehirn. Man nimmt an, dass
diese Wellen für Erholung sorgen und Denk- und
Erinnerungsfunktionen aufrechterhalten. Mit der transkranialen
magnetischen Stimulation lassen sich von einer bestimmten
Stelle des Schädels aus diese Wellen erzeugen. Tononi:
„Mit einem einfachen Impuls konnten wir eine Welle
erzeugen, die genauso aussah wie jene Wellen, die das Gehirn
während des Schlafs erzeugt.“ Mit ein wenig Fantasie
lässt sich ausmalen, wie man mit einem TMS-Apparat zur
richtigen Zeit ein kurzes Power-Schläfchen erzwingt, das
den Acht-Stunden-Nachtschlaf ersetzt.
Die Forscher wollen nun herausfinden, wozu
der Schlaf überhaupt gut ist und welche Rolle er für
das Überleben spielt. Unsere Industriegesellschaft
könnte dieses Wissen freilich nützen und umsetzen, um
dem Schlaf adieu zu sagen.
Ewiger Tag und keine Nacht
Vom Schlaf mag der Körper
profitieren. Doch weshalb sollen wir dem Schlaf Beachtung
schenken? Für unsere beschränkte pragmatische
Einsicht bleibt er Verschwendung. Die biologische Konstruktion
unseres Körpers passt schon lange nicht mehr zu den
Anforderungen unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft. Die
Medientechnik entwickelt sich mit unfassbarer Dramatik.
Über unsere Handys sind wir rund um die Uhr erreichbar,
und das müssen wir sein, denn unsere Geschäftspartner
und Freunde sitzen in anderen Zeitzonen und nehmen keine
Rücksicht darauf, ob bei uns gerade tiefe Nacht herrscht,
genauso wenig wie wir dies tun. Wir erwarten weltweit jederzeit
universale Verfügbarkeit. Wir können uns ebenso wenig
über die Folgen dieser Vernetzung für unseren Schlaf
hinwegsetzen. Warum sollten wir nicht, als Krönung der
Schöpfung, außer dem Atom auch noch Tag und Nacht
beherrschen lernen?
Die Schlafforschung hat sich immer wieder
für spektakuläre Kurzschläfer interessiert. Es
scheint in der Tat Menschen zu geben, die extrem wenig Schlaf
benötigen. Der Forschung wird es gelingen, aus diesen
Ausnahmeleben Kenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich
eine bewusste Schlafverminderung umsetzen lassen könnte.
Schließlich ist es für viele ein reizvoller Gedanke,
auf Schlaf verzichten zu können.
Schlaf – nur eine lästige
Verrichtung?
Viele Menschen schlafen gerne, sehen
Schlaf als ein Erlebnis an. Schlaf als besinnlicher
Rückzug ins Private. Ein Sich-Ausliefern an die Macht der
Träume. Der Luxus, sich im geschützten Raum des
eigenen Schlafzimmers fallen zu lassen, ins Bett, in seine
privaten Träume. Natürlich würde es die
Ökonomie am liebsten sehen, wenn jeder Mensch 24 Stunden
tätig wäre. Was aber bedeutete das für uns? Ein
unendliches Leben im Hamsterrad? Statt Leben nur ein
Funktionieren. Ohne Ende, ohne Anfang, ein Perpetuum mobile?
Man würde sich nicht mehr auf den Abend freuen, als
Abschluss eines Tages, nicht mehr auf den kommenden Morgen, an
dem wir alles noch einmal neu und anders angehen oder mit neuer
Energie fortsetzen können. Jede Nacht sozusagen ein
kleiner Urlaub? So gesehen hat der Schlaf für die
Menschheit doch vielleicht noch eine Chance. Wir sollten uns
das bewusst machen, damit wir uns nicht eine große
Köstlichkeit des Lebens aus Torheit, aus Ignoranz
vermasseln. Das Drittel unseres Lebens, das wir
zurückgezogen im Schlaf verbringen, ist
möglicherweise die königlichste Phase unseres
Daseins.
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