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Ein Unglück kommt selten allein
Schmerzen und Schlaf
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Jahrgang 2005 Ausgewählte Artikel
Ein Unglück kommt selten allein
Schmerzen und Schlaf
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von Marion Zerbst
Wer unter Schmerzen leidet, schläft
schlecht, und wer schlecht schläft, ist wiederum
anfälliger für Schmerzen: ein verhängnisvoller
Teufelskreis. Die Zusammenhänge zwischen Schmerz und
Schlaf sind bei Schmerztherapeuten noch viel zu wenig bekannt.
Eine wissenschaftliche Studie hat gezeigt,
dass 70% aller Menschen, die unter Schmerzen (zum Beispiel
rheumatoider Arthritis, Fibromyalgie und Kreuzschmerzen)
leiden, schlecht schlafen. Sie haben sowohl Probleme mit dem
Einschlafen als auch Durchschlafstörungen in der Nacht und
am frühen Morgen, was oft zu einer erheblichen
Tagesschläfrigkeit führt.
In einigen Studien wurde der Schlaf bei
Schmerzpatienten mittels einer Polysomnografie im Schlaflabor
untersucht. Das Ergebnis: Bei Patienten mit rheumatoider
Arthritis, die unter Tagesschläfrigkeit litten, war der
Schlaf fragmentiert. Ihre Gesamtschlafdauer war zwar nicht
verringert, doch die Patienten wachten viel häufiger auf
und hatten auch mehr Arousals – kurze Weckreaktionen, die
zwar im EEG ablesbar sind, an die man sich hinterher aber nicht
mehr erinnert. Solche Arousals fanden bei diesen Patienten
ungefähr alle 1,3 Minuten statt! In Tests zeigte sich bei
diesen Patienten auch eine verstärkte Einschlafneigung bei
Tage – ein deutlicher Beweis für
übermäßige Tagesschläfrigkeit.
Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine
andere Studie bei Patienten mit rheumatoider Arthritis und
Fibromyalgie: Bei diesen Patienten war der Wechsel zwischen den
verschiedenen Schlafstadien im Vergleich zu gesunden Probanden
um 44% erhöht, sodass die Dauer der einzelnen
Schlafstadien sich im Durchschnitt verkürzte.
Offensichtlich beeinträchtigten diese Arousals und die
häufigeren Wechsel zwischen den Schlafstadien den
Erholungswert des Schlafs bei diesen Patienten.
Warum Schmerzpatienten schlecht schlafen
Die Ursachen von Schlafstörungen bei
Patienten mit chronischen Schmerzen sind nicht eindeutig
geklärt. Wahrscheinlich kommen hier mehrere Faktoren
zusammen: einerseits natürlich der Schmerz selbst,
andererseits aber auch manche vom Arzt dagegen verordneten
Medikamente. So weiß man zum Beispiel, dass Opioide den
Tiefschlaf und den REM-Schlaf (in dem wir träumen)
beeinträchtigen – also genau jene Schlafstadien, die
für unsere Regeneration, unser Immunsystem und die
Verarbeitung von Informationen und Tageserlebnissen so wichtig
sind.
Bei bestimmten inflammatorischen
(entzündlich bedingten) Schmerzzuständen werden vom
Immunsystem aber auch Signalstoffe (beispielsweise
Interleukine) freigesetzt, die ebenfalls den Schlaf stören
können: Bei Patienten, die an Fibromyalgie leiden, sind
zum Beispiel Interleukin-6 und Interleukin-8 erhöht,
während dies bei anderen Schmerzpatienten nicht der Fall
ist. Eine Studie hat gezeigt, dass Interleukin 6 – ein
proinflammatorischer (Entzündungszustände
hervorrufender) Signalstoff –, wenn man ihn an gesunde
Probanden verabreicht, den REM-Schlaf um ganze 23% reduziert
und die subjektive Müdigkeit der Testpersonen
verstärkt.
Ein verhängnisvoller Teufelskreis
In akuten Schmerzphasen schlafen Patienten
mit chronischen Schmerzen schlechter; umgekehrt sind ihre
Schmerzen nach einer Nacht, in der sie schlecht geschlafen
haben, schlimmer als in einer Nacht mit erholsamem Schlaf
– ein Teufelskreis, aus dem man nur schwer wieder
herauskommt.
Der Grund dafür: Schlafentzug macht
uns offenbar anfälliger für Schmerzen und kann sogar
Schmerzen auslösen. Studien an Tieren im Labor haben
gezeigt, dass Entzug bestimmter Schlafstadien sie
überempfindlich gegen Schmerzen machen kann.
Auch bei Menschen ist eine solche Wirkung
des Schlafentzugs belegt: So lassen sich bei gesunden Probanden
durch Schlafentzug beispielsweise Kopfschmerzen hervorrufen. In
einer Studie hinderte man gesunde Versuchspersonen gezielt
entweder am Tiefschlaf oder am REM-Schlaf. Diejenigen
Probanden, denen man den Tiefschlaf entzog, wurden dadurch
überempfindlich für Muskel-Skelett-Schmerzen und
klagten auch häufiger über Gelenkschmerzen und
-steife. Bei den Probanden, die am REM-Schlaf gehindert wurden,
traten dagegen keine Schmerzen und auch keine erhöhte
Schmerzempfindlichkeit auf.
In einer anderen Studie wurden 50 Frauen,
die an einem Fibromyalgie-Syndrom litten, aufgefordert, an 30
aufeinander folgenden Tagen täglich Schlaf- und
Schmerz-Fragebögen auszufüllen. Die Fragebögen
zeigten, dass die Patienten nach einer schlechten Nacht
über mehr Schmerzen klagten. Nach einem Tag, an dem sie
besonders heftige Schmerzen gehabt hatten, schliefen sie in der
Nacht normalerweise besonders schlecht. Angesichts solcher
Forschungsergebnisse stellt sich natürlich die Frage: Was
ist zuerst da – die Henne oder das Ei? Verursachen die
Schmerzen die Schlafstörungen, oder umgekehrt? Zumindest
aber steht fest, dass Schlafmangel bei manchen Patienten zur
Entstehung von Schmerzen beitragen kann. Auch akuter Schmerz
(z. B. nach einer Operation) beeinträchtigt den
Nachtschlaf. Direkt nach einer Operation ist der Schlaf
erheblich gestört: Es findet kein REM-Schlaf statt, die
Gesamtschlafdauer ist drastisch verkürzt, und der Patient
wacht während der Nacht auch viel öfter auf.
Ursächlich sind auch hier wieder sowohl die Schmerzen
selbst als auch die Opioide, die bei der Schmerztherapie
eingesetzt werden.
Literatur: Brian M. Block, Christopher L.
Wu: Pain and Sleep. The International Journal of Pain Medicine
and Palliative Care vol. 1 no. 2, 2001.
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