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Ein Unglück kommt selten allein
Schmerzen und Schlaf
von Marion Zerbst

Wer unter Schmerzen leidet, schläft schlecht, und wer schlecht schläft, ist wiederum anfälliger für Schmerzen: ein verhängnisvoller Teufelskreis. Die Zusammenhänge zwischen Schmerz und Schlaf sind bei Schmerztherapeuten noch viel zu wenig bekannt.

Eine wissenschaftliche Studie hat gezeigt, dass 70% aller Menschen, die unter Schmerzen (zum Beispiel rheumatoider Arthritis, Fibromyalgie und Kreuzschmerzen) leiden, schlecht schlafen. Sie haben sowohl Probleme mit dem Einschlafen als auch Durchschlafstörungen in der Nacht und am frühen Morgen, was oft zu einer erheblichen Tagesschläfrigkeit führt.
In einigen Studien wurde der Schlaf bei Schmerzpatienten mittels einer Polysomnografie im Schlaflabor untersucht. Das Ergebnis: Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis, die unter Tagesschläfrigkeit litten, war der Schlaf fragmentiert. Ihre Gesamtschlafdauer war zwar nicht verringert, doch die Patienten wachten viel häufiger auf und hatten auch mehr Arousals – kurze Weckreaktionen, die zwar im EEG ablesbar sind, an die man sich hinterher aber nicht mehr erinnert. Solche Arousals fanden bei diesen Patienten ungefähr alle 1,3 Minuten statt! In Tests zeigte sich bei diesen Patienten auch eine verstärkte Einschlafneigung bei Tage – ein deutlicher Beweis für übermäßige Tagesschläfrigkeit.
Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine andere Studie bei Patienten mit rheumatoider Arthritis und Fibromyalgie: Bei diesen Patienten war der Wechsel zwischen den verschiedenen Schlafstadien im Vergleich zu gesunden Probanden um 44% erhöht, sodass die Dauer der einzelnen Schlafstadien sich im Durchschnitt verkürzte. Offensichtlich beeinträchtigten diese Arousals und die häufigeren Wechsel zwischen den Schlafstadien den Erholungswert des Schlafs bei diesen Patienten.

Warum Schmerzpatienten schlecht schlafen
Die Ursachen von Schlafstörungen bei Patienten mit chronischen Schmerzen sind nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich kommen hier mehrere Faktoren zusammen: einerseits natürlich der Schmerz selbst, andererseits aber auch manche vom Arzt dagegen verordneten Medikamente. So weiß man zum Beispiel, dass Opioide den Tiefschlaf und den REM-Schlaf (in dem wir träumen) beeinträchtigen – also genau jene Schlafstadien, die für unsere Regeneration, unser Immunsystem und die Verarbeitung von Informationen und Tageserlebnissen so wichtig sind.
Bei bestimmten inflammatorischen (entzündlich bedingten) Schmerzzuständen werden vom Immunsystem aber auch Signalstoffe (beispielsweise Interleukine) freigesetzt, die ebenfalls den Schlaf stören können: Bei Patienten, die an Fibromyalgie leiden, sind zum Beispiel Interleukin-6 und Interleukin-8 erhöht, während dies bei anderen Schmerzpatienten nicht der Fall ist. Eine Studie hat gezeigt, dass Interleukin 6 – ein proinflammatorischer (Entzündungszustände hervorrufender) Signalstoff –, wenn man ihn an gesunde Probanden verabreicht, den REM-Schlaf um ganze 23% reduziert und die subjektive Müdigkeit der Testpersonen verstärkt.

Ein verhängnisvoller Teufelskreis
In akuten Schmerzphasen schlafen Patienten mit chronischen Schmerzen schlechter; umgekehrt sind ihre Schmerzen nach einer Nacht, in der sie schlecht geschlafen haben, schlimmer als in einer Nacht mit erholsamem Schlaf – ein Teufelskreis, aus dem man nur schwer wieder herauskommt.
Der Grund dafür: Schlafentzug macht uns offenbar anfälliger für Schmerzen und kann sogar Schmerzen auslösen. Studien an Tieren im Labor haben gezeigt, dass Entzug bestimmter Schlafstadien sie überempfindlich gegen Schmerzen machen kann.
Auch bei Menschen ist eine solche Wirkung des Schlafentzugs belegt: So lassen sich bei gesunden Probanden durch Schlafentzug beispielsweise Kopfschmerzen hervorrufen. In einer Studie hinderte man gesunde Versuchspersonen gezielt entweder am Tiefschlaf oder am REM-Schlaf. Diejenigen Probanden, denen man den Tiefschlaf entzog, wurden dadurch überempfindlich für Muskel-Skelett-Schmerzen und klagten auch häufiger über Gelenkschmerzen und -steife. Bei den Probanden, die am REM-Schlaf gehindert wurden, traten dagegen keine Schmerzen und auch keine erhöhte Schmerzempfindlichkeit auf.
In einer anderen Studie wurden 50 Frauen, die an einem Fibromyalgie-Syndrom litten, aufgefordert, an 30 aufeinander folgenden Tagen täglich Schlaf- und Schmerz-Fragebögen auszufüllen. Die Fragebögen zeigten, dass die Patienten nach einer schlechten Nacht über mehr Schmerzen klagten. Nach einem Tag, an dem sie besonders heftige Schmerzen gehabt hatten, schliefen sie in der Nacht normalerweise besonders schlecht. Angesichts solcher Forschungsergebnisse stellt sich natürlich die Frage: Was ist zuerst da – die Henne oder das Ei? Verursachen die Schmerzen die Schlafstörungen, oder umgekehrt? Zumindest aber steht fest, dass Schlafmangel bei manchen Patienten zur Entstehung von Schmerzen beitragen kann. Auch akuter Schmerz (z. B. nach einer Operation) beeinträchtigt den Nachtschlaf. Direkt nach einer Operation ist der Schlaf erheblich gestört: Es findet kein REM-Schlaf statt, die Gesamtschlafdauer ist drastisch verkürzt, und der Patient wacht während der Nacht auch viel öfter auf. Ursächlich sind auch hier wieder sowohl die Schmerzen selbst als auch die Opioide, die bei der Schmerztherapie eingesetzt werden.

Literatur: Brian M. Block, Christopher L. Wu: Pain and Sleep. The International Journal of Pain Medicine and Palliative Care vol. 1 no. 2, 2001.