Erster Patientenkongress in Essen

 

28/05 2011

Erster Patientenkongress zum Thema Schlaf in Essen

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Problemen der Menschen. Immerhin sind sie in Deutschland der dritthäufigste Anlass für einen Arztbesuch. Noch größer aber ist die Dunkelziffer: Nur wenige Betroffene fragen wegen ihres Schlafproblems einen Arzt um Rat. Warum, weiß man nicht so genau: Offenbar glauben viele Menschen, dass es normal ist, schlecht zu schlafen, und nehmen ihr Problem auf die leichte Schulter. Manche schämen sich vielleicht auch, in unserer Fitness- und Leistungsgesellschaft zuzugeben, dass sie ständig müde und abgeschlagen sind. Und viele wissen nicht, dass es für die meisten Schlafstörungen inzwischen gute Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Um dieses Wissensdefizit zu beheben, veranstaltete die Essener Ruhrlandklinik am 28. Mai im Haus der Technik den Patientenkongress „SCHLAF-E-2011“. In Kooperation mit der Zeitschrift „das schlafmagazin“ und dem Bundesverband Schlafapnoe und Schlafstörungen Deutschland e.V.“ (BSD) lud die Klinik zu einer eintägigen Informationsveranstaltung mit renommierten Referenten ein. Rund 500 Besucher kamen, und mit Sicherheit hat jeder an diesem Tag eine Menge Neues erfahren. Denn: „In der Schlafmedizin hat es in den letzten Jahren einen enormen Wissenszuwachs gegeben“, so Professor Helmut Teschler, Chefarzt der Ruhrlandklinik. Viele alte Vorstellungen zum Thema Schlafstörungen, die immer noch in den Köpfen der Menschen herumgeistern, sind inzwischen längst überholt. So hoffen zum Beispiel viele von Ein- und Durchschlafstörungen geplagte Patienten, ihr Leiden möge eine organische Ursache haben: Denn wenn der Arzt „etwas findet“, so glauben sie, kann man das Schlafproblem sicherlich rasch behandeln und beseitigen. In vielen Fällen ist das leider ein trügerische Hoffnung: „Oft wird die Schlafstörung durch ein belastendes Ereignis ausgelöst“, erklärt Psychologe und Insomnie-Experte Dr. Hans-Günter Weeß vom Pfalzklinikum Klingenmünster. Das kann zum Beispiel der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine Ehescheidung sein. Ist die Stresssituation dann vorübergegangen und verarbeitet, normalisiert sich der Schlaf häufig trotzdem nicht: Denn die Schlafstörung hat sich verselbständigt – Körper und Gehirn sind inzwischen daran „gewöhnt“, nachts hellwach zu sein und Probleme zu wälzen. Eine solche „erlernte“ Schlafstörung bekommt man nicht allein mit Schlafmitteln in den Griff. Vielmehr ist eine Neukonditionierung angesagt: Der Patient muss schlaffördernde Maßnahmen, Entspannungsverfahren und Stressbewältigungsstrategien erlernen. Mittlerweile werden dazu sogar richtige Schlafschulkurse angeboten.  

Es kann aber auch eine neurologische Erkrankung dahinterstecken, wenn man nachts nicht zur Ruhe kommt. „Immer wenn ich abends im Bett liege, habe ich so ein unangenehmes Gefühl im Fußknöchel“, beschreibt eine Betroffene das Problem. „Langsam wandert es am Schienbein hoch, und dann ist es plötzlich am Knie. Ich kann gar nicht genau beschreiben, wo dieses Gefühl sitzt – am Knochen oder unter der Haut...“ Das Restless-Legs-Syndrom ist immer noch kaum bekannt, obwohl es zu den häufigsten Schlafstörungen gehört: Fast 20% aller Frauen über 50 leiden unter dem Syndrom der „unruhigen Beine“, dessen Häufigkeit im Alter zunimmt und von dem das weibliche Geschlecht in besonders hohem Maß betroffen ist. Typisches Symptom: quälende Missempfindungen in den Beinen, die vor allem abends und nachts auftreten, wenn man seine Ruhe haben will. Hinzu kommt ein nahezu unwiderstehlicher Bewegungsdrang. Wenn man ihm nachgibt, bessern sich die Beschwerden vorübergehend – nur ist ein erholsamer Nachtschlaf auf diese Weise natürlich kaum möglich.

Eine weitere häufige, im Bewusstsein der Öffentlichkeit aber immer noch kaum präsente Erkrankung ist die Schlafapnoe: krankhaftes Schnarchen mit Atemaussetzern, die den Schlaf zerstückeln und unerholsam machen. Zu den Atemstillständen kommt es dadurch, dass die oberen Atemwege, wenn die Muskulatur im Schlaf erschlafft, in sich zusammenfallen und keine Luft mehr durchlassen. Da der Patient sonst ersticken würde, löst das Gehirn bei solchen Atemstillständen eine Weckreaktion aus: Er wird kurz wach, holt mit einem lauten, röchelnden Schnarchen wieder Luft und schläft weiter. Doch schon nach ein paar Minuten wiederholt sich das Ganze. Diese Erkrankung führt, wie wir heute wissen, zu krankhafter Tagesmüdigkeit mit erhöhter Unfallneigung. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt drastisch an: Denn durch die nächtlichen Atempausen kommt es immer wieder zu einem Sauerstoffmangel im Körper. Außerdem sind die ständigen Weckreaktionen Stress für den Organismus. Das schadet dem Herzen: Eine Schlafapnoe fördert die Entstehung von Arteriosklerose, erhöht den Blutdruck und damit das Risiko für einen Herzinfarkt. Auch die Entstehung von Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz (Pumpschwäche des Herzens) wird dadurch begünstigt. Mit einer Beatmungstherapie, bei der diesen Patienten über eine Nasenmaske mit Überdruck Luft in die oberen Atemwege geblasen wird, lässt sich diese Erkrankung gut behandeln: Denn durch den Druck werden die Atemwege offengehalten und können nicht mehr kollabierlen. Auch das lästige Schnarchgeräusch hört dann schlagartig auf. 

Man sieht: An der Behandlung von Schlafstörungen sind die verschiedensten medizinischen Disziplinen beteiligt. Psychologen, Neurologen, Lungenfachärzte, Kardiologen und andere Experten müssen Hand in Hand arbeiten, um diese oft sehr komplexen Erkrankungen in den Griff zu bekommen. Aber auch die Betroffenen müssen gut informiert sein, um den Weg zum richtigen Arzt zu finden, der ihre Beschwerden ernst nimmt und mit ihnen gemeinsam eine Lösung dafür findet. Deshalb wurden bei dem Patientenkongress begleitend zu den Vorträgen auch viele diagnostische Leistungen angeboten: von der Blutdruck- und Blutzuckermessung über die Lungenfunktionsprüfung bis hin zur Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader, die zeigt, ob dort bereits arteriosklerotische Plaques entstanden sind, die das Schlaganfallrisiko erhöhen. Und eines steht für Professor Teschler heute schon fest: Der Schlafkongress soll in Zukunft jedes Jahr stattfinden. „Schlafprobleme werden in unserer Gesellschaft nach wie vor völlig unterbewertet“, sagt er. Veranstaltungen wie diese können einen Beitrag dazu leisten, den Menschen die Augen für solche Probleme zu öffnen – damit man die Klage: „Ich habe heute Nacht wieder kein Auge zubekommen“ in Zukunft vielleicht nicht mehr ganz so oft hört.

Von Werner Waldmann und Marion Zerbst

Vergangene Kongresse

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Kongress 2012
Kongress 2011
- Kongress in Essen 2011
  (in Zusammenarbeit mit dem BSD)  
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