Kongress des Schlafmagazins 2007

 

06/10 2007

Der vernachlässigte Schlaf – Ursachen und Folgen

Ignoranz kostet Milliarden
4. Patientenkongress des Schlafmagazins in Gerlingen

Widmar Puhl

Am 6. Oktober 2007 kamen so viele Besucher wie nie zum Patientenkongress des Schlafmagazins in die Gerlinger Stadthalle. In Kooperation mit der Klinik Schillerhöhe, dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg und dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat e.V. drehte sich einen Tag lang alles um die Frage, was die Ignoranz der „Leistungsgesellschaft“ gegenüber dem menschlichen Schlafbedürfnis eigentlich kostet: Umweltkatastrophen, zahlreiche Menschenleben, Milliardenschäden in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen.

Wer heute etwas werden will, arbeitet bis zum Umfallen“ – mit dieser Diagnose eröffnete Schlafmagazin-Herausgeber Werner Waldmann den Kongress. Die Erfahrung hat jeder schon gemacht, aber Waldmann präsentierte eindrucksvolle Beispiele aus der jüngsten Geschichte: Am 24. März 1989 lief der Öltanker Exxon Valdez vor Alaska auf Grund und Millionen Liter Öl ergossen sich ins Meer. Der Steuermann hatte in den letzten 46 Stunden nur sechs Stunden geschlafen. Auch das Challenger-Unglück, bei dem am 28. Januar 1986 sieben Menschen in dem amerikanischen Spaceshuttle starben, ging letztlich auf Übermüdung des technischen Personals zurück, ebenso wie die  Katastrophe im Atomreaktor von Tschernobyl am 26. April des schwarzen Jahres 1986. Seit Thomas Alva Edison mit der Erfindung der elektrischen Glühbirne die Nacht zum Tag machte, ist unser Verhältnis zum Schlaf gestört. Maschinelle, nicht biologische Rhythmen bestimmen das Leben, Überforderung wurde zur Norm. Falsche Idole wie grenzenlose „Belastbarkeit“ und Flexibilität haben sich im Schlepptau einer missverstandenen Globalisierung ausgebreitet wie im Mittelalter die Pest.

 

Schlafverlust ist Kontrollverlust

Schlafentzug kostet Gedächtnisleistung, Reaktionsvermögen, Motivation bei der Arbeit, Potenz im Bett, betonte Waldmann: „Schlafmangel verursacht chronische Leiden wie Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes – oder trägt jedenfalls kräftig dazu bei.“ Der Kontrollwahn einer Laptop-und Handy-Gesellschaft, die längst keine Rücksicht mehr auf die biologischen Grenzen des Menschen nimmt, führt aber geradewegs zum absoluten Kontrollverlust, z.B. durch Sekundenschlaf am Steuer. Fast täglich lesen wir von solchen meist verheerenden Unfällen in der Zeitung. Gegen diese Hybris helfen wohl nur zwei Dinge: erstens eine neue Lust am Schlaf, an der schöpferischen Pause, am Kurzurlaub im Bett; und zweitens Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. 

Der bekannte Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley, der den Kongress moderierte, rief daher dringend zu einer bundesweiten Vereinigung der Fachverbände auf, damit die zahlreichen Selbsthilfegruppen für Apnoiker und andere betroffene Patienten endlich politisch mit einer Stimme sprechen können. Ulrich Hipp, Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses, unter dessen Dach die Klinik Schillerhöhe seit einem Jahr arbeitet, beklagte erneut die unsichere Finanzierung der Schlaflabore durch den Zwang, ihre Leistungen als ambulante Medizin abzurechnen. „Nimm dein Bett und wandle“ ist aber wohl ein Befehl, den nur Jesus durchzusetzen imstande war. Ulla Schmidt übernimmt sich da möglicherweise. Immerhin plant die Regierung jetzt wenigstens die Finanzierung der Selbsthilfegruppen durch die Krankenversicherungen. Darauf wies Rudolf Taugerbeck vom Landesverband Baden-Württemberg Schnarchen – Schlafapnoe e.V. hin.

 

Eine Studie schlägt Wellen

Zum ersten Mal stellten Diplompsychologin Sabine Eller und ihre ärztliche Kollegin Dr. Vera Wienhausen-Wilke vom Schlaflabor der Klinik Schillerhöhe die Ergebnisse des Pilot-Screenings bei Lkw-Fahrern der Spedition Schmalz und Schön aus Fellbach und Waiblingen vor. Wenig überraschend war der Konsum der Wachmacher Kaffee (10–12 Tassen täglich im Schnitt) und Nikotin (zwei Drittel der 28 Probanden rauchten täglich eine Schachtel Zigaretten oder mehr). Erstaunt waren die Forscherinnen aber über die Fitness der „harten Jungs“ mit dem Arbeitsplatz Straße,  die trotz des Durchschnittsalters von 45–55 Jahren meist seit Jahrzehnten in Wechselschichten arbeiten. Wenn man bedenkt, dass ein Schlafdefizit von vier Stunden die gleichen Auswirkungen hat wie 0,5 Promille Alkohol im Blut und eine schlaflose Nacht uns zusetzt wie 0,8 Promille, kann man sich ihre Belastung vorstellen.

Jeder zweite der untersuchten Fahrer schnarchte stark und hatte gelegentliche Atemaussetzer im Schlaf. In 13 Fällen konnten die Probanden wieder normal schlafen, nachdem sie die Rückenlage aufgegeben hatten. Drei der Fahrer erwiesen sich als schwere Apnoiker und schliefen während eines zehnminütigen Vigilanz-Tests unmittelbar vor Dienstbeginn ein. Sie erhielten eine erfolgreiche CPAP-Therapie. 

Besonders wichtig war die Schulung der Fahrer mit praktischen Tipps zum Wachbleiben („Sitzheizung an, Klimagebläse auf kalt“) und durch ein Schlafhygiene-Training. Schließlich steigt das Unfallrisiko bei Apnoe um das Sechs- bis Achtfache. Wienhausen-Wilke: „Trinkt man einen Kaffee und legt sich danach sofort für ein Nickerchen von 15 Minuten aufs Ohr, wird man bei einsetzender Koffeinwirkung wach und ist wieder voll da.“ 

Statistisch gesehen sinkt die Unfallgefahr dann um das Drei- bis Vierfache. Vor allem kommt es daher darauf an, die Warnzeichen aufkommender Müdigkeit nicht zu ignorieren, sondern zu beachten: schlechte Laune, brennende oder juckende Augen, Gähnen. Eller: „Die periodischen Wachphasen gehen zwangsläufig vorüber, und man muss lernen, die unausweichliche nächste Attacke des Sekundenschlafs im Vorfeld rechtzeitig abzufangen.“ Wer dieses Programm absolviert, erhöht seine Fahrtüchtigkeit erheblich und senkt sein Unfallrisiko.

 

Teufelskreis der Unwissenheit

Ein Berufskraftfahrer mit unbehandelter Schlafapnoe ist eine tickende Zeitbombe; deshalb planen Gesundheits- und Verkehrsministerium in Berlin jetzt ein gesetzlich vorgeschriebenes Apnoe-Screening für diese Risikogruppe. Noch ist das Thema von Angst besetzt: Viele Fahrer fürchten den Verlust des Arbeitsplatzes, wenn bekannt wird, dass sie krank sind, und Unternehmen fürchten Regressforderungen von Unfallgeschädigten oder Versicherungen. Dr. Martin Kohlhäufl, der neue medizinische Direktor der Klinik Schillerhöhe, wies darauf hin, dass zwar seit 20 Jahren Statistiken den Zusammenhang von Schlafapnoe, Sekundenschlaf und Unfallhäufigkeit belegen. „Die Versicherung muss auch nicht zahlen, wenn bekannt ist, dass Unfallfahrer unbehandelte Apnoiker sind, die um ihre Krankheit wissen.“ Aber deshalb wollen viele lieber gar nicht erst wissen, ob sie krank sind – ein Teufelskreis, der viele Milliarden und viele Menschenleben kostet.

„Ist ein Fahrer, der an Schlafapnoe leidet, erst einmal behandelt, darf er auch wieder fahren“, beruhigte daher auch Prof. Winfried Randerath vom Krankenhaus Bethanien in Solingen. Er berät häufig Berufskraftfahrer und ihre Arbeitgeber vor Gericht. Und als Arzt weiß er: „Spätestens nach drei Wochen, manchmal schon nach einer Woche, ist die Fahrtüchtigkeit wieder gewährleistet.“ Nicht so sehr im Hinblick auf große Speditionen oder städtische Verkehrsbetriebe, sondern eher für Kleinunternehmen wie den Pizza-Service, Montagehandwerker oder Franchise-Fahrer für Paketdienste ist das geplante Gesetz ein Segen. Randerath: „Für Arbeitgeber und Arbeitnehmer kann so eine Vorsorgeuntersuchung Unfallrisiken und Arbeitsausfallzeiten deutlich senken. Das lohnt sich für alle Beteiligten.“

 

Kreativ durch Schlaf

Roland Geisselhart aus Friedrichshafen, Gedächtnistrainer und Personalberater für Industrie und Verbände, verblüffte nach der Mittagspause das Publikum mit seinem Programm zur Schulung des bildhaften Gedächtnisses. Namen, Argumente, Vokabeln, Zahlen, Eckdaten der Bilanz kann man sich nach seinem System wesentlich schneller und besser merken, wenn sie mit einfachen Bildern verknüpft sind. Und hier kommt der Schlaf ins Spiel, denn „im Schlaf werden die Daten erst richtig verarbeitet, so dass man am nächsten Tag das Gelernte besser versteht.“ Man hat es sozusagen in das bestehende Weltbild eingeordnet. Und das gelingt nicht nur als „Einschlafhilfe“ bei schönen Erinnerungen oder Urlaubsbildern, sondern auch bei harten Fakten, die man etwa für die schwierige Prüfung  zum Steuerberater braucht. „Wir machen einfach alles in Bildern. Wir vernetzen in Bildern, wir speichern in Bildern, und wir haben sogar die Zahlen in Bildern“, erklärt Geisselhart. Eine 1 z.B. symbolisiert eine Kerze, eine 2 einen Schwan, eine 3 eine Gabel mit drei Zinken, eine 7 ein Fähnchen usw. Über Nacht arbeitet dann das Gehirn die erlernten Fakten nach und schafft eine positive Prägung. „Auch beim Erwachsenen wachsen ja die Gehirnzellen da noch, wo wir sie trainieren“, lacht Geisselhart. „Das muss ein bisschen geübt sein, aber das macht ja auch Spaß!“ Das Publikum kann’s bestätigen – es machte Spaß, sogar ganz ohne Mittagsschläfchen.

Nach derart kreativer Stärkung stießen auch die übrigen Referate beim Publikum auf gespannte Aufmerksamkeit. Prof. Dieter Horstkotte und Dr. Olaf Oldenburg vom Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen informierten über die wachsende Bedeutung der Herzinsuffizienz und ihrer Behandlung für eine große Gruppe der Schlafapnoiker.

Besonders interessant ist der Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und Kopfschmerzen, auf den Prof. Horst Wiethölter vom Klinikum Stuttgart hinwies. Denn immerhin 

75% der Patienten mit Schlafstörungen haben auch Probleme mit Kopfschmerzen. Migräneattacken zum Beispiel werden oft durch Unregelmäßigkeiten im Schlaf-wach-Rhythmus (etwa längeres Schlafen am Wochenende) ausgelöst. Ganz selten kommt „schlafgebundener“ Kopfschmerz vor, aber umso öfter sind Medikamente für die Kopfschmerzen verantwortlich: „Paradoxerweise stehen gerade Wachmacher wie Koffein und Codein oder Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (Aspirin) ganz oben auf unserer Liste“, hat Wiethölter beobachtet. Deshalb ist bei seiner Visite im Klinikum immer die Hausapothekerin dabei und prüft Wechselwirkungen verschiedener Medikamente: „Diese Wechselwirkungen hat die Schulmedizin allgemein noch zu wenig im Blick.“

 

Wichtig: der Praxisbezug

Ganz praktische Fragen standen dieses Mal beim Gerlinger Patientenkongress bei der Themenauswahl im Mittelpunkt. Viele Besucher waren ja nicht zum ersten Mal da und sind schon Experten in eigener Sache. So ein praktisches Thema bot auch der Vortrag des Tübinger Kinderarztes Dr. Michael Urschitz über „Schlaf und Lernen – beeinträchtigen Schlafstörungen den Schulerfolg unserer Kinder?“. Um es vorwegzunehmen: Sie tun es. Der Zusammenhang von schlechtem Schlaf und schlechten Noten ist erdrückend. Deshalb werden wir ein ausführliches Interview mit Dr. Urschitz noch in einer späteren Ausgabe veröffentlichen. 

Ebenfalls wieder stark besucht: die medizintechnische Ausstellung im Foyer und die Informationsangebote der Selbsthilfegruppen, denn die Sorgen der Patienten in Zeiten knausriger Krankenkassen wachsen. Wo man hinsah, war ein lebhafter Austausch von Betroffenen und Fachleuten zu verzeichnen: Und genau so sollte es sein.

Vergangene Kongresse

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