Kongress des Schlafmagazins 2011

 

25/06 2011

Großer Patientenkongress zum Thema Schlaf in Filderstadt

Marion Zerbst und Werner Waldmann

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Problemen der Menschen. 20% aller Deutschen leiden darunter - das sind rund 16 Millionen Bundesbürger. Und Schlafprobleme sind keineswegs eine Bagatelle - sie können krank machen. Von müdigkeitsbedingten Unfällen über Depressionen bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen reicht die Palette der fatalen Folgen, die eine Schlafstörung haben kann. 

Trotz seiner elementaren Wichtigkeit wird der Schlaf aber auch heute noch viel zu wenig ernst genommen: Schlafprobleme werden bagatellisiert; viele Hausärzte wissen nicht genug über Diagnostik und Behandlung solcher Erkrankungen. Und viele Menschen vernachlässigen den Schlaf schlicht und einfach: Sie glauben, dass es bei unserem heutigen Stress und Leistungsdruck völlig normal ist, schlecht zu schlafen. Oder sie meinen, rund um die Uhr arbeiten und nachts auf Kosten des Schlafs ihrem Vergnügen nachgehen zu können. Doch irgendwann rächt sich das. Wer Nacht für Nacht ein Schlafdefizit aufbaut und dieses nie beseitigt, bei dem nehmen Gesundheit, Konzentrationsvermögen und Leistungsfähigkeit zwangsläufig irgendwann Schaden.

Aufklärung in Sachen Schlaf - wie wichtig er ist, welche Schlafstörungen es gibt und was für Behandlungsmöglichkeiten die heutige Medizin kennt - tut also dringend not. Deshalb veranstaltet die Zeitschrift „das schlafmagazin“ - diesmal in Kooperation mit dem Bundesverband Schlafapnoe und Schlafstörungen Deutschland (BSD) und dem Esslinger Klinikum - alljährlich einen großen Patientenkongress, bei dem Schlafgestörte und Menschen, die sich ganz einfach für das Thema Schlaf interessieren, Neues erfahren und mit Experten ins Gespräch kommen können. Am 25. Juni war es wieder so weit: Etwa 600 Besucher strömten in die Filharmonie in Filderstadt (Bernhausen), um sich in Vorträgen von Schlafexperten aus ganz Deutschland über diesen geheimnisvollen Zustand informieren zu lassen, der der Schlaf nach wie vor ist: Rund ein Drittel unserer Lebenszeit verbringen wir schlafend; und doch wissen die meisten Menschen noch kaum etwas darüber, was während dieser Zeit in unserem Körper und Gehirn passiert. Und auch Wissenschaftler und Mediziner sind dem Phänomen Schlaf noch nicht lange auf der Spur: Die Schlafmedizin ist eine junge Wissenschaft, die erst in den letzten Jahrzehnten so richtig in Fahrt gekommen ist. Inzwischen weiß man, dass während des Schlafs lebenswichtige Regenerations- und Reparaturvorgänge in Körper und Psyche ablaufen - und dass es deshalb auf Dauer gesundheitsschädlich ist, zu kurz zu schlafen. Und man weiß auch, welche Probleme und Erkrankungen den Schlaf stören und die Nacht zum Alptraum machen können: zum Beispiel das Restless-Legs-Syndrom, eine neurologische Erkrankung, bei der abends, wenn man sich zur Ruhe begeben will, quälende Missempfindungen in Füßen und Beinen auftreten, verbunden mit einem nahezu unwiderstehlichen Bewegungsdrang oder auch mit periodisch auftretenden Zuckungen in den Beinen. Erholsamer Schlaf ist so kaum möglich. Oder das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom: krankhaftes Schnarchen mit Atemaussetzern, die den Schlaf zerstückeln und unerholsam machen. Zum Glück gibt es für die meisten dieser Erkrankungen heute effektive Behandlungsmöglichkeiten, mit denen sich das Problem entweder beseitigen oder zumindest so weit in den Griff bekommen lässt, dass der Patient damit gut leben kann. Es sollte sich also niemand mit einer Schlafstörung abfinden in dem Glauben, das Problem werde „irgendwann schon von allein wieder verschwinden“. Denn die meisten Schlafstörungen und schlafbezogenen Erkrankungen sind chronisch oder werden es mit der Zeit, wenn man nichts dagegen unternimmt.

Das gilt leider auch für eines der häufigsten Schlafprobleme: die Insomnien. Hinter diesem Namen verbergen sich Ein- und Durchschlafstörungen, die die verschiedensten Ursachen haben können. Oft steckt eine Stresssituation oder ein belastendes Ereignis dahinter, dass man nicht mehr schlafen kann, sondern stattdessen nachts hellwach ist und Probleme wälzt. Leider haben solche Schlafstörungen die Tendenz, sich zu verselbständigen: Selbst wenn das Problem, das einem den Schlaf geraubt hat, schon längst wieder beseitigt ist, liegt man trotzdem nach wie vor wach, weil Körper und Gehirn inzwischen auf Schlaflosigkeit „programmiert“ sind. Solche chronisch gewordenen Schlafprobleme bekommt man in der Regel nicht allein in den Griff, sondern benötigt dazu ärztliche und manchmal auch psychotherapeutische Hilfe: Medikamente helfen, den „Teufelskreis der Insomnie“ in den Griff zu bekommen, der sich dadurch aufbaut, dass die Angst vor der Schlaflosigkeit einen mit der Zeit immer schlechter schlafen lässt. Parallel zu den Schlafmitteln (von denen viele nur kurzzeitig eingenommen werden dürfen, weil die Gefahr der Abhängigkeitsentwicklung sonst zu groß ist) muss man lernen, wieder gute Bedingungen für einen ungestörten Nachtschlaf zu schaffen: zum Beispiel durch Stressbewältigungs- und Entspannungstechniken wie das autogene Training. So etwas kann man aber nicht einfach aus einem Buch oder anhand einer CD erlernen; effizienter ist es, einen Kurs zu belegen und sich die Sache von jemandem erklären zu lassen, der wirklich etwas davon versteht. Denn solche Techniken wirken nur, wenn man sie sehr gut beherrscht. 

Man kann aber auch vorbeugen, um es gar nicht erst zu einer stressbedingten Schlafstörung kommen zu lassen. Insomnie-Experte Professor Reinhard Steinberg gibt dafür folgenden Tipp: Wer abends nicht einschlafen kann oder nachts wachliegt, weil ihm irgendwelche Gedanken durch den Kopf gehen, der sollte diese auf ihre Wichtigkeit hin überprüfen. Ist es wirklich etwas Bedeutsames, was Ihnen den Schlaf raubt? Ist Ihnen zum Beispiel eingefallen, dass Sie in Ihrer Steuererklärung gestern Abend etwas Falsches eingetragen haben? Dann werden Sie sicherlich nicht wieder einschlafen können, ohne das geregelt zu haben. Knipsen Sie das Licht an und schreiben Sie es auf einen Notizblock, der sicherheitshalber immer auf dem Nachttisch bereitliegen sollte, damit Sie sich am nächsten Tag darum kümmern können. Jetzt können Sie beruhigt einschlafen. Sind die Gedanken, die Ihren Schlaf vertreiben, jedoch nicht so wichtig, dann sollten Sie ein „Ruhebild“ oder eine Fantasiereise dagegensetzen: Stellen Sie sich eine wunderschöne, friedliche Landschaft vor oder gehen Sie in Gedanken Ihren letzten Urlaub durch. Solche angenehmen Bilder beruhigen und lassen Sie leichter in den Schlaf finden. Wenn Sie das konsequent praktizieren, hat eine durch nächtliches Grübeln bedingte Schlafstörung bei Ihnen kaum eine Chance. 

Überhaupt ist Vorbeugung wichtig, um Schlafprobleme mit all ihren negativen Konsequenzen gar nicht erst entstehen zu lassen. Diese Prävention muss - so fordern Schlafexperten - auf mehreren Ebenen ansetzen. Ärzte müssen sich intensiver mit der Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen auseinandersetzen, um ihre Patienten richtig beraten und behandeln zu können. Sie brauchen aber auch mehr Zeit, um die oft recht aufwendigen diagnostischen Maßnahmen und Patientengespräche durchführen zu können. Hier sind Gesundheitspolitiker und Kostenträger gefragt, die für eine angemessenere Honorierung solcher Maßnahmen sorgen müssten. Ferner ist Aufklärung notwendig, die schon in Schulen und Kindergärten ansetzen sollte - denn auch bei unseren lieben Kleinen sind Schlafstörungen bereits gang und gäbe. Aber auch Betroffene können etwas tun: „Wenn Sie ein Schlafproblem haben, sprechen Sie Ihren Arzt darauf an und lassen Sie nicht locker“, rät der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Professor Geert Mayer. „So können Sie dazu beitragen, dass Schlafstörungen künftig ernster genommen werden.“ 

Prof. Dr. K.-H. Rühle moderierte einen Teil der Veranstaltung.
Prof. Dr. Geert Mayer, Präsident der DGSM, eröffnete den Kongress.
Prof. Dr. Barbara Wilhelm, Dieter Wahl (Mitte) und Johannes Reichel (Rechts) führten die Podiumsdiskussion "Hellwach am Steuer".
Posterausstellung "Phänomen Schlaf"
In der Mittagspause wurde das "Schlaflabor der Zukunft" gezeigt.
Große Nachfrage herrschte bei der Maskensprechstunde.
Eindrücke von der Industrieausstellung.
Eindrücke von der Industrieausstellung.
Eindrücke von der Industrieausstellung.
Eindrücke von der Industrieausstellung.

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