Kongress des Schlafmagazins 2009

 

07/11 2009

„Schlaf und Gesundheit“

„Schlaf und Gesundheit“ – so lautete das Motto unseres diesjährigen Kongresses am 7. November. Und wieder einmal wurde klar: Ärzte müssen noch viel stärker über den Tellerrand ihres eigenen Fachgebiets hinausschauen. 

Das gilt nicht nur für Kardiologen (die allmählich schon begreifen, welch wichtige Rolle Schlafprobleme und schlafbezogene Atemstörungen für das Herz-Kreislauf-Risiko spielen), sondern auch für Augenärzte und Fachärzte, die Magen-Darm-Erkrankungen oder sexuelle Funktionsstörungen behandeln.  

Marion Zerbst

 

Der Schlaf überbrückt nicht einfach nur die Nacht, sondern ist eine eigenständige Aktivität, die unserem Wachzustand an Intensität und Komplexität kaum nachsteht. Von Ruhe kann da keine Rede sein, auch wenn es äußerlich vielleicht so wirkt.

In diese spannende Thematik führte Professor Jürgen Zulley ein, einer der ganz großen Stars in der Schlafmedizin, der sich schon seit über 30 Jahren mit dem Gebiet beschäftigt und es versteht, seine Erkenntnisse über erholsamen Schlaf auch Laien auf verständliche, unterhaltsame Weise nahezubringen. „Der komplexe Schlaf“ – so lautete sein Thema; und tatsächlich ist jenes Drittel unseres Lebens, das wir schlafend verbringen, noch längst nicht ausreichend erforscht. Es gibt uns nach wie vor jede Menge Rätsel auf. 

  

Geheimnisvolles Phänomen Schlaf

Dass Schlafen für unsere physische und psychische Gesundheit lebensnotwendig ist, wissen wir schon seit geraumer Zeit. Schlafentzug hält keiner lange durch. Es gibt jedoch auch Menschen, denen gezieltes Nichtschlafen guttut: nämlich Patienten mit Depressionen. Bei ihnen wird (kurzfristiger) Schlafentzug sogar als Therapie eingesetzt, weil sie dadurch aus ihrer Depression herauskommen – aber eben leider nur so lange, bis sie wieder normal schlafen.

Viele Menschen glauben, dass wir nachts schlafen und tagsüber wach sind, weil es abends dunkel wird. Das stimmt aber nur teilweise. „Wenn das der einzige Grund wäre, müssten wir im Winter ja schon abends um fünf schlafen gehen und würden am nächsten Morgen erst um acht wieder aufstehen“, gibt Professor Zulley zu bedenken. In Wirklichkeit hängt unser Schlaf gar nicht so sehr mit dem Hell-dunkel-Wechsel zusammen, sondern es gibt biologische Rhythmen, die als festes genetisches Programm in uns angelegt sind. Diese Biorhythmen bewirken, dass wir nachts weniger leistungsfähig und schmerzempfindlicher sind und dass unsere Stimmung in den Nachtstunden eher gedrückt ist. Aber leider wird diese Erkenntnis nicht nur im klinischen Alltag, sondern auch in der Politik immer noch viel zu wenig berücksichtigt. So wirkt beispielsweise ein und dieselbe Menge eines lokalen Betäubungsmittels zu verschiedenen Zeiten völlig unterschiedlich: „Eine Dosis, die am frühen Morgen nicht mal für zehn Minuten ausreicht, würde am Nachmittag über eine halbe Stunde lang wirken“, so Professor Zulley. „Das ist ein enormer Unterschied.“ Die vom Gesetzgeber diktierte Umstellung von Winter- auf Sommerzeit (und umgekehrt) ist vom Standpunkt unserer inneren Uhr aus gesehen völlig unsinnig, ja sogar gefährlich – denn sie fördert das Unfallrisiko. Und auch die Fahrzeitenregelung bei Berufskraftfahrern ist unzulänglich, denn sie legt nur fest, wie lange man fahren darf, aber nicht wann! Die Tageszeit wird dabei überhaupt nicht berücksichtigt. „Es ist eben nicht egal, ob ein Fernfahrer morgens oder abends losfährt. Wenn er abends um acht Uhr startet, fährt er in eine gefährliche Zeitzone mit extrem hohem Einschlafrisiko hinein.“

 

Falsche Erwartungen schaden dem Schlaf

Und natürlich gibt es auch in der allgemeinen Bevölkerung viele falsche Vorstellungen vom Schlaf, die leider oft dazu beitragen, diesen Zustand, der doch eigentlich der Regeneration und Erholung dienen soll, zu beeinträchtigen. So glauben viele Leute beispielsweise, wirklich gesund und erholsam sei der Schlaf nur dann, wenn man die ganze Nacht durchschlafe. Dabei geht das gar nicht: „Kein Mensch schläft nachts durch“, erklärt Professor Zulley. Neuen Studien zufolge sind vier Aufwachreaktionen pro Stunde völlig normal. Wir werden im Durchschnitt also mindestens 28-mal pro Nacht wach – nur merken wir meist nichts davon, weil diese Aufwachphasen zu kurz sind und wir uns daher am nächsten Morgen nicht mehr an sie erinnern. 

Doch auch wer nachts ab und zu einmal länger wachliegt, sollte sich nicht darüber aufregen, denn: „Entspannung ist der Königsweg in den Schlaf“, so Professor Zulley, der schlafgestörten Menschen in seinen Schlafschulkursen wieder zu besserer nächtlicher Erholung verhilft. Sich selbst unter Druck zu setzen, schadet da nur. Hinzu kommt, dass unser Schlaf in Wirklichkeit oft ganz anders ist, als wir ihn wahrnehmen: Gerade Menschen mit Schlafstörungen neigen dazu, Leichtschlafphasen als Wachzeiten zu empfinden. „Die behaupten dann, wenn wir sie im Schlaflabor wecken, steif und fest, gar nicht geschlafen zu haben“, so Professor Zulley. Solche falschen Erwartungshaltungen und ängstlichen Fixierungen auf den Schlaf muss man abbauen, um mit einer Schlafstörung besser klarzukommen. 

 

Schlafapnoe und Herz-Kreislauf-Risiko

Frau Professor Maritta Orth aus Mannheim gab einen interessanten Überblick über neueste Erkenntnisse auf einem ihrer Hauptforschungsgebiete, der obstruktiven Schlafapnoe.

Aus wissenschaftlichen Untersuchungen weiß man, dass bereits eine leichtgradige unbehandelte Schlafapnoe das Risiko erhöht, an Bluthochdruck zu erkranken: Schon bei bis zu fünf Atemaussetzern pro Stunde steigt das Risiko auf das 1,4-Fache an; bei über 15 Atempausen ist es fast um das Dreifache erhöht. Relativ neu ist jedoch die Erkenntnis, dass das Bluthochdruck-Risiko in Abhängigkeit von der Anzahl der Atemaussetzer nur bei denjenigen Patienten in die Höhe schießt, die mehr als fünfmal im Monat tagesschläfrig sind. Ein unbehandelter Schlafapnoiker ohne Tagesschläfrigkeit hat kein erhöhtes Risiko! Warum das so ist, weiß man noch nicht. Und leider kann man einem Patienten mit Bluthochdruck und Schlafapnoe auch nicht versprechen, dass er seine Blutdruck-Medikamente irgendwann absetzen kann, wenn er sein CPAP-Gerät regelmäßig benutzt. Es ist jedoch eine Senkung des Blutdrucks in Abhängigkeit von der Compliance (d. h. der Dauer der nächtlichen CPAP-Nutzung) zu beobachten.

Auch das Schlaganfallrisiko ist einer neueren Studie zufolge bereits ab einem Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) von über 5 deutlich erhöht. Und auch das Herzinfarktrisiko steigt mit der Anzahl der Atem-aussetzer pro Stunde. Bei Schlafapnoikern treten Herzinfarkte 

überzufällig häufig nachts und in den frühen Morgenstunden auf. Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: „Nachts fährt der Körper seine Kreislaufaktivität sowieso herunter. Wenn jemand bereits unter einer koronaren Herzkrankheit (d. h. einer arteriosklerotischen Verengung der Herzkranzgefäße) leidet und dann infolge nächtlicher Apnoen auch noch die Sauerstoffkonzentration des Blutes sinkt, werden die ohnehin  erkrankten Koronargefäße noch schlechter mit Sauerstoff versorgt als sonst.“

 

Bei Alzheimer CPAP-Therapie erwägen

Ältere Patienten leiden sehr häufig unter Schlafapnoe. Oft wird diese aber nicht erkannt und daher auch nicht behandelt. Das liegt daran, dass die Symptome der Senioren nicht so sehr den klassischen Beschwerden eines Apnoikers (Schnarchen, Atemstillstände, Einschlafneigung bei Tage) entsprechen; sie fühlen sich tagsüber aber müde und unausgeruht und klagen über häufiges nächtliches Wasserlassen. 

„Es wäre wichtig, diese Patienten schlafmedizinisch zu diagnostizieren“, betont Frau Professor Orth, „weil eine obstruktive Schlafapnoe sich auch bei älteren Menschen stark auf die Tagesbefindlichkeit und geistige Leistungsfähigkeit auswirkt.“ Oft wird dann fälschlicherweise eine Demenz vermutet. Eine Studie an Heimbewohnern mit Alzheimer-Krankheit ergab, dass sehr viele dieser Patienten einen AHI von über 20 pro Stunde hatten; und es konnte auch nachgewiesen werden, dass diejenigen Alzheimer-Patienten, die an Schlafapnoe litten, tagsüber ein hohes Aggressionspotenzial aufwiesen und auch in der Nacht viel unruhiger waren als Alzheimerkranke ohne Schlafapnoe. Das gibt zu denken; denn gerade die Unruhe ist bei diesen Patienten eine besondere Herausforderung für Pflegepersonal und pflegende Angehörige. „Man sollte zumindest darüber nachdenken, ob man diese Patientengruppe nicht behandeln könnte“, meint Frau Professor Orth – zumal die Compliance (Therapietreue) bei älteren Menschen, die auf ein CPAP-Gerät eingestellt werden, erstaunlich gut ist. Man muss sie nur langsam und schrittweise an die Maske gewöhnen.

Eine andere Studie an Patienten mit Alzheimer und Schlafapnoe, in der die eine Gruppe einen angemessenen Therapiedruck, die andere dagegen einen subtherapeutischen (also zu niedrigen) Druck erhielt, hat bewiesen, dass CPAP sich tatsächlich positiv auf eine Alzheimer-Demenz auswirkt! Die geistige Leistungsfähigkeit nahm in der Gruppe, die den „richtigen“ Druck bekam, schon nach drei Wochen deutlich zu. Ärzte sollten eine CPAP-Therapie bei Alzheimer-Patienten mit Schlafapnoe daher zumindest erwägen.

 

„Frauen schnarchen nicht!“

Auch bei Frauen ist die obstruktive Schlafapnoe häufig unterdiagnostiziert und untertherapiert; denn auch sie haben oft untypische Symptome. Zum Beispiel fallen sie seltener als ihre männlichen Leidensgenossen durch Schnarchen und Atemaussetzer auf; dafür überwiegen bei ihnen Beschwerden wie Schlafstörungen, Depressionen, Unausgeruhtsein und morgendliche Kopfschmerzen. Oft bekommen sie dann vom Arzt ein Antidepressivum oder Schlafmittel verschrieben – das natürlich nicht hilft. „Es gibt Risikofaktoren, bei denen Frauen den Männern in nichts nachstehen“, erklärt Frau Professor Orth, „nämlich Alter und Übergewicht.“ Kommen dann auch noch die Wechseljahre dazu, so holen sie die Männer in puncto Schnarchen und Schlafapnoe blitzschnell ein. Aber bei einer Frau ist das eben auch heute immer noch ein Tabuthema – oder, wie Ex-DGSM-Chef Jürgen Fischer es einst in treffenden Worten auf den Punkt brachte: „Frauen schnarchen nicht.“

Ärzte sollten – so Frau Professor Orths Botschaft – stärker auf diese unterdiagnostizierten Randgruppen achten. Und das gilt eben nicht nur für die Schlafmediziner, sondern auch für Ärzte anderer Disziplinen: „Was für einen Sinn hat es, in ein verengtes Herzkranzgefäß einen Stent einzusetzen, wenn die Durchblutung des Herzmuskels durch die unbehandelte Schlafapnoe weiterhin schlecht ist?“

 

Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheitspolitik

Dieses brisante Thema wählte Dr. Ingo Fietze aus Berlin. Die Schlafmedizin ist in Deutschland immer noch ein relativ junges Fachgebiet. Erst Anfang der Achtzigerjahre haben Mediziner begonnen, Erkenntnisse der Schlafforschung in die klinische Praxis umzusetzen. Damals wurden sie dafür noch belächelt und mussten sich von ihren Kollegen Sprüche wie „Arbeitest du noch oder schläfst du schon?“ gefallen lassen. Inzwischen hat sich da zum Glück einiges geändert. Die Schlafmedizin rückt immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, und der Bedarf an schlafmedizinischen Leistungen wächst: „In jedem deutschen Schafzimmer gibt es ein Schlafproblem“, so Dr. Fietze. Trotzdem wissen immer noch zu wenige Betroffene und leider auch Ärzte Bescheid über dieses komplexe Thema. Das ist nicht die Schuld der Mediziner, sondern liegt an deren Ausbildung: „Die Schlafmedizin hat in der Lehre noch nicht Fuß gefasst. Wer heute Medizin studiert, weiß am Ende seines Studiums nicht, was eine Insomnie (Ein- und Durchschlafstörung) ist und wie man sie behandelt. Und wenn die Mediziner schon nicht richtig Bescheid wissen, wie sollen die Patienten sich dann auskennen?“

Verschärft wird die Problematik durch Berührungsängste vonseiten der Gesundheitspolitik und der Kostenerstatter: Denn Politik und Krankenkassen haben natürlich Angst vor der Kostenlawine, die auf sie zurollen könnte, wenn tatsächlich alle potenziellen Schlafapnoiker und Schlafgestörten diagnostiziert werden und anschließend einer Behandlung bedürfen. Und sie treffen ihre Entscheidungen leider allzu oft nur mit kurzfristigem Blick aufs Budget – wie beispielsweise bei den Ausschreibungen von CPAP-Geräten für Schlafapnoe-Patienten in den neuen Bundesländern: „Das bringt zwar den Kassen einen finanziellen Nutzen, weil immer mehr Billiggeräte auf den Markt kommen; aber es ist nur ein kurzfristiger Nutzen, weil die Compliance der Patienten unter diesen Bedingungen sicherlich abnehmen wird.“

Letztendlich gilt es auch die Ressourcen der Gesundheitsprävention zu nutzen. Obwohl die Politik hier zurzeit „nur“ die Themen Bewegung und Ernährung unterstützend begleitet, kann und sollte in Zukunft auch der gesunde Schlaf bzw. das gesunde Schlaf-wach-Verhalten in der Prävention und der betrieblichen Gesundheitsfürsorge eine entscheidende Rolle spielen, meint Dr. Fietze. Denn vielen Schlafstörungen – und bis zu einem gewissen Grad auch schlafbezogenen Atemstörungen – kann man vorbeugen!

 

Herzschwäche durch Schlafapnoe

Professor Matthias Leschke vom Klinikum Esslingen präsentierte neue Erkenntnisse zu den Zusammenhängen zwischen Schlafapnoe, Fettleibigkeit und Herzerkrankungen. Als Kardiologe sieht er unter seinen Patienten mit schweren Herzerkrankungen zwangsläufig auch immer wieder Schlafapnoe-Betroffene – Grund genug für ihn, sich intensiv mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. 

Leichtes Übergewicht, so führte er in seinem Vortrag aus, ist neuen Erkenntnissen zufolge gar nicht mal so schlimm: Wer ein paar Pfunde zu viel auf die Waage bringt, lebt länger und wird seltener krank. Problematisch wird es jedoch bei krankhaftem Übergewicht, auch Fettleibigkeit (Adipositas) genannt: Krankhaft ist Übergewicht ab einem Bodymass-Index (BMI) von über 30. Besonders gefährlich ist dabei der „Fußballbauch“, unter dem vor allem Männer leiden – und zwar, weil Bauchfettzellen Substanzen bilden, die die Entstehung von Diabetes und krankhaften Veränderungen am Gefäßsystem fördern. Also nehmen Sie ruhig mal das Metermaß zur Hand: Ab einem Taillenumfang von über 102 cm (bei Männern) bzw. 88 cm (bei Frauen) sind Sie nicht mehr im grünen, sondern im roten Bereich!

Leider sind wir Deutschen europaweit am dicksten – und auch so ziemlich am faulsten: Nur ein Drittel aller Bundesbürger treibt mehrmals in der Woche Sport. 64 % aller Deutschen halten es mit der Devise „No sports“ – oder beschränken ihre sportliche Aktivität auf das Anspornen des Lieblingsfußballteams vor dem Fernsehgerät. So etwas kann auf die Dauer nicht gut gehen. 

Auch zum Zusammenhang zwischen Schlafapnoe und Herzschwäche (Herzinsuffizienz) gibt es neue Erkenntnisse, die Professor Leschke zu unserem Kongress mitgebracht hat. „Schlafbezogene Atemstörungen werden inzwischen als ganz wichtiger Faktor in der Entstehung einer Herzschwäche angesehen“, erklärte er. Die häufigste Form der Herzschwäche ist die diastolische Herzinsuffizienz. Dabei liegt eine Wandverdickung der linken Herzkammer vor, sodass diese sich nicht mehr richtig mit Blut füllen kann. Häufigste Ursachen der diastolischen Herzinsuffizienz sind Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes mellitus, Vorhofflimmern, Herzklappenfehler und – wie man inzwischen weiß – auch eine unbehandelte obstruktive Schlafapnoe: „Je ausgeprägter der Grad der Schlafapnoe, umso häufiger finden wir eine Wandverdickung der Herzkammer und damit eine Einschränkung der Herzfunktion.“ Entscheidend ist dabei vor allem das Ausmaß der Sauerstoffentsättigung: Je weniger sauerstoffhaltig das Blut in der Nacht ist, umso höher steigt das Risiko der Entwicklung oder Intensivierung einer Herzschwäche. Aber auch die hohen Stresshormonspiegel während der nächtlichen Apnoen fördern die Herzinsuffizienz. Auch aus diesen Gründen ist eine konsequente Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe so wichtig.

 

Zu volle Teller?

Professor Michael Geißler, Facharzt für Magen-Darm-Erkrankungen am Klinikum Esslingen, berichtete über Sodbrennen und Schlaf. Auch hier gibt es Zusammenhänge: Unter der Refluxkrankheit – also dem durch Säurerückfluss vom Magen in die Speiseröhre ausgelösten Sodbrennen – leidet bei uns immerhin jeder Vierte bis Fünfte. Sodbrennen ist also mittlerweile fast schon eine Volkskrankheit. Und es kann auch den Schlaf beeinträchtigen: Denn das Brennen in der Mitte des Brustkorbs tritt häufig nachts auf – die Patienten wachen auf und finden dann oft keinen erholsamen Schlaf mehr. 

Was tun? Zunächst einmal sollte man die wichtigsten Ursachen – Rauchen, Alkohol und Übergewicht – meiden. Übergewicht wirkt sich negativ auf den Schließmuskel am Übergang vom Magen zur Speiseröhre aus. Und vor allem sollte man – insbesondere abends – nicht so viel essen: Denn Überessen begünstigt Magendehnung und damit Reflux. „Unsere Teller sind einfach zu voll“, sagt Professor Geißler, der einmal einen kritischen Blick auf die Portionen geworfen hat, die in den Restaurants abends oft serviert werden. Falls diese und andere Maßnahmen nichts nützen, muss medikamentöse Abhilfe geschaffen werden. „Protonenpumpenhemmer“ heißen die Mittel, die die Magensäureproduktion verringern und mit denen man das Problem gut in den Griff bekommen kann. Eines aber sollte man auf gar keinen Fall tun: zu rezeptfreien Mittelchen greifen, die es in der Apotheke zu kaufen gibt. Diese säurebindenden Mittel (Antazida) lindern die Beschwerden zwar vorübergehend, lösen aber nicht das zugrunde liegende Problem – die gereizte Speiseröhrenschleimhaut, aus der sich bei dauerhaft bestehendem unbehandeltem Reflux mit der Zeit sogar Speiseröhrenkrebs entwickeln kann. 

 

Unterkieferprotrusionsschienen: Öffnung der Atemwege auf allen Ebenen

Über die Zusammenhänge zwischen Schlaf- und Zahnmedizin berichtete Frau Dr. Susanne Schwarting. Die Gründerin der Deutschen Gesellschaft Zahnärztliche Schlafmedizin (DGZS) war die Erste, die sich um die Therapie der obstruktiven Schlafapnoe mit Unterkieferprotrusionsschienen gekümmert hat. Frau Dr. Schwarting betreibt eine Zahnarztpraxis in Kiel und ist seit 1997 auf „Schnarchschienen“ spezialisiert. Sie arbeitet interdisziplinär mit Pneumologen, Schlaflaboren und HNO-Ärzten zusammen und ist rund um den Globus unterwegs, um Zahnärzte – und natürlich auch Betroffene – über diesen noch relativ jungen Zweig der Zahnmedizin zu informieren. 

Unterkieferprotrusionsschienen stellen heute eine anerkannte Behandlungsmöglichkeit für leicht- und mittelgradige Schlafapnoe dar und werden in den Leitlinien nationaler und internationaler schlafmedizinischer Fachgesellschaften empfohlen. Außerdem sind sie auch eine Lösung für Patienten mit schwergradiger Schlafapnoe, die mit CPAP-Therapie und Maske nicht zurechtkommen. In ihrem Vortrag gab Frau Dr. Schwarting einen Überblick über moderne, individuell nach Gebissabdrücken angefertigte Zweischienensysteme, die sich durch hohe Effektivität und guten Tragekomfort auszeichnen. 

Der Wirkmechanismus dieser Schienen ist ganz einfach: „Bei Schlafapnoe verlegt die Zunge den Atemweg; das Gaumensegel erschlafft. Die Protrusionsschiene verlagert den Unterkiefer nach vorne und öffnet auf diese Weise die Atemwege“, erklärt Frau Dr. Schwarting. „Da Unterkiefer und Zunge miteinander zu einer Einheit verwachsen sind, kommt dadurch auch die Zunge nach vorne. Das Gaumensegel wird ebenfalls durch Muskeln nach vorn gezogen; und auch auf der Ebene des Kehldeckels findet eine Öffnung der Atemwege statt. Gleichzeitig wird durch diese Vorschubbewegung die Muskulatur tonisiert, d. h., sie wird straffer, und die Zunge fällt nicht mehr wie ein schlaffer Sack nach hinten.“

Die Anpassung der Schienen muss durch schlafmedizinisch fortgebildete Zahnmediziner erfolgen, die interdisziplinär mit den Schlaflaboren zusammenarbeiten. Adressen solcher Ärzte findet man auf der Internetseite der DGZS (www.dgzs.de). 

 

Ein Vergnügen, das nichts kostet

Auch vor Tabuthemen hat das Schlafmagazin noch nie Halt gemacht. Und eines der wichtigsten Tabuthemen, die (wenn auch nur indirekt) den Schlaf betreffen, ist sicherlich die Impotenz oder, wissenschaftlich ausgedrückt, die „erektile Dysfunktion“ – d. h. die Unfähigkeit, auf natürlichem Weg eine für den Geschlechtsverkehr ausreichende Erektion zu bekommen.

Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von Prostataoperationen über Diabetes bis hin zu Gefäßerkrankungen. Auch eine unbehandelte obstruktive Schlafapnoe kann zur Entstehung von Potenzproblemen beitragen. Viele betroffene Männer fühlen sich als Versager, schweigen das Problem tot und verzichten lieber auf eine befriedigende Partnerschaft, statt das Problem konstruktiv anzugehen. Genau das, so meint unser Referent Günther Steinmetz, sollte man nicht tun. Denn schließlich ist Sexualität ein Vergnügen, für das man nichts zahlen muss und das keinerlei Nebenwirkungen hat. Zweitens gibt es heute viele Möglichkeiten, trotz Potenzstörungen eine glückliche, lustvolle Beziehung zu führen. Dazu bedarf es freilich zunächst mal einer kompetenten Beratung durch einen Arzt. Von den Mittelchen, die viele Männer sich in so einer Situation heimlich aus dem Internet beschaffen, ist unbedingt abzuraten, denn in der Regel kosten sie nur Geld, ohne etwas Positives zu bewirken – und außerdem weiß man oft nicht, was drin ist, und gerade bei Arzneimitteln, die man sich per Internet aus dem Ausland beschafft, ist man vor unangenehmen Überraschungen oder gar gefährlichen Nebenwirkungen nicht gefeit. 

Zum Arzt sollte man(n) mit Potenzstörungen schon deshalb gehen, weil solche Probleme erstes Warnsignal einer Gefäßerkrankung sein können, die unbehandelt vielleicht irgendwann zum Herzinfarkt oder Schlaganfall führt. Denn von Durchblutungsstörungen aufgrund einer Arteriosklerose sind die kleinen Blutgefäße im Penis natürlich am allerehesten betroffen. Man muss also den Mut finden, über das Problem zu reden – nicht nur mit dem Arzt, sondern natürlich auch mit der Partnerin. Hat man diese Hürde erst einmal gemeistert, stehen so viele Lösungsmöglichkeiten offen, dass garantiert für jedes betroffene Paar etwas Passendes dabei ist. Und noch ein tröstendes Wort hat Günther Steinmetz (der das Problem aus eigener Erfahrung kennt) für Männer in dieser sicherlich nicht einfachen Situation: „Ein Mann mit erektiler Dysfunktion kann ein guter Liebhaber sein“, sagt er. Das Potenzproblem kann sogar dazu führen, dass der Mann sich mehr Gedanken macht und anfängt, mit seiner Partnerin über ihre sexuellen Wünsche und Vorlieben zu reden. Und das hat bisher noch keiner Beziehung geschadet. 

 

Schlafapnoe und Augenerkrankungen

Sogar zwischen Sehvermögen und nächtlicher Atmung gibt es Zusammenhänge. Diese beleuchtete Frau Professor Barbara Wilhelm von der Universitäts-Augenklinik Tübingen und zeigte Vorbeugungs- und Behandlungsmöglichkeiten auf. Denn schließlich gibt es kaum etwas Kostbareres als unser Augenlicht. So stellt das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom einen Risikofaktor für den grünen Star (Glaukom) dar, vor allem für eine bestimmte Form des Glaukoms mit normalen Augeninnendruckwerten. Der grüne Star ist eine der häufigsten Erblindungsursachen und seine Früherkennung daher von großer Bedeutung. Eine frühzeitige Einstellung der nächtlichen Atmungsstörung wirkt sich positiv auf den Erhalt der Sehfunktion aus. 

Eine andere Augenerkrankung, der Sehnerveninfarkt, gilt als einer der Notfälle in der Augenheilkunde, für die es noch keine wirksame Behandlung gibt. Dabei kommt es zu einer plötzlichen, schmerzlosen Sehverschlechterung mit horizontal begrenztem Gesichtsfeldausfall; oft führt sie zur Berufsunfähigkeit. Zu den Risikofaktoren gehören neben obstruktiver Schlafapnoe Bluthochdruck, zu hohe Cholesterinwerte, Rauchen und ein enger Sehnervenkanal bzw. kleiner Sehnervenkopf. Mitunter werden Patienten erst durch das Eintreten eines solchen Infarkts einer schlafmedizinischen Diagnostik und Therapie zugeführt. Das kann einer Erkrankung des zweiten Auges wirksam vorbeugen – denn in 10 bis 20 % aller Fälle erkrankt auch dieses später an einem Sehnerveninfarkt, wenn man nichts dagegen tut. 

Auch Frau Professor Wilhelm appellierte daher an alle Ärzte, über die Grenzen ihrer eigenen Disziplin hinauszuschauen. Augenärzte sollten ihre Patienten nach der Qualität ihres Schlafs, Schlafmediziner nach ihrem Sehvermögen fragen. Bei Menschen, die an Schlafapnoe leiden, ist eine regelmäßige augenärztliche Kontrolle wichtig, um bei Problemen rechtzeitig gegensteuern zu können. 

Dr. Manfred Held aus Kempten stellte den ganzen Vormittag über seine Schlafschule vor. Ein- und Durchschlafstörungen sind weit verbreitete Störungen. Meistens kann keine organische Ursache gefunden werden. Schlaftabletten sollten nur eine vorübergehende Hilfe darstellen. Ganz entscheidend für die Behebung von Schlafstörungen sind verhaltensändernde Maßnahmen und eine Verbesserung der Schlafgewohnheiten. Zusätzlich sollten Schlafgestörte wissenschaftlich korrekte Informationen über den Schlaf erhalten, damit falsche Vorstellungen über den sogenannten „gesunden Schlaf“ das Schlafverhalten nicht noch zusätzlich stören. Diese umfangreichen Aufgaben lassen sich nicht während der normalen Sprechstunde bewältigen. Hierzu ist ein mehrstündiger Kurs erforderlich, wie er seit Jahren im Schlaflabor des Klinikums Kempten sehr erfolgreich angeboten wird. Einen Über- und Einblick in die Schlafschule Kempten vermittelte die Präsentation in Filderstadt.

Lilo Habersack von RLS e. V. sprach über die Bedeutung der Selbsthilfe. Es gab interessante Tipps bezüglich der Kooperation zwischen Betroffenen, der Ärzteschaft, den Krankenkassen, dem Gesundheitswesen überhaupt und der Presse.

Von Ulrich Obergfell, dem Vorsitzenden des Landesverbandes Baden-Württemberg Schnarchen-Schlafapnoe e. V., gab es Ratschläge für Patienten mit CPAP-Geräten und Atemmasken. Ebenso von Thomas Reins von der Firma Fisher & Paykel, der ausführlich über den Luftbefeuchter referierte.

Prof. Michael Schredl von der Universität Mannheim sprach über Ursachen und Inhalte von Alpträumen und gab einfache Anleitungen zum Umgang mit ihnen.

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