Thementag Schlaf 2012

Thementag Schlaf 2012, 5.5.2012

 

Berichte

Fragen und Probleme rund um Thema Schlaf

Noch bis vor kurzem schenkte man dem Schlaf kaum Beachtung.  Viele Menschen empfanden ihn als lästig, weil er ihnen Zeit stahl, die sie gerne für andere, „wichtigere“ Tätigkeiten genutzt hätten. „Schlaf ist Geldverschwendung“, soll der irische Schriftsteller Oscar Wilde gesagt haben. Inzwischen wissen wir, dass es uns eine Menge Geld kosten kann, wenn wir nicht genügend schlafen oder wenn mit unserem Schlaf etwas nicht stimmt. Wer abends die Waschmaschine anstellt und anschließend vor dem Fernsehapparat einschläft, ist schadenersatzpflichtig, wenn sich der Schlauch löst und eine Überschwemmung verursacht, so ein Gerichtsurteil. Und wenn nachgewiesen wird, dass ein Autounfall im Rahmen einer Schlafattacke aufgetreten ist, muss der Fahrer damit rechnen, nicht die volle Kostenerstattung von seiner Versicherung zu erhalten. Wie diese beiden Beispiele zeigen, kann Tagesschläfrigkeit uns ganz schön teuer zu stehen kommen. Meist steckt ein zu kurzer oder gestörter Schlaf dahinter. 

 

Schlafwandler erwürgt Ehefrau

 

Schlafprobleme können sogar Menschenleben kosten. Beispielsweise das des Partners, wenn sein Bettnachbar nachts wild um sich schlägt oder im Schlaf gewalttätig wird – was übrigens gar nicht so selten vorkommt. „Schlafwandler erwürgte Ehefrau“ – so war erst vor kurzem wieder als Schlagzeile in einer Zeitschrift zu lesen. Der chronische Schlafwandler Brian Thomas tötete seine Frau, weil er sich im Traum mit einer Horde aggressiver Jugendlicher herumschlagen musste und diese wohl mit seiner Bettpartnerin verwechselte. Erst am nächsten Morgen, als er neben ihrem leblosen Körper aufwachte, begriff er, was er getan hatte, und rief die Polizei an. Die Staatsanwaltschaft hat in solchen Fällen die schwierige Aufgabe, festzustellen, ob der Täter wirklich im Schlaf gehandelt hat oder ob das nur eine Schutzbehauptung ist. Im Fall von Brian Thomas plädierte sie auf „nicht schuldig“.Aber auch das eigene Leben kann in Gefahr geraten, wenn der Nachtschlaf gestört ist. Nämlich dann, wenn man sich übermüdet ans Steuer setzt und einen Unfall verursacht. Einschlafen am Steuer ist die häufigste Ursache für schwere Verkehrsunfälle. Der Berufskraftfahrer, der mit unzähligen Tassen Kaffee gegen seine Tagesschläfrigkeit ankämpfen muss; der Familienvater, der mit seiner Familie nach Feierabend noch in den Urlaub aufbricht, weil nachts weniger Verkehr auf den Straßen ist; der Schlafapnoiker, der nichts von seiner Krankheit weiß und sich wundert, warum ihm am Steuer immer wieder die Augen zufallen – sie alle leben gefährlich, denn Sekundenschlaf kann tödlich sein. Um dieses wichtige Thema ging es in einer Podiumsdiskussion mit dem Leiter einer Schlafapnoe-Selbsthilfegruppe, einem Autobahnpolizisten, einem Juristen und einem Schlafmediziner.

 

Macht zu wenig Schlaf krank, dumm und dick?

 

Die Schlafmedizin ist eine noch recht junge Wissenschaft, die es in Deutschland erst seit rund 30 Jahren gibt. In diesen drei Jahrzehnten wurde eine Menge erreicht: Schlafstörungen und Schnarchen sind aus der Ecke einer bloßen Befindlichkeitsstörung herausgerückt, und man hat erkannt, dass dauerhaft gestörter Schlaf Krankheitswert hat. Für Schlafapnoe – krankhaftes Schnarchen mit Atemaussetzern – gibt es inzwischen eine wirksame Therapie und ein dichtes Netz von Selbsthilfegruppen, die den Betroffenen den Umgang damit erleichtern. Patienten mit Restless-Legs-Syndrom (der Krankheit der unruhigen Beine, der Ärzte früher entweder ungläubig oder hilflos gegenüberstanden) kann mit Medikamenten inzwischen sehr gut gegen ihre nächtlichen Missempfindungen geholfen werden. Auch heute schütteln leider noch viele Ärzte den Kopf, wenn ein Patient über Schlafstörungen klagt. Aber Schlafprobleme werden mittlerweile doch sehr viel ernster genommen als früher, und ein ganzer Wissenschaftszweig, die Somnologie, beschäftigt sich mit ihrer Diagnostik und Therapie. Laut Prof. Jürgen Zulley, einem Pionier der deutschen Schlafmedizin, macht zu wenig Schlaf krank, dumm und dick. Und das ist keineswegs nur eine provokative Behauptung: Es gibt Hunderte von Studien, die belegen, dass es tatsächlich stimmt. Wie kann schlechter oder zu kurzer Schlaf uns krank machen? Ganz einfach: Während des Schlafs laufen wichtige geistige und körperliche Reparatur- und Regenerationsprozesse in unserem Organismus ab. Werden sie permanent gestört, können Krankheiten auftreten. So bestehen z. B. enge Zusammenhänge zwischen gestörtem Schlaf und unseren großen Volkskrankheiten: Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen. Durch Schlafmangel werden Entzündungsprozesse im Körper in Gang gesetzt, die zu Herz- und Gefäßerkrankungen führen können. Und das Depressionsrisiko steigt durch zu wenig Schlaf sogar um das Vierfache. Wer zu wenig schläft, altert schneller und stirbt früher. Wunden heilen langsamer, und das Immunsystem wird geschwächt. So reduziert sich durch Schlafmangel beispielsweise die Anzahl der Killerzellen, welche von Krankheitserregern befallene Zellen oder Krebszellen erkennen und zerstören. Und wer zu wenig schläft, erkältet sich auch leichter: In einer Studie wurden gesunde Versuchspersonen mit Erkältungsviren besprüht. Anschließend durfte die Hälfte der Probanden schlafen; die anderen 50 % mussten die Nacht über wachbleiben. Diejenigen Versuchspersonen, die nicht geschlafen hatten, bekamen dreimal so häufig eine Erkältung wie die anderen.Gehirnforscher haben festgestellt, dass Schlaf auch die Speicherung neuer Informationen verbessert – Schlafstörungen gehen mit einer verminderten Gedächtnisspeicherung einher. Schon drei Nächte mit Schlafbegrenzung verschlechtern das Gedächtnis und die Reaktionsgeschwindigkeit. Kurzschläfer haben auch ein erhöhtes Risiko, zu viele Pfunde auf die Waage zu bringen – selbst wenn sie sich tagsüber mehr bewegen (weil sie ja länger wach sind) und somit mehr Kalorien verbrennen. Durch zu kurzen Schlaf sinkt der Spiegel des Sättigungshormons Leptin im Körper; man hat also mehr Hunger und bekommt manchmal sogar richtige Fressattacken. 

 

Wie viel Schlaf braucht der Mensch?

 

Und wie lange soll man denn nun eigentlich schlafen, um nicht krank, dumm und dick zu werden? Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Wie viel Schlaf wir brauchen, ist nämlich genetisch festgelegt. So gibt es ausgesprochene Kurzschläfer, die sich schon nach sechs Stunden Schlaf topfit fühlen, und Langschläfer, für die es mindestens acht oder neun Stunden sein sollten. „Eine wissenschaftlich exakte Definition, wie viel Schlaf notwendig ist, existiert nicht“, meint Zulley.Die geschlafenen Stunden zu zählen, hat also keinen Sinn; das macht nur nervös und vertreibt den Schlaf. Viel besser ist es, darauf zu achten, wie man sich tagsüber fühlt: Ist man ausgeschlafen und leistungsfähig, so hatte man genügend Schlaf. Fühlt man sich noch müde oder wird gar von Einschlafattacken geplagt, so war der Schlaf vielleicht zu kurz. Und wenn man sich tagsüber wie gerädert fühlt und ständig einzuschlafen droht, obwohl man acht Stunden oder noch mehr geschlafen hat, dann stimmt wahrscheinlich die Schlafqualität nicht. Es gibt nämlich auch Schlafstörungen, von denen man selbst nicht unbedingt etwas merkt – beispielsweise Schlafapnoe oder nächtliche Beinbewegungen –, die aber den Schlaf fragmentieren und unerholsam machen. Wer also immer wieder unter Tagesschläfrigkeit leidet, obwohl er meint, genug geschlafen zu haben, sollte unbedingt einen Arzt zu Rate ziehen.