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Der Schlaf – das geheimnisvollste Drittel unseres Lebens

Wir alle schlafen, müssen schlafen, wollen schlafen. Guter Schlaf ist keine Selbstverständlichkeit. Solange er ungestört ist, denken wir meist nicht weiter darüber nach. Liegt jedoch eine Schlafstörung vor, so kann sie für den Betroffenen zu einem ernst zu nehmenden Gesundheitsproblem werden – mit teilweise gravierenden Auswirkungen auf Arbeitsfähigkeit, Verkehrstüchtigkeit, beruflichen und sozialen Erfolg, Krankheitsstand und Sterblichkeit. 

von Dr. med. Wolfgang Sperber

Schlaf ist eine periodisch auftretende Ruhepause mit geringer körperlicher Aktivität, in der wir unsere Umwelt kaum wahrnehmen. Ein Schlafender erscheint dem Außenstehenden zunächst wie bewusstlos. Der Unterschied ist, dass Schlafende im Gegensatz zu Menschen, die sich im Koma oder in Narkose befinden, durch Wecken leicht in den Wachzustand zurückgeführt werden können. 

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Schlaf als passiver, inaktiver Zustand betrachtet. Diese jahrhundertelang vorherrschende Sichtweise ist in der griechischen Mythologie begründet. Hypnos, der Gott des Schlafes, brachte Menschen und Tieren den Schlaf. Er lebte in einem düsteren Tal, das vom Fluss des Vergessens bewässert wurde. Sein Bruder war Thanatos, der Gott des Todes – daran erkennt man schon die enge Verwandtschaft, die in der Antike zwischen Schlaf und Tod gesehen wurde. Der römische Dichter Ovid hat den Schlaf „Abbild des Todes“ genannt; und für die Germanen waren Schlaf und Tod Geschwister, die beide als „Sandmann“ bezeichnet wurden. Das Sandmännchen hat sich ja in der Vorstellungswelt der Kinder bis in die heutige Zeit hinein erhalten. Schon Hippokrates, der Vater der Heilkunst, wusste, dass der Mensch im Schlaf abkühlt, und schloss daraus, dass der Schlafzustand auf einer Flucht von Blut und Wärme ins Innere des Körpers beruhe. 

Hippokrates hat um 400 v. Chr. auch Schlaf und Wachheit als krankhaft betrachtet, wenn sie im Übermaß auftreten; und der berühmte Arzt Paracelsus vermutete, der Schlaf beseitige die durch die Arbeit am Tag aufgetretene Ermüdung und erquicke den Menschen – zwei Erkenntnisse, die unserem modernen Wissen zum Thema Schlaf schon etwas näher kommen. 

 

Warum müssen wir schlafen?

Aus der Sicht der heutigen Wissenschaft gilt Schlaf als komplexer neurophysiologischer Zustand, an dessen Regulation verschiedene Nervenzentren im Gehirn beteiligt sind. Es gibt kein alleiniges Schlafzentrum; beteiligt sind Hirnstamm, Thalamus, Hypothalamus und auch die Hirnrinde. 

Auf die Frage, warum Menschen schlafen müssen, gibt es bisher keine wissenschaftlich befriedigende Antwort. Fest steht, dass jeder Mensch der Notwendigkeit zu schlafen ausgeliefert ist, ob er nun will oder nicht. Einige Menschen schlafen kürzer, einige länger; manchen genügen vier oder fünf Stunden Schlaf, andere benötigen zehn oder zwölf Stunden. Das Mittel liegt irgendwo bei sieben Stunden und 15 Minuten – wir verschlafen im Durchschnitt also fast ein Drittel unseres Lebens. Eine optimale Schlafdauer ist dann erreicht, wenn man sich morgens frisch und ausgeruht und leistungsfähig fühlt.

Die Schlafdauer verändert sich übrigens im Lauf des Lebens: Ein neugeborenes Kind schläft noch 16 bis 20 Stunden; diese Zeit nimmt dann im Erwachsenenalter ab. Ältere Menschen schlafen nicht weniger, ihr Schlaf ist nur häufig anders über den Tag verteilt – mit einer oder mehreren Schlafpausen am Tage. 

 

Der Stoff, aus dem die Träume sind ...

Heute weiß man, dass der Schlaf keine durchgehende periodische Ruhepause ist, sondern in seiner Architektur, die wir im EEG nachverfolgen können, charakteristische Muster zeigt. Anhand der Hirnströme erkennt man einen rhythmischen Wechsel zwischen dem von schnellen Augenbewegungen (Rapid Eye Movements) und lebhaften Träumen gekennzeichneten REM-Schlaf und dem Non-REM-Schlaf, in dem wir zwar auch träumen – aber sehr viel weniger lebhaft und ereignisreich. Im EEG kann man Ermüdungs-, Einschlaf-, Schlaf- und Tiefschlafphasen voneinander abgrenzen, typische physiologische wie auch krankhafte Veränderungen erkennen und Rückschlüsse daraus ziehen. 

Eine einzelne Folge aus REM- und Non-REM-Schlaf wird als Schlafzyklus bezeichnet und dauert in der Regel zwischen 80 und 110 Minuten. Tiefschlafphasen treten bevorzugt im ersten Nachtdrittel auf; gegen Morgen wird der Non-REM-Schlaf flacher. Traumreiche Schlafphasen sind hingegen vermehrt in der zweiten Nachthälfte zu finden: Die letzte REM-Schlafphase vor dem Erwachen kann 30 bis 50 Minuten dauern. So kommt es, dass wir uns vor allem bei längerem Ausschlafen am Wochenende an unsere morgendlichen Träume erinnern. Für die Funktion des Träumens gibt es unterschiedliche Erklärungsmodelle. Auch die moderne Traumforschung hat das Rätsel des Traums nicht letztlich gelöst – die Frage, ob der Traum für uns lebensnotwendig ist oder einen Luxus der Natur darstellt, bleibt unbeantwortet. 

Es scheint aber festzustehen, dass Trauminhalte oft mit Tagesereignissen in Verbindung stehen und dass Träume eine informationsverarbeitende Funktion haben, das Lernen und die Gedächtnisleistung fördern. 

 

Schlafstörungen – ein weit verbreitetes „Volksleiden“

Krankheiten können die Dauer des Schlafes verändern. Schlafstörungen sind ein häufiges Problem. In den westlichen Industrieländern geht man von einer Häufigkeit von Schlafstörungen bei ungefähr 20 bis 30 % der Bevölkerung aus; die Hälfte davon hat eine schwere, behandlungsbedürftige Schlafstörung. Etwa 20 Millionen Deutsche sind von Ein- oder Durchschlafproblemen betroffen, 36 Millionen klagen über eine mangelnde Erholsamkeit des Schlafes, 24 Millionen leiden unter Tagesmüdigkeit und 30 Millionen unter zu kurzem Schlaf. 

Körperliche Erkrankungen, psychiatrische Störungen, übermäßiger Alkoholkonsum, Medikamente und andere Suchtstoffe machen über zwei Drittel der Schlafstörungen in den Spezialambulanzen für Schlafmedizin aus. Schlafstörungen, die länger als vier Wochen dauern oder mehrfach pro Woche auftreten, müssen ärztlich abgeklärt werden. Die Liste der körperlichen Erkrankungen, die eine Schlafstörung oder Schlaflosigkeit auslösen können, ist lang: Atemwegserkrankungen, Diabetes, epileptische Anfälle, Herzinsuffizienz – sie alle können den Schlaf beeinträchtigen. Die häufigsten Formen von Schlafstörungen entstehen jedoch infolge falscher Schlafhygiene, durch Stress, unbewusste seelische Konflikte oder nächtliche Unruhe und Grübelzwänge bei depressiven Patienten oder Angsterkrankten. Auch Schichtarbeit kann den Schlaf-wach-Rhythmus stören, ebenso Alkoholmissbrauch, Drogen und Medikamenteneinnahme. Je mehr Medikamente eingenommen werden müssen, umso größere Auswirkungen sind auch auf das Schlafverhalten zu erwarten. Weitere recht häufige Schlafstörungen sind ruhelose Beine (Restless Legs), die ausgerechnet abends, wenn man einschlafen möchte, qualvoll zu kribbeln und zu zucken anfangen, und das Schlafapnoe-Syndrom (krankhaftes Schnarchen mit Atemstillständen). 

Angesichts dieser Vielzahl möglicher Schlafstörungen ist zunächst einmal eine ausführliche Diagnostik wichtig – nur so kann die geeignete Therapie für den jeweiligen Patienten gefunden und eingeleitet werden. Dementsprechend vielfältig ist auch die Palette der Fachdisziplinen, die sich mit der Behandlung von Schlafstörungen befasst: Sie reicht von Psychologen, Psychotherapeuten und Neurologen bis hin zu Fachärzten für Atemwegs- oder Herzerkrankungen. Ohne ein partnerschaftliches Zusammenwirken dieser verschiedenen Fachdisziplinen ist eine erfolgreiche Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen kaum möglich.

Schlaflexikon: Schlaf