29/02 2016

23. DGSM-Jahrestagung in Mainz:

Leben wir in einer schlaflosen Gesellschaft?

„Im Wald spinnt sich wohliges Dunkel von Baum zu Baum. Schlaftrunk’nes Himmelsgefunkel trägt dich von Traum zu Traum.“ So idyllisch wie in Michael Bauers Gedicht „Abend in der Pfalz“ geht es in unserer heutigen Welt leider kaum noch zu: Ständige Erreichbarkeit per E-Mail und Smartphone, Schichtarbeit und allgegenwärtiger Verkehrslärm haben uns in eine 24-Stunden-Gesellschaft verwandelt. Auch der zunehmende Arbeitsstress raubt immer mehr Menschen den Schlaf.

Werner Waldmann, Marion Zerbst

Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im Schlaf. Je nach unserer individuellen Schlafdauer und dem Lebensalter, das wir erreichen, verschlafen wir 19 bis 26 Jahre unseres Lebens! Schon das ist ein Beweis dafür, dass diese nächtliche Ruhephase eine wichtige Funktion erfüllen muss: „Sonst hätte die Natur das nicht so eingerichtet“, betont der Schlafmediziner und Psychologe Dr. Hans-Günter Weeß.
Wie wichtig dieses Lebensdrittel ist, das wir schlafend verbringen, zeigt die Forschung der letzten Jahre: Während wir schlafen und das Bewusstsein ausgeschaltet ist, verarbeitet unser Gehirn alles, was wir am Tag erlebt und gelernt haben. Neue Lernerfahrungen werden im Schlaf noch einmal wiederholt, sortiert, geordnet und schließlich fest im Langzeitgedächtnis gespeichert. Auch unser Körper regeneriert sich im Schlaf. Schlafmangel und Schlafstörungen schwächen das Immunsystem und können Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, aber auch psychische Probleme wie Depressionen und Angststörungen verursachen.  

Aber: „Schlaf ist in unserer heutigen Gesellschaft leider nicht mehr ‘in’“, stellt Dr. Weeß fest. „Bis heute hat das Ansehen des Schlafes vor allem in den westlichen Industrienationen sehr gelitten. Nicht wenige Menschen sind nach wie vor davon überzeugt, dass der Schlaf ein notwendiges Übel ist, das auf ein Minimum beschränkt werden sollte. Führungskräfte, Politiker und Manager liefern sich einen Wettstreit, wer am wenigsten Schlaf benötigt. Während die Deutschen Anfang des 20. Jahrhunderts im Durchschnitt noch acht bis neun Stunden schliefen, sind wir heute bei gut sieben Stunden angelangt.“
„Die schlaflose Gesellschaft“ – das war das Motto der 23. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) in Mainz. Wo liegen die Ursachen unseres wachsenden Schlafdefizits, und was kann man dagegen tun?


Lärm rund um die Uhr

Viele Störfaktoren liegen in unserer modernen Zivilisation begründet, deren Annehmlichkeiten wir heute nicht mehr missen möchten – die unserem Schlaf aber eben leider nicht immer zuträglich ist. Wer empfindet es nicht als angenehm, mit dem ICE oder Flugzeug innerhalb von ein paar Stunden nach Paris, Istanbul oder Hongkong reisen zu können? Für viele Politiker, Manager und Geschäftsleute sind unsere modernen Verkehrsmittel längst unentbehrlich geworden.

Die Kehrseite der Medaille ist die ständige Geräuschkulisse, die diese Verkehrsmittel erzeugen. Umweltlärm durch Straßen-, Bahn- und Flugverkehr kann den Schlaf nachhaltig beeinträchtigen und die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Welche Art von Verkehrslärm den stärksten Einfluss hat, ist bisher nicht eindeutig geklärt. Im Rahmen der vor kurzem veröffentlichten NORAH-Studie wurde nächtlicher Fluglärm im Vergleich zu Bahn- oder Straßenlärm als belästigender empfunden.   


Jeder dritte Schichtarbeiter leidet unter Schlafstörungen

Ein weiteres zunehmendes Problem ist die Schichtarbeit. In Schwerin, Berlin und anderen Städten haben erste Kitas schon rund um die Uhr geöffnet – und was bleibt ihnen auch anderes übrig, wenn Eltern Tag und Nacht im Einsatz sind? Tatsächlich erfordert unsere 24-Stunden-Gesellschaft immer mehr Schichtdienst: 2012 arbeitete jeder elfte Arbeitnehmer in Deutschland nachts – Männer deutlich häufiger als Frauen. 2014 leisteten schon 16 % aller Deutschen Schichtarbeit.

Die Auswirkungen auf Schlaf und Gesundheit sind immens: Mehr als 30 % aller Schichtarbeiter klagen über Schlafstörungen. Darüber hinaus haben sie ein höheres Risiko für Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem ist das Unfallrisiko bei Schichtarbeitern auf dem Nachhauseweg um das bis zu Achtfache erhöht. Ein erhöhtes Krebsrisiko ist wissenschaftlich noch nicht gesichert; viele Untersuchungen deuten jedoch darauf hin.

Ein Problem der meisten wissenschaftlichen Studien zum Thema Schichtarbeit ist, dass sie den Chronotyp der Probanden nicht berücksichtigen und die Ergebnisse dementsprechend unpräzise sind. Denn natürlich macht es einen großen Unterschied, ob jemand eine „Eule“ oder eine „Lerche“ ist: Abendtypen kommen aufgrund ihres flexibleren Schlaf-wach-Rhythmus mit der Spät- und Nachtschicht besser zurecht als Morgentypen. Dafür haben Eulen Probleme bei der Frühschicht: Sie können wegen der nach hinten verlagerten Taktung ihrer inneren Uhr nur schwer früher zu Bett gehen. Aufgrund dieses verkürzten Schlafs leiden sie unter Tagesschläfrigkeit und Einschränkungen im Leistungsvermögen.

„Generell sollten Schichtpläne möglichst individuell ausgerichtet und am spezifischen Chronotyp orientiert sein“, empfiehlt Prof. Dr. Thomas Erren, der als Facharzt für Arbeits- und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Köln tätig ist. Nur leider ist das nicht in allen Betrieben möglich. Die Spätschicht entspricht der inneren Uhr der meisten Menschen noch am ehesten; trotzdem wird sie bei Befragungen von den Arbeitnehmern nicht positiv bewertet, weil sie sie vom sozialen Leben abschneidet.


Unausgeschlafene Führungskräfte – schlechte Entscheidungen

Rund 20 % aller Manager, Führungskräfte und Politiker schlafen weniger als fünf Stunden. Mehr als die Hälfte der Spitzenkräfte in unserem Land fühlt sich chronisch übermüdet und trifft doch in diesem kritischen Zustand wichtige Entscheidungen für Unternehmen und Gesellschaft. „Unter Schläfrigkeit sind rationale Entscheidungsprozesse eingeschränkt“, erklärt Tagungspräsident Dr. Weeß. „Man ist risikofreudiger; auch ethisch-moralische Grundsätze werden bei Übermüdung vernachlässigt. Vor diesem Hintergrund ist manche wichtige Entscheidung, die im Rahmen von Nachtsitzungen gefällt wird, kritisch zu hinterfragen.“

Das Allensbacher Institut führte im Auftrag des Wirtschaftsmagazins „Capital“ eine repräsentative Studie an 519 Spitzenpolitikern, Unternehmenschefs und Behördenleitern durch. Demnach würden die befragten Führungskräfte pro Nacht 40 Minuten mehr Schlaf benötigen. 18 % der Befragten aus der Wirtschaft und 31 % der Spitzenpolitiker schlafen der Umfrage zufolge weniger als fünf Stunden. 61 % der Politiker gaben an, sich regelmäßig unausgeschlafen zu fühlen; bei den Topmanagern war es jeder zweite. Dies habe nach Aussage von 57 % der Befragten schon einmal zu entscheidenden Konsequenzen wie z. B. müdigkeitsbedingten Zugeständnissen geführt.

Allerdings sahen die Chefs auch Positives in dem karrierebedingten Schlafmangel: „Jeder Zweite aus Politik und Verwaltung glaubte, dass er als Normal- oder Vielschläfer keine Chance auf einen Spitzenjob gehabt hätte.“


Morgenstund – kein Gold im Mund

Der Schlafmangel beginnt schon in der Schule: Jugendliche kommen durch den auch im europäischen Vergleich sehr frühen Schulbeginn in ein chronisches Schlafdefizit. Während fast alle Kleinkinder Frühaufsteher sind, ändert sich das im Lauf der Entwicklung: Mit Beginn der Pubertät verschiebt sich der Chronotyp zunehmend in Richtung Spättyp. Jugendliche sind abends lange wach und würden morgens gerne länger schlafen, wenn man sie nur ließe. Der frühe Schulbeginn führt zu Übermüdung und Lernschwierigkeiten.

„Chronobiologisch gesehen beginnt für Jugendliche der Unterricht mitten in der Nacht“, so Dr. Weeß. Tatsächlich fängt der Schulunterricht in den meisten Ländern deutlich später an – z. B. in England, Schweden und Portugal erst um neun Uhr – und ist damit besser an den natürlichen Lebensrhythmus der Jugendlichen angepasst. Untersuchungen belegen, dass die Schulleistungen am späteren Vormittag sehr viel besser sind als frühmorgens: „Ein ein bis zwei Stunden späterer Schulbeginn in der Oberstufe könnte sich günstig auf Leistungsfähigkeit und Aufnahmebereitschaft auswirken“, betont Dr. Manfred Betz vom Institut für Gesundheitsförderung und -forschung im hessischen Dillenburg. Und: „Klausuren sollten aus Gründen der Chancengleichheit eigentlich erst ab elf Uhr vormittags stattfinden“, empfiehlt Dr. Weeß.

Aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse setzt sich auch unsere Familienministerin für einen späteren Schulbeginn ein. Dieser wäre allerdings kaum durchführbar, wenn man nicht gleichzeitig auch die Arbeitszeit später beginnen lassen würde: Denn heutzutage sind in den meisten Familien beide Elternteile berufstätig und müssen, bevor sie zur Arbeit fahren, erst noch die Kinder versorgen und oft auch in die Schule bringen. Deshalb stünden Eltern vor einem schwierigen Problem, wenn die Schule später anfinge als ihr eigener Arbeitstag.
Ein späterer Schulbeginn müsste also zwangsläufig auch mit einem späteren Arbeitsbeginn einhergehen. Dadurch würde sich unsere berufliche Leistungsfähigkeit erhöhen: Denn auch viele Erwachsene leiden unter dem zu frühen Arbeitsbeginn. Nur ein Sechstel unserer Gesellschaft ist morgens um sechs oder sieben Uhr, wenn viele Menschen zu arbeiten beginnen, bereits wach und fit: „Wünscht man sich ausgeschlafene und leistungsfähige Mitarbeiter, die wenig Fehler machen, müssten die Arbeitszeiten später beginnen, optimal wäre zwischen neun und elf Uhr. Noch besser wäre es, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten, angepasst an die individuelle Chronobiologie jedes Mitarbeiters“, rät Dr. Weeß.


Mit dem Smarthphone ins Bett …

Bei Kindern und Jugendlichen gibt es außer dem frühen Schulbeginn noch etliche weitere Schlafräuber: nämlich Internet, Smartphone und PC. Vor allem die abendliche und nächtliche Smartphone-Nutzung ist problematisch, warnt Dr. Betz: „Die Mehrzahl der Jugendlichen hat ihr Smartphone am Bett. Über die Erfassung der letzten Onlinezeit bei WhatsApp konnte gezeigt werden, dass viele bis weit nach Mitternacht noch mit ihrem Smartphone aktiv waren. Jugendliche, die ihr Smartphone am Bett nutzen, schlafen weniger und schlechter.“

Solche Aktivitäten wirken gleich aus zwei Gründen schlafstörend: Der Blaulichtanteil von LED-Computerbildschirmen und Smartphone-Displays unterdrückt die Produktion unseres körpereigenen Schlafhormons Melatonin, das normalerweise abends und nachts ausgeschüttet wird. Aber auch die Art der Tätigkeit (Computerspiele, Surfen im Internet, Chatten) macht es den Jugendlichen schwer, abzuschalten und in einen entspannten, erholsamen Schlaf zu finden. Kritisch sind hier vor allem die aggressiven Inhalte vieler Computerspiele zu sehen: Um „weiterzukommen“, muss man oft aggressives Verhalten an den Tag legen. Auch das ist nicht gerade die beste Einstimmung in einen friedlichen Schlummer.

Das Schlimme daran: Im Kindes- und Jugendalter wird das Schlafverhalten gebahnt, zu dem man dann auch im Erwachsenenalter neigt. Um den gesundheitsschädlichen Medienkonsum bei Jugendlichen zu reduzieren, sollte die Nutzung von Smartphone & Co möglichst klar geregelt werden. Ein wichtiger Ansatzpunkt für mehr Leistung und Wohlbefinden wäre der Verzicht auf digitale Medien in den letzten zwei bis drei Stunden vor dem Schlafen.


Können Smartphone-Apps und Internetprogramme bei Schlafstörungen helfen?

Andererseits nutzen immer mehr Menschen Apps und Internetprogramme als Hilfen zur Verbesserung ihres Schlafs: Fitness-Tracker und Schlaf-Armbänder sind im Trend. Smartphone-Apps und internetbasierte Therapieprogramme werden nun auch als Hilfsmittel bei Schlafstörungen angeboten. Wie zuverlässig sind die Messungen von Schlaf-Apps? Verraten sie wirklich, ob man zu wenig oder schlecht schläft? Kann man mit Armbändern seinen Schlaf verbessern?

„Es ist nicht immer einfach, klinisch sinnvolle und wissenschaftlich fundierte Apps und Internetprogramme von Angeboten zu unterscheiden, die viel versprechen, aber nichts davon einlösen“, gibt Prof. Dieter Riemann zu bedenken. „Was Smartphone-Apps betrifft, so ist es durchaus sinnvoll, z. B. Schlaftagebücher, die bisher ja handausgefüllt wurden, auch als Smartphone-Application umzusetzen. Dies ermöglicht eine zeitnahe Erhebung und auch eine Rückmeldung, etwa in Form von Grafiken“, so Prof. Riemann.

Was aber ist von Schlaf-Apps, Fitness-Trackern und Armbändern zu halten, die eine individuelle „Schlafanalyse“ versprechen? „Eine ganze Reihe von Apps suggerieren, die Qualität des eigenen Schlafs zu erfassen und Rückmeldungen zu geben, ob der Schlaf erholsam ist oder nicht und dass er sich verbessern lässt“, warnt Dr. Weeß. „Von der technischen Seite her sind das keine validen Diagnoseinstrumente.“ Während im professionellen Schlaflabor mit sensiblen Messgeräten Hirnströme, Muskel-, Augenbewegungen und Herzfrequenz aufgezeichnet und wissenschaftlich ausgewertet werden, registrieren die Fitness-Tracker oft nur sehr ungenau die Bewegungen des Schläfers und lassen ihn mit den Ergebnissen allein. Die große Gefahr liege darin, dass Anwender bei vermeintlich schlechten Daten entweder unnötig verunsichert werden oder sich bei angeblich guten Ergebnissen in Sicherheit wiegen, obgleich sie tatsächlich unter einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung leiden. Deshalb seien solche „Handgelenks-Ärzte“ sehr kritisch zu bewerten.


Gemeinsames Schlafzimmer – oder lieber doch nicht?

Selbst der gemeinsame Schlafraum kann zum Störfaktor für einen erholsamen Schlaf werden – wobei Frauen den Paarschlaf weniger positiv empfinden als Männer. Welche Rolle spielt das gemeinsame Schlafen für die Qualität der Beziehung? Und welchen Einfluss kann dabei der angeborene Chronotypus haben – also die Frage, ob der Partner zu den frühaufstehenden „Lerchen“ oder eher zu den „Nachteulen“ gehört? Auch hierzu gibt es neue Erkenntnisse.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, wie sehr der Chronotypus die Qualität einer Beziehung beeinflussen kann. „Chronotypus-ähnliche Paare zeigen mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in ihrer ehelichen Problemlösung. Ähnlich kurze Einschlafzeiten beider Partner wirken sich positiv auf die Partnerinteraktion tagsüber aus“, erklärt Prof. Dr. med. Kneginja Richter von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Nürnberg. „Paare mit unterschiedlichem Chronotypus – zum Beispiel ein Abendtyp und ein Morgentyp – gaben an, mehr Konflikte, weniger Zeit für ernsthafte Konversationen und gemeinsame Aktivitäten und auch weniger sexuelle Kontakte zu haben als Paare mit dem gleichen Chronotyp.“

Nach einer neueren Studie wird bei Frauen der Schlaf durch den Partner eher gestört, während Männer generell besser schlafen, wenn ihre Partnerin nebenan liegt. „Evolutionsbiologische Theorien erklären dies mit der Sozialisation von Mann und Frau“, erklärt Dr. Weeß. Die Frau fühle sich beim Schlaf in der Gruppe in ihrer Mutter- und Beschützerrolle. Nach der sozialen Rollenaufteilung falle der Frau eher die Verantwortung für die Versorgung und Pflege von Familienmitgliedern zu. Die Nacht wird zur zweiten Arbeitsschicht – und wer schläft an seinem Arbeitsplatz schon gut? Der Mann hingegen fühle sich in der Gruppe sicher und geborgen und schlafe daher besser, wenn die Partnerin neben ihm liegt. Hinzu kommt, dass der Schlaf von Frauen ohnehin leichter und störbarer ist als der von Männern. Außerdem bewegen Männer sich im Schlaf öfter als Frauen und schnarchen auch häufiger und lauter, was viele Bettgenossinnen als schlafstörend empfinden.


Schlafapnoe ist nicht gleich Schlafapnoe

Auch zum Thema der schlafbezogenen Atemstörungen gab es neue Erkenntnisse. Der Schlafmediziner Holger Woehrle plädierte für eine P4-Medizin, wobei die 4 P’s für „Predict“ (Vorhersehen), „Prevent“ (Vorbeugen), „Personalize“ (personalisierte Medizin) und „Participate“ (Teilhabe des Patienten an seiner Therapie) stehen. Nach der Devise „Wir behandeln nicht den Befund, sondern den individuellen Patienten“ spricht Woehrle sich für eine Phänotypisierung von Patienten mit schlafbezogenen Atemstörungen aus, um diese individueller behandeln zu können und unnütze Therapien zu vermeiden. Denn Schlafapnoe ist nicht gleich Schlafapnoe: Es gibt unterschiedliche Phänotypen (Erscheinungsbilder) dieser Erkrankung.

Die Schlafapnoe-Patienten lassen sich – so Woehrle – grob in drei verschiedene Kategorien unterteilen: Bei manchen Patienten äußert sich die Schlafapnoe hauptsächlich in gestörtem Schlaf, der oft auch mit morgendlichen Kopfschmerzen und depressiver Verstimmung einhergeht. Dieser Phänotyp herrscht vor allem bei weiblichen Patienten vor: „Die landen eher beim Neurologen als im Schlaflabor.“

Ferner gibt es den Schlafapnoe-Patienten, der gar nicht unter seiner schlafbezogenen Atemstörung leidet oder höchstens minimale Symptome verspürt. In der dritten Gruppe ist der Leidensdruck aufgrund der ausgeprägten Tagesschläfrigkeit höher. Ebenso unterschiedlich reagieren Schlafapnoe-Patienten auf eine CPAP-Therapie: Bei manchen lässt sich ein bestehender Bluthochdruck durch die Behandlung positiv beeinflussen, bei anderen nicht. Und man weiß bisher auch nicht, wie viele Stunden pro Nacht ein Patient sein CPAP-Gerät nutzen muss, um von seiner Therapie zu profitieren, denn auch das ist individuell verschieden: „Manche nutzen ihr Gerät nur wenige Stunden, und ihr Blutdruck sinkt trotzdem. Andere wenden die Therapie länger an, ohne dass sich dies auf ihren Blutdruck auswirkt.“

Auch andere Symptome oder Folgeerscheinungen einer Schlafapnoe sprechen individuell sehr unterschiedlich auf die CPAP-Therapie an. Hier könnte nach Ansicht von Woehrle eine personalisierte Therapie ansetzen – indem man z. B. Patienten, bei denen durch CPAP der Blutdruck sinkt und die Beschwerden sich bessern, zu einer konsequenten weiteren Anwendung ihrer Therapie ermutigt, während Schlafapnoiker, deren Bluthochdruck nicht auf CPAP anspricht, vielleicht lieber eine andere, eventuell medikamentöse Therapie erhalten sollten.


Bessere Compliance durch Telemonitoring

Es kommt also darauf an, die richtige Behandlung für den richtigen Patienten zu wählen – und ihn auch stärker in seine Therapie einzubinden. Der Trend zu einer intensiven Einbeziehung der Patienten in ihre medizinische Versorgung ist allgegenwärtig, und offenbar wird diese Mitwirkung von den Patienten auch gewünscht – das kann man bei der Therapie chronischer Erkrankungen wie Diabetes, Asthma oder Herzinsuffizienz schon seit längerem beobachten.

Eine gute Methode, Schlafapnoe-Patienten bei der Stange zu halten, ist die Therapieüberwachung per Telemonitoring, die es ermöglicht, bei schlechter Compliance oder sonstigen Problemen auf den Patienten zuzugehen und ihm bei der Bewältigung seiner Schwierigkeiten zu helfen. „Oft sind die Gründe für einen Therapieabbruch ganz banal: Unbequemlichkeit, Unbehagen, oder die Partnerin zieht nicht mit“, erklärte der Schlafmediziner Professor Dr. Joachim Ficker, dessen Vortrag zeigte, dass sich die Anzahl der Therapieabbrüche durch Telemonitoring halbieren lässt.
Und wer soll das alles bezahlen? „Wenn man den Krankenkassen sagt: Es gibt eine Therapie, die die Compliance verdoppelt, dann müssen die Kostenträger auch in die Tasche greifen“, meint Professor Ficker. „Das ist jedenfalls meine persönliche Hoffnung.“


Voll im Trend: Alternativen zu CPAP – gerne auch im Kombipack

Es mehren sich die Beweise dafür, dass Protru-sionsschienen zur Vorverlagerung des Unterkiefers bei Schlafapnoe in vielen Fällen genauso wirksam sind wie eine CPAP-Therapie. So gibt es beispielsweise Daten, die zeigen, dass die Schienentherapie eine ebenso gute blutdrucksenkende Wirkung hat wie CPAP.
Seit ein paar Jahren gibt es noch eine weitere vielversprechende Alternative zu Gerät und Maske: die Implantation eines Schrittmachers, der den Unterzungennerv sanft stimuliert, was zu einem Vorschub der Zunge führt, damit die Atemwege öffnet und nächtliche Atemstillstände verhindert. Auch zu dieser noch relativ jungen Schlafapnoe-Therapie präsentierten Schlaf-Experten auf dem DGSM-Kongress positive neue Erkenntnisse.

Studien zeigen, dass die Wirksamkeit auch nach mehrjähriger Anwendung unverändert gut und die Compliance hervorragend ist: „Die meisten Patienten spüren nichts von der elektrischen Stimulation des Unterzungennervs. Fast alle Patienten schalten ihre Therapie daher erst morgens beim Aufstehen aus“, erklärte HNO-Arzt Dr. Clemens Heiser, „während CPAP-Patienten ihre Maske nach dem frühmorgendlichen Toilettengang oft nicht mehr aufsetzen und die letzten Stunden der Nacht ohne Therapie weiterschlafen.“
Die Therapie hat sich bisher auch als äußerst sicher und nebenwirkungsarm erwiesen. Zugelassen ist der Zungenschrittmacher zur Behandlung von Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe mit einem Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) von 15 bis 65 pro Stunde. Ein besonders gutes Therapieansprechen zeigen nach bisherigen Erfahrungen Patienten mit einem AHI unter 50 pro Stunde und einem Body-Mass-Index (BMI) unter 35 kg/m2. „Aber“, meint Dr. Heiser, „ich glaube nicht, dass ein BMI unter 35 kg/m2 eine unabdingbare Voraussetzung für den Therapieerfolg ist; einige meiner Patienten haben nämlich in der Zwischenzeit zugenommen, und ihre Therapie wirkt trotzdem weiterhin gut!“

Nicht zuletzt wegen der hohen Kosten sollte der Zungenschrittmacher freilich Patienten mit CPAP-Incompliance vorbehalten bleiben: „Ich stelle alle meine Patienten zuerst auf Gerät und Maske ein.“ Nur wenn sie die CPAP-Therapie nicht vertragen oder diese sich als ineffektiv erweist, wird die Implantation eines Zungenschrittmachers erwogen. Außerdem müssen die Patienten hierfür auch noch ein paar andere Voraussetzungen erfüllen: So darf beispielsweise keine Silikonunverträglichkeit vorliegen. Auch MRT-Untersuchungen sind nach der Implantation nicht mehr möglich. Außerdem muss vor der Entscheidung für eine solche Therapie erst eine Schlafvideoendoskopie durchgeführt werden: Nur Patienten, bei denen keine komplette konzentrische Obstruktion hinter dem Gaumensegel vorliegt, sind für einen Zungenschrittmacher geeignet. Ca. 20 % der Patienten weisen einen solchen Kollaps auf Weichgaumen-Ebene auf.

In der STAR-Studie, die zur Zulassung des Schrittmachers der Firma Inspire geführt hat, war bei einigen Patienten zuvor bereits eine Uvulopalatopharyngoplastik (UPPP) vorgenommen worden. Bei dieser Operation, die zur Beseitigung von Schnarchen und obstruktiver Schlafapnoe dient, werden durch eine Straffung von Weichteilgewebe im Nasen-Rachen-Raum Engpässe in den oberen Atemwegen auf Weichgaumen-Ebene beseitigt. Die Gaumenmandeln werden ebenfalls entfernt. Bei den Teilnehmern der STAR-Studie hatte sich eine vorherige UPPP positiv auf den Therapieerfolg ausgewirkt.

 
Und wie geht es weiter mit der Schlafmedizin in Deutschland?

Rund 4,8 Millionen aller Deutschen leiden unter Ein- und Durchschlafstörungen, zwei bis drei Millionen unter einer schlafbezogenen Atemstörung und ein bis zwei Millionen unter einem Restless Legs-Syndrom (RLS), der Krankheit der unruhigen Beine. Über eine Million Bundesbürger sind schlafmittelabhängig.

Leider ist unser Gesundheitssystem für die Behandlung dieser so häufigen Krankheitsbilder nur schlecht gerüstet. Die schlafmedizinische Versorgung in Deutschland wird dem breiten Spektrum schlafmedizinischer Erkrankungen bei weitem nicht gerecht. Ein Grund dafür ist, dass in die Problematik der Schlafstörungen nahezu alle medizinischen Fachdisziplinen einbezogen werden müssen, unser Gesundheitssystem jedoch viel zu wenig auf Interdisziplinarität ausgerichtet ist. Hinzu kommt, dass schlafmedizinische Leistungen in den Gebührenordnungen nicht hinreichend abgebildet sind und die Vergütungsspirale abwärts gerichtet ist, sodass qualitätsorientierte schlafmedizinische Leistungen nicht mehr kostendeckend erbracht werden können. „Es besteht ein Zwiespalt zwischen dem, was wir wissenschaftlich als geboten ansehen, und dem, was von den Kostenträgern finanziert wird“, klagt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Dr. Alfred Wiater. „Es gibt ständige Auseinandersetzungen mit den medizinischen Diensten der Krankenkassen darüber, ob eine Untersuchung notwendig war oder nicht. Oft werden die Kosten dann auch nicht erstattet.“ Das führt dazu, dass die Versorgung von Patienten mit Schlafstörungen immer schlechter wird.

Um die Patientenversorgung zu verbessern und die negativen Folgen von Schlafstörungen für unsere Gesellschaft zu reduzieren, beabsichtigt die DGSM, Hausärzte durch Schulungsmaßnahmen intensiver als bisher in die schlafmedizinische Thematik einzubeziehen; denn der Hausarzt spielt als erster Ansprechpartner und „Lotse“ seiner Patienten für die Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen und schlafbezogenen Erkrankungen eine wichtige Rolle.

Das Schlafmagazin 1-2016
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