15/02 2010

Alpträume: Wenn die Nacht zum Horrorfilm wird

Prof. Dr. Michael Schredl

5 % aller Menschen leiden unter Alpträumen. Solche Träume sind nicht nur belastend, sondern stören auch den Schlaf, denn man wird davon wach und kann oft nicht gleich wieder einschlafen, weil der Schreck noch nachwirkt und das Herz klopft. Vor allem bei Kindern können Alpträume dazu führen, dass sie Angst vor dem Einschlafen haben oder gar nicht erst ins Bett gehen wollen. Zum Glück gibt es aber eine bewährte Methode, mit solch schlimmen Träumen umzugehen – und sie hilft bei Kindern ebenso wie bei Erwachsenen.  

Jeder, der ab und zu unter Alpträumen leidet, fragt sich wahrscheinlich, woher diese erschreckenden Träume eigentlich kommen. Bin ich psychisch krank? Wollen die Träume mich vor etwas Schrecklichem warnen, was vielleicht demnächst auf mich zukommt? Oder verrät mein Unterbewusstsein mir damit etwas über mich selbst und meine Art, mit Problemen umzugehen?

Auf viele dieser Fragen hat die Traumforschung zum Glück inzwischen Antworten gefunden. So weiß man heute zum Beispiel, dass Alpträume zumindest teilweise genetisch bedingt sind: Eine große Zwillingsstudie aus Finnland ergab, dass eineiige Zwillinge häufiger übereinstimmende Alpträume haben als zweieiige. Ein amerikanischer Forscher hat eine Persönlichkeitseigenschaft beschrieben, die höchstwahrscheinlich mit diesen genetischen Faktoren verbunden ist und die er als „dünne Grenzen“ bezeichnete. (In der deutschen Umgangssprache gibt es einen ganz ähnlichen Begriff dafür: Man sagt, jemand sei „dünnhäutig“.) Solche Menschen sind meist kreativ, sensibel und sehr einfühlsam, sie können sich aber nur sehr schlecht gegenüber Stress abgrenzen. 

Traumatische Erlebnisse und Stress lösen Alpträume aus
Womit wir schon beim zweiten wichtigen Punkt wären: Einer aktuellen  Studie zufolge scheint auch das Stressniveau einen relativ großen Einfluss auf die Häufigkeit von Alpträumen zu haben. In einer Untersuchung, die am Zentralinstitut für  seelische Gesundheit durchgeführt wurde, haben wir junge Studentinnen und Studenten befragt und konnten ganz deutlich zeigen, dass aktuell vorhandener Stress die Alptraumhäufigkeit erhöht. 

Ein weiterer Faktor, der das Auftreten von Alpträumen fördert, sind traumatische Ereignisse – also z. B.  sexueller Missbrauch, ein Autounfall oder irgendeine andere lebensbedrohliche Situation. Haben solche Erlebnisse in der Kindheit stattgefunden, so können sie bis ins Erwachsenenalter hinein nachwirken: Frauen, die im Kindesalter missbraucht worden sind, leiden noch als Erwachsene vermehrt unter Alp- träumen. Das Gleiche gilt für Kriegsveteranen und Überlebende des Holocaust: Solcherart traumatisierte Menschen haben zum Teil nach 50 Jahren immer noch mehr Alpträume als Personen, die kein schweres belastendes Ereignis hinter sich haben.

Es gibt aber nicht nur auslösende, sondern auch aufrechterhaltende Faktoren für Alpträume. Hier ist vor allem das Vermeidungsverhalten zu nennen. Wir alle neigen dazu, unangenehmen oder angstbesetzten Situationen aus dem Weg zu gehen. Gerade bei Ängsten ist dieses Verhalten jedoch kontraproduktiv: Denn wenn man dem Gegenstand seiner Angst ausweicht und die Konfrontation damit scheut, wird die Angst normalerweise noch schlimmer.Nehmen wir zum Beispiel jemanden mit einer Spinnenphobie, also einer krankhaften Angst vor Spinnen. So ein Mensch wird in der Regel      versuchen, alle Orte zu meiden, an denen Spinnen sein könnten. Durch dieses Vermeidungsverhalten wird seine Angst aber eher größer als schwächer. Daher arbeiten psychotherapeutische Angstbehandlungen normalerweise mit Konfrontation: Bei einer Spinnenphobie wird der Patient beispielsweise immer näher an den Gegenstand seiner Angst (in diesem Fall also die Spinne) herangeführt, bis er sie schließlich sogar berühren kann.

Was sind eigentlich Alpträume?
Alpträume treten im REM-Schlaf (der Schlafphase mit den heftigen Augenbewegungen) auf und haben einen stark negativen Aspekt, der zum Erwachen führt. Ein typisches Beispiel ist der Falltraum: Man fällt in die Tiefe, die Angst vor dem Aufprall wird immer größer, und irgendwann wacht man auf. Oder man wird von einem Monster verfolgt, und kurz bevor es zupackt, erwacht man. Alpträume finden vorwiegend in der zweiten Nachthälfte statt, und der Träumer erinnert sich normalerweise gut daran.  

Häufigste Themen von  Alpträumen  
 Fallen 
• Verfolgung 
 Gelähmtsein 
 Zuspätkommen
 Tod oder Verschwinden nahe stehender Personen

Wie man mit Träumen arbeitet
Bei Alpträumen ist es ganz ähnlich: In einer Studie der Zeitschrift „Apothekenumschau“ mit 2000 Erwachsenen gab die Hälfte der Befragten an, negative Träume zu erleben, zirka 5 % sogar alle zwei Wochen oder öfter. 75 % dieser 1000 Alptraum-Geplagten versuchten ihre schlimmen Träume so schnell wie möglich wieder zu vergessen. Gerade Alpträume verleiten zu so einem Vermeidungsverhalten – man schiebt sie einfach von sich weg und sagt: „Es war ja nur ein Traum.“ Aber genau diese Strategie führt eben leider dazu, dass sich die Angst im Bewusstsein festsetzen kann und dann vielleicht schon bald der nächste Alptraum kommt. 

Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, an Träume heranzugehen. Die eine Methode bezeichne ich als „Verstehen des Traums“. Normalerweise spiegeln sich in unseren Träumen die Dinge wider, die in unserem Wachleben eine wichtige Rolle spielen. Das gilt weniger für Traumbilder (die können sehr ungewöhnlich sein und mit der Wachrealität wenig zu tun haben) als für die Art, wie erlebt und gehandelt wird – darin treten häufig typische Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster des Träumenden zutage. Es geht also nun darum, sich zu fragen: Wie denke, handle und fühle ich im Traum? Was haben diese Traummuster mit meinem aktuellen Wachleben zu tun? 

Nehmen wir an, in einem Ihrer Träume tritt ein Problem, eine Bedrohung auf, und Sie laufen davor weg. Dann sollten Sie sich zum besseren Verständnis dieses Traums als Erstes die Frage stellen: Gibt es in meinem Wachleben auch Dinge, die ich als   bedrohlich wahrnehme und vor denen ich lieber fortlaufe, als mich der Bedrohung zu stellen? Bei diesem Traumarbeitsansatz geht es also   vorwiegend darum, die Gefühle, Gedanken- und Handlungsmuster des Traums zu Ihrem derzeitigen Wachleben in Beziehung zu setzen. 

Eine weitere interessante Art der Traumarbeit ist das Lösen des Traums. Bei dieser Methode fragen Sie sich nicht, warum Sie den Traum gehabt haben (denn es ist immer so, dass der Traum etwas mit Ihren Problemen, Stärken und Schwächen zu tun hat), sondern Sie nutzen ihn als Ausgangspunkt, um neue Ideen zu entwickeln. Dieser Ansatz kommt aus der kognitiven Verhaltenstherapie, bei der es darum geht, eingefahrene Denkmuster aufzulösen und sich neue Bewältigungsstrategien zu überlegen. Gerade bei Wiederholungsträumen, Alpträumen oder anderen negativ getönten Traumsituationen kann es sinnvoll sein, sich zu fragen: Wie kann ich mit der unangenehmen Traumsituation besser umgehen? 

Letztendlich ist das kein traumspezifischer Ansatz, sondern eine Bewältigungsstrategie, die auch sehr gut im Wachzustand funktioniert: Wenn Sie irgendetwas Negatives erleben, machen Sie sich natürlich erst einmal Gedanken darüber, warum das passiert ist. Aber Sie überlegen sich dann auch: Wenn ich das nächste Mal wieder in eine solche Situation komme, was kann ich dann tun, um besser und einfacher damit zurechtzukommen? 

Diese Art der Alptraumtherapie ist im amerikanischen Sprachraum entwickelt worden; man bezeichnet sie als „Bild- oder Vorstellungs Wiederholungstherapie“. Im Prinzip besteht diese Alptraum-Bewältigungsstrategie aus drei sehr einfachen Schritten:
1) Konfrontation: Schreiben Sie den Traum auf. (Kinder sollen das Traumbild malen.) Am besten führen Sie zu diesem Zweck ein Traumtagebuch und halten den Traum gleich nach dem Aufwachen schriftlich fest.
2) Überlegen einer neuen Strategie für den Umgang mit der Traumsituation im Wachzustand: Was könnten Sie tun, um die im Traum entstandene Situation besser zu bewältigen? (Bei Kindern: Was könntest du in dein Bild einzeichnen, damit du weniger Angst hast?) Fluchtreaktionen wie Fortlaufen, Verstecken oder Wegfliegen sind keine gute Bewältigungsstrategie. Besser ist es, die bedrohliche Figur anzusprechen, sich Helfer zu suchen etc. Wichtig ist es, keine Vorschläge zu machen, sondern die Person selbst über mögliche Lösungen nachdenken zu lassen.
3) Einüben der neuen Strategie: Gehen Sie Ihre Bewältigungsstrategie über einen Zeitraum von zwei Wochen in Ihrer Fantasie einmal täglich durch; denn alles, was im Wachzustand getan wird, wirkt sich auf die nachfolgenden Träume aus. 

In meinen Traumarbeitsseminaren arbeite ich häufig mit einer Kombination aus beiden Ansätzen: Wir versuchen zuerst, den Traum zu verstehen, um ihn anschließend zu lösen. 

Alpträume und Leistungsdruck
Unsere stark an Erfolg und Leistung orientierte Gesellschaft ist kein sanftes Ruhekissen. Wer unter hohem Leistungsdruck steht, hat ein höheres Risiko, nachts unter Alpträumen zu leiden. Das gilt insbesondere für die harte Welt des Leistungssports. Am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg wurden in einer Fragebogenstudie das Auftreten und die Inhalte von Alpträumen vor sportlichen Wettkämpfen untersucht. 606 Sportlerinnen und Sportler aus verschiedenen Sportarten und Leistungsklassen sollten einen Fragebogen zu ihrem Schlafverhalten vor Wettkämpfen ausfüllen. Darin wurden sie unter anderem auch gefragt, ob sie vor sportlichen Wettkämpfen Alpträume hatten, und wenn ja, was für welche. Das erschreckende Ergebnis: Über 13 % der Befragten hatten direkt vor einem Wettkampf einen Alptraum erlebt. Am häufigsten träumten sie von fehlerhaften Sportgeräten (z. B. einer Reifenpanne), körperlichem Versagen, Verletzungen und verlorenen Spielen. Ob diese Alpträume sich auch negativ auf die Tagesverfassung der Sportler und die Leistung im Wettkampf auswirken, muss noch untersucht werden. 

Fallbeispiel: Konflikt mit den ElternEine Patientin stellte sich wegen Alpträumen in unserem Schlaflabor vor. Ihre Schlafqualität wurde durch die schlimmen Träume zwar kaum beeinträchtigt; doch morgens beim Aufwachen fühlte sie sich sehr unwohl. Außerdem litt sie unter Tagesschläfrigkeit.Die Alpträume hatten einen konkreten Auslöser in der Wachwelt dieser jungen Patientin: Sie hatte so massive Probleme mit ihren Eltern, dass sie den Kontakt zu ihnen abgebrochen hatte – was ihr aber sehr unangenehm war, denn früher hatte sie eine sehr enge Beziehung zu den Eltern gehabt. In unserer ersten Sitzung erzählte die Patientin mir von ihren Problemen, und ich erklärte ihr das Therapieprinzip. Die Patientin hat dann einen Traumbericht geliefert, der auch tatsächlich etwas mit der aktuellen Situation zu tun hatte: In dem Alptraum ging es um eine heftige Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, welche die Träumerin verbal einschüchterte und beschimpfte. Nach einer gewissen Zeit kam die Träumerin auf die Idee, sich vorzustellen, wie sie sich verbal zur Wehr setzte und der Mutter klar sagte, dass sie gut allein mit dem Leben zurechtkomme.Tatsächlich traten daraufhin keine Träume mehr auf, in der die Mutter als Bedrohung vorkam; aber dafür hatte die Patientin jetzt andere Alpträume. In einem Wiederholungstraum, den sie auch früher schon öfters gehabt hatte, befindet sie sich im Haus ihrer Großmutter, die für sie eine positive Bezugsperson ist. In dem Haus herrscht eine angenehme Atmosphäre; doch außerhalb des Hauses gibt es irgendetwas Bedrohliches, was möglicherweise auch ins Haus eindringen könnte. Freundliche Fabelwesen im Haus wollen die Träumerin dazu bewegen, sich dieser Bedrohung zu stellen, und schieben sie von hinten nach draußen. Doch immer, wenn die Träumerin die Tür aufmacht, verspürt sie große Angst, weil sie nicht weiß, was da draußen ist, und wacht auf. Auf meine Aufforderung hin überlegte die Frau sich, wie sie diesen Wiederholungstraum verändern könnte, und stellte sich vor, dass die Fabelwesen sie beim Öffnen der Tür unterstützen und gemeinsam mit ihr hinausgehen. Vier Wochen später traten keine Alpträume mehr auf. Auch die Inhalte ihrer anderen Träume hatten sich verändert: Wenn belastende Träume vorkamen, träumte sie meistens schon die Lösungsstrategien mit. Die negativen Auswirkungen der Träume auf die Tagesstimmung der Frau haben seither deutlich abgenommen. Genau das ist das Interessante an diesem Ansatz: Wenn man an einem Traumbeispiel übt, in belastenden Situationen nach einer Bewältigungsstrategie zu suchen, wirkt sich das auch auf andere Traumthemen aus – man kommt dann generell besser mit Alpträumen oder negativ getönten Trauminhalten zurecht. 

Ausgabe-1-2010

Foto: © sswartz/istockphoto.com

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Michael Schredl ist weltweit einer der führenden Traumforscher. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des Schlaf­labors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg).


Eine pdf-Datei mit Ratschlägen zum Umgang mit Alpträumen kann auf der Homepage www.dreamresearch.de unter der Rubrik „Hilfe bei Alpträumen“ heruntergeladen werden.


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