17/11 2011

Brummifahrers Alltag: Schlaflos, stressig und ungesund

 

Trucker sei der spannendste Beruf der Welt. Das hört man auch heute noch hin und wieder von den Burschen, die mit ihren tonnenschweren Lastzügen durch die Gegend kurven. Aber ihre Lebensumstände haben sich doch sehr verschlechtert. Wer sich heutzutage seine Brötchen hinterm Steuer eines LKWs verdient, ist hohen Belastungen ausgesetzt. Termindruck, unregelmäßige Arbeitszeiten, harter körperlicher Einsatz, Schlafmangel. Da bleibt die Gesundheit oft auf der Strecke. DocStop, ein medizinisches Versorgungsangebot für Trucker, sorgt dafür, dass die Fahrer im Krankheitsfall unterwegs wenigstens rasche Hilfe finden. 

Werner Waldmann und Marion Zerbst

Berufskraftfahrer führen ein stressiges Leben. Neben körperlichen Belastungen wie Nacht- und Schichtarbeit und Schlafmangel leiden sie auch unter psychischen Stressfaktoren: Der „Brummifahrer“ verbringt seinen Berufsalltag allein auf der Straße, getrennt von Partnerin und Familie, ohne echte soziale Kontakte. Die Verhältnisse auf Autobahnen und Rastplätzen sind stressig, und der Zeit- und Termindruck nimmt immer weiter zu. Kein Wunder, dass Berufskraftfahrer überdurchschnittlich häufig gesundheitliche Probleme bekommen.

Einer der Hauptstressfaktoren ist der ständige Schlafmangel: Falsch angelegte Parkplätze, Verkehrslärm und laufende Kühlaggregate machen einen erholsamen Schlaf so gut wie unmöglich. „Die Parkplätze für die LKW-Fahrer zeigen fast alle mit der Schnauze zur Autobahn“, klagt Brummifahrer Dieter Wahl, der schon seit über 30 Jahren „on the road“ ist. „Am schlimmsten ist es im Sommer. Nachts geht es noch halbwegs, da kühlt es sich doch immer wieder ein bisschen ab. Aber der LKW-Fahrer, der tagsüber schlafen muss, das ist, auf Deutsch gesagt, ein armes Schwein. Er hat die heißen Sommertemperaturen und keinen Schatten. Macht er die Fenster auf, damit ein bisschen Luft reinkommt, hört er den ganzen Krach von der Autobahn. Manche Fahrzeuge haben inzwischen zum Glück eine Standklimaanlage, die den Fahrern wenigstens einen halbwegs guten Schlaf beschert.“ Aber auch das ist noch längst nicht an der Tagesordnung. Speditionsunternehmen müssen sparen. Konkurrenz- und Kostendruck werden immer höher. 

Zu all dem Stress kommt oft noch eine ungesunde Ernährung: Was an den Autobahnraststätten so angeboten wird, ist häufig zu fett und zu kalorienreich. Viel Zeit für die Suche nach gesünderen Ernährungsangeboten hat man als LKW-Fahrer nicht, und das Budget für die tägliche Verpflegung ist auch begrenzt; also schiebt man sich eben schnell mal eine Currywurst oder eine Portion Bratkartoffeln rein, bevor es wieder weitergeht. Untersuchungen zufolge neigen Berufskraftfahrer – vor allem Fernfahrer – besonders stark zu Übergewicht, mit allen damit verbundenen Gesundheitsrisiken wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.

Nur ein gesunder Fahrer ist ein sicherer Fahrer. Leider kümmern sich Berufskraftfahrer viel zu wenig um ihre Gesundheit. Sie verdrängen Beschwerden und Alarmsignale ihres Körpers lieber – weil sie schlicht und einfach keine Zeit haben, solchen Problemen nachzugehen. Viele Fernfahrer leiden unter Dauerkopfschmerzen, weil sie durch das lange Sitzen am Steuer Nackenverspannungen bekommen oder weil sie eigentlich eine Brille bräuchten. Doch statt sich einen Termin beim Orthopäden oder Augenarzt geben zu lassen, fahren sie weiter und werfen in Eigenregie irgendwelche Schmerztabletten ein, die sie womöglich noch mehr in ihrer Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Und zum Betriebsarzt gehen Fernfahrer verständlicherweise nicht gern, weil sie Angst haben, ihren Führerschein zu verlieren, wenn sich bei der Untersuchung herausstellen sollte, dass sie fahruntauglich sind.

 

Was tun, wenn man unterwegs krank wird?

 

Besonders groß ist das Problem im akuten Krankheitsfall. Was soll ein Fernfahrer tun, wenn er kurz vor Fahrtantritt oder mitten auf der Autobahn plötzlich Fieber, Durchfall, Hexenschuss oder furchtbare Zahnschmerzen bekommt? Auf die Schnelle findet er in der Regel keinen Kollegen, der seinen Auftrag für ihn zu Ende führen kann. Außerdem ist das Zeitfenster für die geplante Lieferung meist eng, und womöglich herrscht auf den Straßen auch noch Stau. Direkt an der Autobahn einen Arzt zu finden, ist schwierig, und mit einem 40-Tonnen-LKW in die nächste Stadt zu fahren und vor der nächsten Arztpraxis zu parken, geht auch nicht. Außerdem muss man oft mit längeren Wartezeiten rechnen, wenn man unangemeldet in eine Arztpraxis kommt. 

Da hilft nur eins: Augen zu und durch. Viel zu groß ist die Angst des LKW-Fahrers, sich Ärger mit seinem Arbeitgeber einzuhandeln, falls er seinen Fahrauftrag unterbricht. Also fährt er lieber in krankem Zustand weiter und versucht sich mit irgendwelchen Medikamenten bei der Stange zu halten, deren Nebenwirkungen er meist gar nicht kennt. Denn wer hat bei diesem mörderischen Stress und Termindruck auch noch Zeit, Beipackzettel zu lesen? Wer krank oder durch Medikamente benebelt Auto fährt und dabei womöglich auch noch übermüdet ist, hat natürlich ein erhöhtes Unfallrisiko. 

Seit ein paar Jahren gibt es nun ein Serviceangebot für kranke Berufskraftfahrer: DocStop. Ein perfekt durchorganisiertes Netzwerk aus vielen Partnern, ehrenamtlichen Mitarbeitern und Sponsoren ermöglicht es den Fahrern, schnell zum Arzt zu kommen und dort auch umgehend behandelt zu werden. 

„DocStop ist durch die bundesweiten Fernfahrerstammtische der Autobahnpolizei zustande gekommen, bei denen die Polizei es sich zur Aufgabe gemacht hat, durch aktives Zuhören die Probleme der Fahrer einmal etwas näher zu beleuchten. Und von denen kam die Aussage: Wir fühlen uns medizinisch unterversorgt“, erklärt Rainer Bernickel, stellvertretender Vorsitzender und Initiator von DocStop. „Daraufhin habe ich bundesweit eine Studie durchgeführt, in der tausend LKW-Fahrerinnen und -Fahrer befragt wurden. Das Endergebnis: Tatsächlich klagten 85 % der Befragten über medizinische Unterversorgung. Daraufhin begannen wir ein Konzept zu entwickeln, das letztendlich in DocStop mündete und mittlerweile von den Fahrern gut angenommen und von vielen Medizinern und Krankenhäusern unterstützt wird.“

 

Schnelle, kompetente Hilfe

 

DocStop ist eine Serviceleistung des gemeinnützigen Vereins „DocStop für Europäer e. V.“, der zur Förderung einer besseren medizinischen Unterwegsversorgung von Berufskraftfahrern gegründet wurde. Das geht ganz einfach: Ein Fahrer, bei dem unterwegs gesundheitliche Probleme auftreten, ruft eine Hotline (01805 112024) an und erfährt dort, welcher Arzt bzw. welches Krankenhaus in seiner Nähe zu den DocStop-Partnern gehört. Außerdem werden ihm Öffnungszeiten und Parkplatzmöglichkeiten genannt. Meist sind das Rast- oder Autohöfe ganz in der Nähe des Krankenhauses oder der Arztpraxis. „Beim Arzt angekommen, erklärt der Fahrer, dass er DocStop-Patient ist“, erklärt Rainer Bernickel. „Die Mediziner haben sich alle bereit erklärt, solche Patienten zeitnah dranzunehmen.“ 

Wer für den Krankheitsfall bestens gerüstet sein möchte, kann sich auch schon mal vorab im Internet informieren. Unter http://www.docstoponline.eu/cms/front_content.php?idcat=52 können Kraftfahrer sich eine Liste aller DocStop-Partnerärzte und -kliniken downloaden. Außerdem tragen viele Anlaufstellen (Autohöfe etc.) bereits das DocStop-Logo, sodass die Trucker gleich wissen: Hier kann ich anhalten und das Servicepersonal um Rat fragen. Oft bekommt der Fahrer nicht nur Adressen von Arztpraxen und Krankenhäusern im Umkreis von höchstens vier Kilometern genannt, sondern man hilft ihm auch dabei, zu diesen Partnern zu gelangen.

Medizinisch versorgt kann der Fahrer dann schon nach kurzer Zeit seine Tour wiederaufnehmen, statt sich mit seinen Beschwerden durch den Arbeitstag zu quälen und dadurch womöglich sich und andere zu gefährden, weil er in diesem Zustand eigentlich gar nicht fit genug ist für seinen verantwortungsvollen Job.  Und das ist nicht nur aus menschlichen, sondern auch aus juristischen Gründen wichtig.