02/06 2016

Was wir aus unseren Träumen lernen können Das Gehirn schläft nicht!

Genau wie die von Frank Sinatra besungene „city that never sleeps“ sind auch unsere grauen Zellen immer aktiv – selbst im Schlaf. Und das äußert sich manchmal in recht bizarren Träumen. Früher glaubte man, dass wir nur in bestimmten Schlafphasen (dem sogenannten REM-Schlaf) träumen. Inzwischen weiß man, dass unser Kopfkino uns die ganze Nacht über in Atem hält. Die Frage ist nur: Was fangen wir damit an? Wie können wir unsere Träume besser verstehen und vielleicht sogar etwas daraus lernen? Darüber sprach Werner Waldmann mit dem renommierten Traumforscher Michael Schredl.


Spielt bei Ihrer Tätigkeit als Traumforscher auch persönliches Interesse eine Rolle? Sie haben im Lauf Ihres Lebens ja viele eigene Träume notiert und gesammelt.

Prof. Dr. Schredl: Meine Beschäftigung mit Träumen begann tatsächlich mit einem privaten Interesse an diesem Thema. Ich habe zunächst einmal Elektrotechnik studiert und mich während meines Studiums mit psychologischen Themen auseinandergesetzt, unter anderem mit Erich Fromm. Dieser Psychoanalytiker hat ein Buch mit dem Titel „Märchen, Mythen, Träume“ geschrieben; dadurch bin ich auf dieses Thema gestoßen. Später habe ich mir dann noch ein zweites, praxisorientierteres Traumbuch gekauft. Seit 1984 schreibe ich meine eigenen Träume auf und bin jetzt bei über 12 000 Träumen, die ich auch auswerte. Nach dem Elektrotechnik-Studium habe ich dann angefangen, Psychologie zu studieren, und hatte das Glück, eine Anstellung im Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim zu bekommen. Seitdem beschäftige ich mich auch beruflich mit der Traumforschung.


Wie kommt man hinter die Bedeutung von Träumen? Die moderne Traumdeutung begann ja schon Anfang des 20. Jahrhunderts mit Sigmund Freud und C. G. Jung. Wie haben diese beiden Psychologen den Sinn und die Funktion unserer Träume gedeutet?

Prof. Schredl: Auf Sigmund Freud geht die Idee zurück, dass sich im Traum die Dinge widerspiegeln, die uns beschäftigen. Letztendlich ist der Traum also ein Zugangsweg zum inneren Erleben. Aber wie man diesen Zugang am besten findet, davon hat jeder seine eigene Vorstellung. Freud hat z. B. eine Assoziationsmethode entwickelt: Wenn seine Patienten ihm einen Traum erzählten, sollten sie alles berichten, was ihnen dabei sonst noch durch den Kopf ging. Auch C. G. Jung hatte spezielle Methoden der Traumanalyse, z. B. die Amplifikation: Man sollte sich Gedanken über Geschichten, Märchen und Mythen machen, die etwas mit dem Trauminhalt zu tun haben. Heute haben wir ganz andere Ansätze, aber die Grundidee – dass der Trauminhalt mit der Person des Träumenden zusammenhängt – ist immer noch die gleiche.


Wie sieht Ihre Methode der Traumarbeit aus?

Prof. Schredl: Der Vorteil meiner Art, mit Träumen zu arbeiten (ich verwende nur sehr ungern den Begriff „Traumdeutung“), besteht darin, dass diese Vorgehensweise kaum theoretische Vorkenntnisse erfordert. Bei den klassischen psychoanalytischen Verfahren ging man mehr oder weniger davon aus, dass der Traumdeuter oder Analytiker eine sehr lange Ausbildung braucht, um Träume und die Zusammenhänge, in die sie eingebettet sind, zu verstehen. Bei der modernen Art der Traumarbeit wendet man eher Strategien an, die man schon im Wachzustand gelernt hat. Wenn ich tagsüber etwas Unangenehmes erlebe, denke ich darüber nach: Warum habe ich mich so verhalten? Was könnte ich in Zukunft besser machen? Wenn man diese Prinzipien auf die Traumarbeit überträgt, kann jeder mit seinen Träumen arbeiten, ohne dass man dafür eine Ausbildung in Psychologie oder Symboldeutung braucht. Ich suche nicht so sehr nach klassischen Symbolen oder unbewussten Trauminhalten; mein Ansatz besteht eher darin, zu überlegen: Was wurde im Traum erlebt? War es angenehm oder unangenehm? Und wenn es unangenehm war: Warum konnte ich mich im Traum nicht anders verhalten, um das zu verhindern? Für mich ist die Traumarbeit ein ähnliches Vorgehen wie die Beschäftigung mit Dingen, die man im Wachzustand tut; nur dass der Traum eben oft bizarrer ist als das, was im Wachleben passiert. Aber das Prinzip ist das gleiche: Wenn ich im Traum vor etwas weglaufe, das mir Angst einjagt, oder eine schwierige Aufgabe nicht anpacken will, dann ist das keine gute Strategie. Deshalb kann man Träume ganz gut nutzen, um sich zu überlegen: Was könnte ich besser machen? 


Womit beschäftigt sich die internationale Traumforschung heute?

Prof. Schredl: Es gibt mehrere Bereiche, die beforscht werden. Zum einen das Thema Alpträume. Internationale Studien zeigen, dass 5 % aller Menschen in der erwachsenen Bevölkerung unter Alpträumen leiden; das ist also ein wichtiges Thema. Wie Alpträume aussehen, was Alpträume verursacht und wie man sie behandeln kann, dazu gibt es inzwischen auch eine ganze Reihe von Behandlungsstudien, die sehr gute Erfolge aufweisen. Ein zweites wichtiges Thema, das die internationale Traumforschung bearbeitet, ist die Bewusstseinsforschung. Wir schlafen ja während des Träumens. Trotzdem ist das Gehirn dabei sehr aktiv und das subjektive Erleben sehr ausgeprägt. Die Forschung interessiert sich natürlich auch dafür, was in unserem Gehirn während des Schlafs abläuft.
 

Hat man darüber schon nähere Erkenntnisse gewonnen?

Prof. Schredl: Wir haben zwar subjektiv den Eindruck, zu schlafen; aber das Gehirn schläft natürlich nicht. Das ist ähnlich wie beim Herzen, das auch immer schlägt, egal ob wir wach sind oder nicht. Was sich aber verändert, ist die Art und Weise, wie das Gehirn aktiviert ist. Das hat wahrscheinlich auch etwas damit zu tun, dass das Gehirn während des Schlafs andere Aufgaben erfüllt. Eine wichtige Aufgabe ist die Gedächtniskonsolidierung: Das, was wir tagsüber gelernt haben, wird nachts noch einmal bearbeitet, verarbeitet und besser abgespeichert. Dabei sind bestimmte Hirnregionen stärker aktiviert als im Wachzustand: z. B. das limbische System, das für die Emotionen zuständig ist, und der Hippocampus, der bei der Informationsverarbeitung eine wichtige Rolle spielt. Das planerische Denken, das man im Wachzustand häufig braucht, ist im REM-Schlaf dagegen weniger aktiv.

Mit welchen Techniken arbeitet die Traumforschung? Lassen Träume sich auch mit bildgebenden Verfahren dokumentieren?

Prof. Schredl: Die einzige Möglichkeit, Trauminhalte zu dokumentieren, besteht darin, den Schlafenden zu wecken und nach seinem Traum zu befragen oder ihn aufschreiben zu lassen. In einer japanischen Studie hat man versucht, diese subjektiven Berichte mit der jeweiligen Aktivierung des Gehirns zu vergleichen. Und da gab es tatsächlich Unterschiede. Man kann aufgrund der Gehirnaktivierung zwar nicht feststellen, was die Person geträumt hat; aber wenn sie von einem Haus geträumt hat, war die Aktivierung doch ein bisschen anders, als wenn sie von Personen träumte. Und es gibt auch noch andere Zusammenhänge: Wenn man im Traum die Hand bewegt, ist der Motorkortex der gegenüberliegenden Gehirnhälfte, der für diese Hand zuständig ist, aktiv. Aber eine genaue Abbildung der Inhalte durch bildgebende Untersuchungen ist bisher noch nicht möglich. Das ist ein sehr komplexes Thema, und die Traumforschung steht auf diesem Gebiet noch ganz am Anfang. 

Da ist man mit der Untersuchung der Gehirnaktivität im Wachzustand schon weiter: Bei einem wachen Menschen kann man z. B. allein aufgrund der Gehirnaktivierung feststellen, ob die betreffende Person gerade meditiert oder nicht.


Früher nahm man an, dass der REM-Schlaf (also die Schlafphase mit den schnellen Augenbewegungen) mit dem Traumschlaf identisch ist. Sie haben in einer Studie gezeigt, dass das nicht so ist.

Prof. Schredl: Der REM-Schlaf wurde ja um die Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt. Wenn man junge Menschen aus diesem Schlafstadium weckte, berichteten sie mit einer 80- bis 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit einen intensiven Traum. Das hat die Schlafforscher zu der Vermutung verleitet, dass hauptsächlich im REM-Schlaf geträumt wird. Inzwischen weiß man, dass das nicht so ist: Wenn man Versuchspersonen aus anderen Schlafphasen aufweckt, kommt man – je nach Studie – auch auf 50 bis 60 % Traumerinnerungen. Wir vermuten, dass die Traumerinnerung deshalb niedriger ist, weil jemand, den man aus dem Tiefschlaf weckt, viel länger braucht, um wach zu werden. Dadurch geht viel von der Traumerinnerung verloren. Aber wir gehen heute davon aus, dass subjektives Erleben eine Basisfunktion des Gehirns ist und dass es keinen Zustand gibt, in dem dieses Erleben nicht vorhanden ist. 

 
Träume scheinen sehr dynamisch und abwechslungsreich zu sein und sehr schnell abzulaufen – ganz anders als im Wachleben, wo man oft stundenlang am Schreibtisch oder vor dem Fernseher sitzt. Im Traum passiert immer etwas. Woran liegt das?

Prof. Schredl: Es ist tatsächlich so, dass längere monotone Tätigkeiten im Traum nicht vorkommen. Das liegt eben daran, dass die Träume eine andere Funktion haben: Es geht nicht darum, die erlebte Wirklichkeit eins zu eins nachzuspielen, sondern darum, neue Verknüpfungen zu schaffen; und da wäre es sinnlos, eine Stunde lang gemütlich herumzusitzen und gar nichts zu tun. Deshalb sind unsere Träume voller Action.

Welche Funktion erfüllen Träume für unsere Psyche? Weiß man darüber schon etwas?

Prof. Schredl: Zu den Funktionen des Träumens gibt es eine ganze Reihe von Hypothesen. Das Hauptproblem ist, dass man das nicht so genau untersuchen kann. Natürlich kann man Menschen fragen, was sie geträumt haben, und dann nachprüfen, ob diese Trauminhalte irgendetwas bewirken. Eine amerikanische Forscherin hat Frauen während der Scheidung untersucht und festgestellt: Den Frauen, die von ihrem Exmann geträumt haben, ging es nach einem Jahr besser als denjenigen, die von etwas anderem träumten. Natürlich könnte man jetzt sagen: Diese Frauen haben die Scheidung im Traum verarbeitet; deshalb ging es ihnen anschließend besser. Es könnte aber auch sein, dass die Frauen, die der Forscherin ihren Traum erzählten, über den Trauminhalt nachgedacht haben und es ihnen deshalb besser ging – weil sie sich eben noch einmal mit dem Thema auseinandergesetzt hatten. Man kann nicht wissenschaftlich sauber unterscheiden, ob der positive Effekt von dem Traum in der Nacht herrührt oder davon, dass das Wachbewusstsein über den Traum nachgedacht hat. Deshalb ist es so schwierig, in einem Experiment nachzuweisen, ob Träume tatsächlich positive Effekte haben. Wenn man über seine Träume nachdenkt, kann man auf jeden Fall davon profitieren; das ist inzwischen schon ganz gut untersucht. Aber bei der Frage, ob der Traum selbst eine Funktion hat, bewegt man sich heute noch auf der Hypothesenebene.
 

Können Träume auch die Kreativität beeinflussen?

Prof. Schredl: Ja. Es gibt viele Beispiele von Künstlern, die kreative Träume haben. Wir haben dieses Phänomen auch in der Normalbevölkerung untersucht und festgestellt, dass auch hier bis zu 8 % der Träume kreative Ideen beinhalten. Das können ganz banale Dinge sein, z. B. dass einem im Traum eine gute Idee für ein Geschenk oder ein schönes Urlaubsziel kommt. Manchmal träumen Studenten, die Probleme mit ihrer Diplomarbeit haben, nachts davon und können das Problem dann lösen. In einer Studie forderten wir unsere Probanden auf, sich abends mit einem Thema zu beschäftigen, bei dem sie das Gefühl hatten, der Traum könnte ihnen eine kreative Lösung dazu bieten. Diese Personen hatten dann tatsächlich mehr kreative Träume. Man kann seine Traumwelt also tatsächlich anzapfen, um sich kreative Anregungen zu verschaffen.

 

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Michael Schredl ist weltweit einer der führenden Traumforscher. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg).

Das Schlafmagazin 2-2016
Foto: © pixabay.com