12/08 2017

Der Schlafatlas 2017 bringt es an den Tag: Wir Deutschen schlafen immer schlechter!

In Diskussionen, Vorträgen und Medienbeiträgen darauf hinzuweisen, dass unsere Gesellschaft den Schlaf weitgehend ignoriert und ihr natürliches Schlafbedürfnis mit Füßen tritt, ist heutzutage fast schon selbstverständlich. Dies gilt natürlich insbesondere für die jüngere Generation und für Menschen, die voll im Berufsleben stehen. Als Hauptfeind eines erholsamen Schlafs gilt schon seit langem das Smartphone mit seiner Kommunikationstyrannei. Aber auch Stress, Überforderung und Existenzängste lassen uns schlecht schlafen. Der Schlafatlas 2017 fasst zusammen, wie genau es um unsere Schlafqualität steht. 

Werner Waldmann 

Der Kölner Schlafmediziner Michael Feld betreibt Schlafmedizin auf erfrischend unkonventionelle Weise. Es ist ihm ein echtes Anliegen, die Öffentlichkeit für den im Alltag so missachteten Schlaf zu sensibilisieren. Feld entdeckte im Produktangebot der Firma 

Beurer, die elektronische Gesundheitsprodukte wie Blutdruck- oder Blutzuckermessgeräte herstellt, den sogenannten Schlafsensor SE SleepExpert und führte eine Studie damit durch, wobei ihm der renommierte Neurologe und Neurogenetiker Prof. Dr. Peter Young von der Universität Münster zur Seite stand.

Beurer hat sich vor allem mit diversen Blutdruckmessgeräten einen Namen gemacht. Dann kamen Pulsoxymeter, Fieberthermometer, Lauf- und Pulssensoren dazu. Alles Geräte, die der Laie zur Kontrolle bestimmter Körperfunktionen einsetzen kann. Inzwischen hat sich ein eigener Terminus für diese Hilfsmittel etabliert: Wearables nennt man sie. Recht bald hat man bei Beurer begriffen, dass sich mit dem Thema Schlaf ein zukunftsträchtiges Terrain für eine Produktdiversifikation geradezu anbietet. Denn der Schlaf wird ein immer bedeutenderes Thema werden. So hat Beurer beispielsweise eine SleepLine entwickelt: eine ganze Produktlinie, die sich nur dem erholsamen Schlaf widmet. Ein Produkt davon ist der erwähnte Schlafsensor SE 80.

Bei diesem Gerät handelt es sich um einen – so die Prospektbroschüre– „kontaktlosen Sensor zur professionellen Schlafdokumentation in den eigenen vier Wänden“. Sozusagen das Schlaflabor zu Hause. Welche Daten werden erfasst? Einschlafdauer, Aufwachhäufigkeit, Gesamtschlafdauer. Außerdem werden aber auch noch Herz- und Atemfrequenz sowie Atemaussetzer erfasst. 

Die Fähigkeiten des Schlafsensors haben Michael Feld dazu inspiriert, mit diesem Hilfsmittel doch einmal die Schlafqualität der Deutschen zu erkunden. 222 Probanden bekamen das Gerät, und so liefert dieser Teil der Untersuchung konkrete Daten aus deutschen Schlafzimmern. Doch damit noch nicht genug: Um ein einigermaßen repräsentatives Bild vom deutschen Schlafverhalten zu bekommen, befragte das Emnid-Institut 3491 Bundesbürger. Die Daten aus den Schlafzimmern und die Antworten der Befragten wurden vom Deutschen Institut für Regenerations- und Schlafwissenschaft (DIRS) zusammengeführt und ausgewertet. Michael Feld und sein Koautor Prof. Peter Young vermittelten und kommentierten die Ergebnisse.

Unterm Strich kam heraus, dass sich die Schlafdauer der Deutschen doch wohl deutlich verkürzt hat und der Schlaf weniger erholsam ist.

Zusammenfassend meinen die Autoren: „Es gibt deutliche Anzeichen für einen erheblichen und zunehmenden Schlafmangel. 34% der Deutschen haben regelmäßig den Wunsch, mehr zu schlafen. 31% fühlen sich morgens matt, und 30% nicken tagsüber unfreiwillig ein. Das sind Signale von Übermüdung, die zumeist aus beruflicher Überforderung resultieren.“

Interessant ist auch, wie die deutschen Schläfer ihre Schlafqualität selbst einschätzen. Die Messdaten zeigen deutlich, dass die Probanden ihren Schlaf subjektiv für besser und vor allem für länger halten, als er in Wirklichkeit ist. Geschlafen wurde im Schnitt sechs Stunden, die gefühlte Schlafdauer war aber fast eine Stunde länger. Man macht sich also etwas vor und will sich offenbar nicht so leicht eingestehen, dass der Schlaf zu kurz kommt.

 

Arbeitsstress und Überforderung stören den Schlaf

Ein- und Durchschlafstörungen sind ein ernst zu nehmendes Problem: 11,3 % der Studienteilnehmer brauchten mehr als 40 Minuten, um endlich in den Schlaf zu finden; und bei sage und schreibe 30 % traten mehr als acht Schlafunterbrechungen auf. Schließlich ist für einen erholsamen Schlaf auch noch das Verhältnis von Leichtschlaf, Tiefschlaf und Traumschlaf (der berühmten REM-Schlafphase) entscheidend. In der Studie hatten die meisten Menschen einen zu geringen Tief- und Traumschlafanteil und dafür zu viel Leichtschlaf.

Die alarmierende Erkenntnis der Studie: Ein Drittel der Deutschen hat das Gefühl, unter einem Schlafdefizit zu leiden, und würde gerne mehr schlafen. Das liegt wohl an den Lebensumständen: Nahezu 50 % der arbeitenden Bevölkerung haben keine reguläre Fünf-Tage-Woche. Fast regelmäßig wird an Samstagen gearbeitet, oft auch an Sonn- und Feiertagen. Wir wissen ja, dass jeder Supermarkt und die meisten Geschäfte in der City samstags bis 20 oder 22 Uhr geöffnet haben und dass das Ladenschlussgesetz, das Sonn- und Feiertagsarbeit für den Verkauf bislang untersagt, gehörig wackelt. Diese Servicefreundlichkeit hat freilich ihre Schattenseite für die Beschäftigten. Und dann gibt es natürlich auch noch das Heer der Schichtarbeiter, die im Nacht- oder Bereitschaftsdienst tätig sind.

 

Gefährlicher Sekundenschlaf

Bedenklich: Fast ein Drittel aller Deutschen würde morgens gar nicht erst aus den Federn kriechen, wenn es nicht sein müsste. Jedenfalls beginnt der Tag für viele mit Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Kopfschmerzen. Nur 19 % der Befragten fühlen sich morgens wie neu geboren und machen sich voller Elan an ihr Tagewerk. Der Rest der Bevölkerung laviert sich irgendwie durch den Tag hindurch, ohne richtig wach zu sein. Das ist kein gutes Zeichen, denn darunter leidet die Qualität der Arbeit; und für Menschen, die in diesem Dämmerzustand eine verantwortungsvolle Arbeit verrichten müssen – Kraftfahrer, Piloten, Maschinenführer –, kann das sogar lebensgefährlich sein. Dass der Sekundenschlaf eine häufige Ursache für dramatische Unfälle auf den Autobahnen ist, wissen inzwischen viele. Doch Polizei, Versicherer und Politik halten sich bedeckt. 

Neben Überforderung und daraus resultierendem Schlafbedürfnis kann hinter dem Sekundenschlaf übrigens auch eine Krankheit stecken: die berüchtigte Schlafapnoe. Darüber redet man schon, auch in der Öffentlichkeit, doch wird immer noch nicht konsequent genug gegen dieses Problem vorgegangen. Noch mehr Schlafapnoiker in der Bevölkerung zu diagnostizieren, wäre ein Leichtes, denn da sind noch unzählige nicht erfasst und erst recht nicht therapiert. Doch Krankenkassen und Politiker wollen sich daran nicht die Finger verbrennen. Zehntausende neuer Schlafapnoe-Betroffener zu entdecken, würde bedeuten, dass immense Kosten auf die Kassen zukommen. Also lieber weiter so und vordergründig Diagnose- und Therapiekosten gespart. 

„Offiziell leiden in Deutschland nur etwa 3 bis 5 % aller erwachsenen Männer an einem obstruktiven Schlafapnoesyndrom“, schreiben die Autoren der Studie dazu. „Die reale Prozentzahl dürfte aber weitaus höher liegen, da die Schlafapnoe nach wie vor ein grotesk unterdiagnostiziertes und selbst in den Köpfen vieler Ärzte noch immer unbekanntes oder nicht ernst genommenes Krankheitsbild ist.“

Tagesschläfrigkeit kann aber auch eine ganz banale Folge miserabler Schlafhygiene sein. Und das dürfte für viele Mitbürger gelten: Man stürzt sich nach der ohnehin aufreibenden Arbeit in ein nicht weniger anstrengendes Feierabendvergnügen und unterdrückt die ganz normale Müdigkeit womöglich auch noch mit Energy-Drinks. Das hat Folgen für den nächsten Tag!

 

Notfalls eine Schlaftablette einwerfen…

Ein Beweis für die schlechte Schlafqualität der Deutschen ist der extrem hohe Verbrauch an Schlafmitteln. Wer schlecht einschläft und nachts immer wieder aufwacht, ist mit diesem Zustand natürlich nicht sonderlich glücklich. Dann nimmt man eben ein Schlafmittel. Insofern ist der Verbrauch an dieser Medikamentengruppe ein Indiz für echte Schlafprobleme.

Die erhobenen Daten erlauben aber auch Interpretationen zum Schlaf im Lebensverlauf und zu Aspekten wie Schlaf und Arbeitswelt oder Familie und Schlaf. (Wer leidet in der Familie am ehesten unter Schlafmangel? Natürlich die Frauen!) Auch über Träume, Wetterfühligkeit, das Klima im Schlafzimmer, Stress und Burnout liefert die Studie wichtige Erkenntnisse. Es ist erstaunlich, was man mit solchen Datenerhebungen alles herausfinden kann. Allein schon die Frage, wer wann zu Bett geht und aufsteht: werktags und am Wochenende, Paare mit und ohne Kinder.

Das Wort „Schlafatlas“ hört sich vielleicht eher etwas langweilig an. Wenn man das Buch noch nicht durchgeblättert hat, mag man an viele Fakten denken: Tabellen, Diagramme, Kurven. Das ist sicherlich ein wesentlicher Bestandteil des Buches. Doch die Autoren legen bei der Interpretation der Daten ihr Hauptaugenmerk auf deren praktische Konsequenzen. Was kann man aus dieser Untersuchung lernen? Es ist klar, was Feld und Young beabsichtigen: Sie wollen die Leser für den Schlaf interessieren und auch dazu motivieren, das eigene Schlafverhalten möglicherweise einmal auf den Prüfstand zu stellen. Und persönliche Konsequenzen daraus zu ziehen. Zum Wohl der eigenen Gesundheit oder besser: Leistungsfähigkeit. Arbeits- und Privatleben fordern heutzutage viele Menschen bis an ihre Grenzen. Das Fitnessstudio allein ist keine Garantie fürs Überleben im Alltagsstress. Schlaf ist eigentlich die wichtigste Vorsorgemaßnahme, die es gibt. Wer schlecht schläft, wird früher oder später dafür büßen müssen: in Form von Depressionen, Burnout, Bluthochdruck und Katastrophen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Der Schlafatlas zeichnet schon ein etwas bedrückendes Bild; aber bei dieser Faktenvermittlung bleibt er nicht stehen. Man erfährt eine Menge über das Phänomen Schlaf und auch darüber, was man für einen gesunden Schlaf alles tun kann. 

 

Glückliche Bremer und Rheinland-Pfälzer

Die Schlafqualität unterscheidet sich merkwürdigerweise von Bundesland zu Bundesland. Die Bremer sind am zufriedensten mit ihrem Schlaf, die Berliner am unglücklichsten. 43% der Bayern sind mit ihrer Schlafsituation unzufrieden und wünschen sich mehr Schlaf. Die Rheinland-Pfälzer dagegen finden ihren Schlaf ganz okay: In diesem Bundesland wünschten sich nur 19% der Bevölkerung mehr Schlaf.

 

 

Das Schlafmagazin 3-2017
Foto: © MEDITEXT Dr. Antonic

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