25/02 2013

DGSM Kongress 2012-Bericht

„Wer schlafen kann, darf glücklich sein ...“

 

Das Motto des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) verdeutlicht, welch wichtigen Einfluss gesunder Schlaf auf unser psychisches Wohlbefinden hat. Rund 2000 Experten diskutierten vom 6. bis 8. Dezember 2012 in Berlin über neue Erkenntnisse und praktische Erfahrungen zur Bedeutung des Schlafes für Gesundheit, Leistung und Lebensqualität.

Marion Zerbst

Der Kongress hat wieder einmal gezeigt, wie eng der Schlaf mit unserer körperlichen und seelischen Gesundheit verzahnt ist: Es gibt kaum eine physische oder psychische Erkrankung, die nicht mit gestörtem Schlaf einhergeht. Manchmal sind die Schlafprobleme Ursache oder erstes Warnsignal, manchmal auch Begleitsymptom oder Folgeerscheinung anderer Krankheitsbilder.  

 

Schlafstörungen – ein Alarmsignal

 

So ist gestörter Schlaf beispielsweise ein Risikofaktor für neurologische Erkrankungen. Eine obstruktive Schlafapnoe (krankhaftes Schnarchen mit Atemaussetzern) kann das Schlaganfallrisiko drastisch erhöhen, und zwar in Abhängigkeit vom Schweregrad: Je öfter dem Schläfer nachts die Luft wegbleibt, umso eher läuft er Gefahr, einen Hirninfarkt zu erleiden. Deshalb, so betont der Neurologe und Schlafexperte Professor Claudio Bassetti, sollte man eine schwere Schlafapnoe unbedingt auch dann behandeln, wenn keine Beschwerden vorliegen – denn das Schlaganfallrisiko besteht unabhängig von der Tagessymptomatik. Standardtherapie einer obstruktiven Schlafapnoe ist nach wie vor die nasale Überdruckbeatmung (nCPAP), bei der dem Patienten über eine Nasenmaske mit Überdruck Luft in die Atemwege geblasen wird, um diese offen zu halten.

Doch auch für Menschen, die bereits einen Schlaganfall erlitten haben, ist gesunder Schlaf wichtig. Das zeigen Versuche an Ratten, bei denen Wissenschaftler künstlich einen Schlaganfall auslösten: Wurden diese Tiere anschließend einem Schlafentzug ausgesetzt, so erholten sie sich weniger gut als die Ratten, die man schlafen ließ. „Wahrscheinlich“, meint Professor Bassetti, „spielen hier Entzündungsfaktoren eine Rolle.“

Zusammenhänge zwischen gestörtem Schlaf und Demenz sind mittlerweile ebenfalls nachgewiesen. Kurzschläfer und Patienten mit schlafbezogenen Atemstörungen erkranken häufiger an einer Demenz oder einer leichten kognitiven Beeinträchtigung, die oft eine Vorstufe der Demenz ist. Menschen mit solchen leichten kognitiven Störungen haben Probleme mit der Konzentration und dem Erinnerungsvermögen, die sie als belastend empfinden, die ihre Selbständigkeit aber (noch) nicht gefährden. Bei manchen verschlimmern sich diese Symptome jedoch mit der Zeit und gehen in eine Alzheimer-Demenz über. 

Der Zusammenhang zwischen gestörtem Schlaf und Demenzerkrankungen zeigt, wie wichtig es ist, Schlafprobleme zu behandeln. Er ist aber auch eine ernste Warnung an unsere Rund-um-die-Uhr-Gesell-schaft, die sich immer weniger Ruhepausen gönnt – und in der Reizüberflutung und überhöhter Leistungsdruck einen erholsamen Schlaf immer schwieriger machen.

 

CPAP für Epileptiker

 

Nicht nur Demenz-Patienten, sondern auch Epileptiker leiden überzufällig häufig an Schlafapnoe. Behandelt man diese Patienten mit einer CPAP-Therapie, so lassen ihre epileptischen Anfälle sich deutlich besser unter Kontrolle bringen. „Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn ein Drittel aller Epilepsie-Patienten sind therapierefraktär, das heißt, sie sprechen auf eine Behandlung mit Antiepileptika nicht an“, betont Professor Bassetti. Solchen Menschen könnte die Behandlung mit einem CPAP-Gerät helfen.

Und nicht zuletzt können Schlafstörungen auch ein Warnsignal für einen Herzinfarkt sein. In einer neueren Studie wurden Patienten gefragt, wie ihr Schlaf kurz vor dem Infarktereignis gewesen sei – mit erschreckendem Ergebnis: Fast 40 % der Patienten gaben an, in den zwei Wochen vor dem Infarkt unter Ein- oder Durchschlafstörungen gelitten zu haben! 

Und wer dauernd schlecht schläft, der lebt sowieso ausgesprochen gefährlich: Studien zeigen, dass Kurzschläfer und Menschen mit verminderter Schlafqualität ein erhöhtes 

Risiko für Herz-Kreislauf-Erkran-kungen haben und dass Ein- und Durchschlafstörungen die Prognose von Patienten, die bereits an einer solchen Krankheit leiden, verschlechtern. Schlafexperten gehen mittlerweile davon aus, dass die frühzeitige Entdeckung und Behandlung solcher Schlafstörungen die Symptome und den Schweregrad von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbessern könnte.

 

Sage mir, wie du schläfst ... und ich sage dir, wer du bist! 

 

Ganz so einfach ist es vielleicht nicht immer; doch die Erkenntnis, dass Schlaf und Persönlichkeit eng miteinander zusammenhängen, gewinnt in der Schlafforschung und Schlafmedizin einen immer höheren Stellenwert. Immer mehr Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnien) – der häufigsten Schlafstörung, die es gibt – Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, die einem gesunden, erholsamen Schlaf nicht gerade zuträglich sind. Eine Therapie, die bei diesen Charaktereigenschaften ansetzt, könnte den Schlaf dieser bedauernswerten Zeitgenossen womöglich verbessern. Denn die Superpille, die erholsamen Schlaf schenkt, ohne die Schlafarchitektur zu zerstören, und über längere Zeit eingenommen werden kann, ohne abhängig zu machen oder andere unerwünschte Nebenwirkungen zu verursachen, wurde trotz aller Fortschritte in der Schlafforschung bis heute leider nicht gefunden. Deshalb setzt man in der Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen stark auf nicht-medikamentöse Behandlungsmaßnahmen: Die Menschen müssen „lernen“, wieder besser zu schlafen – z. B., indem sie sich schlaffördernde Verhaltensweisen angewöhnen und alle beeinflussbaren Faktoren, die einen guten Schlaf stören könnten, nach Möglichkeit eliminieren. 

Schon seit längerem zeigen Studien, dass Insomniker zum Grübeln neigen und sehr selbstkritisch sind: Sie reagieren sensibler auf eigene Fehler als schlafgesunde Menschen, zweifeln stärker an ihrer Leistungsfähigkeit und haben eher das Gefühl, dass das bisher Erreichte nicht ihren Zielvorstellungen entspricht. Außerdem plagt sie auch häufig der Gedanke, den Erwartungen ihrer Mitmenschen nicht gerecht werden zu können. 

Eine Gruppe von Schlafforschern der Universität Freiburg hat nun herausgefunden, dass Insomnie-Patienten außerdem zu besonders pünktlichem und gründlichem Verhalten neigen. Sie kommen immer rechtzeitig oder sogar zu früh zu ihren Behandlungsterminen in die Klinik, wobei hier eine interessante „Dosis-Wirkungs-Beziehung“ zu beobachten ist: Diejenigen, die am schlechtesten schlafen, nehmen es mit der Pünktlichkeit am genauesten. Außerdem füllen sie Fragebogen besonders gründlich aus und schreiben oft sogar noch Extra-Kommentare dazu, in denen sie ihre Antworten akribisch erläutern. 

Worin liegt der praktische Nutzen solcher Untersuchungen? Ganz einfach: Es gibt bereits psychotherapeutische Verfahren zur Behandlung von übermäßigem Perfektionismus, die für Menschen mit Essstörungen entwickelt wurden. Damit könnte man auch Insomnie-Patienten behandeln – und wer weiß: Wenn sie nicht mehr so perfekt sein wollen, schlafen sie ja vielleicht auch wieder besser ...

 

„Ich habe heute Nacht wieder kein Auge zugetan ...“

 

Zu allem Überfluss leiden viele Insomniker außerdem an einer gestörten Schlafwahrnehmung. Jeder kennt den häufig zitierten Dialog zwischen Ehemann und Ehefrau:

Sie: „Ich habe heute Nacht wieder kein Auge zugetan.“

Er: „Das kann nicht sein. Du hast doch geschnarcht wie ein Säbelzahntiger!“

Nichts bringt das Problem chronisch schlafgestörter Menschen besser auf den Punkt. Insomniker schätzen ihre nächtliche Schlafdauer nämlich meistens weitaus kürzer ein, als sie tatsächlich ist, und erleben nach der Untersuchung im Schlaflabor dann oft eine freudige Überraschung, wenn sie erfahren, dass sie zwar nicht gerade gut, aber doch deutlich besser geschlafen haben, als sie dachten. So etwas kann auf diese Menschen, die sich ständig Sorgen darüber machen, wie sie nach ihrer kurzen Nacht den nächsten Tag durchstehen sollen, sehr beruhigend wirken.

Inzwischen gibt es sogar ein Behandlungsverfahren für Insomnie-Patienten mit gestörter Schlafwahrnehmung, das von Schlafmedizinern der Universität Regensburg entwickelt wurde – ein wichtiger Fortschritt, denn es ist sehr belastend für schlafgestörte Menschen, wenn sie nach (objektiv) erfolgreicher Therapie dennoch keine subjektive Verbesserung ihres Schlafs spüren. Deshalb führten die Diplompsychologinnen Dr. Tatjana Crönlein und Julia Holl mit ihrem Team eine Vorstudie an Insomnie-Patienten durch, die schon jahrelang unter Schlafproblemen und einer Schlafwahrnehmungsstörung litten. Und nicht nur das: Diese Patienten berichteten auch öfter über negative Körperwahrnehmungen vor dem Einschlafen als schlafgesunde Menschen. 

Die Probanden wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Mit der einen Gruppe führten die Schlafmediziner zunächst eine Atemmeditation und anschließend eine progressive Muskelentspannungsübung durch, damit sie innerlich locker wurden – was gerade Insomnikern schwerfällt. Dann folgte eine geleitete Fantasiereise, die der Schärfung ihrer Selbstwahrnehmungsfähigkeit diente. Anschließend mussten die Patienten Fragen zu ihrem Empfinden beantworten: „Spüren Sie einmal in sich hinein. Wie fühlen Sie sich gerade? Empfinden Sie ein Gefühl der Wärme? Sind Sie müde? Woran merken Sie das?“ So sollte ihre Aufmerksamkeit von den negativ getönten Körperwahrnehmungen weg- und auf schlafassoziierte Empfindungen hingelenkt werden. 

Anschließend besprachen die Trainer mit den Patienten ihre individuellen Einschlaf- und Entspannungswahrnehmungen.

Das Training hat tatsächlich geholfen: Die Probanden konnten ihren Schlaf jetzt deutlich realistischer einschätzen als vorher – auf jeden Fall besser als die Patienten aus der Kontrollgruppe, mit denen die Schlaftrainer lediglich die Atemmeditation und die Entspannungsübung, nicht aber das Schlafwahrnehmungstraining durchgeführt hatten. 

Dieses Schlafwahrnehmungstraining wird nun im Rahmen eines stationären verhaltenstherapeutischen Gruppenprogramms zur Therapie der primären Insomnie am Schlafmedizinischen Zentrum des Bezirksklinikums Regensburg regelmäßig angeboten. Das Programm besteht auch noch aus verschiedenen anderen therapeutischen Modulen wie z. B. Maßnahmen zur Schlafrestriktion und Schlafhygiene. Patienten können sich zum Zweck dieser Behandlung von ihrem Haus- oder Facharzt an das Schlafmedizinische Zentrum überweisen lassen.

 

Studieren – ein Alptraum?

 

Ein besonderer Schwerpunkt des Schlafkongresses lag in der Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter. Aktuelle Erkenntnisse aus der neurologischen Schlafmedizin belegen die negativen Folgen für Lernen und Leistung, wenn Kinder und Jugendliche zu kurz schlafen und durch den Einsatz von Computerspielen und Fernsehen am Abend immer mehr ihr natürliches Schlafbedürfnis ignorieren. Neue Studien zeigen den Zusammenhang zwischen gesundem Schlaf und Gedächtniskonsolidierung und den maßgeblichen Einfluss eines ausreichenden, erholsamen Schlafs auf das psychische Wohlbefinden und die geistige Entwicklung. 

Ein weiteres wichtiges Thema waren Schlafstörungen und Leistungseinschränkungen bei Studierenden, über die es in der Schlafforschung bisher nur wenige Untersuchungen gab. Auf der diesjährigen DGSM-Tagung wurden Ergebnisse gleich mehrerer Studien mit über 2000 Studenten präsentiert. Sie zeigen, dass Schlafstörungen ein häufiges Problem bei Studierenden sind, die oft einer starken Mehrfachbelastung durch Nebenjob, Wohnsituation und hohen Leistungsdruck ausgesetzt sind. Oft gehen diese Schlafstörungen mit depressiven Verstimmungen einher.  

 

Ein Schlafproblem kommt selten allein

 

Auch Alpträume kommen bei Studierenden öfter vor als in der Allgemeinbevölkerung. Eine Studie von Schlafforschern der Universitäten Würzburg, Tübingen und Koblenz-Landau ging der Sache auf den Grund und stellte fest, dass diese meist nicht das einzige Problem sind: Gerade alptraumgeplagte Studenten leiden zusätzlich oft unter Ein- und Durchschlafstörungen. Und nicht nur das: Auch ihr Selbstbewusstsein scheint angeknackst zu sein. Zumindest trauen sie sich nicht sehr viel zu. Die Studie untersuchte nämlich auch die so genannte Selbstwirksamkeitserwartung und stellte fest, dass diese bei Studierenden mit Insomnien und/oder Alpträumen besonders niedrig ist. 

„Selbstwirksamkeitserwartung“ ist nichts anderes als der Glaube, dass man eine gewünschte Handlung erfolgreich ausführen kann – also die optimistische Selbstüberzeugung: „Ja, das schaffe ich!“ Sie ist bei 

Menschen mit psychischen Problemen wie Angst, Depressionen und Essstörungen meist nicht sehr ausgeprägt.

 

Gefährlicher Schlafstörungs-Cocktail

 

Im Rahmen der Studie wurden alle Studierenden der Universität Tübingen per E-Mail über die Befragung informiert. Über 2000 Studenten füllten einen Online-Fragebogen zu Schlafqualität, Alpträumen, Ein- und Durchschlafen und Ängsten beim Zubettgehen aus. Fast 25 % der Studierenden berichteten, immer wieder unter Alpträumen zu leiden – davon über 18 % mehr als einmal, knapp 6 % sogar über dreimal pro Woche. Frauen waren häufiger betroffen als Männer. Außerdem litt die Hälfte der Studenten unter Ein- und Durchschlafstörungen und unruhigem Schlaf. Vor allem diejenigen, die sehr oft Alpträume hatten, konnten abends schlecht einschlafen. 

Ferner konnte in der Studie ein hoher Zusammenhang zwischen Alpträumen, Schlafstörungen und niedriger Selbstwirksamkeitserwartung festgestellt werden.  Und dieser Mix aus verschiedenen Schlafproblemen und angeknackstem Selbstbewusstsein scheint ein gefährlicher Cocktail zu sein. 

Verschiedene Untersuchungen zeigen nämlich, dass Menschen mit Insomnie und Alpträumen besonders selbstmordgefährdet sind. Schon allein die Verkürzung der Schlafdauer scheint mit vermehrten Suizidgedanken einherzugehen. Deshalb sollten Ärzte im Gespräch mit Patienten, die unter Insomnie, Alpträumen oder nächtlichen Panikattacken leiden, grundsätzlich abklären, ob diese selbstmordgefährdet sind – und auch schlafgestörte Menschen selbst sollten sich dieser Gefahr bewusst sein. Denn solche Störungen sind durch schlafhygienische Maßnahmen, Insomnie-Behandlungsprogramme, Psychotherapie und Medikamente in den meisten Fällen gut behandelbar; und so eine Behandlung kann im Ernstfall lebensrettend sein.

 

Vorbeugen ist besser als schlecht schlafen

 

Sogar Vorbeugung ist möglich. Dies zeigt eine Studie, in der gesunde Studentinnen sich einem achtwöchigen Stressbewältigungsprogramm unterzogen. Die Teilnehmerinnen mussten zwei Wochen lang Schlaftagebücher mit Abend- und Morgenprotokollen ausfüllen, hatten nach dem Kurs tatsächlich einen längeren Nachtschlaf und fühlten sich morgens entspannter. Fazit: Jeder, der (noch) gut schläft, aber bereits merkt, dass ihm der tägliche Stress über den Kopf zu wachsen droht, sollte die Notbremse ziehen und versuchen, mehr Ruhe in seinen Alltag zu bringen. Wer das ohne fremde Hilfe nicht schafft, kann Stressbewältigungsstrategien und Entspannungsverfahren wie beispielsweise autogenes Training in Kursen erlernen.

 

Zu frühes Aufstehen kann krank machen

 

Die einen sind Frühaufsteher, die anderen Nachtschwärmer: Menschen gehören unterschiedlichen Chronotypen an. (Umgangssprachlich bezeichnet man sie auch als „Lerchen“ und „Eulen“.) Erstmals haben Wissenschaftler nun den Einfluss von Schlafenszeiten und dem menschlichen Chronotyp auf die Leistungsfähigkeit untersucht. Wie die innere Uhr tickt, die über Schlafen und Wachen entscheidet, erforscht Professor Till Roenneberg mit seinem Team an der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Unser biologischer Rhythmus ist angeboren, und seine Missachtung kann krank machen“, so der renommierte Schlafforscher. 

Neue Untersuchungen zeigen, dass ein Drittel der menschlichen Gene nur zu bestimmten Zeiten aktiviert wird und Zellstoffwechsel, Immunsystem und Leistungsfähigkeit einem individuellen Rhythmus unterliegen. 

So genießt derjenige den effektivsten Schlaf, der in dem Zeitfenster schlafen kann, das ihm seine innere Uhr vorgibt. Wer jedoch als „Spättyp“ schon frühmorgens anfängt zu arbeiten, bekommt zu wenig Schlaf, weil er abends seinem individuellen Schlaf-wach-Rhythmus entsprechend spät einschläft und morgens, wenn um sechs oder sieben Uhr der Wecker schellt, bereits wieder aufstehen muss, obwohl seine biologische Schlafenszeit noch gar nicht beendet ist. Permanent gegen die innere Uhr zu leben, kann zu chronischem Schlafmangel führen. Und dieses Schlafdefizit macht auf die Dauer krank. 

 

„Eulen“ sind im Nachteil

 

Laut Auswertung spezieller Chronotyp-Fragebogen liegen für 60 % aller Deutschen die Arbeitszeiten zu früh und zwingen sie, entgegen ihrem Chronotyp zu leben. „Das führt zum sozialen Jetlag“, warnt Till Roenneberg – und hat nach aktuellen Erkenntnissen negative Auswirkungen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Dem Jetlag vergleichbar, der nach Flügen über Zeitzonen eintritt, begleitet dieser Konflikt zwischen biologischer und sozialer Uhr die Betroffenen meist ihr Leben lang. Je stärker er ausgeprägt ist, desto mehr sinkt das psychische Wohlbefinden. Viele „Nachteulen“, die während der Arbeitswoche permanent mit hängenden Augenlidern durch die 

Gegend laufen, holen den versäumten Schlaf dann am Wochenende nach – aber auch das ist nicht gerade ein ausgewogener Lebensrhythmus und zehrt auf die Dauer an der Substanz. 

Tatsächlich zeigt eine neue Untersuchung, die auf dem DGSM-Kongress vorgestellt wurde, dass Eulen emotional instabiler sind: Sie gaben an, bei einer Kopfrechenaufgabe, die ihnen im Rahmen der Studie vorgelegt wurde, mehr Stress erlebt zu haben als die Morgentypen. Eine Analyse der Studie zeigte eindeutig, dass diese vermehrte Stressanfälligkeit auf die schlechtere Schlafqualität der Abendtypen zurückzuführen war. 

Das Forscherteam um Professor Roenneberg konnte sogar einen Zusammenhang zwischen sozialem Jetlag und zunehmendem Körpergewicht feststellen. Eine neue Studie erforscht jetzt das Zusammenspiel von innerer Uhr, sozialem Jetlag und Diabetes. 

 

Schichtarbeit soll den individuellen Schlaf-wach-Rhythmus berücksichtigen

 

Die schlimmsten Angriffe auf die innere Uhr sind Nachtschichten und Wechselschichten. Deshalb sollte bei der Schichtplangestaltung unbedingt auf den Chronotyp Rücksicht genommen werden – was bisher jedoch leider nicht geschieht. 

Auch die meisten Studien über die Folgen von Schichtarbeit beziehen den Chronotyp nicht in ihre Analysen ein – obwohl man die gesundheitsschädlichen Wirkungen von Schichtarbeit nur auf diese Weise wissenschaftlich fundiert nachweisen und wirksame Strategien zu deren Einschränkung entwickeln könnte, betont Roenneberg. 

Eine kürzlich von ihm durchgeführte Studie beweist, wie wichtig das ist: Sie ermittelte bei über 370 Wechselschichtarbeitern anhand 

von Fragebogen das Schlaf-wach-Verhalten und die Schlafqualität. Dabei zeigte sich erwartungsgemäß, dass die Schlafdauer von späten Chronotypen in der Frühschicht deutlich kürzer ist, während in der Spät- und Nachtschicht die Lerchen sehr viel weniger Schlaf bekommen. Man müsste bei der Schichtplangestaltung also wohl tatsächlich mehr Rücksicht auf den individuellen Schlaf-wach-Rhythmus der Mitarbeiter nehmen. 

 

Schlafprobleme von A bis Z

 

Im Rahmen des DGSM-Kongresses fand diesmal auch ein Patientenforum unter dem Motto „Schlafprobleme von A wie Alptraum bis Z wie Zähneknirschen“ statt. Dazu waren alle interessierten Bürger – insbesondere natürlich von Schlafstörungen und Schlaferkrankungen Betroffene – zu einer Diskussionsrunde mit Schlafexperten und Vertretern von Selbsthilfegruppen eingeladen. Sie hatten auch die Möglichkeit, ihre Fragen zum Thema Schlaf und Schlafstörungen direkt an die Experten auf dem Podium zu stellen – und das Forum hat gezeigt, dass der Informationsbedarf sehr groß ist. 

Dem Schwerpunktthema des Kongresses entsprechend gab es außerdem erstmals einen Jugendtag, der die Auswirkungen von Schlaf auf die Leistungsfähigkeit thematisierte und in Vorträgen und Diskussionen die wichtige Bedeutung eines erholsamen, gesunden Schlafes vermittelte. Denn guter Schlaf beginnt meistens im Kopf: Gründliche Aufklärung der Bevölkerung ist notwendig, um die Menschen für die Wichtigkeit einer erholsamen Nachtruhe zu sensibilisieren, damit sie Probleme erkennen und bei Schlafstörungen ärztliche Hilfe suchen. 

Ausgabe-1-2013

Das Schlafmagazin 1-2013
Foto: © Wavebreak Media Ltd/123rf

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