04/08 2011

Diabetes, Depressionen und Schlafapnoe

Menschen mit Depressionen haben ein erhöhtes Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Eine bestehende Diabetes-Erkrankung erhöht wiederum das Risiko, eine Depression zu entwickeln. Kommen beide Erkrankungen zusammen, so potenzieren sich die negativen Folgen für Lebensqualität und Lebensdauer der Betroffenen – ein verhängnisvoller Teufelskreis. Für Schlafapnoiker ist das insofern von Bedeutung, als eine Schlafapnoe das Risiko für beides (sowohl Depressionen als auch Diabetes) erhöht.

Marion Zerbst

Das erhöhte Risiko von Diabetikern, an Depressionen zu erkranken, und die negativen Auswirkungen beim Vorliegen beider Erkrankungen sind durch Studien gut belegt. Diese negativen Konsequenzen addieren sich nicht nur, sie potenzieren sich: Im Vergleich zu Diabetikern ohne Depressionen leiden depressive Diabetiker elfmal häufiger unter Komplikationen an den kleinen Blutgefäßen. Die Gefahr von Schädigungen an den großen Gefäßen, die zu Durchblutungsstörungen oder Herzinfarkt führen können, ist um das 2,5-Fache erhöht. 

Diabetes und Depression: ein gefährlicher Kombipack

Jede chronische Erkrankung kann das Risiko für eine Depression oder für depressive Verstimmungen erhöhen. Die negativen Folgen sind bei Diabetes jedoch besonders gravierend, denn eine erfolgreiche Behandlung des Diabetes erfordert die aktive Mitarbeit des Patienten. „Depressionen stellen hierbei ein große Barriere dar, da sie sowohl die Motivation zur Behandlung als auch die Durchführung der Therapiemaßnahmen nachhaltig erschweren“, betont Dr. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Psychologie und Verhaltensmedizin der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG), in einer aktuellen Veröffentlichung. Damit steige die Gefahr von Spätkomplikationen des Diabetes wie Verlust des Augenlichts, Fußamputation oder Dialysepflicht. Auch die Schwankungen im Blutzucker, die bei vielen Diabetikern auftreten, belasten die Betroffenen emotional. Umgekehrt haben Menschen mit Depressionen ein erhöhtes Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Das liegt zum einen daran, dass die Depression die Risikofaktoren Übergewicht und Bewegungsmangel verstärkt. Außerdem ist die psychische Erkrankung selbst ein unabhängiger Risikofaktor: Depressive Störungen können mit einem stressbedingten Anstieg der Kortisolwerte im Blut einhergehen. Dieses Hormon fördert die sogenannte Insulinresistenz, das heißt, das körpereigene Insulin ist zwar vorhanden, führt aber nicht in ausreichendem Maße zum Einbau des Zuckers aus dem Blut in die Körperzellen. 

Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft fordert deshalb, dass Menschen mit Depressionen gezielt auf einen Typ-2-Diabetes untersucht werden. Betroffene Diabetiker benötigen außerdem eine psychologische Betreuung, vor allem zu Beginn der Erkrankung und wenn erstmals Spätkomplikationen auftreten.  

Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich beim obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom (OSAS): Auch diese Erkrankung geht häufig mit Depressionen oder depressiven Verstimmungen einher. So lag in einer neuen Untersuchung des Schlafmedizinischen Zentrums Nürnberg das gemeinsame Vorkommen von Depressionen und OSAS bei fast 25 %. Im ersten Quartal des Jahres 2008 wurden alle 447 Neupatienten des Schlaflabors am Nürnberger Klinikum anhand von Fragebögen auf das Vorliegen von Depressivität gescreent. Bei positivem Befund und bei einem Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) über 9 erfolgte eine weitergehende Depressions-Diagnostik, die zeigte, dass Depressionen bei diesen Schlafapnoikern tatsächlich sehr häufig (nämlich bei 24,1 % des untersuchten Patientenkollektivs) vorkamen.

Durch CPAP bessert sich die Depression

Die Patienten wurden dann auf eine nCPAP-Therapie eingestellt – und jetzt kommt die gute Nachricht: Bereits nach sechsmonatiger Therapie hatte sich ihre depressive Symptomatik deutlich gebessert, wobei Patienten mit guter CPAP-Compliance (Anwendung in über 75 % der Nächte über einen durchschnittlichen Zeitraum von mehr als vier Stunden pro Nacht) besonders stark von der Behandlung profitierten. 

Die Verbesserung der depressiven Symptomatik durch die CPAP-Therapie ist für die Autoren der Studie ein deutlicher Hinweis darauf, dass zwischen schlafbezogenen Atemstörungen und Depressionen tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang besteht, dass sie also nicht einfach nur zufälligerweise häufig zusammen auftreten. Die Autoren kommen daher zu einem ähnlichen Schluss wie die DDG bezüglich des Vorgehens im Hinblick auf Depressionen und Diabetes: Sie schlagen vor, in interdisziplinär organisierten schlafmedizinischen Zentren einen multimodalen Ansatz in der Diagnostik und Therapie von depressiven Störungen und OSAS zu verfolgen: Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe sollten routinemäßig auf depressive Symptome untersucht werden. Umgekehrt sollte man Patienten mit Depressionen (vor allem, wenn diese auf eine antidepressive Therapie nicht ansprechen) im Hinblick auf schlafbezogene Atmungsstörungen screenen.

Eine neue Studie aus Korea kommt übrigens zu ähnlichen Ergebnissen wie die Untersuchung am Nürnberger Klinikum: In dieser Studie wurden Angst und Depression bei 100 OSAS-Patienten vor und nach CPAP-Therapie anhand von Patientenfragebögen erfasst mit dem Resultat, dass bei allen Patienten erhöhte Angst- und Depressionsparameter vorlagen. Auch in dieser Studie verbesserten sich die Angst- und Depressionswerte durch die Beatmungstherapie deutlich. 

Ausgabe-3-2011

Foto: © kallejipp/photocase.de

Literatur

B. Kulzer, N. Hermanns, J. Kruse. Diabetes und Depression – Risiken und Zusammenhänge. Diabetologe 2010; 6: 255–265 DOI 10.1007/s11428-009-0531-9

Diabetes und Depression in Kombination ist gefährlich (Pressemeldung von diabetesDE/DDG vom 16.8.2010)

 J. Acker, J. Herold, K. Richter et al. Depressive Erkrankungen und OSAS (Somnologie Band 14 Supplement 1 Oktober 2010, S. 11 f.)

 A. Büttner-Teleaga: Neuropsychiatrische Prozesse bei OSAS: Angst und Depression (Somnologie Band 14 Supplement 1 Oktober 2010, S. 63)


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