13/08 2015

Konzentration und Reaktionsbereitschaft. Vigilanz ist überlebenswichtig

Fluglotsen, Piloten, Zugführer, LKW-Fahrer, Chirurgen – sie alle müssen jede Sekunde ihrer Tätigkeit hellwach sein. Die kleinste Störung ihrer Aufmerksamkeit kann katastrophale Folgen haben. Vigilanz heißt das Phänomen, Wachheit – ein Zustand ununterbrochener Aufmerksamkeit und steter Reaktionsbereitschaft.

Werner Waldmann

 Als „Vigilanz“ bezeichnet man die Verfassung, in der unser Organismus imstande ist, auf unvorhergesehene Ereignisse blitzschnell und zielgerichtet zu reagieren. Wachheit ist für den Menschen überlebenswichtig. In diesem Zustand fokussiert sich das Bewusstsein auf ein Ereignis, das womöglich lebensbedrohend ist: einen Knall, der uns aufschreckt; einen Signalton, der uns warnt; der drohende Zusammenprall mit einem Fahrzeug; optische Abweichungen auf dem Radarschirm eines Fluglotsen. Doch der Grad unserer Wachheit variiert. Äußere Faktoren wie ablenkende Geräusche oder veränderte Lichtverhältnisse können unsere Wachheit beeinträchtigen, ebenso auch innere Faktoren wie emotionale Probleme, Stress oder schlichtweg Müdigkeit infolge von Überbeanspruchung oder einem Krankheitsgeschehen.

Es ist sicher peinlich, bei einer Konferenz einzuschlafen oder im Theater ein unfreiwilliges Nickerchen zu machen, das womöglich auch noch von lautem Schnarchen begleitet wird. So etwas ruft Schmunzeln oder Lacher hervor, vielleicht fühlt sich der eine oder andere auch dadurch gestört – aber wenigstens schadet es niemandem. Lässt dagegen die Wachheit eines Flugzeugführers, LKW-Fahrers oder Kontrolleurs im Kernkraftwerk nach, so kann das eine Katastrophe auslösen.

Tagsüber, bei der Arbeit, müssen wir wach sein – schon allein deshalb, um in unserer heutigen erbarmungslosen Leistungsgesellschaft konkurrenzfähig zu bleiben. Aber auch in der Freizeit möchte man nicht müde werden: Der Abend in der Disco macht nur Spaß, wenn man hellwach ist und das Vergnügen in vollen Zügen genießen kann.

Der Wachheit auf die Sprünge helfen

Das Bewusstsein lässt sich mit natürlichen und pharmakologischen Substanzen manipulieren. Damit kann man Wachheit sozusagen herbeizwingen. Eine unrühmliche Rolle spielte der Wachmacher Pervitin einst im Zweiten Weltkrieg. Die chemische Bezeichnung für diese Substanz lautet Methamphetamin. Die Wehrmacht verteilte diese Pillen tonnenweise an ihre Soldaten, die so den „Blitzkrieg” zur Verwunderung der anderen Seite spielend durchhielten. Die Substanz wurde sogar in Schokolade eingearbeitet und gelangte unter dem Spottnamen „Panzerschokolade“ an die Front (in der Vorkriegszeit wurde es sogar in Pralinés verwendet, um das Volk bei Laune zu halten). Pervitin ist längst vom Markt verschwunden. Als Partydroge hat Pervitin heute unter dem Namen Crystal Meth neuen Ruhm als Stimulans erlangt. Die Substanz unterdrückt Müdigkeit, Hunger und Schmerzen, steigert Selbstvertrauen und sexuelles Verlangen, verleiht scheinbar unermessliche Kräfte. Am Ende des Rauschzustands folgt allerdings unweigerlich der Absturz: Depression, Schlaflosigkeit. Das Abhängigkeitspotenzial ist extrem hoch. Die Droge zerstört innerhalb kurzer Zeit den Organismus. 

Legale Pharmahelfer gegen Müdigkeit

Aus der Apotheke gibt es eigentlich nur zwei „Muntermacher“. Der eine ist Modafinil (Handelsname Vigil). Das Medikament gehört zu einer Gruppe psychostimulierender Mittel, die sich in ihrer Molekülstruktur freilich von den amphetaminartigen Stimulanzien deutlich unterscheidet. Es wurde im Jahr 1998 ursprünglich für Narkoleptiker zugelassen und nur auf BTM-Rezept (Betäubungsmittel-Rezept) abgegeben. Diese Beschränkung wurde dann aufgehoben und die Zulassung auf Resttagesschläfrigkeit bei Schlafapnoe-Betroffenen und Patienten mit chronischem Schichtarbeitersyndrom erweitert. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat die Sicherheit und Wirksamkeit des Medikaments im Jahr 2011 jedoch erneut beurteilt. Danach ist Modafinil nur noch zur Behandlung von Erwachsenen mit exzessiver Schläfrigkeit zugelassen, die mit Narkolepsie (mit oder ohne Kataplexien) einhergeht. Modafinil ist demnach nicht mehr zugelassen zur Behandlung des chronischen Schichtarbeitersyndroms und übermäßiger Schläfrigkeit bei obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom – auch nicht für Patienten, die trotz korrekt durchgeführter CPAP-Therapie immer noch unter Tagesschläfrigkeit leiden. Anlass für diese Einschränkungen waren vereinzelte Berichte über schwere psychiatrische Symptome wie Suizidgedanken, Depression oder psychotische Episoden im Zusammenhang mit der Gabe von Modafinil. Auch schwere Hautreaktionen und kardiovaskuläre Nebenwirkungen wie Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen sollen aufgetreten sein.

Doch selbst Stimulanzien, die „rezeptfrei“ in jedem Café oder Restaurant erhältlich sind, haben Nebenwirkungen. Kaffee zum Beispiel wirkt im Gegensatz zu Modafinil erst nach 20 bis 30 Minuten, und die Wirkung hält auch nur einige Stunden an. Wer mehrere Tassen Kaffee trinkt, bekommt einen schnelleren Puls, und der Blutdruck steigt; nach neun Tassen machen sich Unruhe und Schlafstörungen bemerkbar. Auch dem Magen empfindlicher Menschen ist Kaffee nicht immer zuträglich.

Warum hat die europäische Arzneimittelbehörde Modafinil aus dem Verkehr gezogen? Der Schlafmediziner Ingo Fietze argwöhnt in seinem neuen Buch „Über guten und schlechten Schlaf“, dass die Behörden (in Abstimmung mit den Krankenkassen?) wohl befürchtet haben könnten, dass ein zu häufiges Verschreiben des Medikaments die Arzneimittelbudgets der Kassen zusätzlich belastet hätte. Originalton Fietze: „Was für eine merkwürdige Rechnung. Hohe Kosten entstehen eher durch arbeitsunfähige Arbeitnehmer oder durch müdigkeitsbedingte Unfälle zu Hause, am Arbeitsplatz oder im Straßenverkehr. Modafinil indes verbessert die Lebensqualität und die Arbeitskraft vieler Betroffener, zum Beispiel der Nachtschichtarbeiter, aber es ist trotzdem nur für Narkoleptiker zugelassen. Die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde misst leider solchen nachhaltigen Schlaf-wach-Störungen, wie sie oft bei Schichtarbeitern auftreten, keine Bedeutung zu.”

Prof. Göran Hajak stellte 2005 fest, dass Modafinil gegen Tagesschläfrigkeit mit deutlich weniger unerwünschten Wirkungen verbunden sei als der Gebrauch älterer Alternativen, die für andere Indikationen geschaffen wurden und lediglich vigilanzfördernde Begleiteigenschaften hätten. Da Modafinil keine euphorisierende Wirkung wie etwa Amphetamin entfalte, fehle dem Mittel auch das Suchtpotential. 

An die Alternative ist leichter zu kommen

Und die heißt Methylphenidat. Das Medikament mit dem Handelsnamen Ritalin wird eigentlich in der ADHS-Therapie eingesetzt – und dies in zunehmendem Maße und ziemlich unverantwortlich. „Methylphenidat“, so Fietze, „erhielten laut einem Report der Barmer Ersatzkasse im Jahr 2011 bereits 7 % aller 11-jährigen Jungen (...) und 2 % der Mädchen!“ Ritalin wird vom Arzt immer häufiger gegen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität bei Kindern verordnet. Auch dann, wenn andere nicht-medikamentöse Therapien sinnvoller wären. 

Methylphenidat gleicht ein vorhandenes Dopamindefizit im Körper aus. Das „Glückshormon“ Dopamin steigert die körperliche und seelische Aktivität. Eine Ritalin-Tablette wirkt vier bis sechs Stunden. Und je höhere Dosen man einwirft, desto besser und stärker fühlt man sich. Verständlich, dass Methyphenidat nicht nur zappeligen Kindern zu mehr Konzentration in der Schule und zu angepasstem Verhalten im Alltag verhilft, sondern auch Erwachsene wach und leistungsstark macht, damit sie sich stundenlang uneingeschränkt auf eine Sache konzentrieren können. Beispielsweise bei einer Prüfung oder im stressigen Büroalltag. Methylphenidat hilft auch beim Partymachen: Man wird kommunikativer, geht mehr aus sich heraus und fühlt sich rundum wach und fit. 

Bunte Vigilanzverstärker aus dem Supermarkt

Früher hat man eine Cola gekippt, um wach zu werden. Das ist nicht mehr cool. Mit Red Bull, dem Wachmacher, der Flügel verleiht, hat es begonnen. Die in bunte Metalldosen verpackten Modedrinks versprechen eine bessere Performance in jeder Hinsicht. Nicht nur bei der Arbeit, sondern auch beim Vergnügen. Wer in sein will, kauft sich „Full Speed“, „Power Point“, „CyBer“ oder „Love bomb“.

Lebensmittelrechtlich gesehen gehören die Energy-Drinks zu den koffeinhaltigen Erfrischungsgetränken wie Cola oder Limonade. Außer Koffein enthalten sie meist auch noch Zutaten wie Taurin, Inosit und Glucuronolacton. Zusätzlich steckt noch jede Menge Zucker oder Süßstoff in der Dose. Pflanzenextrakte wie Guarana oder Mate und raffinierte Aroma- und Farbstoffe verleihen den Drinks das geile Image. Häufig ist in die Drinks auch Alkohol gemixt. „Wodka-Energy“ & Co. wandern deshalb besonders häufig über den Tresen der Discos.

Seit dem 2. Juni 2013 gelten in Deutschland verbindliche Höchstmengen und neue Kennzeichnungsvorgaben für Energy-Drinks. Sie müssen mit der Angabe „erhöhter Koffeingehalt“ und der Koffeinmenge in Milligramm pro 100 Milliliter gekennzeichnet werden. Ab Dezember 2014 ist sogar der Warnhinweis „Für Kinder und schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen“ auf allen Getränkedosen mit einem Koffeingehalt über 150 Milligramm vorgeschrieben.

In den meisten Designer-Getränken wird Aminoethansulfonsäure – bekannt unter dem Namen Taurin – verwendet. Man nimmt an, dass Taurin auch als Neurotransmitter im Gehirn aktiv ist und die Wirkung von Koffein verstärkt. Der menschliche Körper synthetisiert selbst Taurin: täglich bis zu 125 Milligramm. Über die Nahrung nehmen wir jeden Tag zwischen 40 und 400 Milligramm zu uns. Dass Taurin die Leistung 

steigere, wie die Energy-Drink-Hersteller behaupten, konnte wissenschaftlich bisher nicht bewiesen werden. Wahrscheinlich sorgt eher der Koffeingehalt für die Wachheit. 

Energy-Drinks sind problematisch

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stuft die Energy-Drinks als nicht sicher ein. Es gibt kaum Untersuchungen zu Wirkungen und Wechselwirkungen von Taurin in Kombination mit Koffein. Man kennt Fälle, in denen der Genuss der Drinks zum Kreislaufkollaps geführt hat. Also ist Vorsicht und Zurückhaltung geboten! Das gilt vor allem für den Konsum zusammen mit Alkohol.

Vitamine wie B1, B2, B6, B12, Vitamin C und E werden den Getränken gerne zugesetzt. Vitamine stehen für Fitness und Leistungssteigerung. So ist Red Bull unter dem Powernamen „Red Bull Energy-Shot“ mit Vitaminen aufgepeppt: 170 % der empfohlenen Tagesdosis für Vitamin B6 und 140 % der empfohlenen Vitamin-B12-Zufuhr sind in nur 60 Millilitern des Getränks enthalten. Was derartige Konzentrationen für einen Sinn haben sollen, bleibt schleierhaft. 

Wachmacher aus der Natur

Eine Pflanze aus dem Amazonasgebiet, Guarana, und auch die Colanuss enthalten geringere Mengen an Koffein. Die Eingeborenen machen sich den Wachmacher-Effekt dieser Pflanzen seit Jahrtausenden zunutze. Auch Substanzen wie Vitaminen C und D oder Kalzium und Selen wird ein gewisses Wachhaltepotential zugeschrieben. Freilich darf man sich im Hinblick auf die Wirksamkeit keine allzu großen Hoffnungen machen. Neben Kaffee spielt auch Tee, insbesondere der grüne Tee, als natürlicher Wachmacher eine wichtige Rolle. 

Müdigkeit ist eigentlich ein normaler Zustand

Ich bin müde. Was bin ich dann? Geht es mir schlecht? Geht es mir gut? Ist das normal, dieser Zustand? Was bedeutet uns heute dieser Begriff: Müdigkeit?

Freilich kommt es uns öfters über die Lippen, dass wir infolge gewisser Umstände einfach müde sind, ohne uns dem Schlaf überantworten zu wollen. Wir sind einer gewissen Sache müde. Gewisser Umstände, die immer und immer wiederkehren und sich nicht zum Guten wenden wollen, das macht uns müde. Wir wollen nicht mehr. Wir können nicht mehr. Die ewigen Floskeln der Politiker beispielsweise – sie ermüden uns. Wir können, wir wollen sie nicht mehr hören. Wir haben sie einfach satt. Es ist doch gleichsam so, als schalte sich unsere Wahrnehmung in einen Standby-Modus, wenn uns schon wieder in der TV-Nachrichten aus Regierungskreisen verkündet wird, dass sich die Umstände halt so und so verhalten. Oder im persönlichen Bereich: Wir können es einfach nicht mehr hören, die ewig gleichen Nörgeleien des Partners. Das macht uns müde. Nicht: Wir sind müde, nein: Es macht uns müde – obwohl wir eigentlich hellwach sind.

Es scheint zwei Kategorien von Müdigkeit zu geben. Die wahre Müdigkeit bevor sich unser Körper in den Schlaf verabschiedet und eine spezielle Müdigkeit, eine gewisse Haltung, also unsere Reaktion auf einen sozusagen ermüdenden Umstand.

Wie empfinde ich eigentlich Müdigkeit? Wenn ich meiner Partnerin zögernd sage: „Du, ich bin heute müde“, dann artikuliere ich eine gewisse Lustlosigkeit. Ich will nicht ins Theater. Ich will keine Freunde zu mir bitten und womöglich will ich auch keinen Sex, auf den sie erpicht ist. Ins Bett, richtig schlafen gehen, das will ich eigentlich noch nicht. Aber ich möchte meine Ruhe. Ich muss mich nicht unwohl fühlen dabei. Doch ich will bei mir sein. Mit mir alleine, ohne verpflichtende Außenreaktionen, ohne Lust auf etwas Besonderes, ohne jegliches Verlangen nach Aktivität. Ja, ich will passiv sein, einfach so. Mich hängen lassen, treiben lassen. Wach zwar, aber ohne jeglichen Einsatz von physischer oder psychischer Kraft. Ich will mir selbst genug sein. Vielleicht hocke ich in der Sofaecke, der Flimmerkasten läuft, ohne dass ich wirklich hinschaue. Oder ein Buch vor mir, das wirklich und ernsthaft zu lesen ich keine Lust habe. Es ist dies ein Moment des Nicht-Seins, eine Art Schwebezustand, den ich als durchaus angenehm empfinde. Spricht man nicht auch von „wohliger“ Müdigkeit? Das genussreiche Vorspiel vor dem Schlaf? 

Müdigkeit aus Erschöpfung

Freilich kennen wir auch die andere Kategorie: Müdigkeit, die aus Erschöpfung, psychischer wie physischer, folgt. Nach einer langen Wanderung in drückender Hitze, durstig und kaputt, doch viel zu aufgedreht, um schlafen zu gehen. Nach einem harten Arbeitstag, der durchaus von Erfolgen geprägt ist. Doch wir sind müde, rechtschaffen müde. Wer ist „rechtschaffen“ müde? Der Arbeiter nach getanem Tageswerk? Der Landwirt, der die Ernte noch vor dem Unwetter eingebracht hat, darf er abends rechtschaffen müde auf seine Chaiselongue sinken und durchs Fenster in die Wolkenberge blinzeln und den Bierseidel heben?

„Manchmal ist man so müde, dass man zwar keine neuen Gedanken entwickeln, wohl aber schon vorgedachte übernehmen kann. Bisweilen scheint es, als seien ganze Kulturen in dieser Weise müde." Das Zitat stammt von Gregor Brand, einem zeitgenössischen Lyriker aus Mittelholstein. Da steckt einiges drin, das unseren Zustand beleuchtet: Müdigkeit ist kein Zustand, aus dem Geniales, Vorwärtstreibendes wächst, es ist ein Innehalten, vielleicht sogar in gewisser Weise ein Zustand außerhalb der timeline, wenn auch die Uhr gnadenlos weitertickt. Müdigkeit, das ist angehaltener Lebensfluss. Und wahrscheinlich brauchen wir sie, diese Müdigkeit. Goethe hat es auf den Punkt gebracht: „Wie also Hunger das beste Gewürz bleibt, so wird Müdigkeit der herrlichste Schlaftrunk sein.“

Bis jetzt haben wir über Müdigkeit als einen im Grund recht vernünftigen und angenehmen Zustand nachgedacht. Hält sie, die Müdigkeit, aber an, verfolgt sie uns gnadenlos den lieben langen Tag, dann haben wir ein Problem. Doch auch da könnte man feinsinnig unterscheiden. Ich fühle mich morgens frisch, voller Kraft, doch diese Kraft schwindet allzu schnell. Nach ein paar Stunden fühle ich mich leer, müde eben. Das kann nicht sein. Meine Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt, meine Batterien lassen sich nicht mehr zur Gänze aufladen. Das hat Gründe. Das darf nicht sein. Unsere Gesellschaft fordert Wachheit. Die Wachen, die Agilen sind gefragt. The winner takes it all. Und der Sieger strahlt totale Wachheit aus. 

Vielleicht erdrücken mich die Anforderungen des Alltags, meines privaten Lebens. Vielleicht fordere ich mir zuviel ab, vielleicht richte ich mich gedankenlos an irgendwelchen gesellschaftlich verbindlichen Spielregeln aus, die eben für meine Konstitution nicht passen. Und falsche Schlafgewohnheiten können tagsüber ebenso die Wachheit beeinträchtigen.  

Müdigkeit als Krankheitszeichen

Möglich ist es auch, dass mich temporär ein körperlicher Defekt plagt. Eine nicht ausgestandene Grippe, eine unerkannte Zuckerkrankheit, ein Herzproblem. Wenn die Doktoren das alles durchgecheckt haben, können sie mich beraten und behandeln. Wenn nicht, ist der Psychosomatiker dran. Müdigkeit entsteht auch durch Defekte, die sich im Kopf, in der Seele abspielen. 

Und noch eine schlimmere Variante, die Dauermüdigkeit. Ich wache auf und fühle mich, als hätte ich keine acht Stunden im Bett verbracht. Bei der Arbeit schlafe ich ein, hinterm Lenkrad sowieso und am besten lasse ich das Autofahren, weil ich meine Mitmenschen nicht gefährden will. Die Schlafmediziner sprechen da aber von Schläfrigkeit: Ich befinde mich in einem Zustand, in dem mir sofort die Augen zufallen und ich einschlafe. Hinter dieser Schläfrigkeit, auch wenn sie sporadisch und unberechenbar auftritt, hinter ihr lauert ein Problem. Eine Depression, deren Grund oder Ursache ich eigentlich gar nicht benennen könnte. Oder ein handfestes körperliches Leiden. Störungen des Hormonhaushaltes sind oft die Ursache, eine Schlafapnoe, gestörter Schlaf infolge periodischer Beinbewegungen in der Nacht, chronische Erkrankungen, beispielsweise Krebs. Wir wissen, dass Krebspatienten häufig mit extremer Müdigkeit zu kämpfen haben. Dafür hat die Wissenschaft aber auch einen Terminus bereit und spricht vom Fatigue-Syndrom. 

Die Ursachen von Schläfrigkeit sollten vom Arzt abgeklärt werden.  

Fatigue

Viele Krebspatienten leiden unter Tumor-Fatigue. Aber auch bei anderen chronischen Erkrankungen wie Mul-tiple Sklerose oder Rheuma kann Fatigue als Begleiterscheinung auftreten. Dabei handelt es sich um einen Zustand häufiger oder ständiger Müdigkeit und Erschöpfung. Die Symptome können sowohl körperlicher als auch ­geistiger und seelischer Art sein und umfassen: ständige Erschöpfung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, die Unfähigkeit, den ge­wohnten täglichen Aktivitäten nachzugehen, rasche Ermüdbarkeit, Herzrasen, Schwindelgefühl, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, vermehrtes Schlafbedürfnis oder Schlafprobleme, verminderte Motivation, Verlust des Interesses am Leben und depressive Verstimmungen. Energiereserven und Muskelkraft sind reduziert; oft fühlen sich die Patienten schon nach geringer körperlicher ­Anstrengung erschöpft, und die normalen Erholungsmechanismen (Ausruhen, Schlaf) helfen ihnen nicht. Die Einschränkung der Lebensqualität durch das Fatigue-Syndrom empfinden Patienten oft quälender als Schmerzen.  

Ursachen

Fatigue kann verschiedene Ursachen haben:

• Die Krebserkrankung selbst kann Fa­tigue verursachen, z. B. indem sie den Prozess der Blutbildung beeinträchtigt und so zu Blutarmut führt. Außerdem produzieren Tumorzellen Substanzen, die Fatigue-Symptome hervorrufen. Auch intensives Zellwachstum des Tumors kann dem Körper Kraft rauben.  

• Besonders häufig (in etwa 80 % aller Fälle) tritt Fatigue im Rahmen einer Chemo- oder Strahlentherapie auf und ist ebenfalls dadurch bedingt, dass diese Therapien häufig zu einer Schädigung der blutbildenden Zellen im Knochenmark und – daraus resultierend – zu Blutarmut führen. Die dadurch bedingte Mangelversorgung der Organe und Gewebe mit Sauerstoff führt zu einem Abfall der körperlichen Leistungsfähigkeit. 

• Eine Immuntherapie führt als Nebenwirkung ebenfalls zu Fatigue, die manchmal so stark ist, dass die Behandlung unterbrochen werden muss.  

• Auch bei einer Antihormontherapie kann es durch den Mangel an Geschlechtshormonen zu Fatigue-Symptomen kommen.  

• Eine Tumoroperation kann durch den Blutverlust und die anschließende Bettlägerigkeit mit dem dadurch bedingten Verlust an Muskelmasse zu Fatigue führen.  

• Manche Medikamente, die als begleitende Therapie gegen Schmerzen, Übelkeit oder epileptische Anfälle verabreicht werden, tragen ebenfalls zu Müdigkeit und Abgeschlagenheit bei. 

• Krebspatienten leiden oft unter Man­gel­ernährung (durch Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemo- oder Strahlentherapie) und bewegen sich krankheitsbedingt zu wenig. Auch das kann zu Erschöpfungszuständen führen.  

• Der Schock der Diagnose und die Auseinandersetzung mit der Krebserkrankung begünstigen die Entstehung einer Fatigue. Sehr emotional veranlagte Menschen und Personen, die zu depressiven Verstimmungen neigen, eher labil sind und nicht gut mit Stress und Ängsten umgehen können, sind besonders häufig betroffen.

Das Schlafmagazin 3-2015
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