25/02 2013

Macht zu wenig Schlaf dick?

Mögliche Zusammenhänge zwischen Schlafmangel und Übergewicht

 

In der Forschung mehren sich die Hinweise darauf, dass zu kurze Schlafdauer ein Risikofaktor für Übergewicht ist. Zumindest bei Kindern scheint an dieser Hypothese etwas dran zu sein. 

Anne Greveling

Wir schlafen immer weniger. Unsere moderne Leistungsgesellschaft, die Engagement rund um die Uhr verlangt, die Unterhaltungsindustrie, die 24 Stunden pro Tag Entertainment bietet, Verkehrslärm, der vielen Menschen die Nacht zur Qual werden lässt – unser hektischer Lebensstil fordert seinen Tribut. Wissenschaftliche Untersuchungen aus den USA zeigen, dass die durchschnittliche Schlafdauer der Menschen sich in den letzten 50 Jahren um anderthalb bis zwei Stunden reduziert hat. Unser Schlafbedarf, der genetisch festgelegt ist (der eine braucht ein bisschen mehr Schlaf, der andere kommt mit fünf oder sechs Stunden aus), ist jedoch gleich geblieben.  

Gleichzeitig ist nicht zu übersehen, dass die Menschen in den westlichen Industrieländern immer dicker werden. Das hat verschiedenste Ursachen (sitzende Berufe, zu wenig körperliche Aktivität in der Freizeit, ungesunde Ernährung etc.). Dennoch lag es angesichts dieser beiden unübersehbaren Tendenzen nahe, einmal nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Übergewicht zu fahnden. 

Auf den ersten Blick erscheint diese Idee weit hergeholt. Was haben Nachtruhe und Gewicht miteinander zu tun? Wie kann zu wenig Schlaf dick machen? Hierzu gibt es verschiedene Hypothesen. Am häufigsten wird die Leptin-Ghrelin-Theorie angeführt. Appetit und Sättigungsgefühl werden durch zwei Hormone gesteuert: Das im Magen gebildete Ghrelin steigert den Appetit, während das hauptsächlich vom Fettgewebe produzierte Leptin appetithemmend wirkt. Untersuchungen zeigen, dass zu wenig Schlaf mit erhöhten Ghrelin- und erniedrigten Leptinspiegeln im Blut einhergeht, somit also die Esslust fördert. Ganz so einfach, wie es scheint, ist die Sache allerdings nicht: Denn andererseits steigt der Leptinspiegel proportional zur Körperfettmasse an, was dieser Tendenz wiederum entgegenwirkt. 

Macht Schlafmangel nun dick oder nicht? Die zu dieser Frage vorliegenden Studien haben widersprüchliche Ergebnisse erbracht. Manche Untersuchungen zeigten einen eindeutigen Zusammenhang zwischen zu wenig Schlaf und Übergewicht, andere nicht. In wieder anderen Studien ging sowohl zu kurzer als auch zu langer Schlaf mit erhöhtem Körpergewicht einher, während Menschen mit normaler Schlafdauer (sieben bis acht Stunden) eher zu normalem Gewicht tendierten. 

 

Erhöhter Körperfettanteil durch Schlafmangel

 

Neuere Studien deuten darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Körpermasse (wenn es ihn denn überhaupt gibt) in erster Linie auf einen erhöhten Anteil an Fettgewebe zurückzuführen sein könnte. In einer dieser Untersuchungen hatten Probanden, die weniger als fünf Stunden pro Nacht schliefen, einen höheren Körperfettanteil als „Normalschläfer“. Andere Studien zeigten, dass Menschen mit kurzer Schlafdauer einen höheren Bauchumfang haben. 

Klarer als bei Erwachsenen scheint der Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Übergewicht bei Kindern zu sein. Auch bei ihnen ging zu kurzer Schlaf in den Studien zu dieser Frage mit einem erhöhten Anteil an Fettgewebe einher. Und es zeigte sich, dass vor allem Kinder mit stark erhöhtem Body-Mass-Index (BMI) häufig zu wenig schlafen. Untersuchungen an Jugendlichen er­-gaben außerdem, dass junge Menschen, die zu kurz schlafen, zu einem erhöhten Konsum fetthaltiger Lebensmittel neigen. Da immer mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig sind, ist es also auf jeden Fall sinnvoll, wenn Eltern darauf achten, dass ihre Kinder genügend Schlaf bekommen, statt bis in den späten Abend hinein vor dem Fernseher oder Computerbildschirm zu sitzen. Im Kindesalter wird nicht nur das Fundament für die Entwicklung gesunder (oder ungesunder) Schlafmuster gelegt; auch eine Übergewichtsprävention scheint in dieser Lebensphase besonders erfolgversprechend zu sein. 

Quelle: S. Hense, O. Bayer: Schlafdauer und Übergewicht. Somnologie 2012; 16:99–105

 

 

Wechselwirkungen zwischen Schlafstörungen und Diabetes

 

Ein Diabetes kann zu Schlafstörungen führen – beispielsweise aufgrund von Diabetes-Komplikationen wie neuropathischen Schmerzen, die vielen Diabetikern die Nacht zur Qual machen, oder durch den Stress, den Krankheit und Therapie mit sich bringen. Es gibt aber immer mehr Hinweise darauf, dass Ein- und Durchschlafprobleme umgekehrt auch das Diabetesrisiko erhöhen. Eine neue Studie aus Japan bestätigt, dass es hier tatsächlich einen Zusammenhang zu geben scheint: Wissenschaftler in Tokio analysierten die Gesundheitsdaten von über 1000 Männern, die sich bei ihrer japanischen Firma dem alljährlichen Gesundheitstest unterzogen. Bei diesem Test wurden unter anderem der Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1c) bestimmt und Symptome für Schlafstörungen abgefragt.

Das Ergebnis: Ein erhöhter HbA1c-Wert (der bei über 5 % der Probanden festgestellt wurde) korrelierte eindeutig mit Durchschlafproblemen und zu frühem morgendlichem Erwachen. Warum Menschen, die schlecht schlafen, ein erhöhtes Diabetesrisiko haben, weiß man noch nicht genau. Möglicherweise bewirkt der schlechte Schlaf eine Ausschüttung von Stresshormonen wie beispielsweise Kortisol, die die Diabetes-Entstehung begünstigen. Das Fazit der Autoren: Hausärzte sollten bei Patienten mit Schlafstörungen vermehrt darauf achten, ob bei diesen ein Diabetes oder Prädiabetes vorliegt.

Kachi Y et al.: Association between insomnia symptoms and hemoglobin A1c level in Japanese men. PLoS One 2011: e21420 (Epub)

Ausgabe-1-2013

Das Schlafmagazin 1-2013
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