15/02 2010

Der Multikulti-Schlaf

Prof. Dr. Jürgen Zulley

Wenn wir über den Tellerrand unseres Kulturkreises hinausschauen – gibt es auch da feste Schlafzeiten, Schlafdauern und Schlafrituale, und haben diese etwas mit den jeweiligen Lebensbedingungen zu tun? Vergleiche innerhalb Europas haben ergeben, dass Deutschland hier in einigen Bereichen Meister ist. Im Gegensatz zu den Spaniern, Italienern und Portugiesen gehen wir vor 23 Uhr schlafen und stehen morgens als Erste auf. Nur die Engländer haben ähnliche Schlafzeiten wie wir. Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass die Bewohner dieser beiden mitteleuropäischen Länder tagsüber auch am müdesten sind. Eine österreichische Studie untersuchte die dortigen Schlafgewohnheiten und kam zu ähnlichen Ergebnissen wie bei uns, was nicht wirklich überrascht.

Die weltweiten kulturellen Unterschiede bezüglich der Schlafdauer scheinen eher gering zu sein. In klimatisch kühleren Ländern wie Finnland, England und Deutschland scheint man etwas kürzer zu schlafen, aber der maximale Unterschied beträgt 30 Minuten, was nicht eben viel ist. Außerdem geht man wohl in den nördlicheren Ländern früher zu Bett und steht früher auf. Anzumerken ist hier, dass es je nach Studie erhebliche Unterschiede in der Angabe der mittleren Schlafdauer gibt und aus diesem Grund eigentlich nur Vergleiche innerhalb einer Studie sinnvoll sind. Wir erkennen aus diesen Studien, dass unser Schlaf-wach-Verhalten sehr durch unsere Arbeitswelt geprägt ist. In industrialisierten Gesellschaften ist daher kein großer Unterschied bezüglich unseres nächtlichen Schlafs zu erwarten.

Um zu verstehen, inwieweit unterschiedliche Umwelt- und Lebensbedingungen eine Rolle für das Schlafverhalten spielen, eignen sich Vergleiche mit exotischeren Ländern, die aber ein ähnliches Maß an Industrialisierung aufweisen. Hier bietet sich Japan an. Der auffälligste Unterschied ist die unübersehbare Neigung der Japaner, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein Nickerchen einzulegen. Diese Nickerchen-Kultur als Arbeitsverweigerungshaltung zu beschreiben, wäre aber völlig fehl am Platze, da die Japaner eher für ihren Fleiß bekannt sind. Häufige kurze Schlafepisoden am Tage sind gleichbedeutend mit hoher Arbeitsleistung – das sollte uns zu denken geben. Von daher lohnt es, sich näher mit dem Schlaf der Japaner zu befassen. In Japan gibt es keine so strikte Trennung zwischen Schlafen und Wachen, sowohl im privaten Bereich (es ist selbstverständlich, dass Gäste sich bei einem privaten Abendessen zwischendurch zum Schlafen hinlegen) als auch in der Öffentlichkeit. 

Trotz oder gerade wegen dieses entspannteren Umgangs mit dem Schlaf gehört der Fleiß zu den Tugenden der Japaner, und hier gilt vor allem der Einsatz, den man zeigt, während das Ergebnis eher zweitrangig ist. Aus diesem Grund ist es vor allem wichtig, morgens pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Toleriert werden dagegen kurze Nickerchen während der Arbeitszeit, die daher auch in aller Öffentlichkeit stattfinden können, die so genannten „inemuri“. Während bei uns öffentliches Schlafen geächtet wird (das sagt schon der abwertende Begriff „Penner“), ist es in Japan eher ein Zeichen dafür, dass der Betreffende sich in seiner Arbeit so sehr engagiert hat, dass er sogar am Tage einschläft – also ein Beweis für seinen Arbeitseifer. Daher sind die U-Bahnen in Tokio gefüllt mit schlafenden Japanern, die ihr Nickerchen sogar im Stehen halten. (Bei uns ist das Schlafen im Stehen eigentlich überhaupt nicht bekannt.) Es gibt eine schöne wissenschaftliche Abhandlung aus dem Jahr 1965, in der glaubhaft dargelegt wird, dass der Mensch nicht für das Schlafen im Stehen gebaut ist und dass die optimale Lage nun einmal das Liegen sei. Aber auch hier wird eingeräumt, dass ein gewisses „Eindösen“ im Stehen schon möglich sei. Das bedeutet immerhin, dass die liegende Haltung nicht unbedingt notwendig ist. Bei Kindern kennen wir das ohnehin, dass diese in allen möglichen Körperhaltungen schlafen können. Durch die Muskelerschlaffung wird dabei jedoch immer eine entspannte Haltung eingenommen. 

Nicht nur aus Japan ist bekannt, dass Menschen auch im Sitzen, Stehen und sogar beim Gehen schlafen können – und zwar offenbar dann, wenn sie besonders müde sind. Der Schlaf ist dann vielleicht auch nur sehr leicht. Wir kennen aus Filmen Cowboys, die reitend im Sattel schlafen. Das wird übrigens auch von Napoleon berichtet. Und in Japan gab es Berichte von marschierenden Soldaten der kaiserlichen Armee, die schlafend gegen Bäume liefen. Die Japanforscherin Brigitte Steger berichtet, dass dieser Zustand auch heutzutage bekannt ist. Beim amerikanischen Militär wird er „droning“ genannt. Diesen Begriff kennen wir von den selbstgesteuerten Drohnen, die das Militär nicht nur zu Aufklärungszwecken benutzt. 

Dann gibt es noch den „Dachsschlaf“ – eine Art Halbschlaf, wobei das Augenschließen den anderen sagen soll, dass man abwesend ist und keinen Kontakt wünscht. Auch das kennen wir von Kindern – Augen zu, und man ist nicht mehr da. Es gibt in Japan sogar Hilfsmittel, die das Schlafen im Stehen ermöglichen. Mittels Stehhilfen kann das Kinn abgelegt und so die erforderliche Entspannung der Halsmuskulatur für das Schlafen erreicht werden. Wahrscheinlich ist dieser Vorschlag aber nicht ganz ernst gemeint. 

Die Tatsache, dass auch im Stehen geschlafen werden kann, mag so manchen verwundern, der noch nicht mal im Liegen richtig schläft. Was hier verdeutlicht werden soll, ist die Möglichkeit, auch unter den seltsamsten Umständen schlafen zu können. Offenbar sind es nicht nur die äußeren Umstände, die den Schlaf stören, sondern es ist auch die eigene Haltung zum Schlafen bzw. Nichtschlafen, die das Ganze zum Problem machen kann.