29/05 2012

Nachtflugverbot in Frankfurt: Schlaf ist wichtiger als wirtschaftliche Interessen

Hildegard Croque

Jahrelang schwelte der Streit um Nachtflüge am Frankfurter Flughafen. Jetzt hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein Machtwort gesprochen: Zwischen 23 und 5 Uhr sind Flüge in Frankfurt von nun an verboten. Eine Entscheidung, die den Wert des Nachtschlafs respektiert – mit der aber trotzdem viele unzufrieden sind.

Menschen, die in Flughafennähe wohnen, wissen ein Lied davon zu singen: In regelmäßigen Abständen zerreißt der Lärm startender und landender Flugzeuge ihren Schlaf. Selbst wenn es ihnen dann doch irgendwann gelingt, einzunicken, ist dieser Schlaf garantiert nicht so erholsam wie in Wohngegenden ohne nächtliche Ruhestörung. 

Besonders schlimm ist es in Ballungsräumen wie Frankfurt, wo naturgemäß sehr viele Menschen von dem Lärm betroffen sind. Da prallen wirtschaftliche und gesundheitliche Interessen krass aufeinander. 

Das Bundesverwaltungsgericht hat mit seinem Urteil nun der Gesundheit einen höheren Stellenwert eingeräumt. Es gibt eben doch ein „Menschenrecht auf Schlaf“ – das aus dem im Grundgesetz verankerten Recht auf körperliche Unversehrtheit ja eigentlich auch klar hervorgeht. 

 

Wirtschaftsstandort Deutschland bedroht?

 

Natürlich nehmen diejenigen Parteien, die ein wirtschaftliches Interesse an Nachtflügen am Frankfurter Flughafen haben, dieses Urteil nicht widerspruchslos hin. Christoph Franz, der Vorstandschef der Lufthansa, kritisierte die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts als „schweren Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland“. Vor allem für das Luftfrachtgeschäft ist das Nachtflugverbot ein Problem: So hat beispielsweise die Lufthansa-Tochtergesellschaft Lufthansa Cargo in Frankfurt eine eigene Frachtflotte stationiert; und viele dieser Maschinen sind bisher nachts geflogen. Damit ist es jetzt vorbei. Nach Angaben der Lufthansa Cargo wird das Nachtflugverbot sie pro Jahr 40 Millionen Euro Gewinn kosten. Und so fielen die Lufthansa-Aktien nach Verlaut­barung des Urteils denn auch prompt. 

Auch der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeigten sich enttäuscht. Für den BDI sind Nachtflüge eine unabdingbare Voraussetzung für Fortschritt und Wohlstand in Deutschland. Andererseits hängt das Wohl eines Landes – so meinen wir jedenfalls – in erster Linie von der Gesundheit seiner Bürger ab. Und die können nun mal nur dann wirklich leistungsfähig sein, wenn sie genügend Schlaf bekommen. 

 

Sechs Stunden Schlaf sind zu wenig

 

Trotz der für sie günstigen Entscheidung sind auch die vom nächtlichen Fluglärm Betroffenen nicht zufrieden – verständlicherweise. Denn ein Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr ermöglicht ihnen gerade mal sechs Stunden ungestörten Schlaf – zu wenig, wie viele finden. Tatsächlich kommen nur wenige genetisch begünstigte „Kurzschläfer“ dauerhaft mit einer nächtlichen Schlafdauer von sechs Stunden aus. Besser wären sieben, noch besser acht Stunden: Dann müsste sich das nächtliche Flugverbot von 22 bis 6 Uhr erstrecken. Davon ist der Frankfurter Flughafen weit entfernt: In den Nachtrandstunden von 22 bis 23 Uhr und 5 bis 6 Uhr sind 133 Flüge zulässig. 

Das vom Leipziger Bundesverwaltungsgericht beschlossene Flugverbot beschränkt aber nicht nur den ungestörten Nachtschlaf der betroffenen Anwohner auf bloße sechs Stunden, sondern zwingt sie darüber hinaus, grundsätzlich immer die Stunden zwischen 23 und 6 Uhr zum Schlafen zu nutzen. Man müsste quasi „mit der Stoppuhr ins Bett gehen“ – und das gehe nicht, klagt eine Anwohnerin. Nach den Erkenntnissen der schlafmedizinischen Forschung geht es tatsächlich nicht: Denn wer abends um zehn oder halb elf ins Bett geht mit dem festen Vorsatz, um Punkt elf zu schlafen, um wenigstens auf seine sechs Stunden zu kommen, der bringt die besten Voraussetzungen mit, um schlaflos zu bleiben. Schlaf lässt sich nicht erzwingen. Wer sich dabei unter Druck setzt, erreicht genau das Gegenteil. 

Dennoch ist die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts ein Fortschritt, denn der Wert ungestörten Nachtschlafs wird dadurch anerkannt – und sogar über wirtschaftliche Interessen gestellt, was in unserer heutigen leistungs- und gewinnorientierten Gesellschaft nicht selbstverständlich ist. 

Allerdings wird nicht nur der Fracht-, sondern vermutlich auch der Passagierflugverkehr durch das Nachtflugverbot beeinträchtigt sein: Denn wenn eine Maschine aufgrund einer Verspätung nicht mehr vor 23 Uhr starten kann, muss sie auf dem Boden bleiben – und die Passagiere, die eigentlich noch weiterfliegen wollten, müssen die Nacht dann in Frankfurt verbringen. Außerdem werden dadurch vielleicht auch die Kosten für Passagierflüge steigen: Denn vor allem im Sommer wurden häufig die Randzeiten genutzt, um die Maschinen voll auszulasten, sodass sie beispielsweise dreimal am Tag nach Gran Canaria fliegen konnten. Das ist jetzt nicht mehr möglich; und den dadurch entstehenden Verlust werden die Airlines natürlich auf die Passagiere abwälzen. So werden im Sinne einer Solidargemeinschaft alle Menschen, die Flugzeuge als Verkehrsmittel nutzen, die Entlastung der Frankfurter Bürger durch das Nachtflugverbot mittragen müssen.