27/02 2014

Nächtliches Zähneknirschen

Von Jiashou (Prof.) Shandong University, China, Dr. med. Frank Liebaug; Dr. med. Dent. Ning Wu

Mindestens jeder dritte erwachsene Deutsche knirscht laut Bundeszahnärztekammer im Schlaf mit den Zähnen oder presst sie fest aufeinander. Bei den meisten beginnt der „Bruxismus“ – so der Fachbegriff für diese immer häufiger auftretende Funktionsstörung – zwischen 30 und 45 Jahren; es gibt jedoch auch „Knirscher“ von klein auf.

Beim Zähneknirschen pressen oder reiben die Betroffenen ihre Zähne unbewusst aneinander, sodass Schäden an der Zahnsubstanz entstehen können. Zähneknirschen kann in jeder Altersstufe auftreten und ist häufig ein Zeichen starker psychischer Anspannung.

Zähneknirschen und das extrem feste Aufeinanderpressen der Zähne zählen zu den sogenannten Parafunktionen. Darunter versteht man Aktivitäten des Kausystems, die keinem funktionellen Zweck (wie zum Beispiel dem Zerkleinern der Nahrung beim Essen) dienen. Häufig bemerken die Betroffenen ihr Zähneknirschen oder -pressen gar nicht selbst, da dieser Prozess meist unbewusst abläuft.

Bereits bei kleinen Kindern kann Zähneknirschen auftreten. So berichten Eltern oft, dass sie nachts durch die lauten Reibegeräusche ihrer Kinder aus dem Schlaf geweckt werden. Doch auch junge Erwachsene können vermehrt von Bruxismus betroffen sein, wie Dr. Ning Wu in einer wissenschaftlichen Untersuchung bei Kindern und Jugendlichen in China und Deutschland herausfand.
Zähneknirschen kann sowohl tagsüber als auch im Schlaf vorkommen. Nachts tritt Bruxismus vor allem während des REM-Schlafs auf.

Dabei presst oder knirscht der Betroffene mit einer vielfach stärkeren Kraft, teilweise mehreren hundert Kilogramm, als beim normalen Kauen nötig ist. In der Schlafmedizin zählt der Bruxismus deshalb auch zu den Parasomnien (nächtlichen Verhaltensauffälligkeiten).
Es wird vermutet, dass das Hirn­areal, welches für das Zähneknirschen verantwortlich ist, nahe beim sogenannten Traumzentrum in unserem Zentralnervensystem liegt.

Ursachen und Folgen
Ob der eigene Lebensstil, Veranlagung oder auch das psychische Wohlbefinden: Es gibt viele Faktoren, die Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Oftmals ist Zähneknirschen ein Anzeichen für psychische Anspannung und tritt daher zumeist in geistigen bzw. seelischen Belastungsphasen oder in extremen Konzentrationsphasen auf.
Hält das Zähneknirschen über einen längeren Zeitraum an, kann der starke Druck auf die Zahnsubstanz Schäden am Zahnschmelz und Zahnhalteapparat verursachen. Je länger Bruxismus unbehandelt bleibt, desto stärker zeigen sich Schäden am Gebiss.  Mögliche Folgen sind unter anderem Schliff-Facetten auf den Kauflächen, im Extremfall bis zur Wurzel abgeriebene Zähne sowie Risse und Aussprengungen im Zahnschmelz.

Unter den zum Teil immens großen Kräften, die beim Bruxismus wirken, leiden aber nicht nur die Zähne, sondern auch die Kiefergelenke und Kaumuskeln. Durch die starke Muskelaktivität während des Zähneknirschens kann es zu schmerzhaften Verhärtungen und Spannungsschmerzen im Kopf-Hals-Bereich, Schmerzen in den Kiefergelenken, verspannten Nackenmuskeln sowie Gesichts- und Kopfschmerzen kommen. In manchen Fällen können auch Ohrgeräusche (Tinnitus) oder Schwindel die Folge von Zähneknirschen und Aufeinanderpressen der Zähne sein. Meist ist Stress der Auslöser. Deshalb trifft Bruxismus immer mehr Menschen, die als Leistungsträger in Beruf und Familie stark gefordert werden.

Wirksame Hilfe vom Zahnarzt
Eine vom Zahnarzt individuell angepasste Aufbissschiene aus Kunststoff, die man nachts trägt, schützt vor weiteren Zahnschäden und entlastet die Kaumuskulatur. Gute Erfolge bringen außerdem Selbstmassagen, Physiotherapie oder auch Akupunktur und tiefe Bindegewebsmassagen, die in der TCM (Traditionellen Chinesischen Medizin) als Tuina bezeichnet und angewendet werden. Die eigenen Erfahrungen in unserer Praxis sowie Erkenntnisse aus Studienaufenthalten in China  zeigen, dass Akupunktur und Tuina bei den Patienten sehr gut anschlagen.  
Bei chronischen Schmerzen sollte unbedingt ein Orthopäde oder Schmerztherapeut zur Differenzialdiagnostik und interdisziplinären Therapie hinzugezogen werden.  Diese fachübergreifende Behandlung können wir unseren Patienten im Rahmen unseres Netzwerkes bieten. Der Patient kann auf diese Weise auch gezielt osteopathisch vorbehandelt werden, um die Muskulatur zu entspannen und so einen optimalen Behandlungserfolg zu erzielen.

Zentraler Bestandteil der Bruxismus-Therapie ist das Erlernen von Entspannungstechniken, um Stress abzubauen. Jeder muss selbst herausfinden, was ihm guttut: progressive Muskelentspannung (z. B. nach Jacobson), autogenes Training,  Yoga oder Tai-Chi. Bei manchen Patienten hilft auch moderater Ausdauersport wie Walken oder Joggen. Ganz wegtherapieren lässt sich Bruxismus nur selten.

Langfristig vorbeugen
Hat man einmal mit dem Knirschen oder Pressen angefangen, tut man es immer wieder. Nämlich dann, wenn es im Leben ungemütlich wird. Deshalb: In Stressphasen prophylaktisch die Aufbissschiene tragen, nach der Behandlung mit dem Entspannungstraining weitermachen und sich regelmäßig selbst beobachten: Wie halte ich Zähne und Kiefer? Richtig ist die sogenannte Ruheschwebe, bei der zwischen Ober- und Unterkiefer ein Abstand von zwei bis drei Millimetern ist. Tipp: Als Erinnerungshilfe einen kleinen Aufkleber am Computer oder im Auto anbringen. Erwischt man sich beim Zähnezusammenbeißen, heißt es wieder „Lockerlassen!“

Mit Unterkieferprotrusionsschiene zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen
Wenn es sich bei den von Bruxismus betroffenen Patienten zudem um Menschen handelt, die an einer leicht- bis mittelgradigen Schlafapnoe leiden, dann hat sich die Eingliederung einer sogenannten Unterkieferprotrusionsschiene bewährt. Das Grundprinzip besteht darin, dass in beiden Kiefern die Zähne mit einer individuell angefertigten, abnehmbaren Schutzschiene überzogen werden. Beide Schienenteile sind jedoch durch einen speziellen Mechanismus so miteinander verbunden, dass ein Vorziehen des Unterkiefers in Bezug auf den Oberkiefer erfolgt. Hier gibt es einige für den jeweiligen Patienten und dessen Bezahnung und Kieferstellung bestmögliche Varianten von Schienenmodellen. Unser Beispiel zeigt eine Versorgungsmöglichkeit, die dem Patienten trotz der Verbindung noch relativ gute Seitenbewegungen ermöglicht, was sich in unserer Praxis vor allem für Patienten mit Platzangst bewährt hat. Ein Vorteil ist auch, dass der Patient die Position des Unterkiefervorschubs nach Einweisung und Eingewöhnungsphase selbst leicht korrigieren kann.

Eine zahnärztliche Nachkontrolle ist allerdings immer notwendig und auch dringend zu fordern, damit der Patient nicht über das Ziel hinausschießt und dentale Nebenwirkungen auftreten. Wir können aus unserem eigenen Patientengut bislang jedoch über keine negativen Folgen berichten.

Mit einer regelrecht angepassten und eingesetzten Unterkieferprotrusionsschiene kann der Patient keine krankmachenden Kaukräfte auf seine Zahnhartsubstanz oder die Kaumuskulatur mehr einwirken lassen. Die mehrschichtig hergestellten Spezialschienen bestehen aus einer relativ weichen und elastischen Innenschicht, die sich der natürlichen Zahnoberfläche gut anschmiegen soll, und einer relativ abriebfesten, glatten Außenhaut. So sind eine minimale Beweglichkeit und leichtes Gleiten trotz des Unterkiefervorschubs noch möglich.

Die Hauptsache ist jedoch die Straffung der Weichteile im Rachenbereich und somit die effektive Freihaltung der Atemwege für den lebensnotwendigen Luftstrom. Atemaussetzer, wie sie beim obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom auftreten, werden dadurch im Idealfall vermieden oder aber deren Anzahl wird deutlich vermindert, wie unsere Nachkontrollen im Schlaflabor regelmäßig zeigen.
Effektive und gute medizinische Behandlung kann heute nur noch interdisziplinär und im Team erfolgen. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle bei unseren beiden Zahntechnikern Manfred Liebaug und Hartmut Weisheit für die seit Jahren gewachsene konstruktive Mitarbeit bei der Umsetzung schwieriger prothetischer oder schlafmedizinischer Behandlungsfälle bedanken.

Das Schlafmagazin 1-2014
Foto: © Yuri Arcurs/Dreamstime.com

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