29/02 2008

Neue Erkenntnisse über Melatonin: Was ist dran an dem „Wunderhormon“?

Melatonin werden zahlreiche positive Wirkungen zugeschrieben – so soll es beispielsweise den Schlaf fördern, den Schlaf-wach-Rhythmus synchronisieren, das Immunsystem stärken und vor Krebs schützen. Neueste Erkenntnisse über das Hormon untermauern zumindest einige dieser hoffnungsvollen Hypothesen. 

Annemarie Döring

Das „Schlafhormon“ Melatonin wird in der Zirbeldrüse (Epiphyse), einer etwa erbsengroßen Drüse im Zwischenhirn, gebildet, und zwar fast ausschließlich nachts. Seine Aufgaben im menschlichen Organismus sind noch längst nicht alle erforscht; es scheint aber ein wichtiges Hormon zu sein: Immerhin besteht die Zirbeldrüse zu 80% aus Melatonin produzierenden Zellen.Schon 1958 entdeckte und beschrieb der amerikanische Hautarzt Dr. Aaron Lerner die chemische Struktur des Melatonins, nahm in einem Selbstversuch 100 mg des Hormons ein und stellte fest, dass er daraufhin müde wurde. Vor allem in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde das Melatonin dann näher erforscht, und man stellte fest, dass es u. a. das Immunsystem stärkt, das Tumorwachstum hemmt und die aggressiven, zellschädigenden Sauerstoffradikale unschädlich macht. So machte das Hormon in den Medien als Jungbrunnen und Wundermittel gegen alle möglichen Alterungserscheinungen und altersbedingten Erkrankungen Furore. Auch heute noch beschaffen viele Menschen sich das Hormon (das bei uns nicht auf dem Markt erhältlich ist) aus dem Internet und nehmen es regelmäßig ein in der Hoffnung, dadurch besser zu schlafen, fit, aktiv, jung und attraktiv zu bleiben – denn auch gegen die Hautalterung soll es helfen.Was ist dran an dem „Wunderhormon“ Melatonin?Nach wie vor sind viele seiner Wirkungen noch nicht ausreichend erforscht. Man weiß, dass die Melatoninsekretion durch den im Hypothalamus (einem Teil des Zwischenhirns) gelegenen Nucleus suprachiasmaticus, den Sitz unserer „inneren Uhr“, gesteuert wird, und zwar in Abhängigkeit von der Umgebungshelligkeit. Diese wird durch Lichtrezeptoren in der Netzhaut gemessen, die die aufgenommenen Hell-dunkel-Informationen dann an den Nucleus suprachiasmaticus weiterleiten. In den frühen Abendstunden steigt die Melatoninsekretion in der Zirbeldrüse als Reaktion auf die zunehmende Dunkelheit steil an, erreicht zwischen zwei und drei Uhr nachts ihren Höhepunkt und fällt in den frühen Morgenstunden bis in die Nähe der Nachweisgrenze ab, wo sie den ganzen Tag über bleibt. 

Warum Melatonin müde macht
Der abendliche Melatoninanstieg führt zu einer Erweiterung der peripheren Blutgefäße, die als Einschlafsignal wirkt. Darüber hinaus besitzt Melatonin die Fähigkeit, in alle Zellen unseres Körpers einzudringen und diesen die Information „Dunkelheit“ bzw. „Nacht“ zu vermitteln. Man vermutet, dass es auf diese Weise wie der Taktstock eines biologischen Orchesters nicht nur Schlaf und Wachsein koordiniert, sondern darüber hinaus zur Synchronisation sämtlicher Organe und Organsysteme beiträgt: Es gibt ihnen das Signal, sich auf die Aufgaben und Funktionen, die sie zum jeweiligen Zeitpunkt zu erfüllen haben, einzustellen. Melatonin sorgt also dafür, dass unser Organismus nicht „aus dem Takt“ gerät. 

Alzheimer-Krankheit durch Melatoninmangel?
Leider verkalkt die Zirbeldrüse im Lauf unseres Lebens und bildet mit zunehmendem Alter immer weniger Melatonin – vielleicht einer der Gründe dafür, warum ältere Menschen weniger gut schlafen und anfälliger für verschiedene Erkrankungen werden. Erwiesen ist bislang allerdings nur eine Korrelation zwischen Melatonindefizit, Verringerung des REM-Schlaf-(Traumschlaf)-Anteils und Alzheimer-Demenz: In einer Studie untersuchten Wissenschaftler bei 279 Patienten mit Alzheimer-Krankheit, anderen Demenz-Formen, leichter kognitiver Beeinträchtigung oder Depressionen sowie bei 37 gesunden Probanden mittels Computertomogafie den Grad der Verkalkung der Zirbeldrüse. Dabei stellten sie fest, dass Alzheimer-Patienten viel weniger unverkalktes Zirbeldrüsengewebe besaßen als die gesunden Probanden und als die Patienten mit anderen Demenzformen, Depressionen oder kognitiver Beeinträchtigung. Die Alzheimer-Demenz ist die bisher einzige Erkrankung, bei der nachweislich ein REM-Schlafdefizit vorliegt. 

Melatonineinnahme – ja oder nein?
Doch was eine Einnahme von Melatonin eigentlich in unserem Organismus bewirkt, darüber wissen wir nach wie vor viel zu wenig. Zwar sind sich die meisten Wissenschaftler darüber einig, dass das Hormon einen gestörten Schlaf positiv beeinflussen kann – aber wie und warum, darüber tappen wir nach wie vor im Dunkeln. Man weiß bis jetzt nur, dass Melatonin bei Menschen, die zu wenig REM-Schlaf haben, den REM-Schlaf-Anteil normalisieren kann. Außerdem ist das Hormon ein Chronobiotikum: Das heißt, es ist in der Lage, einen aus dem Takt geratenen Schlaf-wach-Rhythmus wieder zu synchronisieren. Allerdings empfehlen Mediziner die Einnahme von Melatonin zum jetzigen Zeitpunkt nicht, weil die Datenlage zur Dosierung und zur Indikation (d. h. zu den Krankheitsbildern bzw. Schlafstörungen, gegen die das Hormon helfen könnte) bislang noch viel zu unsicher ist: Man weiß schlicht und einfach immer noch zu wenig über das geheimnisvolle Schlafhormon, und daher bezeichnen Ärzte es als leichtsinnig, sich die Tabletten einfach aus dem Internet zu besorgen und sie „einzuwerfen“ in der Hoffnung, dadurch ewig jung zu bleiben oder besser schlafen zu können. Wenn überhaupt, sollte Melatonin nur unter strikter ärztlicher Kontrolle genommen werden – nicht zuletzt deshalb, weil auch der Einnahmezeitpunkt eine wichtige Rolle für die Wirkung spielt. Beim Schichtarbeitersyndrom, so weiß man inzwischen, liegt der ideale Zeitpunkt für die Einnahme zwischen 21 und 23 Uhr abends. Zur Resynchronisation eines durch Schichtarbeit aus dem Takt geratenen Schlaf-wach-Rhythmus scheinen Dosierungen zwischen 3 und 10 mg erforderlich zu sein; Genaues weiß man allerdings auch hierüber noch nicht. Sobald die erwünschte synchronisierende Wirkung eingetreten ist, kann man das Melatonin nach dem derzeitigen Kenntnisstand wieder absetzen; der Effekt sollte trotzdem weiterhin anhalten.Wichtig ist es, Melatonin immer zum gleichen Zeitpunkt einzunehmen. Und genau das machen viele Menschen falsch: Sie nehmen das Hormon eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen ein in der Hoffnung, besser schlafen zu können; und da die meisten Leute abends nicht immer zur selben Zeit schlafen gehen, variiert auch der Zeitpunkt ihrer Melatonineinnahme sehr stark. Das ist neuen Erkenntnissen zufolge kontraproduktiv, denn damit kann man genau den entgegengesetzten Effekt erzielen und Störungen des Schlaf-wach-Rhythmus erzeugen, die den Symptomen eines Schichtarbeiter-Syndroms ähneln. 

Melatonin – doch keine Wunderdroge?
Das Hormonpräparat Melatonin soll Schlafstörungen bessern und daher auch helfen, mit Jetlag-Problemen besser zurechtzukommen. Viele Vielflieger beschaffen sich das Präparat aus dem Internet, um nach einem Langstreckenflug am Ankunftsort gleich wieder „fit wie ein Turnschuh“ zu sein. Wir haben Experten von der Pilotengewerkschaft „Vereinigung Cockpit“ gefragt, ob das Hormonpräparat, das den Schlaf-wach-Rhythmus wieder synchronisieren soll, nicht auch für Piloten und andere Menschen, die berufsbedingt häufig weite Strecken fliegen müssen, eine sinnvolle Alternative sein könnte. „Wir gehen davon aus, dass es Kollegen gibt, die Melatonin nehmen, aber wir können nicht sagen, wie viele es sind“, meint Flugkapitän Andreas Keller. „Ich habe es selber ausprobiert und kann meine Erfahrungen damit auf einen ganz einfachen Nenner bringen: Bitte lasst die Finger davon.“ Warum? „Erstens kennen wir die Nebenwirkungen nicht – noch nicht. Melatonin ist ein Hormonpräparat, das dem Körper in hundertfacher Überdosis zugeführt wird, und bisher konnte in keiner verfügbaren Langzeitstudie beobachtet werden, was es tatsächlich an Nebenwirkungen mit sich bringt. Es bewirkt bei denjenigen, die es einnehmen, ganz verschiedene Resultate – die einen werden dadurch ein bisschen fitter, die anderen kommen etwas schneller wieder in die Zeitzone vor Ort herein.“ Doch ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass der Körper dieses Hormon ja nicht über den ganzen Tag ausschüttet, sondern nur zu bestimmten Zeitpunkten. „Physiologen sagen: Melatonin muss man zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt nehmen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Tut man dies nicht, so kann es genau in das Gegenteil umschlagen. Und da kein Mensch ständig seine Körpertemperatur misst, auch niemand genau weiß, wann und wo in seinem Körper welcher Zyklus abläuft, und wir außerdem verschiedenste Körperzyklen haben, die unterschiedlich asynchron zur Umgebung laufen können, weiß keiner genau, wann er nun eigentlich Melatonin nehmen müsste. Daher kann ich eigentlich nur einen Rat geben: Lasst es bleiben!“ Ein weiteres Problem: Melatonin ist auf dem Markt nicht immer eindeutig in einer definierten Dosierung und auch nicht unbedingt in der entsprechenden Reinheit verfügbar. Hinzu kommt, dass Piloten im Allgemeinen zu wenig schlafmedizinische Vorbildung haben, um solche Selbstversuche bei sich durchzuführen. Dies gilt auch für Manager und sonstige „Vielflieger“. 

Ausgabe-1-2008

Foto: © AVAVA/Fotolia.com

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