21/08 2009

Restless Legs: Wie können Betroffene sich selbst helfen?

Um gegen ihre quälenden Beschwerden anzukämpfen, greifen RLS-Patienten oft zu rezeptfreien Medikamenten und Naturheilmethoden. Bei den wenigsten ist die Wirksamkeit erwiesen; manche können bedenkliche Nebenwirkungen haben. Besser ist es, sich die Erkrankung mit einfachen Änderungen des Tagesablaufs und der Lebensgewohnheiten zu erleichtern. Hierzu gibt es viele Erfolg versprechende Ansätze. 

Prof. Dr. Jörn Peter Sieb

Die Zahl der für die Behandlung des Restless-Legs-Syndroms (RLS) zugelassenen Medikamente steigt. Aktuell wurde das Neupro®-Hautpflaster für die RLS-Therapie zugelassen. Pregabalin (Lyrica®) ist eine mögliche weitere Therapieoption, zumindest legen aktuelle Studien dies nahe. Ob und wann Pregabalin für die RLS-Therapie zugelassen wird, lässt sich jedoch noch nicht abschätzen. Die gute Wirksamkeit der zugelassenen RLS-Medikamente wurde anhand aufwendiger, nach strengen wissenschaftlichen Vorgaben durchgeführter Studien belegt. Viele RLS-Patienten versuchen, durch Änderung ihrer Lebensgewohnheiten eine Besserung ihrer Krankheitssymptome zu erreichen. Auch nehmen sie nicht selten frei verkäufliche Medikamente ein oder setzen Methoden aus der Natur- oder Alternativmedizin ein. 

Rezeptfreie Medikamente
Zu den frei verkäuflichen Medikamenten, die etliche RLS-Patienten ohne ärztlichen Rat gegen ihre Beschwerden einsetzen, gehören insbesondere Magnesium-Präparate (wie beispielsweise Magnesium Verla®, Magnesium-Diasporal®) und Chinin (z. B. Limptar®), die auch von vielen Hausärzten gegen Muskelkrämpfe verordnet werden. Tatsächlich gibt es Untersuchungsdaten, die eine gewisse Wirksamkeit von Magnesium beim leichtgradigen RLS zeigen, jedoch steht ein wissenschaftlich eindeutiger Beleg aus. Ein Versuch mit Magnesium kann durchaus sinnvoll sein. 

Wissenschaftliche Untersuchungen fehlen jedoch für Chinin, das in letzter Zeit sehr propagiert wird. Die Einnahme von Chinin ist keineswegs ohne Risiko – vielmehr sind erhebliche Nebenwirkungen möglich. 

Manche Patienten setzen gegen RLS-Beschwerden Schmerzmedikamente wie  beispielsweise Ibuprofen ein. Auch diese Selbstmedikation ist nicht risikofrei, insbesondere wenn sie über einen längeren Zeitraum betrieben wird. Ebenso ist die Einnahme von eigentlichen Schlafmitteln nicht sinnvoll, da sie beim RLS nicht zielgerichtet wirken. Bei regelmäßiger Einnahme von Schlafmitteln kann es zu einer Gewöhnung kommen. Man merkt bald kaum noch die schlafanstoßende Wirkung des Schlafmittels; jedoch ist der Schlaf besonders schlecht, wenn die gewohnte Schlaftablette an einem Abend einmal nicht eingenommen wurde.

Natur- und Alternativmedizin
Nicht wenige RLS-Patienten versuchen es mit Methoden aus der Natur- und Alternativmedizin. Beispielsweise haben viele RLS-Patienten positive Erfahrungen mit der klassischen Homöopathie oder den Dr. Schüßler-Salzen gemacht. Wilhelm Heinrich Schüßler hat als homöopathischer Arzt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Oldenburg die nach ihm benannte „biochemische Heilweise“ entwickelt. Er ordnete zwölf Mineralsalzen bestimmte Organfunktionen zu. Unter den Dr. Schüßler-Salzen sollen die Nr. 7 (Magnesium phosphoricum D6) und die Nr. 14 (Kalium bromatum D6) beruhigen und den Schlaf fördern. Nr. 21 (Zincum chloratum D6) soll die unruhigen Beine beeinflussen.

Zu den homöopathischen Mitteln, die beim RLS eingesetzt werden, gehören weiterhin Rhus toxicodendron (Giftefeu), Sulfur (Schwefel), Zincum (Zink), Valeriana officinalis (Baldrian), Sepia (Tintenfisch) und Arsenicum album (Arsen). Manche Patienten haben auch durch Löwenzahntee Linderung gefunden.

Auch die traditionelle chinesische Medizin bietet RLS-Kranken Therapieoptionen an. Die RLS-Beschwerden sollen auf eine so genannte Yang-Fülle bzw. Feuer-Störung der Leber und des Herzens hinweisen. Diese Füllestörung beruht nach den Vorstellungen der traditionellen chinesischen Medizin auf einer meist eher verborgenen Yin-Schwäche-Störung. Solche kombinierten Störungsmuster mit Yin-Schwäche und Yang-Fülle seien allein mit Akupunktur häufig nicht ausreichend zu behandeln. Die Umstellung der Ernährung auf ausgewogene Kost nach den fünf Elementen mit viel Ruhe beim Essen, Heilkräutern (z. B. Reishi) sowie Qi Gong- bzw. Tai-Ji-Juan-Übungen seien deshalb wichtige Ergänzungen der RLS-Therapie. 

Weiterhin wird für die Magnetfeldtherapie in mehreren Abwandlungen, z. B. als so genannte SEQEX-Therapie, als Behandlung bei RLS geworben. Spezielle Magnetmatratzen zur RLS-Therapie werden teuer angeboten. 

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit der Therapieverfahren aus der Natur- und Alternativmedizin fehlen. Es gilt: „Der Glaube kann Berge versetzen!“ und „Wer heilt, hat Recht“. Der finanzielle Aufwand mancher dieser Verfahren ist jedoch beträchtlich. Darüber hinaus sind manche Behandlungsmethoden der Alternativmedizin nicht ohne gesundheitliches Risiko. 

Beispielsweise können chinesische Medikamente aus obskuren Quellen nicht deklarierte und risikoreiche Inhaltsstoffe enthalten. Wegen unberechtigter Hoffnungen, die die Patienten in alternative Therapieversuche setzen, unterbleibt nicht selten die Behandlung mit Medikamenten, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist. Auch auf diese Weise kann RLS-Kranken Schaden zugefügt werden.

Ernährung und RLS
Eisenmangel kann ein RLS hervorrufen! Dieser Zusammenhang ist seit langem bekannt. Eisenmangel ist keineswegs selten. Mögliche Ursachen dafür sind z. B. eine nicht ausreichende Eisenzufuhr mit der Nahrung oder ein chronischer Blutverlust. In Europa weisen zirka 10 % aller Frauen im gebärfähigen Alter einen Eisenmangel auf, in Entwicklungsländern sind es sogar bis zu 50 %. RLS-Kranke sollten auf eine ausreichende Eisenzufuhr mit der Nahrung achten. Pflanzliches Eisen wird vom Darm deutlich schlechter aufgenommen als tierisches. Auch kann Vitamin C die Eisenaufnahme fördern. Eisenpräparate bergen die Gefahr einer übermäßigen Eisenzufuhr und sollten deshalb nur unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden.

Hunger verscheucht den Schlaf – aber auch ein voller Magen kann zum Schlafhindernis werden und zu einem unruhigen, traumschweren Schlaf führen. Bestimmte Nahrungsbestandteile, wie beispielsweise die Aminosäure L-Tryptophan, sollen dagegen den Schlaf fördern. Aus Aminosäuren bildet der Körper Eiweiß, wobei der Körper selbst L-Tryptophan nicht herstellen kann und deshalb auf die Zufuhr dieser Aminosäure mit der Nahrung angewiesen ist. 

L-Tryptophan wird auch als Medikament eingesetzt, und zwar als mildes Schlafmittel und Antidepressivum. Zu den schlaffördernden Nahrungsmitteln zählt man Milch und Milchprodukte, Teigwaren, Süßigkeiten, Erdnüsse, Fleisch und beim Obst Ananas, Bananen, Datteln sowie Feigen. Somit wäre die Wirkung des Hausmittels „heiße Milch mit Honig“ als Einschlafhilfe erklärt. Zu den eher schlafhemmenden Nahrungsmitteln gehören u. a. Eier, Fisch, Magermilch, Joghurt, Erbsen, grüne Bohnen und möglicherweise auch bestimmte Konservierungsmittel.

Bei vielen RLS-Kranken führt Koffein zu einer deutlichen Zunahme der RLS-Beschwerden. Sie sollten deshalb für einige Wochen konsequent auf koffeinhaltige Getränke wie Kaffee, schwarzen Tee, Mate-Tee und Cola verzichten und die Wirkung dieses Verzichts bei sich austesten. Der Koffeingehalt von Mate-Tee nähert sich dem von schwarzem Tee. Übrigens findet sich auch in Kakao und damit auch in Schokolade Koffein in geringer Menge. Ebenso sollten versuchsweise zumindest abends Alkohol und Tabak gemieden werden. Es ist ohnehin falsch, Alkohol als Einschlafhilfe („Schlummertrunk“) zu benutzen. Auch bei Gesunden beeinträchtigt Alkohol die Schlafstruktur durch den Weckeffekt des fallenden Blutalkoholspiegels. Weiterhin soll der Süßstoff Saccharin sich bei RLS ungünstig auswirken.

Selbsthilfeoptionen
Einfache Änderungen des Tagesablaufs und der Lebensgewohnheiten können die RLS-Beschwerden bereits maßgeblich lindern. Leider gibt es jedoch kein Allheilmittel. Letztlich hat jeder Betroffene sein individuelles RLS. Häufig sind günstige Effekte nicht von anhaltender Dauer, da sich das RLS typischerweise mit zunehmendem Lebensalter verschlimmert. Viele Erkrankte registrieren einen Wechsel zwischen Phasen mit relativ gering ausgeprägten Beschwerden und solchen, in denen sie besonders heftig von der Erkrankung betroffen sind.

Bäder und Massagen: Die meisten RLS-Patienten empfinden kalte oder warme Abgüsse als sehr günstig. Auch Massagen, beispielsweise eine Muskelmassage mit Franzbranntwein, lindern die RLS-Beschwerden häufig.

Entspannungsübungen: Bei Schlafstörungen wird häufig das Erlernen von Entspannungstechniken (z. B. autogenes Training oder Muskelrelaxation nach Jacobson) empfohlen. Für RLS-Kranke sind solche Übungen jedoch meistens nicht geeignet, weil sie nicht die erforderliche Ruhe dazu aufbringen. Trotzdem ist es auch für RLS-Kranke hilfreich, sich bewusst zu entspannen. Es muss im Tagesablauf immer Zeit bleiben, um den Tag vor dem Einschlafen langsam ausklingen zu lassen. Bei Anspannung, beispielsweise durch berufliche oder familiäre Probleme, wird sich die RLS-Symptomatik verstärken.

Diese Befürchtung, nicht schlafen zu können, kann als „sich selbst erfüllende Prophezeiung“ das Einschlafen zusätzlich zu den RLS-Symptomen behindern. Die Folge ist, dass sich die Schlafstörungen noch verstärken. Bei der so genannten paradoxen Intention wird der Schlafgestörte dazu an- gehalten, gerade das befürchtete Verhalten, d. h. die nächtliche Schlafstörung, anzustreben. Die psychologische Grundannahme dabei ist, dass bei vielen Schlafgestörten eine Versagensangst besteht, die das Einschlafen verhindert. Wird jedoch der Schlaf nicht angestrebt, verringert sich diese Versagensangst, und der Schlaf wird leichter erreicht. 

Körperliche Betätigung: Eine regelmäßige körperliche Betätigung fördert bekanntlich die Gesundheit allgemein und kann auch die unruhigen Beine günstig beeinflussen. Schwere körperliche Betätigung, wie ein anstrengendes Tennis-Match oder der abendliche Workout kurz vor dem gewünschten Einschlafzeitpunkt, hat jedoch einen gegenteiligen Effekt. Nach schweißtreibenden Tätigkeiten am Abend können auch Gesunde ohne Schlafstörung nur erschwert einschlafen.

Gestaltung des Schlafzimmers: Kein Bereich der Wohnung wird zeitlich so intensiv genutzt wie das Schlafzimmer und keinem Raum kommt eine ähnlich wichtige Aufgabe zu: die körperliche und seelische Erholung durch den Schlaf! Wer es sich aussuchen kann, sollte daher sein Schlafzimmer in den ruhigsten Bereich der Wohnung oder des Hauses legen. Eine ausreichende Verdunkelung und ein bequemes Bett sind unabdingbar. Das Schlafzimmer und dessen Einrichtung sollen auf den Schlaf einstimmen. Es ist deshalb besonders ungünstig für den Schlaf, wenn das Schlafzimmer weiteren Wohnfunktionen dient, also beispielsweise als Arbeitszimmer genutzt wird. Einzimmerwohnungen sind daher besonders schlafhemmend.

Frischluft fördert bekanntlich den Schlaf. Das Schlafzimmer sollte also ausreichend gelüftet werden, um eine optimale Raumtemperatur zu erreichen. Diese liegt etwa bei 15 bis 16 Grad Celsius, bei Kindern eher etwas höher. Wichtig ist auch die Luftfeuchtigkeit. Zu trockene Luft trocknet die Schleimhäute der Atemwege rasch aus und erschwert dadurch die Atmung.

Umgang mit der Erkrankung
Das Restless-Legs-Syndrom ist eine Erkrankung, die den Betroffenen zumeist lebenslang begleitet. Wichtig ist der Umgang mit dieser Erkrankung. Keineswegs sollten die Krankheitsbeschwerden nur ertragen werden. Mit individuellen Techniken kann die Beeinträchtigung durch das RLS deutlich gemindert werden. Hier einige Hinweise für Betroffene:

 Sprechen Sie über Ihre RLS-Erkrankung. Informieren Sie Ihre Familie, Ihren Freundes- und Bekanntenkreis, vielleicht auch die Arbeitskollegen über das RLS. Nur so wird man verstehen, warum abendliche Schulungen, Theaterbesuche oder auch der Fernsehabend für Sie so beschwerlich sind und warum Sie „unruhig“ werden. Das RLS ist eine häufige Erkrankung. Viele andere sind ebenfalls betroffen. Rechnen Sie aber auch damit, dass manche Menschen weder verstehen wollen noch können, was es mit dem RLS auf sich hat.

 Kämpfen Sie nicht mit dem RLS. Versuchen Sie nicht, willentlich den Bewegungsdrang zu unterdrücken. Es wird Ihnen nicht gelingen, sondern die Symptome nur noch weiter verstärken. Es ist leider nicht möglich, den Schlaf mit Willenskraft herbeizuführen. Verlassen Sie das Bett und gehen Sie einer entspannenden Tätigkeit nach. Akzeptieren Sie die Erkrankung. Stemmen Sie sich nicht dagegen.

 Führen Sie ein Schlaftagebuch. Dadurch werden Sie Faktoren, die den Schlaf günstig beeinflussen oder stören, sicher erkennen. Auch sollte in einem solchen Schlafprotokoll die Wirkung der Medikamente festgehalten werden. Für Ihren Arzt sind diese Informationen sehr hilfreich.

 Werden Sie ein mündiger Patient. Den Entscheidungen anderer folgen zu müssen, ist für viele von einer chronischen Erkrankung betroffene Menschen das Schlimmste. Wirken Sie diesem Kontrollverlust entgegen und treffen Sie Therapieentscheidungen gemeinsam mit Ihrem Arzt. Voraussetzung ist ein möglichst gutes Wissen um die Erkrankung. Auch deshalb ist eine Mitgliedschaft in einer RLS-Selbsthilfegruppe eine sinnvolle Entscheidung.

Was hilft beim Einschlafen? Einige Tipps für Betroffene:

 Versuchen Sie sich bewusst zu entspannen. Häufig hilft die Vorstellung eines bestimmten Ruhebildes in der Einschlafphase. Vergegenwärtigen Sie sich, welche Vorstellungen oder Erfahrungen für Sie mit den Begriffen „Ruhe“ und „Entspannung“ verbunden sind. Vielleicht ist es ein ruhiger Tag am Strand mit Meeresrauschen oder ein Blick von einem Berggipfel …

 Ein fester Abendablauf ist für rasches Einschlafen vorteilhaft. Ein möglichst schematischer Ablauf des Zubettgehens – ein Einschlafzeremoniell – hilft ebenfalls. Kinder bestehen zumeist auf einem eingeübten allabendlichen Einschlafritual, z. B. einem bestimmten Schlaflied, das jeden Abend gesungen wird. Entwickeln Sie ein solches Einschlafzeremoniell! Das kann beispielsweise das Trinken eines bestimmten Kräutertees vor dem Schlaf sein. Sicherlich beruht die Wirkung vieler altbekannter Hausmittel zum Einschlafen darauf, dass sie Teil eines individuellen Einschlafrituals werden. Auch hier gilt: Glaube versetzt Berge und führt auch zu einem besseren Schlaf.

 Der Schlafablauf wird zusätzlich vertieft, indem man möglichst jeden Tag zur gleichen Zeit zu Bett geht und aufsteht. Eine Einschränkung der angestrebten Schlafzeit (Schlafrestriktion) kann sich günstig auswirken.

 Das Wichtigste zur Verbesserung der Schlafqualität ist die persönliche Einstellung zum Schlaf und zu der RLS-Erkrankung: Keineswegs darf man wegen der verlorengegangenen Nachtruhe und wegen des befürchteten Leistungsdefizits am nächsten Tag mit sich hadern. Solche Reaktionen führen nur zu einer weiteren Verstärkung der Schlafstörung. Lernen Sie, Ihre Lebenssituation mit der RLS-Erkrankung anzunehmen und mit Ihrer Krankheit zu leben. Die genannten Schlafhilfen können Ihnen dabei helfen.

Ausgabe-3-2009

Foto: © Silberkorn/istockphoto.com

 

Prof. Dr. Jörn Peter Sieb
Chefarzt der Klinik für Neurologie, Geriatrie und Palliativmedizin Hanse-Klinikum Stralsund


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