16/02 2012

Schlaf und Schwangerschaft

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Foto: iStock/ArtisticCaptures

Restless Legs häufig ein Problem

 

Schlechter Schlaf und Schwangerschaft gehören zusammen, und viele erfahrene Mütter werten dies als Vorwegnahme der schlaflosen Nächte in den ersten Monaten mit ihrem neuen Baby. In den letzten Schwangerschaftsmonaten wird es z. B. immer schwieriger, eine angenehme Schlafposition zu finden. Eine Rückenlage während des Schlafes sollte vermieden werden, da ansonsten der Druck des ungeborenen Kindes auf die untere Hohlvene den Blutabfluss aus den Beinen zum Herzen behindert. Der Schlaf wird in der Schwangerschaft kürzer, und viele schwangere Frauen schnarchen. Schwangerschaft ist insbesondere ein Risikofaktor für das Auftreten von Restless Legs, unter denen viele Schwangere leiden. Ausgeprägte Schlafstörungen sollen sogar den Schwangerschaftsverlauf ungünstig beeinflussen.

Prof. Dr. Jörn P. Sieb

Zirka ein Drittel der Schwangeren leidet insbesondere in den letzten drei Monaten vor der Entbindung erheblich unter unruhigen Beinen. Somit ist die Häufigkeit mindestens dreimal höher als in der sonstigen Bevölkerung. Bei vielen Frauen tritt das Restless-Legs-Syndrom (RLS) erstmals in der Schwangerschaft auf. Frauen, die bereits vorher RLS-Beschwerden hatten, bemerken in der Schwangerschaft oft eine Verstärkung der Symptome. Dabei können die ruhelosen Beine bei manchen Schwangeren nahezu unerträglich werden, wie bei einer meiner Patientinnen, die sagte, dass sie bei der nächsten Schwangerschaft lieber abtreiben würde, als die RLS-Tortur als Schwangere nochmals durchzustehen! Glücklicherweise gehen die RLS-Beschwerden in den ersten Wochen nach der Entbindung zumeist rasch wieder zurück. Auch wenn das RLS nach der Entbindung rasch abklingt, ist jedoch das Risiko für die betroffenen Frauen deutlich erhöht, in den folgenden Jahren an einem anhaltenden RLS zu erkranken. Das vorübergehende Bestehen von RLS-Beschwerden während der Schwangerschaft geht mit einem erhöhten Risiko für das spätere Einsetzen eines chronischen RLS einher.

Kommt es in der ersten Schwangerschaft zu einer RLS-Symptomatik, so liegt das Wiederholungsrisiko für die nächste Schwangerschaft bei bis zu zirka 60%. Wurde die erste Schwangerschaft nicht durch das Auftreten eines RLS beeinträchtigt, dann ist es auch sehr wahrscheinlich, dass es bei der nächsten Schwangerschaft nicht zu einem RLS kommt. Das RLS-Risiko liegt dann lediglich bei wenigen Prozent. Warum es während der Schwangerschaft gehäuft zu RLS-Beschwerden kommt, ist unklar. Frauen erkranken insgesamt häufiger am RLS. Es liegt also nahe, die hormonellen Umstellungen während der Schwangerschaft und einen Eisenmangel als Erklärung für das erhöhte RLS-Risiko bei Schwangeren heranzuziehen.

 

Möglichst keine Medikamente in der Schwangerschaft und Stillzeit 

 

Grundsätzlich gilt, dass bei Einnahme eines Medikaments in der Schwangerschaft durch die enge Verknüpfung des mütterlichen und kindlichen Kreislaufs auch immer gleichzeitig das Ungeborene der Therapie ausgesetzt ist. Wenn irgend möglich, sollte daher auf eine medikamentöse Therapie des RLS in der Schwangerschaft verzichtet werden. Vielfach wird die Information, dass die RLS-Beschwerden nach der Entbindung rasch abklingen, die betroffenen Frauen beruhigen und in ihrer Entscheidung bestärken, kein RLS-Medikament einnehmen zu wollen.

In den ersten beiden Wochen nach der Befruchtung (d. h. in der 3. und 4. Schwangerschaftswoche) – also noch vor Bekanntwerden der Schwangerschaft – ist das Missbildungsrisiko gering. Entweder übersteht die Frucht die Medikamenteneinwirkung unbeschadet, oder sie erleidet eine so erhebliche Schädigung, dass es zum Fruchtabgang kommt. In der 5. bis 12. Schwangerschaftswoche sind Medikamente dagegen besonders gefährlich. Jetzt können sie zu Fehlbildungen führen, da in dieser Phase die wichtigsten Organe angelegt werden. Das Risiko einer Fruchtschädigung ist bei den einzelnen Medikamenten unterschiedlich hoch. Insbesondere bei dem nur selten beim RLS eingesetzten Epilepsie-Medikament Valproat ist das Risiko besonders hoch, auch hinsichtlich des Auftretens einer Spina bifida („offener 

Rücken“). Das Missbildungsrisiko von Carbamazepin wird unterschiedlich eingeschätzt. Ebenso kann das Risiko bei Gabapentin (z. B. Neurontin®) und Pregabalin (Lyrica®), die beide zunehmend häufig zur Behandlung eines RLS eingesetzt werden, derzeit noch nicht sicher eingeschätzt werden. Laut Fachinformation darf Lyrica® während der Schwangerschaft nicht angewendet werden, es sei denn, dies ist eindeutig erforderlich (wenn der Nutzen für die Mutter deutlich größer ist als ein mögliches Risiko für das Ungeborene).

Ab dem 4. Schwangerschaftsmonat ist die Gefahr einer Fehlbildung zwar weitgehend vorüber, aber das ungeborene Kind könnte trotzdem durch Medikamente geschädigt werden. Denn diese können beispielsweise vorzeitige Wehen auslösen, das kindliche Wachstum hemmen oder die Durchblutung der Plazenta drosseln. Auch in der Phase direkt vor der Geburt und während des Stillens können RLS-Medikamente ein Risiko für das Kind darstellen. Bei regelmäßiger Einnahme von Benzodiazepinen oder Opiaten kann es nach der Entbindung bei dem Neugeborenen zu Entzugserscheinungen kommen. Ferner können Medikamente in die Muttermilch übertreten.

In Deutschland sind derzeit für die RLS-Therapie vier Medikamente zugelassen. Dies sind Pramipexol (z. B. Sifrol®), Ropinirol (z. B. Adartrel®), Rotigotin (Leganto®/Neupro® Hautpflaster) und Levodopa (z. B. Restex®). Laut Fachinformationen sollen diese vier Medikamente während der Schwangerschaft nicht eingesetzt werden. So heißt es in der Fachinformation für die Rotigotin-Hautpflaster Leganto® und Neupro®: „Es liegen keine hinreichenden Daten für die Anwendung von Rotigotin bei Schwangeren vor. … Das potentielle Risiko für den Menschen ist nicht bekannt. Rotigotin sollte während der Schwangerschaft nicht angewendet werden.“ Nach diesem Warnhinweis sollte man sich unbedingt richten. Diese Medikamente hemmen beim Menschen die Bildung des Hormons Prolaktin, das vor allem für das Wachstum der Brustdrüse im Verlauf der Schwangerschaft und für die Milchsekretion während der Stillzeit verantwortlich ist. Dementsprechend ist unter den zugelassenen RLS-Medikamenten eine Hemmung der Milchbildung zu erwarten.

Unbedingt muss ein Eisenmangel ausgeglichen werden. Dadurch können gegebenenfalls RLS-Beschwerden verschwinden. Über eine Ferritin-Bestimmung kann ein Eisenmangel am besten diagnostiziert werden. Deshalb gehört die Ferritin-Bestimmung zur RLS-Diagnostik. Manche Autoren empfehlen Schwangeren vorbeugend gegen RLS-Beschwerden die Einnahme von Folsäure. Folsäure gehört zum Vitamin-B-Komplex und ist beispielsweise für die Blutbildung wichtig. Weiterhin kann sich Magnesium günstig auswirken. Ist darüber hinausgehend eine medikamentöse Therapie von Schwangeren mit RLS unausweichlich, empfiehlt sich eine enge Abstimmung zwischen Geburtshelfer und Neurologe. Niemals sollten Medikamente ohne ärztliche Rücksprache eingenommen werden. Die Medikamentenauswahl muss individuell erfolgen. Bei massiven RLS-Beschwerden wird man am ehesten ein Opioid-Schmerzmedikament einsetzen.

 

Ausgabe-1-2012

Das Schlafmagazin 1-2012
Foto: © Stock/Wolfgang Lienbacher

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. J. P. Sieb
Chefarzt der Neurologischen Klinik Hanse-Klinikum Stralsund
Große Parower 
Straße 47–53 
18435 Stralsund

Tel.: 03831 352550
Fax: 03831 352555
E-Mail: j.sieb(at)klinikum-hst.de


 

Bestimmung des Ferritinwerts: bei RLS-Patienten besonders wichtig!

Ferritin ist ein Eiweiß, das Eisen speichert, und der empfindlichste Messwert, um einen Eisenmangel festzustellen. Ein Abfall des Ferritinwerts kann bereits einen Eisenmangel anzeigen, bevor sich eine Blutarmut (Anämie) ausbildet. Ein Eisenmangel kann durch Eisenpräparate ausgeglichen werden. 

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