11/09 2014

Schlafapnoe und Krebs

Anne Greveling

Dass Schlafapnoiker häufiger Krebs bekommen, ergab die Wisconsin-Schlafkohorte (1), eine große Studie mit über 1500 Teilnehmern, bei denen neben anderen Parametern 22 Jahre lang auch die Todesursachen erfasst wurden. Bei der Aufnahme in die Studie wurden alle Probanden mittels Polysomnografie auf das Vorliegen einer obstruktiven Schlafapnoe untersucht. Dann wurde für sämtliche Schlafapnoe-Schweregrade gesondert analysiert, wie häufig die Studienteilnehmer an Krebserkrankungen starben. 

Das Ergebnis war erschreckend: Menschen mit mittelschwerer Schlafapnoe (Apnoe-Hypopnoe-Index 15 bis 30) hatten ein doppelt so hohes, Patienten mit schwerer Schlafapnoe (AHI über 30) sogar ein fast fünfmal so hohes Risiko, an Krebs zu sterben. Bei leichter Schlafapnoe (AHI 5 bis 15) war das Risiko nur geringfügig erhöht.  

Wie kann Schlafapnoe die Krebsentstehung begünstigen?

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Wissenschaftler in einer Untersuchung an Mäusen (2), bei der man die Tiere wiederholtem Sauerstoffmangel (also einer ähnlichen Situation wie bei nächtlichen Atemstillständen) aussetzte: Das Experiment zeigte, dass unter solchen Bedingungen vermehrt freie Sauerstoffradikale entstehen. Und die spielen bei der Entstehung von Krebserkrankungen eine wichtige Rolle. Außerdem schütteten die Körper der Mäuse bei wiederholtem Sauerstoffmangel besonders viele Substanzen aus, die das Tumorwachstum beschleunigen und die Angiogenese (Neubildung von Blutgefäßen, welche den Tumor mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen) förderten.

Diese beiden Untersuchungen deuten stark darauf hin, dass Schlafapnoe-Patienten häufiger an Krebs sterben. Ob Schlafapnoiker aber auch öfter Krebs bekommen als schlafgesunde Menschen, wusste bis vor kurzem noch niemand. 

Diese wichtige Wissenslücke schlossen spanische Wissenschaftler in einer 2013 erschienenen großen Studie (3) mit fast 5000 Teilnehmern. Die Forscher führten bei allen Probanden eine Polygrafie oder Polysomnografie durch. Sowohl der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) als auch der prozentuale Anteil des Nachtschlafs, in dem die Sauerstoffsättigung unter 90 % lag (TSat90), wurden ermittelt. Dann wurden die Teilnehmer im Durchschnitt viereinhalb Jahre lang beobachtet, um festzustellen, ob bei ihnen während dieser Zeit eine Krebserkrankung auftrat. 

Am Ende des Beobachtungszeitraums waren rund 260 Patienten an Krebs erkrankt. Die häufigsten Tumorarten waren Darm-, Prostata-, Lungen- und Brustkrebs. Und die Untersuchung hat tatsächlich ergeben, dass Menschen mit Schlafapnoe offenbar häufiger Krebs bekommen; dies traf in der Studie jedoch nur für Männer unter 65 Jahren zu. 

Sauerstoffentsättigungen sind die größte Gefahr

Entscheidend für das erhöhte Krebsrisiko war übrigens nicht der AHI, sondern die Häufigkeit der Sauerstoffentsättigungen (TSat90): Patienten, bei denen die Sauerstoffsättigung in mehr als 12 % ihrer Nachtschlafzeit unter 90 % lag, hatten ein doppelt so hohes Risiko, an Krebs zu erkranken, wie schlafgesunde Studienteilnehmer. Bei noch höheren TSat90-Werten stieg das Krebsrisiko weiter an. Dies deckt sich mit den oben beschriebenen Untersuchungen an Mäusen, bei denen wiederholter Sauerstoffmangel ebenfalls eine krebsfördernde Wirkung zeigte. 

Die Autoren vermuten daher, dass Sauerstoffentsättigungen ein aussagekräftigeres Kriterium für die Höhe des Krebsrisikos bei Schlafapnoikern sind als der AHI. 

Ob eine CPAP-Therapie dieses Risiko senkt, konnte im Rahmen der Studie leider nicht festgestellt werden. Dazu sollten unbedingt noch weitere Untersuchungen durchgeführt werden, meinen die Autoren.  

Warum nur jüngere Patienten – und warum nur Männer?

Ebenfalls ungeklärt ist, weshalb Schlafapnoe das Krebsrisiko nur bei jüngeren Patienten erhöht, nicht aber bei Menschen über 65 Jahren. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Situation bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sehr ähnlich ist: Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Schlafapnoe bei älteren Menschen im Gegensatz zu jüngeren offenbar nicht das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht. Es könnte sein, dass Schlafapnoiker im Lauf der Zeit Schutz- und Anpassungsmechanismen entwickeln, die sie vor den schädlichen Auswirkungen des Sauerstoffmangels schützen. Diese Schutzwirkung könnte auch dafür verantwortlich sein, dass ältere Schlafapnoe-Patienten kein erhöhtes Krebsrisiko haben. Genaueres weiß man darüber aber noch nicht.

Und warum tragen nur die bedauernswerten Herren der Schöpfung ein höheres Krebsrisiko, wenn sie nachts schnarchen und 

Atemaussetzer haben, nicht aber die Frauen? Auch darüber können die Autoren nur Vermutungen anstellen: Vielleicht reagiert der Körper der Frau anders auf Sauerstoffmangel als der des Mannes? Außerdem nahmen an der Studie mehr Männer (66,7 %) als Frauen teil. Auch das kann dazu geführt haben, dass im Rahmen des Beobachtungszeitraums dann eben mehr Männer an Krebs erkrankten. 

Diese spanische Studie ist die erste Untersuchung, die zeigt, dass Schlafapnoiker eher Gefahr laufen, an Krebs zu erkranken. Natürlich wurden die wichtigsten Risikofaktoren für Krebserkrankungen (Rauchen, Alkoholkonsum, Fettleibigkeit, Alter usw.) aus den Ergebnissen der Studie „herausgerechnet“, sodass man davon ausgehen kann, dass Schlafapnoe wirklich ein unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung von Tumorerkrankungen ist.  „Weitere Studien“ – so die Autoren – „sollten diesen Zusammenhang erhärten und untersuchen, ob bestimmte Krebsarten oder -subtypen 

besonders häufig mit dieser schlafbezogenen Erkrankung einhergehen. Außerdem sollten sie abklären, mit welchen polysomnografischen Parametern sich dieser Kausalzusammenhang am besten abbilden lässt und ab welchen Schwellenwerten man von einem erhöhten Krebsrisiko ausgehen kann. Und sie sollten auch feststellen, ob Frauen und ältere Menschen mit Schlafapnoe wirklich davor geschützt sind.“

Und natürlich wollen wir auch wissen, ob eine CPAP-Therapie vor Krebs schützt. Dazu müsste man im Rahmen einer Studie behandelte und untherapierte Schlafapnoe-Patienten miteinander vergleichen. 

 

(1) Nieto FJ, Peppard PE, Young T et al.: Sleep disordered breathing and cancer mortality. Am J Respir Crit Care Med 2012; 186: Seite 190–194

(2) Almendros I, Montserrat JM, Ramírez J et al.: Intermittent hypoxia enhances cancer progression in a mouse model of sleep apnoea. Eur Respir J 2012; 39: Seite 215–217

(3) Campos-Rodriguez F, Martinez-Garcia MA, Martinez M et al.: Spanish Sleep Network. Association between obstructive sleep apnea and cancer incidence in a large multicenter Spanish cohort. Am J Respir Crit Care Med 2013; 187: Seite 99–105

Das Schlafmagazin 3-2014
Foto: © Noam Armonn/123rf.com

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