21/08 2009

Ich leide unter Schlafapnoe: Kann ich problemlos fliegen?

In den Warnungen vor Risiken beim Fliegen wird die Schlafapnoe von den Fluggesellschaften meistens nicht erwähnt. Allerdings ist die Frage, in welcher Weise Schlafapnoe ein besonderes Risiko beim Fliegen darstellt, auch nicht ganz einfach zu beantworten. Vieles ist nicht untersucht worden, sodass man darauf angewiesen ist, das jeweilige Risiko nach Plausibilität abzuschätzen. 

Prof. Dr. Rainer Dierkesmann

Zunächst ein paar Grundbegriffe, die erklären, warum Fliegen ein erhöhtes Risiko für Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen darstellen kann. Ein grundsätzliches Problem ist, dass die Luft während eines Linienfluges etwas dünner ist als in Bodennähe auf Meereshöhe; der Luftdruck während des Fluges entspricht etwa demjenigen, den man auf einem Berg in etwa 2500 Metern vorfindet. In dieser dünneren Höhenluft ist weniger Sauerstoff vorhanden. Auch gesunde Menschen haben in der Höhe dadurch einen gewissen Sauerstoffmangel. Gesunde verfügen aber über genügend Reserven, sodass der Höhenaufenthalt mit dem geringeren Sauerstoffgehalt für sie keine Gefährdung darstellt. Dagegen kann es für Kranke, die über weniger Reserven verfügen und z. B. bereits am Boden zu wenig Sauerstoff haben, in dieser Höhenluft zu einer erheblichen Bedrohung kommen.

In mehreren Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass ein Sauerstoffmangel in einer Höhe bis zu 3000 Metern selbst bei Gesunden eine unregelmäßige periodische Atmung mit Apnoe-Phasen hervorrufen kann. Dieser Effekt ist allerdings für den Gesunden nicht gefährlich; bei Menschen mit Schlafapnoe jedoch, die im Schlaf auch ohne Höhenluft bereits eine unregelmäßige Atmung haben, könnte dieser Höheneffekt erschwerend hinzukommen. Interessant ist eine Studie aus dem Jahr 2004, die zeigte, dass die Gabe von lang wirksamem Theophyllin die höhenbedingte schlafbezogene Atemstörung bei Gesunden teilweise verhindern kann. Das Theophyllin reicht aber nicht aus, um die schlafbezogene Atemstörung bei Apnoikern zu beseitigen.An einem Beispiel sei gezeigt, dass ein Linienflug durchaus auch bei Gesunden einen beträchtlichen vorübergehenden Sauerstoffmangel verursachen kann. Bei der Abbildung handelt es sich um die Messung des Sauerstoffgehalts im Blut eines 59-jährigen Mannes während eines Flugs von Kopenhagen nach Frankfurt. Man sieht deutlich, dass der Sauerstoffgehalt während des Fluges auf Werte um etwa 90% abfällt. Dieser Abfall ist beträchtlich; immerhin werden diese 90% in internationalen Empfehlungen für Menschen, die ständig nur etwa 90% Sauerstoffsättigung haben, als Grenzwert für eine Sauerstofflangzeittherapie angegeben. Einem gesunden Menschen schadet dieser Sauerstoffmangel in Anbetracht der nur relativ kurzen Flugzeit jedoch nicht. 

CPAP im Flugzeug – ja oder nein?
Was bedeutet dies für einen Schlafapnoiker? Die meisten Schlafapnoiker haben heute dank der guten vorbeugenden Behandlung keine relevanten Folgeschäden an Organen, sodass sie also zunächst keine Gefahren befürchten müssen, wenn sie ein Flugzeug besteigen. Voraussetzung ist jedoch, dass sie wach bleiben. Auf kurzen Strecken tagsüber kann man davon ausgehen, dass dies bei gut behandelten Schlafapnoikern der Fall sein wird. Allerdings wurden im Jahr 2008 auf dem Kongress der American Thoracic Society (ATS) die Ergebnisse einer Untersuchung vorgetragen, die zeigte, dass der Kreislauf von Apnoikern in der dünneren Höhenluft auch im wachen Zustand etwas mehr belastet ist als bei Gesunden. Ob dies allerdings eine relevante Bedeutung hat, ist ungewiss. Die Studie kommt zu der Schlussfolgerung, dass Apnoiker eventuell während des Fluges zusätzlichen Sauerstoff bekommen sollten; die Daten reichen aber nicht aus, um dies zu einer allgemeinen Empfehlung zu machen. Es sei aber hier sehr deutlich darauf aufmerksam gemacht, dass eine Sauerstoffgabe keinesfalls geeignet ist, eine eventuell notwendige CPAP-Behandlung zu ersetzen!

Wie sieht es bei Langstreckenflügen aus? Hier muss man damit rechnen, dass der Fluggast zumindest teilweise schläft. Das monotone Geräusch in einer halbdunklen Um­- gebung, die keine körperlichen Tätigkeiten zulässt, erzeugt einen erhöhten Schlafdruck. Wenn ein Apnoiker im Schlaf selbst am Boden schon schwere Sauerstoffmangelzustände bekommt, dann wären diese während eines Fluges mit dem geringeren Sauerstoffgehalt in der Luft noch bedrohlicher. Solche Sauerstoffmangelzustände müssen auf jeden Fall verhindert werden. Hier kommt dem Apnoiker aber zugute, dass er – zumindest wenn er „Economy“ fliegt – nicht flach liegt und im Sitzen vermutlich weniger Obstruktionen der Atemwege hat; wer viel fliegt, stellt auch fest, dass er relativ selten einen schnarchenden Nachbarn hat. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die meisten Apnoiker übergewichtig sind und die enge Sitzhaltung für die Atmung eher ungünstig ist, da das Zwerchfell durch den zusammengedrückten Bauchinhalt in seiner Funktion behindert wird. Insofern könnte das Übergewicht – neben der erhöhten Thrombosegefahr – ein Risiko darstellen.

Man muss leider feststellen, dass es nur wenige Daten darüber gibt, ob eine sitzende Position die Schlafapnoe wirklich so weit beseitigt, dass auf eine CPAP-Behandlung verzichtet werden kann. Man kann zwar vermuten, dass sich die sitzende Position bei den meisten Apnoikern günstig auswirkt. In der Regel ist dies jedoch nicht gemessen worden, denn die Untersuchung im Schlaflabor erfolgt ja im Liegen. Besonders bei schwerer Schlafapnoe würde man vor einem Langstreckenflug gerne mehr Informationen darüber haben, was dann voraussichtlich während des Fluges geschieht. Man könnte zu diesem Zweck z. B. vor dem Flug zu Hause mit einem Oxymeter oder einem Screening-Gerät eine Messung im Schlaf im Sitzen (am besten angeschnallt!) durchführen. Wenn sich dann zeigt, dass die Apnoe nicht mehr in relevantem Maße auftritt, kann man riskieren, den Flug auch ohne Benutzung des CPAP-Geräts anzutreten. In diesem Fall braucht man auch keine Angst vor einem eventuellen „Rebound-Effekt“ zu haben, wenn man das Gerät während des Fluges nicht benutzt. Sollte sich bei der Voruntersuchung zeigen, dass auch im Sitzen relevante Atempausen auftreten, dann müsste der Druck des CPAP-Geräts auf die sitzende Position eingestellt werden. Zu berücksichtigen ist dabei, dass der Fluggast am Zielort wahrscheinlich im Liegen schlafen wird und dann seine alte Einstellung wieder benötigt.

Economy oder First Class?
Wenn der Langstreckenflug jedoch in der „First Class“ erfolgt und man dort im Liegen schlafen kann, muss man davon ausgehen, dass ohne das CPAP-Gerät relevante Apnoe-Phasen auftreten, die dann zusammen mit dem geringeren Sauerstoffgehalt der Luft im Flieger durchaus bedrohlich werden können. In diesen Fällen ist es also absolut anzuraten, sein CPAP-Gerät während des Fluges zu benutzen. Man muss sich dann vorher mit der Fluggesellschaft in Verbindung setzen und ermitteln, ob das CPAP-Gerät während des Fluges betrieben werden kann. Auch wenn bereits 1995 gezeigt worden ist, dass nicht alle CPAP-Geräte unter dem niedrigeren Luftdruck den Beatmungsdruck korrekt aufrechterhalten können, ist es sicherlich besser, ein Gerät mit einem eventuell etwas zu niedrigen Druck zu benutzen als gar keines. Diese Frage der Druckkonstanz sollte vor der Reise mit dem Hersteller geklärt werden; gegebenenfalls könnte man sich ein Gerät besorgen, das auch im Flugzeug gut funktioniert.Besonders für den lageabhängigen Apnoiker, der nur in Rückenlage relevante Atempausen aufweist, wird ein Schlaf im Sitzen aller Wahrscheinlichkeit nach kein Problem sein. Eine Vorrichtung zur Vermeidung der Rückenlage (z. B. Rucksack) macht im Sitzen keinen Sinn. Sicherheitshalber sei an dieser Stelle betont, dass für diejenigen, die ein Atemgerät zur Vermeidung der Apnoe an Bord benötigen, die Gabe von Sauerstoff während des Fluges keine Alternative ist.

Was man sonst noch tun kann
Auf jedem Fall soll der Apnoiker während des Fluges alles vermeiden, was seine Neigung zu Atempausen im Schlaf verstärken könnte. Das bedeutet, dass auf Alkohol verzichtet werden sollte. Ferner sollten keine Beruhigungsmedikamente eingenommen werden. Auch Schmerzmittel haben häufig eine beruhigende Wirkung. Die Nacht vorher sollte nicht durchgezecht werden. Da das Rauchen auf Flügen inzwischen in der Regel verboten ist, erübrigt sich der Hinweis, dass Zigarettenkonsum durch Verringerung des Sauerstofftransports in Anbetracht der dünneren Umgebungsluft ein zusätzliches Risiko darstellt.

Genaue Daten über medizinische Notfälle im Flugverkehr gibt es nicht; nur wenige Fluggesellschaften haben solche Daten stichprobenartig veröffentlicht. Einige Studien lassen jedoch gewisse Rückschlüsse über die Häufigkeit von schweren Notfällen zu. Dabei zeigt sich, dass die Lungenembolie anscheinend bei weitem das häufigste schwere Ereignis ist. Es gibt plausible Berechnungen, dass Herzkrankheiten etwa 19 % ausmachen. In keiner der Statistiken wird über Probleme durch Schlafapnoe berichtet. Dies kann aber daran liegen, dass darauf nicht besonders geachtet wurde: Herzprobleme können nämlich als schwerwiegende Folgen der Schafapnoe auftreten, die dann aber in den Statistiken nicht nach ihrer eigentlichen Ursache, der Schlafapnoe, aufgelistet werden, sondern eben als Herzkrankheit. Insgesamt sind tödliche Unfälle selten; unter 36 Millionen Flugpassagieren (etwas weniger als die Hälfte der Einwohner Deutschlands!) gab es innerhalb eines Jahres insgesamt zehn Todesfälle; es kam zu etwa 2000 Zwischenfällen, wobei in den meisten Fällen keine bedrohlichen funktionellen Kreislaufstörungen vorlagen. (Die Angaben stammen von einer Untersuchung bei der British Airways; Zwischenfälle sind definiert als Ereignisse, bei denen man ärztliche Hilfe angefragt oder z. B. den Notkoffer geöffnet hatte.) Indirekt kann man daraus schließen, dass die Gefahr eines Reisefluges für einen Apnoiker nicht groß ist.

Fazit:

• Kurze Flüge tagsüber bei sonst erfolgreich behandelten Apnoikern sollten kein Problem sein, wenn keine relevanten Herz- oder Lungenkrankheiten vorliegen.

• Vor und während des Fluges sollte alles vermieden werden, was die Schläfrigkeit fördert oder die Schlafapnoe verstärken kann.

• Bei lageabhängigen Apnoikern stellt das Schlafen im Sitz eines Flugzeuges wahrscheinlich keine besondere Gefährdung dar.• Bei Langstreckenflügen, die mit Schlafen im Liegen verbunden sind, sollte das CPAP-Gerät benutzt werden.

• Insgesamt scheint das Risiko einer Flugreise für den Apnoiker gering zu sein.

Ausgabe-3-2009

Foto: © Silberkorn/istockphoto.com

Prof. Dr. med. Rainer Dierkesmann, ehemaliger Ärztlicher Direktor der Lungenfachklinik Schillerhöhe in Gerlingen, gehört zu den Pionieren der Schlafmedizin.


Ausgewählte Artikel