01/08 2013

Schlafmittel, Schmerzmittel, Antidepressiva & Co.: Nicht alle Medikamente sind für ältere Patienten geeignet!

 

Viele Ärzte verschreiben Senioren Arzneimittel, die bei älteren Menschen un­­angenehme bis gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen können. Mittlerweile gibt es eine Liste des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, in der alle für ältere Patienten bedenkliche Substanzen aufgeführt sind. Auf dieser Liste stehen auch viele Schlaf- und Beruhigungsmittel.

Marion Zerbst

Dank den Fortschritten unserer modernen Medizin werden wir immer älter. Das ist eine gute Nachricht. Aber natürlich bleibt es nicht aus, dass mit zunehmendem Alter auch häufiger Krankheiten auftreten – vor allem chronische Erkrankungen wie Schmerzen, Diabetes, Bluthochdruck oder zu hohe Cholesterinwerte. Und so kommt es, dass ein älterer Mensch oft mehrere Medikamente pro Tag schlucken muss. Senioren im Alter von 60 bis 64 Jahren nehmen im Durchschnitt zwei bis drei verschiedene Arzneimittel pro Tag ein; bei den über Achtzigjährigen sind es sogar vier bis fünf. 

Das kann Probleme mit sich bringen, denn je mehr Arzneimittel man nimmt, umso eher können Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Substanzen auftreten. 

Außerdem weiß man inzwischen, dass viele Medikamente für ältere Menschen nicht geeignet sind. Das liegt unter anderem daran, dass Leber und Nieren im Alter an Funktionsfähigkeit einbüßen und Arzneimittelsubstanzen daher nicht mehr so gut abbauen können. Ferner reagieren alte Menschen sehr viel empfindlicher auf Medikamente, die ihre Wirkung im Gehirn oder am Nervensystem entfalten. Daher sind unerwünschte ­Nebenwirkungen dieser Mittel (z. B. Schwindelgefühl, Benommenheit, erhöhtes Sturzrisiko) bei Senioren häufig besonders ausgeprägt. 

 

Über 80 Arzneimittelsubstanzen sind für ältere Menschen ungeeignet

 

Eine neue Arzneimittelsubstanz darf nur dann auf den Markt kommen, wenn sie vorher von der Gesundheitsbehörde des betreffenden Landes zugelassen worden ist. Hierzu sind klinische Studien mit vielen Patienten erforderlich, in denen die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Wirkstoffe getestet werden. Oft werden alte Menschen in solche Studien aber leider nicht eingeschlossen, sodass man hinterher gar nicht weiß,  wie diese Substanzen auf Senioren wirken.

Diese Informationslücke hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nun geschlossen: Um ältere Menschen beim richtigen Umgang mit Medikamenten zu unterstützen, hat es aufgrund der nationalen und internationalen Fachliteratur zum Thema Arzneimitteltherapie die sogenannte PRISCUS-Liste herausgegeben. Diese Liste bietet eine Übersicht über mehr als 80 verschiedene Arzneimittelsubstanzen, die für ältere Menschen ungeeignet sein können, listet die wichtigsten Nebenwirkungen auf und empfiehlt besser verträgliche Alternativen. Nach Erscheinen dieser Liste untersuchte eine große Studie, welche Medikamente älteren Menschen in Hausarztpraxen besonders häufig verschrieben werden, und kam zu einem bedenklichen Ergebnis: Fast jeder fünfte Patient nahm mindestens ein Medikament aus der PRISCUS-Liste ein. Vor allem Frauen werden offenbar häufig ungeeignete Medikamente verordnet. 

 

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt!

 

Nun sollte natürlich niemand ein vom Arzt verschriebenes Medikament eigenmächtig absetzen. Trotzdem ist es sinnvoll, informiert zu sein, damit man bei etwaigen unerwünschten Nebenwirkungen mit seinem Arzt sprechen kann: Oft lässt sich das Problem nämlich sehr leicht lösen, indem der Arzt die Dosis verringert, das Mittel durch ein anderes ersetzt oder aber eine Kombinationstherapie aus zwei oder mehreren verschiedenen Medikamenten verschreibt. Solche Kombinationen haben den Vorteil, dass man die einzelnen Präparate dann niedriger dosieren kann. Dadurch treten natürlich auch weniger Nebenwirkungen auf. 

Die häufigsten unerwünschten Nebenwirkungen von Arzneimitteln im Alter sind Schwindel und Benommenheit, Stürze, Verwirrtheit, Verdauungsstörungen, Übelkeit, Schlafprobleme und Mundtrockenheit. Solche Probleme sollte man also nicht einfach aufs Alter schieben, sondern stets daran denken, dass sie durch ein Medikament hervorgerufen worden sein könnten. Dieser Verdacht liegt natürlich vor allem dann nahe, wenn man ein neues Arzneimittel erst seit kurzem einnimmt. 

 

Vorsicht bei verschreibungspflichtigen Schlafmitteln!

 

Besonders problematisch sind starke Schlaf- und Beruhigungsmittel – und gerade sie werden älteren Menschen leider sehr häufig verschrieben. Das Problem ist, dass sie Beschwerden, an denen Senioren ohnehin öfter leiden, verstärken. Das kann unangenehm sein und manchmal sogar richtig gefährlich werden. 

So haben beispielsweise Schlafmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine eine muskelentspannende Wirkung. Außerdem erzeugen sie ein Gefühl der Benommenheit, das oft auch am nächsten Morgen und tagsüber noch anhält. Das macht die Patienten müde und lethargisch. Und beides zusammen erhöht natürlich das Sturzrisiko – vor allem, wenn man nachts erwacht und zur Toilette gehen muss. Und drittens verschlechtern solche Substanzen die Gedächtnisfunktion: Aufmerksamkeit, Konzentrationsvermögen und Bewegungskoordination sind beeinträchtigt. Das kann vor allem bei älteren Menschen, die an Gedächtnisproblemen leiden oder womöglich sogar bereits eine Demenz haben, zum Problem werden. Dies gilt leider zum Teil auch für die neuere, ähnlich wirkende, aber besser verträgliche Medikamentenklasse der Benzodiazepinrezeptoragonisten. 

Daher sollten ältere Menschen solche Schlafmittel grundsätzlich nur über einen kürzeren Zeitraum (ein paar Tage, höchstens vier Wochen) einnehmen. Das ist auch deshalb wichtig, damit keine Abhängigkeit entsteht. Außerdem sollten sie möglichst keine lang wirksamen Substanzen einnehmen, um sich nicht auch noch am nächsten Morgen müde und benommen zu fühlen.

Medikamente
Das Schlafmagazin Ausgabe 3/2013
Foto: ©Ileanaolaru/Dreamstime.com

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Im Alter häufig verschriebene Medikamente, die problematisch sein können

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Vorsicht Mehrfachmedikation!

Gerade ältere Menschen sind oft bei mehreren verschiedenen Ärzten in Behandlung, die ihnen unterschiedliche Medikamente verschreiben. Deshalb sollten Sie einem Arzt Ihres Vertrauens – am besten dem Hausarzt – eine Liste sämtlicher Arzneimittel in die Hand drücken, die Sie einnehmen, und diese gemeinsam mit ihm durchgehen. Denn nur ein Arzt (oder Apotheker) kann beurteilen, ob diese Medikamente in unerwünschte Wechselwirkungen zueinander treten oder Nebenwirkungen haben könnten, die für Sie vielleicht bedenklich sind. Immer wenn Sie ein neues Arzneimittel in Ihr Medikamentenrepertoire aufnehmen, sollten Sie den Arzt sofort darüber informieren. Das gilt auch für rezeptfreie und naturheilkundliche Mittel oder Nahrungsergänzungspräparate (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente), denn auch bei diesen besteht die Gefahr von Nebenwirkungen und Wechselwirkungen! Daher ist es am besten, solche Mittel immer erst einzunehmen, nachdem Sie Ihren Arzt um Rat gefragt haben. 


Die 72-jährige Karla S. erwachte eines Morgens mit Schwindel, Husten und Herzrasen und fühlte sich so elend, dass sie ins Krankenhaus eingewiesen werden musste. Da sie ziemlich verwirrt war, diagnostizierten die dortigen Ärzte außer Bronchitis und Herzerkrankung auch eine Demenz. Als die Frau aus dem Krankenhaus entlassen wurde, nahm sie zehn verschiedene Medikamente ein und war immer noch verwirrt. Erst durch das geistesgegenwärtige Verhalten ihres Hausarztes kam schließlich heraus, dass sie gar nicht dement war: Er setzte kurzerhand sieben ihrer zehn ­Medikationen ab – und bald war sie wieder im vollen Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten. Viele Arzneimittel verursachen als Nebenwirkung Benommenheit, Schwindel und Verwirrtheit. Solche Medikamente können gerade für ältere Menschen problematisch sein. 

Quellen: 

Broschüre „Medikamente im Alter: Welche Wirkstoffe sind ungeeignet?“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

PRISCUS-Liste potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen. (Diese Liste kann im Internet heruntergeladen werden unter priscus.net/download/PRISCUS-Liste_PRISCUS-TP3_2011.pdf.)