11/03 2011

Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Was können Eltern tun?

Dr. Leonie Fricke-Oerkermann

Oft sind Eltern ratlos, wenn ihre Kinder abends nicht einschlafen können oder wollen, wenn sie von Alpträumen oder Ängsten geplagt werden. Schlafprobleme bei Kindern und Jugendlichen können je nach Alter und Entwicklungsstadium sehr unterschiedliche Formen annehmen – und müssen auf altersgerechte Weise angegangen und gelöst werden. Um ihren Kindern helfen zu können, brauchen die Eltern zunächst einmal ein paar wichtige Grundinformationen zum Thema Schlaf und Schlafstörungen.

Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter sind weit verbreitet. Dies konnte unter anderem in der Kölner Kinderschlafstudie gezeigt werden, einer großen Untersuchung, die von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität zu Köln in Kooperation mit der Kinderklinik Köln-Porz durchgeführt wurde. Hiernach liegen im Einschulalter am häufigsten Ein- und Durchschlafstörungen (18 %) vor, gefolgt von Alpträumen (14 %) und Schlafwandeln (3 %) sowie Pavor nocturnus (Nachtschreck, 4 %).

In vielen Fällen treten Ein- und Durchschlafprobleme im Kindes- und Jugendalter nur vorübergehend auf, z. B. aufgrund eines bestimmten Entwicklungsschrittes oder Ereignisses. Verschiedene Studien machen jedoch deutlich, dass Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen häufig chronifizieren. In der Kölner Kinderschlafstudie wurden über 800 Kinder und Eltern über einen Zeitraum von drei Jahren zum kindlichen Schlafverhalten befragt. Die Analysen der Daten weisen darauf hin, dass bei einem nicht unbedeutenden Anteil der Viertklässler Ein- und Durchschlafprobleme über mehrere Jahre bestehen bleiben. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass es deutliche Diskrepanzen zwischen den Angaben von Eltern und Kindern gibt. Ein- und Durchschlafstörungen kommen beispielsweise deutlich häufiger vor, wenn man die Kinder befragt. Bei der Diagnostik kindlicher Schlafprobleme sollten deshalb auch die Kinder miteinbezogen und befragt werden.

Schlafprobleme bei Kindern und Jugendlichen äußern sich sehr unterschiedlich, werden durch verschiedenste Faktoren beeinflusst und sind in ihrer Symptomatik abhängig vom Entwicklungsalter. Manche Kinder kommen abends nicht zur Ruhe und schlafen deshalb nicht ein. Abendliche Konflikte mit den Eltern, die sich beispielsweise um das Zubettgehen drehen, oder schlafbezogene Ängste (z. B. Angst vor der Dunkelheit) führen ebenfalls oft zu Ein- und Durchschlafproblemen. Pavor nocturnus, Schlafwandeln und Alpträume sind in der Regel Entwicklungsphänomene, die im Vor- und Grundschul?alter vermehrt auftreten.

Schlafstörungen kommen auch häufig in Kombination mit anderen Erkrankungen vor. Vor allem der Zusammenhang von Schlafproblemen und psychischen Störungen (z. B. Angststörungen) konnte in Studien  bewiesen werden. In diesen Fällen steht in der Regel zunächst die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund.

Grundsätzlich führen Schlafstörungen bei Kindern häufig zu hyperaktivem oder anderen Formen auffälligen Verhaltens (im Unterschied zu Schlafstörungen bei Erwachsenen, die sich meist schläfrig fühlen und bei Tage weniger aktiv sind). Dies führt oft zu einem verstärkten Leidensdruck der Eltern, die sich nicht nur durch das nächtliche Schlafproblem, sondern auch durch die Tagessymptomatik ihrer Kinder belastet fühlen.

Auf der Basis der Ergebnisse der Kölner Kinderschlafstudie wurde ein  psychologisches Behandlungsprogramm zur Behandlung von Ein- und  Durchschlafstörungen, Alpträumen, Nachtschreck und Schlafwandeln bei  Kindern und Jugendlichen entwickelt und erprobt. Das Therapieprogramm  beinhaltet vier Themenschwerpunkte, die sich auf sieben Sitzungen  verteilen. Im Folgenden werden einzelne Schwerpunkte des Konzepts  herausgegriffen und erläutert. 

Informationen zum Thema Schlaf und Schlafhygiene

Die Basis der Behandlung von Ein- und Durchschlafproblemen im Kindes- und Jugendalter besteht in der Vermittlung von Informationen zum Schlaf (Schlafedukation). Beispielsweise ist es wichtig, dass Eltern darüber informiert sind, wie viel Schlaf ihr Kind in welchem Alter benötigt (siehe Abbildung 1). Diese Angaben gelten allerdings nur als Richtlinie, da Abweichungen von bis zu zwei Stunden als normal eingeschätzt werden.

Ein weiterer wichtiger Baustein in der Behandlung von Schlafstörungen ist die Umsetzung der Schlafhygiene-Regeln. Diese Regeln beschreiben Verhaltensweisen, die helfen, das Schlafverhalten und die Schlafgewohnheiten des Kindes zu verbessern. Je nach Alter des Kindes müssen hier unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden.

Schlafedukation und Schlafhygiene-Regeln tragen in vielen Fällen dazu bei, das Schlafverhalten zu verbessern, reichen jedoch oft nicht aus, um Schlafprobleme vollständig zu beheben. Dann ist es sinnvoll, weitere spezifische Interventionen einzusetzen, die sich nach der Symptomatik und dem Alter des Kindes richten. Im Folgenden werden einige Interventionen erläutert, die im Vorschul- und Schulalter eingesetzt werden können.

Schlafbezogene Eltern-Kind-Konflikte

In vielen Familien kommt es im Zusammenhang mit dem Schlafen zu Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kind. In den meisten Fällen treten die Konfliktsituationen beim Zubettgehen oder morgens beim Aufstehen auf. Abendliche Konflikte führen häufig dazu, dass das Zubettgehen für Eltern und Kind negativ besetzt ist und es zu Einschlafschwierigkeiten kommt. Hier helfen allgemeine Erziehungsstrategien. Dies

bedeutet, dass sich die Eltern über-legen, wie die Regeln z. B. für den Abend lauten sollten, für wen sie gelten und aus welchen Gründen diese Regeln in der Familie eingehalten werden sollen. Wenn möglich sollte das Kind/der Jugendliche bei dieser Neustrukturierung der Schlafsituation mit einbezogen werden. Auf diese Weise können auch besser Kompromisse geschlossen werden, die Eltern und Kind dazu motivieren, auf die Einhaltung der Neuerungen zu achten. Ziel ist es, sinnvolle und umsetzbare Regeln festzulegen, die zu einer entspannteren Schlafsituation beitragen.

Schlafbezogene Ängste

Ein- und/oder Durchschlafstörungen können auch durch Ängste verursacht werden. Kindliche Ängste sollten von den Eltern grundsätzlich ernst genommen werden. Da Kinder in diesem Alter häufig Schwierigkeiten haben, zwischen Realität und Phantasie zu unterscheiden, kann für sie die Vorstellung von einem Ungeheuer im Kleiderschrank real erscheinen. Vor allem bei Kindern mit Ängsten ist es wichtig, dass die Eltern auch am Tage Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. Ein Nachtlicht oder ein Kinderbuch, das sich mit dem Thema befasst, ist häufig hilfreich. Wenn sich die Ängste auf etwas Konkretes beziehen, so kann die Angst zum Beispiel durch eine gedankliche Veränderung aufgelöst werden: Manche Kinder fürchten sich vor Schatten, die auf die Wand des Kinderzimmers geworfen werden und aussehen wie große Ungeheuer. Hier kann dem Kind erklärt werden, was es in Wirklichkeit sieht (z. B. den Schatten, der von der Straßenlaterne auf die Wand im Kinderzimmer geworfen wird). Der bedrohliche Gedanke kann dann durch einen konstruktiven Gedanken ersetzt werden, z. B.: „Das ist nur der Schatten des Baumes – vor dem muss ich mich nicht fürchten.“ Kinder können auch mithilfe ihrer Phantasie schlafbezogene Ängste reduzieren: Das Kind kann sich beispielsweise vorstellen, dass es sich am Abend eine magische unsichtbare Kette um den Hals legt, die die Fähigkeit besitzt, es zu beschützen.

Manche Kinder entwickeln auch Ein- und Durchschlafprobleme, weil sie befürchten, in der Nacht einen schrecklichen Alptraum zu haben. In diesen Fällen steht immer zunächst die Behandlung der Alpträume im Vordergrund. Manche Kinder fürchten sich auch davor, in der Nacht zu schlafwandeln oder einen Nachtschreck zu haben. Beide Störungsbilder kommen vor allem im Vorschul- und Schulalter vor und gelten in der Regel als Entwicklungsphänomen, das sich im späteren Lebensalter zurückbildet. Nur in wenigen Fällen ist neben der Aufklärung über das Störungsbild und entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen eine intensivere Behandlung  notwendig.

Ein- und Durchschlafprobleme

Das Erlernen einer Entspannungsübung kann Kindern helfen, besser einzuschlafen, da Entspannung schlafförderlich ist. Beim Einsatz von Entspannungsübungen ist es wichtig, dass das Kind das Entspannungsverfahren zunächst außerhalb des Bettes trainiert und es erst dann zum Einschlafen einsetzt, wenn es ausreichend gelernt hat, sich mit der Übung zu entspannen. Auch einfachere entspannungsinduzierende Maßnahmen wie Rückenstreicheln können einschlaffördernd wirken.

Jugendliche neigen im Vergleich zu Kindern vermehrt zum Grübeln und Nachdenken im Bett und geraten ähnlich wie Erwachsene leicht in einen Teufelskreis der Schlafstörung, in dem schlafbezogene Gedanken („Hoffentlich kann ich heute Abend einschlafen!“) eine wichtige Rolle spielen. Die schlafbehindernden Gedanken führen meistens zu Gefühlen wie Ängsten, Hilflosigkeit oder Ärger, die Anspannung auslösen. Hier helfen kognitive Verfahren wie z. B. die kognitive Umstrukturierung, bei der schlafbehindernde Gedanken in schlafförderliche Gedanken umgewandelt werden.

Grundsätzlich besteht die größte Gefahr bei der Behandlung von Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter im Übersehen von Begleiterkrankungen. Aus diesem Grund ist eine differenzierte Diagnostik wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Therapie. Der Behandlungserfolg ist weiterhin zu einem großen Teil von einer tragfähigen Eltern-Kind-Beziehung und der Motivation der Familie abhängig. Sollte es daran mangeln, können Maßnahmen notwendig sein, die die Eltern-Kind-Interaktion verbessern.

 

Die wichtigsten Schlafhygiene-Regeln

 Die Schlafzeiten sollten entsprechend dem Schlafbedürfnis des Kindes und unter  Einhaltung regelmäßiger Zubettgeh- und Aufstehzeiten festgelegt werden.

 Die Zeit, die das Kind am Tage schläft, wird von der Gesamtschlafzeit in der Nacht abgezogen. Der Mittagsschlaf sollte nicht zu nah an der Nachtschlafphase liegen, damit das Kind auch ausreichend müde ist, wenn es abends ins Bett geht.

 Eine ruhige Phase vor dem Schlafengehen, in der ein Schlafritual (Dauer ca. 30 Minuten) durchgeführt wird, hilft dem Kind beim Einschlafen. Es sollte immer an das Alter des Kindes angepasst werden.

 Das Abendessen sollte nicht direkt vor dem Schlafengehen liegen.

 Vor dem Zubettgehen sollte Zeit zum Ausklingen des Tages sein. Vor dem Schlafengehen sollte sich das Kind/der Jugendliche nicht mit körperlich oder geistig anstrengenden Tätigkeiten beschäftigen.

 Am Tage sollten sich Kinder ausreichend bewegen - möglichst auch an der frischen Luft.

 Ein geregelter Tagesablauf, z. B. mit regelmäßigen (möglichst gemeinsamen) Essenszeiten, unterstützt den Schlaf-wach-Rhythmus von Kindern positiv.

 Das Bett ist zum Schlafen da und nicht zum Fernsehen, Computerspielen, Lesen oder Telefonieren.

Die oben aufgeführten Schlafregeln gelten für alle Altersgruppen. Im Folgenden werden noch einzelne spezifische Empfehlungen für verschiedene Altersgruppen aufgeführt.

 

Säuglinge:

 Bereits in den ersten drei Monaten, wenn der Schlaf-wach-Rhythmus des Säuglings sich noch nicht am Wechsel zwischen Tag und Nacht orientiert, ist es sinnvoll, die Entwicklung eines regelmäßigen Schlaf-wach-Rhythmus einzuleiten, indem die Mutter festlegt, zu welcher festen Zeit der Säugling seine Hauptmahlzeit bekommt. Es bietet sich der Zeitpunkt an, zu dem die Mutter sich selbst zum Schlafen ins Bett legen möchte (d. h. zwischen 21:00 und 0:00 Uhr).

 Nächtliches Erwachen des Kindes bedeutet nicht immer, dass das Kind auch Hunger hat.

Kleinkinder und Kinder:

Einschlafen bedeutet für Kinder, dass sie sich von den Eltern trennen müssen. Wenn das Kind gelernt hat, sich für gewisse Zeitabschnitte am Tage zu trennen (d. h. Trennen und Wiedervereinen), dann fällt es ihm auch am Abend leichter.

Jugendliche:

 Falls regelmäßige Schlafzeiten am Wochenende oder auch in der Woche nicht umsetzbar sind, kann einem möglichen Schlafmangel zum Beispiel durch das Zubettgehen an einem oder zwei Abenden in der Woche vor 22 Uhr entgegengewirkt werden.

 Alkohol verbessert zwar anfangs das Einschlafen, das Durchschlafen kann jedoch gestört werden. Es kann sein, dass ein Jugendlicher dies an sich selbst nicht bemerkt; trotzdem sollte er – zumindest zur Verbesserung seines Schlafes – Alkoholkonsum möglichst vermeiden.  

 

 

Abbildung 1

Ausgabe-1-2011

Foto: © phili201/photocase.de

Dr. phil. Leonie Fricke-Oerkermann ist psychologische Psychotherapeutin für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln und niedergelassen in einer eigenen Praxis in Köln. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen. 


Ausgewählte Artikel